Ursula Muscheler :
UNSERE ARCHITEKTEN
Feinste Verrisse von Cicero bis Kurt Tucholsky
Kaum ein Beruf ist öffentlicher Kritik so vehement ausgesetzt wie der des Architekten – vergleichbar nur noch mit dem des Fußballers, der sich Woche für Woche Millionen von Experten stellen muss. Jeder von ihnen weiß besser, wie ein Haus auszusehen hat, lässt sich gern über missratene Fassaden aus und bedauert die armen Teufel, die in Architektenhäusern leben müssen. Wie in Fußballarenen wird manchmal auch im Chor gepfiffen, wenn schlechte Darbietung die Volksseele beleidigt. Weniger im Chor, vielmehr als Solisten haben Vertreter einer anderen Zunft, der Literatur, die Architekten und ihre Bauten immer wieder heftig kritisiert. Nicht, dass sie mehr von der Architektur
verstünden als andere, aber ihre Wehklagen oder Zornesausbrüche über architektonische Unfälle sind gekonnter formuliert und deswegen unterhaltsamer – ein Muss auch für Architekten, die mit der Lektüre ihre Affinität zur Literatur selbstironisch unter Beweis stellen können und wissen: Egal, was gesagt wird, Hauptsache, es wird über einen geredet.
verstünden als andere, aber ihre Wehklagen oder Zornesausbrüche über architektonische Unfälle sind gekonnter formuliert und deswegen unterhaltsamer – ein Muss auch für Architekten, die mit der Lektüre ihre Affinität zur Literatur selbstironisch unter Beweis stellen können und wissen: Egal, was gesagt wird, Hauptsache, es wird über einen geredet.
»Alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppe im Haus.«
Gustave Flaubert
ÜBER DIE HERAUSGEBERIN
Ursula Muscheler, in Stuttgart promovierte Architektin, betreibt ein Architekturbüro in Düsseldorf. Gleichzeitig ist sie eine versierte Kennerin und Vermittlerin der Architekturgeschichte. Ihre letzten Veröffentlichungen: Haus ohne Augenbrauen. Architekturgeschichten aus dem 20. Jahrhundert (2007); Die Nutzlosigkeit des Eiffelturms (2008); Sternstunden der Architektur. Von den Pyramiden bis zum Turmbau von Dubai (2009).
LESEPROBE
Nicht immer kleidet sich Architekturkritik in ein feines literarisches Gewand, bisweilen kommt sie sogar recht handfest daher. So wurde 1972 die erst zwanzig Jahre zuvor gebaute Wohnsiedlung des Architekten Minoru Yamasaki in Pruitt-Igoe, Missouri, in staatlichem Auftrag gesprengt. Ursprünglich als soziales Pilotprojekt, inmitten eines heruntergekommenen Quartiers errichtet, Teil der Lösung, war sie bald Teil des Problems geworden. Die Häuser waren zu eng, zu hoch, zu schlecht isoliert. Vor allem die verglasten Laubengänge – eine Hommage an Le Corbusiers Wohnmaschinen – wurden von den Bewohnern strikt abgelehnt.Yamasakis Bauten war auch sonst kein glückliches Los beschieden. 2001 fielen seine weltberühmten Glastürme für das World Trade Center den Flugzeugattentätern des Elftenseptember zum Opfer und innerhalb weniger Minuten in sich zusammen. Peter Hacks, das enfant terrible der Literatur, sah darin in etwas zynischer Überspitzung die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik und bat einen Freund, ihm zur Postanschrift Osama bin Ladens zu verhelfen. Er habe Dringendes zur Neugestaltung des Potsdamer Platzes mit demselben zu besprechen.
Schon Bertolt Brecht ließ seinen Herrn Keuner einen Architekten beruhigen, der Bedenken hatte, einen von kleinbürgerlicher Kunstauffassung inspirierten Bauauftrag anzunehmen, da der Fehler Hunderte von Jahren stehen bleibe. Er solle ruhig bauen und auf die gewaltige Entwicklung der Zerstörungsmöglichkeiten vertrauen. Die mache aus seinen Bauten recht unverbindliche Vorschläge.
Wenden wir uns von den einstürzenden Neubauten ab und der weniger brachialen literarischen Klage zu, zeigt sich: Auch sie bietet noch reichlich Stoff, aus dem die Albträume der Architekten gestrickt sind. Doch was ist das eigentlich, ein Architekt? Einer, der es wissen muß, Leon Battista Alberti, der große Architekturtheoretiker der Renaissance, definierte ihn als einen, der gelernt hat, mittels eines Planes zu bestimmen und umzusetzen, »was unter der Bewegung von Lasten und der Vereinigung und Zusammenfügung von Körpern den hervorragendsten menschlichen Bedürfnissen am ehesten entspricht.«
Eine, wie es scheint, auf unerwartete Weise noch immergültige Definition. Verweist sie doch genau auf jene Fähigkeiten, die den Architekten zu allen Zeiten von vielen rundweg abgesprochen wurden: gute Ideen, gelingende Umsetzung und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Denn bei näherer Betrachtung zeigt sich: Der Ruf »unserer Architekten« war nicht immer und ist auch heute nicht gut. Warum das so ist und wie genau, wollen wir uns von ihren sprachmächtigsten Kritikern, den Schriftstellern und Philosophen, erklären lassen.
In loser Folge versammelt das Buch feinste Verrisse aus vielen Jahrhunderten, von Cicero bis Kurt Tucholsky, bietet bewährte Topoi literarischer Architektenschelte und frischt liebgewonnene Ressentiments wieder einmal auf. Wie ein roter Faden der Abneigung ziehen sich die Klagen über die Architekten und ihre Bauten durch die Texte und Zeiten: zu billig, zu teuer, zu banal, zu protzig, zu eckig, zu rund. Und durch sie hindurch vermeint man immer wieder die Mahnung Peter Altenbergs zu hören:
»Häuser werden zum Bewohntwerden errichtet,
meine Herren Architekten.«
Vorwort von Ursula Muscheler



