Wir Sklaven von Suriname

20,00  inkl. MWSt.

Mit Beiträgen von Tessa Leuwsha, Mitchell Esajas und Duco van Oostrum
Aus dem Niederländischen übersetzt von Birgit Erdmann

224 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978 3 88747 383 9

»Wenn wir uns die Geschichte der Schwarzen vor Augen führen, denken wir an Martin Luther King, Marcus Garvey, Malcolm X, Rosa Parks. Anton de Kom gehört genau in diese Reihe.«
Mitchell Esajas, Mitgründer von New Urban Collective

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Originalausgabe: Wij slaven van Suriname, atlas contact, Amsterdam, 2020
Die Publikation wurde gefördert vom Nederlands Letterenfonds
Cover @ David Drummand

Anton de Koms Buch wurde 1934 zum ersten Mal in Amsterdam veröffentlicht, dann zensiert, dann verboten. 1980 wurde es wiederentdeckt und 2020 in der holländischen Originalfassung veröffentlicht – und zum Bestseller. Das
ist angesichts seiner politischen Aktualität nicht verwunderlich, es ist nicht nur eine Biographie, es ist eine Anklage gegen Rassismus, Ausbeutung und koloniale Unterdrückung – und deshalb so aktuell.
De Kom, Nachkomme surinamesischer Sklaven, Journalist und politischer Aktivist, von der holländischen Kolonialmacht verfolgt, ausgewiesen, inhaftiert und nach Protesten wieder frei, war einer der Ersten aus den europäischen Kolonien in Amerika, der in einem eindrücklichen und spannenden Manifest gegen den Kolonialgeist, gegen die brutale Unterdrückung und Versklavung, gegen die Überheblichkeit und Arroganz der weißen Eroberer protestierte. Er erzählt, wie Suriname (Nordostküste Südamerikas) erobert wurde, wie das »Eldorado« mithilfe von Sklaven ausgeplündert, die Eingeborenen vertrieben und teilweise durch »importierte« Sklaven aus Indonesien und Afrika ersetzt wurden. Und er entwirft das Bild einer internationalen menschlichen Gemeinschaft, die von Gleichheit, Toleranz und Solidarität geprägt ist. Dieser Haltung blieb er trotz aller Verfolgungen treu. Während des Zweiten Weltkriegs schloss er sich dem holländischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung an, wurde von der Gestapo verhaftet und nach Deutschland deportiert, wo er im April 1945 im Konzentrationslager Neuengamme (bei Hamburg) starb.

»SRANAN«, UNSER VATERLAND

Vom 2. bis zum 6. Grad südlicher Breite und vom 54. bis 58. Grad westlicher Länge, zwischen dem Blau des atlantischen Ozeans und der Unwegsamkeit des Tumuk-Humak-Gebirges, das die Wasserscheide mit dem Amazonasbecken bildet, begrenzt durch die breiten Ströme Corantijn und Marowijne, die uns von Britisch- und Französisch-Guyana trennen, reich an ausgedehnten Wäldern, in denen der Grünherz, der Barlak, der Kapokbaum und der edle Braunherz wachsen, reich an breiten Flüssen, an denen Reiher, Wieswiesies, Ibisse und Flamingos ihre Brutplätze finden, reich an Naturschätzen, an Gold und Bauxit, an Kautschuk, Zucker, Bananen und Kaffee … arm an Menschen, ärmer noch an Menschlichkeit.
Sranan – unser Vaterland.
Suriname, wie die Holländer es nennen.
Die zwölfte und reichste … nein, ärmste Provinz der Niederlande.

Zwischen der Küste und den Bergen schlummert unsere Mutter, Sranan, seit Tausenden und Abertausenden von Jahren. In ihrem unbekannten Binnenland hat sich in den dichten Wäldern seit damals nichts verändert.

Die Urwälder im Hochland scheinen in ewigem Schweigen erstarrt, erst bei Einbruch der Nacht erwacht ihre verborgene Musik, gespielt von tausenden summenden Insekten. Romantischer, doch zugleich auch wilder, ist die Landschaft in den Savannen und entlang der Ufer der Flüsse. Die Schlingen der Lianen, die wie Draperien von den Bäumen hängen, versperren den Weg, wilde Orchideen blühen, hier leben die scheuen Patjieras, Kapuzineraffen balancieren auf den Ästen, Papageien stoßen ihre schrillen Schreie aus, der Jaguar lauert. Mit spitzer Zunge sucht ein Gürteltier nach Ameisen.
Seit tausenden Jahren waren Mutter Sranans dunkle Wälder unberührt und unerforscht. Sonderbare Tiere, deren Namen man im Westen kaum kennt, leben hier: Kleine Ameisenbären, Baumstachler, die Vireos, die Tanagras, die Tiegrinmans und die Blaudachse, Pfefferfresser sitzen oben in den Palmenkronen und Tagfalter schwirren umher, die glitzernd blauen Morphos, die gelben und orangefarbenen Callidryas erheben sich bis hoch in die Wipfel der Bäume.

Menschen?
Menschen, die sich an dieser Schönheit erfreuen können, gibt es kaum.
Landeinwärts leben die Warans, die Arawaks und die Kariben, schwa­che, vom Aussterben bedrohte Indianerstämme, ­machtlose Nachkommen der Urvölker, die von den Weißen aus den schönsten Orten verdrängt wurden. Im Hochland fertigen die Trios und die Ojanas Perlenketten und kunstvolles Flechtwerk, ihr feiner Tanzschmuck zeugt von einem angeborenen Sinn für Schönheit.
Ungefähr 2450 Indianer und ungefähr 17 000 Marrons, die Busch­neger, über die wir später noch sprechen werden, leben hier.
Also höchstens zwanzigtausend Menschen bevölkern Sranans Landesinnere, das knapp fünf Mal so groß ist wie die Niederlande. Ansonsten tummeln sich in den Wäldern nur Agustis und Faultiere, Mandrillen, Tapire und Wasserschweine, Brüllaffen, Ameisenbären und Anakondas.

An Mutter Sranan ist die Geschichte vorübergezogen. Drei Jahrhunderte holländische Kolonisation haben ihr Binnenland unberührt gelassen, die Stromschnellen ihrer Flüsse treiben keine Turbinen an, die fruchtbaren Böden sind nicht besät, die reichen Schätze der Wälder nicht abgebaut. In bitterster Armut und in jämmerlicher Unwissenheit leben die wilden Stämme inmitten einer Natur, in der der Überfluss ungenutzt verlorengeht.
Weiße wagen sich selten in diese Wildnis, in der nur die Indianer und Marrons die Wege kennen. Entlang der Flussläufe dringt manchmal ein französischer Libéré, ein britischer Rowdy, ein holländischer Forscher ins Landesinnere vor. Sie setzen ihr Messer an die blanke Rinde der Bolletries und lassen den kostbaren Milchsaft fließen. Doch der Libéré kehrt zur Küste zurück, in seinem Whiskyrausch trinkt sich der Rowdy an einem einsamen Lagerfeuer zu Tode, der Holländer lässt sich von den Marrons in einem Kanu den Fluss hinabfahren. Die Wildnis bleibt zurück, die Wunden des Kautschukbaums verheilen, das verlassene Lager wird von Schlingpflanzen überwuchert.
Im Binnenland von Sranan findet sich nicht die leiseste Spur von holländischem Einfluss, holländischer Energie, holländischer Kultur, an keinem Weg, keiner Brücke, keinem Haus steht holländische Geschichte geschrieben. Die Weißen kannten nur die Furcht vor der Wildnis, in der die entlaufenen Sklaven Zuflucht suchten.
Einzig ein paar armselige verwahrloste Bahngleise, die ins Nirgendwo führen und niemals vollendet wurden, zeugen von einem kurzen wahnsinnigen Goldtraum.

Die weiten Flächen der Savannen, die Wälder und hohen Granitberge von Mutter Sranan schlummern seit hundert Jahrhunderten.
Für sie wurde noch keine Geschichte geschrieben.
Nur auf dem schmalen Küstenstreifen, hier und da an den Mündungen der großen Flüsse und auf den allerfruchtbarsten Alluvialböden weht das Rot, Weiß und Blau der holländischen Flagge.
Rot –
»Schauen Sie, Mutter«, sagt der kleine weiße Junge aus dem wunderbaren Buch Omdat ik zwart ben (Weil ich schwarz bin) von Madeleine Pax verwundert – »schauen Sie nur, auch die Neger haben rotes Blut!«
Weiß –
Die Farbe von Crommelins Friedensverträgen.
Und Blau? –
Ist es die Farbe unseres Tropenhimmels, zu dem wir durch die dunklen Blätter unserer Bäume aufblicken, um am funkelnden Glanz der Sterne das Versprechen für ein neues Leben abzulesen?
Nein, es ist das tiefe Blau des Atlantiks, über den einst die Sklavenbeschaffer ihre afrikanische Beute, ihre lebende Handelsware, unsere Eltern und Großeltern, in ihr zukünftiges Vaterland Sranan transportierten.

 

e.s. Junge Welt

Leute, gönnt euch diesen Klassiker!
17.4.2021
Mehr lesen: https://www.jungewelt.de/artikel/400730.nachschlag-antikolonialer-kämpfer.html

Carsten Hueck Deutschlandfunk Kultur Lesart

Ein eindringliches – im Ton der Neuen Sachlichkeit geschriebenes, immer auch von hymischen Passagen und poetischen Bildern durchbrochenes – Stück Literatur. Es ist politischer Kommentar, Essay, Geschichtsschreibung und Autobiografie. Wer von Zeitungsartikeln zum Kolonialismus gelangweilt ist, findet hier alles, um in das Thema einzutauchen … So geschmeidig mit Sprache umgehen zu können, wie es de Kom tut, ist eine Demonstration der Teilhabe an einer (weißen) Kultur, die gerne exklusiv bliebe … es macht rassistische und kolonialistische Strukturen sichtbar, um Humanität zu beschwören. Seine Schilderungen öffnen uns die Augen und berühren unser Herz.
15.4.
Mehr lesen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/anton-de-kom-wir-sklaven-von-suriname-humanitaet-gegen.1270.de.html?dram:article_id=495651

Sigrid Löffler Radio Bremen und Salzburger Nachrichten

„Wir Sklaven von Suriname“: Ein furioser Ankläger enthüllt Verdrängtes
In seinem furios geschriebenen Anklage-Buch erzählt Anton de Kom die verdrängte Geschichte der Sklaverei in diesem tropischen südamerikanischen Land, … ›Wir Sklaven von Suriname‹ ist die bedeutendste Gegenschrift zur offiziellen niederländischen Geschichtsschreibung, denn erstmals wird hier die Kolonialgeschichte nicht aus der Sicht der Kolonialherren, sondern aus der Perspektive der schwarzen Versklavten erzählt. Anton de Kom betreibt mit diesem Buch seine persönliche Dekolonisierung des weißen Geschichtsunterrichts, indem er als Kontrafaktur die un-erzählte schwarze Geschichte aufrollt.
11.4.2021
Mehr lesen: https://www.sn.at/kultur/literatur/wir-sklaven-von-suriname-ein-furioser-anklaeger-enthuellt-verdraengtes-102338266

Reinhild Khan Besprechungsdienst für Bibliotheken

Suriname, ein wenig besiedeltes Land im Nordosten Südamerikas, über 300 Jahre
holländische Kolonie, erlangte erst 1975 die Unabhängigkeit. Der Wohlstand der Kolonie
wurde durch Sklaven erwirtschaftet, die aus Afrika als Handelsware eingeführt wurden.
Anton de Kom, 1898 dort als Enkel von Sklaven geboren, lebte ein wechselvolles Leben
zwischen Suriname und Holland als Autor und politischer Aktivist. Überzeugendes Beispiel
dafür sein 1934 erstmals veröffentlichtes Werk, ein antikolonialistisches und antirassistisches
Manifest, in dem er die von Ausbeutung, Armut und den Misshandlungen an seinen
Vorfahren zur Zeit der Sklaverei und danach durchzogene Geschichte Surinames erzählt. Mit
z.T. bitterem Sarkasmus zeichnet er die Methoden der Unterdrückung durch die weißen
„Herren“, unterbrochen von Aufständen und Revolten, nach. – Basierend auf intensivem
Quellenstudium ist dieser Bericht von großer Genauigkeit, intellektueller Schärfe und
literarischer Eindringlichkeit. Ein Text, dessen Brisanz fortbesteht und z.B. neben A. Césaire:
„Über den Kolonialismus“ unbedingt in größere Bestände gehört.

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Zusätzliche Information

ISBN Nummer

978 3 88747 383 9