EIGENES KONTO
Matthias Beltz, auch ohne Jogging gut erhaltenes Urgestein aus hessisch-revolutionären Zeiten, wagt sich immer wieder in die Extreme der radikalen Zeitgenossenschaft.
Pflegte er in seinem letzten Buch die Erinnerung an eine in unsere coolen Zeiten längst vergangene Kultur des leidenschaftlichen Verbrechens (Gattenmord, Eifersuchtsdelikte, Straßenbahnentführung), widmet er sich im neuen Buch dem scheinbaren Gegenteil: er beobachtet eine Jahrhundert-Konjunktur der Moral, eine hochschießende Sehnsucht nach dem Guten und logischerweise gleichzeitig nach dem Bösen, nach dem Feind, dem gegenüber Moral sich absetzen kann und läßt – gegen Kohle natürlich. Nichts ist nämlich umsonst, erst recht nicht, wo sich
alles rechnen muß, und umsonst ist auch nicht der Verlust des Kommunismus. Denn jetzt müssen wir uns bange und verlassen fragen: Wie soll es weitergehen – ohne Feind und damit auch ohne Ehr? Die verblüffende Antwort liefert Matthias Beltz (und wer sonst würde sich bitterer Wahrheit so rücksichtslos nähern?) messerscharf: Wir brauchen den Kommunismus dringend wieder – nicht, weil er uns als solcher eigentlich wirklich fehlt, sondern weil er uns mit seinem Verschwinden das bombensichere Fundament unserer Moral geraubt hat. Für die bevorstehende Zeitenwende gilt also der sauber kalkulierte doppelte Schlachtruf: Es lebe die Moral, es lebe der Kommunismus !
und das Land steht vor neuer Blüte!
Herzliche Grüße, Ihr Matthias Beltz
ÜBER DEN AUTOR
Matthias Beltz, 1945 im Vogelsberg (Hessen) geboren, gestorben 2002, lebte in Frankfurt/Main. Eigentlich Jurist, deshalb seit 1977 Kabarettist, u.a. in Karl Napp's Chaos Theater, Frankfurter Fronttheater.
Gabriele Killert
Matthias Beltz, Kapitulationsjahrgang 1945, Sohn einer Trümmerfrau und eines in Rußland verschütt gegangenen Vaters, ist der freieste und bestsortierte Kopf der hiesigen Kabarettszene. Bei diesem Spaßguerillero können die jungen Lifestyle-Literaten lernen, was ihnen abgeht, wenn sie die Ironie abschaffen: die Bewußtseinshöhe der eigenen Verblendung. Höchst anmutig verteidigt Beltz wieder seine Position als Heimatvertriebener der Linken, die bei ihm kein verlorener Posten ist. Ein kleines boulevardeskes Welttheater schnurrt an uns vorüber: Kanzler, Bettler, Ehrenmänner. Beltz doubelt sie alle, nein, er doubliert sie, veredelt Blech mit seinem komischen Charme.
Der Kommunismus, gegenwärtig nur noch ein Gespenst, das politische Gemüter immer noch in Zorn und Raserei oder Melancholie und Trauer versetzt, wird in nicht ferner Zeit wieder wie neugeboren durch die Welt ziehen.
Wenn die letzten Menschen, mit denen sich der Roman des Kommunismus im Zwanzigsten Jahrhundert verbindet, gestorben sind, wenn Fidel Castro nur noch Erinnerung ist und keiner den praktizierten Mythos von der proletarischen Herrlichkeit mehr überlebt hat, dann erhält der Kommunismus seine neue Chance.
Ist er aber nicht politisch-moralisch diskreditiert, haben nicht die Völker der Welt die Schnauze voll von der Diktatur immer rechthabender Parteien? Doch darum geht es nicht, aus zweierlei Gründen. Die Schnauzen der Völker der Welt spielten und spielen im historischen Prozeß keine Rolle, das wird auch keine Anthropotechnik ändern. Und zweitens ist politische Moral bloß eine Frage des Datums und nicht der Sittlichkeit.
Und Moral ist eine Mangelware. Gerade am Ende eines Jahrhunderts wird immer gern nach der Moral gefragt. Nicklas Luhmann hatte dieses Phänomen 1989 für die jeweils achtziger Jahre der letzten vier Jahrhunderte aufgezeigt, der Hang zur Moral aber besteht fort bis in diese Tage.
Der Sommer 1999 war voller Angebote, über das Verhältnis von Ethik und Wirtschaft nachzudenken, und zum Krieg im Kosovo bliesen moralisch erregte Friedensapostel mit dicken rotgrünen Backen. Und das nächste Jahrhundert wird das Zeitalter der Moral.
Für den Westen, und das meint überwiegend den Bereich der NATO in den Grenzen von 1989, gab es kurz nach dem Sieg der Alliierten über das braune Deutschland eine neue Verortung des Bösen: Moskau. Hier wohnte der Teufel im Kollektiv, und alles, was ihn ärgerte, erhielt das Gütesiegel des Guten. Damit war das Problem des Kapitalismus, daß Marktwirtschaft keine moralische Letztbegründung vorweisen kann, gelöst. Wir sind besser als die da drüben, und damit haben wir ein überlegenes westliches Sittengesetz.
Da Manager im Gegensatz zur landläufigen Denunziation (»Nieten in Nadelstreifen«) nicht blöd sind, merken sie die Sinnlücke und gehen auf Suche nach Ethik. Das aber meint nichts anderes als Gut und Böse zu scheiden. Die eigentliche Unterscheidung in der Ethik ist also die zwischen Freund und Feind. Denn wer moralisch handeln will, ist ein Freund des Guten.
Der Kapitalismus braucht wieder Feinde, negative Helden. Die islamischen Fundamentalisten eignen sich ganz gut, aber es besteht die Gefahr, daß ihre Fronten zusammenbrechen unterm Ansturm der Globalisierung. Aus ethischen Erwägungen also ist der Kommunismus als Feind wieder nötig.



