Urubus

16,00  inkl. MWSt.

Erzählungen

Aus dem brasilianischen Portugiesisch
übersetzt von Lea Hübner

Originalausgabe: Urubus
Confraria do Vento, 2019

112 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag

In Brasilien gleich zweifach mit den renommierten Literaturpreisen ­Prêmio Jabuti (1. Platz) und dem Prêmio Literário Biblioteca Nacional (2. Platz) ausgezeichnet.

»Es gibt zwei Möglichkeiten Urubus zu lesen – entweder als Erzählband im klassischen Sinn oder eben als zusammenhängendes Porträt einer Randgruppe der brasilianischen Gesellschaft. So oder so: Der Band ist ein ganz besonderes Leseerlebnis.«
Martina Kopf, Literaturkritik, März 2021

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Artikelnummer: ISBN 9783887473860 Kategorien: ,

Straßenkinder, die auf einer Müllhalde leben, ein Busfahrer, der überfallen wird und dafür bezahlen muss, eine ältere Dame, die ein Leben mit dem falschen Partner bereut, ein Transvestit, der sich unglücklich verliebt, ein Hausmeister an der Copacabana, der im entscheidenden Moment versagt; ein Bäcker trauert einer verpassten Liebesgeschichte hinterher, schafft es noch nicht einmal bei der Beerdigung seiner Angebeteten, ihr in Briefform seine Liebe zu gestehen, ein Rentner erträgt die Einsamkeit in seiner Wohnung an der Copacabana nicht mehr, bricht mit seinem Rollator aus der Wohnanlage aus. Es sind individuelle Episoden, die die brasilianische Autorin Carla Bessa in ihrem großartigen Band »Urubus« (›Aasgeier‹) erzählt. Auf den ersten Blick sind es Einzelschicksale, die sich auf den zweiten Blick allerdings zu einem großen Ganzen fügen, das exemplarisch Teile der brasilianischen Gesellschaft porträtiert.
Dabei erweist sie sich als Meisterin der Beschreibung von Details. Nur einen Augenblick lang erscheinen Dinge bedeutungslos, im nächsten entwickeln sie sich zum bedeutsamen Motiv, so das mysteriöse Päckchen und seine Besitzerin, die als kaum beachtete Passantin oder als Fahrgast auftaucht, bevor ihr Schicksal ins Zentrum rückt. Somit kreuzen sich auch die Wege von Bessas Figuren immer wieder, wie in einem geheimnisvollen Reigen…

»Es war wirklich früh, sehr früh, der Platz menschenleer, die Laternen noch an von der Nacht, um diese Zeit hält sich keiner draußen auf außer Alte und Straßenräuber. Nicht mal die Sonne. Und diese beiden dort, graue Schattengestalten am frühen Morgen, die Kaffee trinken und Dame spielen. Dori hebt den Arm, zeigt, welcher Stein genommen werden muss, da sieht er auf einmal ein menschliches Wesen über den Platz laufen, da hinten da am Rand und an der Bushaltestelle stehenbleiben. Eine Frau, starr vor Schreck steht sie am Bordstein wie am Abgrund ihrer selbst, in den Händen ein großes Bündel, in den Augen eine noch größere Angst. Bei ihrem Anblick hält Dori in der Bewegung inne, der ausgestreckte Finger in der Luft gabelt eine urplötzliche Sehnsucht nach seiner ersten großen Liebe auf, die er am Ende nie erobert hat. Nicht auf ihn, auf einen anderen war die Wahl gefallen. Die Erinnerung taucht auf, ohne dass er weiß, woher, wie aus dem Nichts, er erblasst. Der Freund pustet mit gespitztem Mund in den heißen Kaffee, geht es dir gut, Dorival? Aber sicher, alles gut, sei nicht albern und spiel, da war nur so eine blitzartige Empfindung. Wo? Na, in meinem Kopf! Und während der eine sich bemüht sich konzentriert um nicht zu zittern, um nicht gegen die Steine zu stoßen, verliert sich der andere in ein Paar dunkler, tief blickender Augen, eine Sekunde später sind sie ins Innere des Busses verschwunden. Die Stimme des Freundes reißt ihn heraus, fertig, du bist dran. Dori macht seinen Zug und als er wieder zum Bus blickt, fährt der los, fährt zwei Jungen vor der Nase weg. Zwei dürren Kerlchen, verdreckt, verhungert sehen sie aus, wie sie da barfuß auf der anderen Straßenseite stehen und gucken.«

Thomas Böhm RBB, Radio eins. Die Literaturagenten

Mit »Das ist Literatur vom Allerfeinsten! Wow, so was hab ich noch nie gelesen«, beendet Thomas Böhm seine überschwängliche Besprechung: »Die Stories haben mich gepackt. Die wirkliche Kunst dieses Buches ist, dass die einzelnen Geschichten miteinander verbunden sind, alle in winzigen Momenten. Ein Satz: ›Wir sind wirklich nichts, eine lächerlich dünne Schicht trennt das Außen von Innen‹ ist Programm des Buches. Wir erfahren lesend diese dünne Schicht von innen und außen, indem wir mal in den Figuren sind in ihrer Geschichte und wir sie dann in einem winzigen Augenblick von außen in einer anderen Geschichte sehen. Und das macht Carla Bessa wirklich grandios. Die Geschichten warten immer doch noch mit einer Überraschung, mit einer Wendung, auf. So dass ich am Ende gedacht habe: Das ist Literatur vom Allerfeinsten.«
Mehr hören (Cursor auf 38.42): https://www.radioeins.de/programm/index.htm/psdoc=%21content%21rbb%21rad%21programm%21sendungen%21sendungen%2130%212111%21211128_die_literaturagenten_15270.html

Dörte Felsing tralalit. Magazin für übersetzte Literatur

Ein berührendes und bereicherndes Leseerlebnis, im Original von Carla Bessa, aber auch als Übersetzung von Lea Hübner. Die Leserschaft bekommt sogleich einen sehr guten Eindruck von der dichten, kompakten Sprache Carla Bessas, die Lea Hübner in ein rasant lesbares Deutsch überträgt. Es ist eine Art soziales Panorama, in dem manchmal subtil und angedeutet, manchmal ganz direkt die Parameter sozialer Status, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Alter in der heutigen brasilianischen Gesellschaft verhandelt werden. Carla Bessa nimmt keine Rücksicht, schont uns nicht, zeigt Wahrheiten, die unbequem, schmerzhaft sind. Aber sie entblößt ihre Figuren nicht und lässt trotz der Schwere des Lebens sogar ein, vielleicht zwei Mal ein wenig Hoffnung aufkommen.
Mehr lesen: https://www.tralalit.de/2021/11/24/toedlich-verwoben/

Carla Bessa im Gespräch mit Martina Kopf über ihren neuen Roman Minha Murilo (dt. Meine Murilo) und Urubus Literaturkritik

Urubus widmet sich den Ausgebeuteten der brasilianischen Gesellschaft und fasziniert durch eine raffinierte Erzählweise.

Mehr lesen: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=28376

8.11.2021

Carla Bessa im Interview mit Alexandros Kypriotis (Es ist keine Rezension des Buches)

Ein Gespräch über „unbrasilianische“ Eigenschaften, die Stadt als vielköpfige Hydra, Doppelleben und alltägliche Tode…

Das Interview lesen: https://stadtsprachen.de/de/ein-gespraech-ueber-unbrasilianische-eigenschaften-die-stadt-als-vielkoepfige-hydra-doppelleben-und-alltaegliche-tode/
21.9.21

Martina Kopf LIteraturkritik

… ein außergewöhnlich raffiniertes und originelles Werk … Tatsächlich sind es scheinbar trivialen Dinge, die Bessa in den Blick nimmt, um sie dann in ihrer ganzen Dramatik zu entfalten. Dabei erweist sie sich als Meisterin in der Beschreibung von Details, die sie anschließend puzzleartig zu einem Ganzen fügt. Nur einen Augenblick lang erscheinen Dinge bedeutungslos, im nächsten entwickeln sie sich zum bedeutsamen Motiv … Somit kreuzen sich auch die Wege von Bessas Held*innen auf der Straße, in der Bäckerei oder in Form von erst später ans Licht kommenden Verwandtschaften. Der Handlungsort, Rio de Janeiro, scheint sie ebenso zu vereinen wie ihre Rolle als Opfer, als Ausgebeutete. Das Ent- und Aufdecken dieser unerwarteten Beziehungen zwischen den Protagonist*innen macht den Erzählband gerade so reizvoll: Er vermittelt das Gefühl einer produktiven Partizipation, fast ein wenig wie in einem Kriminalroman. So entsteht nach der Lektüre der Eindruck, eine Vogelperspektive – wie sie übrigens auch die Aasgeier am Ende des Bands beschreiben – erreicht zu haben: Die eigentlich unübersichtliche, in Einzelschicksale zersplitterte Welt wird dank der Verwobenheit von Personen und Ereignissen plötzlich klein und zugänglich … Der Band ist ein ganz besonderes Leseerlebnis und unbedingt zu empfehlen.
4.4.2021 Besprechung zu der portugiesischen Ausgabe der Erzählungen
Mehr lesen: https://literaturkritik.de/bessa-urubus,27720.html

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Zusätzliche Informationen

ISBN Nummer

9783887473860