»Westerland« (Regie: Tim Staffel)
Nach dem Buch von
Tim Staffel :
Muhammed, ein ehrgeiziger, etwas unordentlicher Mitarbeiter des Sylter Ordnungsamts, und Jesús, von irgendwoher auf dieser Insel gestrandet, Überlebenskünstler voller provokanter Energie, entwickeln eine spannende, zarte und schließlich bedrohlich-turbulente Beziehung, aus der es nur den einen Ausweg geben kann … In lakonisch-nüchterner Prosa und in schnellen, präzisen Dialogen entfaltet Tim Staffel eine höchst ungewöhnliche und furiose Geschichte zweier junger Männer. Eingebettet ist sie in ein ebenso ungewöhnliches Umfeld: eine türkische Familie, fest verankert im mondänen Westerland; ein Lokal, in dem sich Jugendliche jedweder Herkunft treffen; ein erfolgreicher anatolischer Immobilienhändler, der mit einer deutschen Naturschützerin verheiratet ist; ein fürsorglicher Anarchist am Steuer einer Straßenkehrmaschine – ein zeitgemäßes Abenteuer, ganz selbstverständlich und temporeich erzählt.
Zwei junge Außenseiter, ein zufälliges Treffen auf Sylt, ein ganz selbstverständliches und deswegen provokantes Abenteuer zwischen Freiheit und Abhängigkeit ...
ÜBER DEN AUTOR
Parzival«, Ruhrtriennale 2007) und Libretti (»Träumer«, Staatsoper Stuttgart 2007).
Die Welt
Sylter-Spiegel, 19. März 2008
Barbara Kunze
Und es gibt sie doch, die von dieser Insel inspirierten Bücher, in denen man vergebens nach den hinlänglich strapazierten Sylt-Klischees sucht. […] Während eines vierwöchigen Arbeitsstipendiums in Rantum entstanden die Idee und der erste Entwurf zu einer Erzählung, die sich liest, wie eine Großstadtgeschichte, die in Westerland gestrandet ist – und erstaunlich gut hierher passt.
[…] Temporeich, schnörkellos und sehr plausibel erzählt Tim Staffel in "Jesús und Muhammed" eine Geschichte, die den Leser schnell in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Eigentlich ist es eine alte Geschichte, die mit heterosexuellen Protagonisten und vor einer echten Großstadtkulisse wahrscheinlich nicht halb so interessant wäre. So aber weckt der Autor spielerisch falsche Erwartungen (das fängt beim Buchtitel und dem Schauplatz an), um dann ganz selbstverständlich aus neuen Zutaten seine eigene, ganz originelle Variation eines bekannten Themas zu komponieren […].
Muhammed quält sich aus dem Bett; er ist spät dran. Zieht sich seinen blauen, gefütterten Overall an, darüber die Daunenweste und rennt die Treppe sechs Stockwerke hinunter, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Der Himmel hängt tief und grau. Muhammed rollt seine orangefarbene Vespa vom Hinterhof auf die Straße, braucht vier Versuche, bis der Motor anspringt. Sein älterer Bruder Tufan hat ihm den Motorroller geschenkt. Damit Muhammed ihn häufiger besucht, obwohl sie höchstens zwanzig Minuten Fußweg voneinander entfernt wohnen. Bis heute hat Tufan nicht akzeptiert, dass Muhammed ausgezogen ist. Seit ihre Eltern in die anatolische Heimat nach Konya zurückgekehrt sind, fühlt Tufan sich als Familienoberhaupt und somit weit mehr verantwortlich für seinen kleinen Bruder, als ohnehin schon. Glaubt jeden seiner Schritte überwachen zu müssen. Aber Muhammed, gerade zwanzig geworden, hat ein eigenes Leben, arbeitet beim Ordnungsamt, macht das Abitur nach und träumt davon, Landschaftsarchitekt zu werden. Er braucht keinen zweiten Vater. Der Fahrtwind schneidet Muhammed eisig ins Gesicht. Er ist unterwegs zu einem Strandabschnitt zwischen Westerland und Rantum. Der Holzsteg, der zu einer Strandsauna führt, muss ausgebessert werden. Hinter einem Kiefernwäldchen biegt Muhammed auf einen Schotterweg ein, der zwischen lang gestreckten Dünen entlangführt. Vor ihm taucht in einiger Entfernung eine einsame Gestalt auf. Sitzt auf einer Holzbank, mit einer Plastiktüte über den Kopf gestülpt. Muhammed drosselt das Tempo, hält schließlich an, stellt den Motor aus und nimmt den Helm ab,
– Störe ich?
Die schmale, gesichtslose Person reagiert nicht. Muhammed setzt sich neben sie.
– Hau ab,
kommt es unter der Tüte hervor. Die Stimme klingt weich und dünn. Nicht älter als ich, denkt Muhammed und blickt ratlos auf den schmächtigen Körper neben ihm, der in einer weiten, abgewetzten, dunkelbraunen Cordhose und einer fellgefütterten Jeansjacke steckt und zittert.
– Wie ist es so unter einer Tüte?
– Man braucht mehr Geduld als ich dachte.
Muhammed muss grinsen; seinen Humor scheint der Selbstmordkandidat noch nicht verloren zu haben, und Luft bekommt er auch noch genug.
– Warum gehst du nicht und lässt mich in Ruhe.
–Mache Frühstückspause.
Muhammed fühlt sich nicht wohl bei dem Gedanken, den Jungen allein zu lassen, hat keine Ahnung, was er tun soll. Er ist noch keinem mit einer Plastiktüte über dem Kopf begegnet, und eben der wird allmählich nervös, hat anscheinend keine Zuschauer eingeplant,
– Guck mich nicht an.
– Ich guck dich nicht an.
– Du guckst mich an.
– Nein. Du bist einfach da, wo ich gerade hingucke.
– Ich war aber zuerst hier,
enttäuscht zieht er sich die Tüte vom Kopf. Muhammed lächelt in ein blasses Jungsgesicht, in blaugraue Augen, die ihm ausweichen.



