Antonia Forster führte ein abwechslungsreiches, für die damalige Zeit abenteuerliches Leben, geprägt durch ökonomische Abhängigkeit, aber ebenso (inspiriert durch die Ideen der Französischen Revolution, durch Olympe de Gouges, aber auch durch ihr Vorbild Sybilla Merian) durch einen ausgeprägten Hang zur sozialen und intellektuellen Selbständigkeit, der auch von der Familie und anderen Frauen der damaligen Intelligenz (wie Caroline Böhmer oder Therese Huber) geteilt wird. Von Antonia Forster, der jüngeren Schwester Georg Forsters, gibt es bis auf wenige Briefe kaum eigene Lebenszeugnisse. 1758 in der Nähe von Danzig geboren, zog sie 1769 mit ihren Eltern, Justina und Georg Reinhold Forster, und sechs Geschwistern nach England, wo ihr Vater Berater von Captain Cook wird und mit ihm auf die zweite Südseeexpedition segelt, in Begleitung seines ältesten Sohns Georg. Mit achtzehn Jahren geht sie als Erzieherin und Gesellschafterin nach Wien, 1783 nach Surinam, Mittelamerika, in den Haushalt des niederländischen Gouverneurs Texier. Schon 1785 segelt sie nach Kopenhagen, um für zwei Jahre beim dänischen Minister Graf Bernstorff zu dienen, wechselt ins zum Königreich England gehörende Hannover zum Grafen Wallmoden, und ist – unterbrochen durch verschiedene Aufenthalte bei den inzwischen aus England fortgezogenen Eltern in Halle – längere Zeit bei Herrschaften in Kurland und Schlesien. 1814 bis 1818 arbeitet sie beim Seidenfabrikanten Humbert in Berlin und verbringt ihre letzten Jahre in Dresden.
Über die Autorin
Pressestimmen
Bibliotheksservice, April 2012
Martina Mattes
Lebensgeschichten können so spannend sein, wenn man sie derart beschreibt wie Judith Macheiner es tut. […] Der feine historische Roman zeigt höchst interessant die Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Lebensgestaltung jener Zeit. Besonders lesenswert auch der Anhang mit einem »Historischen Kompass« und verschiedenen Kurzbiografien.
Leseprobe
Antonia zog sich das Tuch fester um die Schultern zusammen. Es war ein heller Tag an diesem Sonntag im frühen Oktober, aber die Sonne war schon zu schwach gegen den böigen Ostwind, der die Möwen immer wieder ein Stück flussabwärts trieb und die Wimpel über den Bootsmasten laut knattern ließ. Sie war froh um die unbesetzte Bank auf dem Weidendamm gegenüber von Monbijou, da sie nun doch schon über eine Stunde durch Werder und Alt-Cölln unterwegs gewesen war. Die Spree war an dieser Stelle ein gutes Stück breiter als in dem Abschnitt zwischen dem Mühlendamm und der Friedrichsbrücke, der Berlin und Cölln trennte, aber ein richtiger Fluss, wie die Themse oder die Donau, war sie auch hier nicht. Vom Schloss gegenüber konnte man allerdings nur ein paar Dächer sehen, da die Fassade hinter einem ganzen Labyrinth von haushohen Hecken verborgen lag. In Nicolais Beschreibung von Berlin hatte sie gelesen, dass die Residenz von Sophie Dorothea, der Mutter des großen Friedrich, seit ihrem Tode nicht mehr bewohnt war. Im Sommer wurde darin noch gelegentlich getafelt, wie gestern, wo dort große Cour en Robe gewesen war. Die Komtess Wallmoden hatte nicht teilgenommen, doch morgen Abend würden sich wieder alle, die dazugehören wollten, in der Oper versammeln, sodass Antonias Vorstellungsgespräch davor bei der kurländischen Herzogin schon deshalb nicht sehr viel Zeit in Anspruch nehmen konnte. Beim Gedanken daran begann ihr Herz schneller zu schlagen, und sie ermahnte sich, heute möglichst wenig an den morgigen Nachmittag zu denken, an dem über die vertraglichen Grundlagen ihres Neuanfangs entschieden würde.
Jetzt war sie schon seit zwei Wochen in der preußischen Metropole, aber obwohl sie die Hofetikette von den meisten gesellschaftlichen Ereignissen dieser Tage dispensierte, war ihr neben der kritischen Aufsichtspflicht über ihre kleine Komtess keine Zeit geblieben, sich die berühmten Plätze und Bauten in Berlin anzusehen – wobei der Trubel der Doppelhochzeit der preußischen Prinzessinnen mit dem Gedränge von über zwanzigtausend Menschen Stadtbesichtigungen ohnehin erst einmal ausgeschlossen hatte.
Immer neue Windböen fuhren über das Wasser und verwischten das Spiegelbild der Hecken vom Schlossgarten, kaum dass es im Morgenlicht entstand. Antonia sah die kurzen Wellen gegen die Planken der Boote schlagen, die mit ihren Frachten auf der Spree unterwegs waren, und sah für eine kurze Weile der Fähre zu, die sich von der gegenüberliegenden Seite löste. Diesmal, dachte sie, würde sie ohne Schiff zu ihrem neuen Lebensort reisen.
Antonia liebte Boote und das Leben am und auf dem Wasser. Sie hatte ihre früheste Kindheit an einem kleinen Nebenarm der Wissla in der Nähe von Danzig zugebracht und jede neue Phase ihres Lebens hatte bisher mit einer Fahrt über das Meer begonnen. Da war die Reise nach England, als sie gerade einmal acht Jahre alt war, und zehn Jahre später die Überfahrt über den Kanal, mit der ihre Zeit in Wien begann. Und dann die zwei Mal neun Wochen auf hoher See zwischen Amsterdam und Paramaribo, als sie Mitte Zwanzig, auf ihre Weise, den Spuren ihres berühmten Bruders folgte. Dagegen waren allerdings die letzten Überfahrten von Hamburg nach Kopenhagen zur Familie des Grafen Bernstorff und drei Jahre später wieder zurück, um ihre jetzige Stelle in Hannover anzutreten, kaum mehr nennenswert.
Wenn das Angebot aus Kurland früher gekommen wäre, hätte sie ja noch entlang der Küste nach Danzig fahren können. Die Reisen übers Wasser ersparten einem doch viele Unannehmlichkeiten, die auf den Landwegen unvermeidlich waren. Und wenn man die Gefahren einer Seereise überstanden hatte, war man dem Leben wie neu wiedergegeben – fortlaufende Achsenbrüche oder im Schlamm steckengebliebene Wagenräder waren nur enervierend.
Ein Schwarm Krähen ließ sich unter lautem Gekrächz auf dem großen, alten Weidenbaum neben ihrer Bank nieder, flog aber gleich wieder auf und weiter in Richtung des Kastanienwäldchens am Festungsgraben. Dort waren sie offensichtlich zu Hause. Der weißgefleckte Boden unter den Bäumen war Antonia nicht entgangen. Die Flecken auf den zahlreichen Brückengeländern stammten aber von den vielen Möwen an den beiden Spree-Armen und ihren diversen Verbindungsgräben. Es waren zwar nur die kleinen Lachmöwen, die sich so weit von der Küste weg im Landesinnern ansiedelten, aber sie verliehen den Berliner Gewässern eine Prise Seeluft.
Antonia hatte die Gelegenheit, nach Berlin zu fahren, gerne wahrgenommen. Ein glücklicher Zufall hatte alle, die irgendwie mit dem preußischen Hof liiert waren, wozu eben auch ihre Hannoveraner gehörten, bei der großen Familienfeier zusammengeführt. Ehe sie mit ihrer Komtess Berlin wieder verlassen würde, wollte sie sich die Stadt, von der man so viel Widersprüchliches hörte, noch ein wenig ansehen. Ursprünglich hatte sie sich bei Voss, dem langjährigen Freund und Verleger ihres Vaters anmelden wollen, aber die Buchhändler waren gerade alle zur Messe in Leipzig. Und so richtig bekannt war sie eigentlich nur mit seinem Rivalen, Christian Spener, den sie schon kennengelernt hatte, als sie mit ihren Eltern und Geschwistern noch in London wohnte. Er hatte Georgs Reise um die Welt veröffentlicht und damit für die Berühmtheit ihres Bruders den Grundstein gelegt, an der sie alle in der Familie Forster bis heute irgendwie teilhatten. Das galt auch für das kurländische Angebot. Georg war zwar nach seinem Erfolg als Autor, über Kassel und Wilna, schließlich in Mainz gelandet, aber vor zehn Jahren hätte er als Professor für Philosophie nach Mitau, der Hauptstadt von Kurland, gehen können. Peter von Biron, der ehrgeizige Herzog dieses polnischen Lehens, war damals gerade dabei, eine Universität zu gründen. Es war schon sonderbar, dass sie jetzt, gewissermaßen anstelle ihres Bruders dorthin reisen würde. Falls man sich morgen einigte.
19,80 €
ISBN 978-3-88747-270-2
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