40 Jahre TRANSIT Buchverlag

1981 gegründet
2011 Kurt Wolff Preis
2019 Deutscher Verlagspreis

Ein auffälliges, feines Programm: literarische Fundstücke und Überraschungen, politische Romane, getarnt als aufregende Krimis, ungewöhnliche Biographien, frische Kulturgeschichten oder  elegante Frechheiten.
Ein auffälliges, schön gestaltetes Programm: Bücher, die man gerne in die Hand nimmt.

Verlagsgeschichte

Der :TRANSIT Buchverlag wurde im April 1981 im Kreuzberger Mehringhof, einem heute noch vitalen Kultur- und Projektzentrum im damaligen West-Berlin, gegründet – und geht damit jetzt ins, oh je, vierzigste Jahr.

Was uns damals vorschwebte, gilt auch heute noch: ein bewusst kleiner Verlag, nur von uns selbst bestimmt, volles eigenes Risiko, maximal 10 Titel pro Jahr, Anbindung an professionelle Buchhandelsstrukturen (Vertreter, Auslieferungen, enge Kontakte zu Buchhandlungen und anderen Verlagen, Mitarbeit im Börsenverein etc) und kreative Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren (Lektorat, Themenfindung, Lesungen etc).

Ziemlich stabil blieben auch die programmatischen Vorstellungen: Wir wollten raus aus den Schubladen, in denen die Bücher (fest)steckten: hie Belletristik, dort Sachbuch; hie Politik, dort Kultur; hie »große« Geschichte, dort Alltagsgeschichte, hie klassisches Feuilleton, dort Subkultur, hie Vergangenheit, dort Gegenwart. Also Bücher, die Verbindungen einfädeln zwischen politischen oder historischen Fakten und einem markanten literarischen Blick darauf – und umgekehrt literarische Texte, die eine ästhetische, vielleicht auch ungewohnt freche Sicht auf aktuelle oder historische Verhältnisse freigeben. Und das alles in sorgfältiger, nicht routinemäßiger Gestaltung (die wir im Verlag selber entwerfen).

Inhaltlich schlägt sich dies nieder in dem großen, wahrscheinlich nie zu Ende erzählten Thema »Unbewältigte Vergangenheit«, sprich die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundenen, aber nicht auf die NS-Zeit beschränkten großen Themen Unterdrückung, Verfolgung, Flucht, Anpassung und Widerstand.

Das erste wichtige Buch dazu war »Von Berlin nach Germania« (Reichhardt/Schäche), das die monströsen Speer-Planungen dokumentiert, aber den Blick über die Architekturgeschichte hinaus weitet zu den sozialen Folgen: Einsatz von Zwangsarbeitern, Kooperationen mit KZ’s, Judenverfolgung und die Erfindung von »modernen« Ghettos durch Albert Speer. Parallel dazu eine Ausstellung 1984. Das Buch wurde in mehreren Auflagen immer wieder erweitert und diente während des Baus des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (2004/2005) erneut als Basis einer großen Ausstellung. Ein weiteres Beispiel: 1988, West-Berlin war europäische Kulturhauptstadt, gab es keine einzige Publikation oder Ausstellung zum Thema 50 Jahre Novemberpogrome. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Zeitzeugen und Überlebenden und der Autorin Hazel Rosenstrauch haben wir dann in relativ kurzer Zeit das Buch und die Ausstellung »Aus Nachbarn wurden Juden« produziert, die zum ersten Mal die alltägliche, sich steigernde Ausgrenzung der Juden ab 1933 in Texten und Bildern dokumentierten (zuerst im Mehringhof, dann im Rathaus Schöneberg und schließlich an vielen Orten in der ganzen Bundesrepublik) – beispielhaft für die Möglichkeit, Bücher und Themen in das öffentliche Interesse zu befördern. Parallel dazu Autobiographien oder Biographien von Künstlern oder Journalisten (u.a. Hellmut Stern, Herbert Freeden, Heinz Berggruen, Gabriele Tergit, Arnold Mostowicz, Leo Borchard, Marlene Dietrich, Malwin Warschauer oder Hannah Höch) – Bücher, in denen es um Verfolgung, Flüchten, Verstecken oder Emigration in völlig fremde Länder ging – übrigens auch mit tragikomischen Begleiterscheinungen, wie sie Inge Deutschkron in »Emigranto. Vom Überleben in fremden Sprachen« erzählt. Ein 2001 erschienenes Büchlein, das den aus dem Irak nach Deutschland geflohenen Schriftsteller Abbas Khider so fasziniert hat, dass er jetzt, im kommenden Herbst, eine Neuausgabe mit eigenem Essay bei uns herausgibt.

Unterdrückung und Flucht passieren permanent und fast überall. Bernardo Kucinski, ein polnisch-brasilianischer Autor aus einer jüdischen Familie, beschreibt Brasilien zur Zeit der Militärdiktatur (wurde nominiert für den Internationalen Literaturpreis), Abasse Ndione, der bekannteste senegalesische Autor, erzählt von einer Flucht über den Atlantik (»Die Piroge«), ein Buch, das auch verfilmt und auf dem Internationalen Literaturfestival vor achthundert Schülerinnen und Schülern in Berlin vorgestellt wurde. Der kenianisch-amerikanische Autor Mukoma wa Ngugi (»Nairobi Heat«) schreibt über politischen Terror und Massaker in Ruanda, auch er war zu mehreren Lesereisen in Deutschland und der Schweiz. Wojciech Jagielski, einer der wichtigsten Journalisten Polens, verfasste eine Reportage über Kindersoldaten in Uganda (»Wanderer der Nacht«), Christoph Nix erzählt (»Lomé – Der Aufstand« und »Muzungu« ) über Togo und Uganda, d.h. über postkoloniale Gesellschaften und deren Abhängigkeit von den ehemaligen Kolonialmächten. Kolonialismus vermutet man ja allgemein im (fernen) Osten, im Süden oder im Westen – es gab ihn aber auch im hohen Norden, in Norwegen, wie Espen Ytreberg in einer brillanten Studie über Amundsens letzte Polarexpedition (»Kap Herzstein«) darstellt. Oder wieder woanders, aber auch zum Thema Moderner Kolonialismus der Roman »Taxi 79« von Indridi Thorsteinsson über die rasanten Veränderungen Islands, nachdem die US-Amerikaner im 2. Weltkrieg eine riesige Militärbasis in der Nähe Reykjaviks bauten. Und im kommenden Herbst erscheint ein Roman des preisgekrönten kapverdischen Autors Germano Almeida.
Das erfolgreichste Buch im Umkreis dieser Themen war »Ein Stein im Geröll« (2007) der katalanischen Autorin Maria Barbal, in dem es um die Geschichte eines Mädchens in den Pyrenäen zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs geht – bis jetzt lieferbar und mit einer Gesamtauflage von inzwischen 169.000 Ex. (ein Buch, das vorher von 17 anderen deutschen Verlagen abgelehnt wurde).

Unterdrückung, Verfolgung, Flucht waren und sind ja auch ein Phänomen der deutschen Gegenwart, zu West-Berliner Zeiten sozusagen direkt gegenüber. Autorinnen und Autoren, die zu DDR-Zeiten nicht oder nur zensiert publizieren konnten, brachten uns nach 1989 Manuskripte, Ideen, Entwürfe. Nicht alle wollten wir veröffentlichen (zu unserer Schande gestehen wir, dass wir Reinhard Jirgl höflich ein riesiges, kompliziertes Konvolut zurückgaben), aber immerhin konnten wir mit Heinz Knobloch, Peter Wawerzinek (ein neues Buch von ihm kommt im nächsten Jahr), Tilo Köhler oder Ines Geipel (»Die Welt ist eine Schachtel«, eine Sammlung von Texten verbotener oder unterdrückter Literatur in der DDR, u.a. vergessener Briefe und Texte von Susanne Kerckhoff) jeweils mehrere bemerkenswerte Titel veröffentlichen. Dazu kamen noch Jutta Voigt, Egon Monk, nicht zuletzt Uwe Johnson (der schon in unserem allerersten Buch über die Berliner S-Bahn – »Züge aus der Vergangenheit« – einen Beitrag geliefert hatte) mit seinen umwerfenden Briefbänden aus bzw. über DDR-Zeiten. Zuletzt, 2019, erschien »Als die Angst die Seiten wechselte« von Siegbert Schefke, der die großen Demonstrationen in Leipzig 1989 illegal gefilmt hatte und das Buch in sehr vielen Lesungen in Schulen vorstellte. Und auch Bücher aus anderen »Sozialistischen« Ländern, zum Beispiel Rumänien: Claudiu Florian über Siebenbürgen, Nicolaus Sombart über die Ceausescu-Zeit oder eine rumänische Anthologie (»Das Leben wie ein Tortenboden«, 2018). Auch ein Büchlein von Imre Kertész über Ungarn vor der Wende (»Opfer und Henker«, 2007).

Gekehrt haben wir gerne auch vor der eigenen Haustür. Neben vielen Reportagen über die 20er Jahre in Berlin (u.a. die fast vergessenen Paul Marcus, Else Lasker-Schüler, Fred Hildenbrandt), über den skandalösen Umgang mit einem »Welterbe« und den schließlich rein privat finanzierten Wiederaufbau der Liebermann-Villa in Wannsee, über den 2. Juni 1967 (Uwe Soukup), haben wir ziemlich riskant zwei Bücher zum West-Berliner Bankenskandal veröffentlicht (mit Mathew D. Rose), die uns seitens der übermächtigen Berliner Bankgesellschaft Einstweilige Verfügungen und Gerichtsprozesse bescherten, die wir letztendlich aber nach aufregendem und teurem juristischen Getümmel alle abwehren bzw. gewinnen konnten.

Natürlich wäre es zu einengend, ausschließlich bei den skizzierten roten Fäden zu bleiben. Bis heute sind wir anfällig für brillant oder ungewöhnlich geschriebene Texte oder Buchideen, angefangen mit Klaus Roehlers »Achtung Abgrund«, einer umwerfenden Satire auf die Literaturlandschaft der 80er Jahre, den bitter-absurden Provinzromanen von Dietmar Sous (im Herbst kommt »Bodensee«) bis zu dem »Biographischen Lexikon des literarischen Scheiterns« oder den erfolgreichen Pflanzenbüchern von Rosemarie Gebauer, die eine überraschend schöne Brücke zwischen Botanik, Literatur und Sprachgeschichte schlagen.

All diese exemplarisch genannten Bücher und deren Autorinnen und Autoren haben uns 2011 den Kurt-Wolff-Preis und 2019 den ersten Deutschen Verlagspreis eingetragen.