Da ist der idealistische Landvermesser und Ingenieur Martin Petr, der aus Prag in die ferne Ostslowakei geht, um Bauern und Dörfer vor Überschwemmungen zu retten. Da ist Pavel, ein junger Mann, der den Älteren gern zuhört und schnell lernt; oder der Partisan Smoljak, der nach dem Verräter sucht, der seine ganze Familie den Nazis ausgeliefert hat (das war der sehr fromme Pfarrer); der pazifistische Holzfäller, der aus Kanada zurückgekommen ist und im Dorf als »Arzt« sowohl für Menschen wie für Tiere zuständig ist, aber bald verhaftet wird; es sind Frauen, die endlich aus den bäuerlichen Traditionen ausbrechen wollen; es sind (zu Recht) misstrauische und sture Bauern, die Agitatoren mit Knüppeln vom Hof treiben; stalinistische und korrupte Funktionäre, die mit allen Mitteln ihre Macht sichern; es sind Säufer, Marodeure, versprengte Soldaten – ein wildes Panoptikum unterschiedlichster Biographien und Interessen, das sich aber im Laufe des Romans zu einer einzigen und unausweichlichen Erkenntnis bündelt.
Der Roman basiert auf einer langen Recherche für einen Spielfilm, den Klíma über die Entwicklung des Sozialismus in der Ostslowakei, einer völlig unterentwickelten, armen und weithin unbekannten Region zwischen Polen, der Ukraine und Ungarn, mitgestalten sollte. Der Film durfte nicht produziert werden, seine Notizen und Erlebnisse verarbeitete Klíma zu einem Roman, der die Zeit vom Kriegsende bis Anfang der fünfziger Jahre umspannt.
Über den Autor
Die Übersetzerin
Pressestimmen
Frankfurter Rundschau, 7. Mai 2012
Mathias Schnitzler
[…] Ein faszinierender Fund […] So sind Klimas Geschichten über die alte Jurcova, der von den Deutschen das Haus zerbombt und das wiederaufgebaute Heim von den Kommunisten weggenommen wird; vom Pazifisten und Heilkundler Laborecky, den slowakische Faschisten abführen; über den katholischen Priester, den die Parteifunktionäre beim Messdienst stören, der im Krieg aber auch Widerständler verriet und nun dafür büßen soll; und von Pavel und Janka, deren Liebe und jugendliche Ausbruchsversuche scheitern müssen in einer Gesellschaft, die Privatheit und Persönliches als Bedrohung versteht; so sind diese düsteren, doch wunderbar erzählten Geschichten auch ein Ruf nach Freiheit. […]
Claus-Ulrich Bielefeld
[…] Ein großer historischer Roman und zugleich eine kompromisslose Schilderung menschlicher Täuschungen und Selbsttäuschungen.
Bibliotheksservice, April 2012
Lieselotte Jürgensen
[…] Literarisch höchst kunstvoll konstruiert, zeichnet Klíma ein buntes Panoptikum unterschiedlicher Figuren, deren Beziehungen zueinander den Widerspruch innerhalb der sozialistischen Gesellschaft un den Keim ihres Untergangs spiegeln. Als hervorragendes Beispiel tschechischer Literatur breit empfohlen.
Tagesspiegel, 19. April 2012
Katrin Hillgruber
[…] Das Schweigen des Dorfes bezwingt den Fortschritt. Auf diese Formel lässt sich Ivan Klímas Debütroman bringen. Sein nun erstmals auf Deutsch zu entdeckendes Buch aus dem Jahr 1963 ist eine wirklichkeitsgesättigte und zugleich hochpoetische Ballade vom Scheitern einer hehren Idee in einer ostslowakischen Flusslandschaft, in der das Hochwasser seit jeher den Rhythmus des Lebens bestimmt. Es geht aber auch um den Stolz und das Selbstverständnis eines von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg als »Partisanengegend« schwer versehrten Landstrichs. Raffiniert unterläuft »Stunde der Stille« die Gattung des Aufbauromans, der nicht nur in der DDR »vom Urschlamm in die LPG« führen sollte, wie ein geflügeltes Wort lautete. Die Passivität der Dorfbewohner, die für die Kollektivierung ihre letzten Sicherheiten opfern sollen, treibt die Parteifunktionäre in die Verzweiflung. »Diesen Roman zu schreiben, war für mich damals sehr anspruchsvoll«, sagt der heute 80-Jährige. »Ich hatte Befürchtungen, ob ich es schaffen würde, auch die Seele, das Denken, die Gefühle der Menschen zu erfassen.« Er hat es geschafft.
Berliner Zeitung, 19. April 2012
Mathias Schnitzler
[…] so sind diese düsteren Geschichten auch ein Ruf nach Freiheit. Perfekt trifft die Übersetzung den Widerstreit dieses Romans zwischen realistischer Weltbeschreibung und dichterischer Gestaltungskraft. Es obsiegt die Poesie, die aber keineswegs hochfliegend ist […]
Deutschlandradio Kultur, 17. April 2012
Jörg Plath
Dieses Buch ist wie in Schwarzweiß verfasst, es besitzt die archaische Kraft von neorealistischen Filmen. […]
Friedrich Christian Delius, 10. April 2012
Habe vorhin Klíma zuende gelesen: ein wirklich großes Buch! Wenn es nicht so blöd klänge: ein Jahrhundertroman, denn ich wüsste nicht, wo sonst in der europäischen Literatur die Phase des Scheiterns des Aus-guten-Gründen-besser-machen-wollens nach diesem Scheißweltkrieg besser, dh. differenzierter und unideologischer und menschennäher sowie poetischer dargestellt worden wäre.
Bei der ersten Hälfte dachte ich noch: Vieles kenn ich vom frühen Heiner Müller (Geschichten aus der Produktion und Umsiedlerin vor allem), vielleicht auch von Bräuning und andern, aber die hartnäckige Verweigerung des happy end bis auf die schüchternen Schlusszeilen macht das Buch einzigartig. Daran müsste eigentlich die »kritische« DDR-Literatur gemessen werden.
Mathias Schnitzler
[…] zeigt nachdrücklich, wie sich Klíma nicht nur vom Stil des sozialistischen Realismus, sondern auch von den Kommunisten entfernte. […]
Hier ein link zum tschechischen Rundfunk
Buchmesse in Leipzig. Gast: Ivan Klíma
Bericht
WDR3 Passagen, 15. März 2012
Stefan Berkholz
War Klíma zuvor bei Hanser verlegt worden, hat der kleine Berliner Transit Verlag nun einen Clou landen können: Er beförderte Klímas Romandebüt von 1963, zum ersten Mal ins Deutsche. […] Ein mutiges und visionäres Debüt.
Büchermarkt, Dezember 2011
Ist Ivan Klíma ein Debütant? Mit seinem 1963 in der Tschechoslowakei erschienenen Roman »Stunde der Stille« war er es – danach wurde er zum in seiner Heimat verbotenen Weltautor. Transit bringt jetzt erstmals auf Deutsch diesen atemberaubenden Romanerstling, der auf den Recherchen für einen Spielfilm über die Entwicklung des Sozialismus in der Ostslowakei basiert.
Leseprobe
Über dem Wasser schwebte eine dünne, kalte Dunstschicht. Die Männer hatten die Hosenbeine hochgekrempelt, eiskalt perlten die Tropfen an ihren Waden hinab, sie konnten sie aber nicht abwischen. Sie zogen mit beiden Händen am Netz. Sie verfingen sich im überfluteten Gestrüpp, stolperten über versteckte Löcher, zitterten vor Kälte und fluchten. Molnár ging voraus. Er war der Flusswächter, er bewachte also den Fluss und war für das Stück Damm bis zum Wald zuständig. Er notierte die Wasserstände und stellte an den Tagen, an denen der Fluss und der Kanal so wie jetzt über die Ufer traten und die Fische im weiten Wiesenland weideten, die Richtung ihrer Irrwege fest, damit sie wieder mit dem Netz eingefangen werden konnten. Er musste seine Leute ab und zu anschnauzen, aber sie mochten ihn gerne, denn er bewahrte stets gute Laune, was immer das Leben auch brachte. In der letzten Zeit aber war selbst ihm die Lust zu scherzen vergangen. Der ältere seiner Söhne war an der russischen Front gefallen, und seine Frau lag krank darnieder. Er alterte zusehends und magerte stark ab, und das Lachen blitzte nur noch selten in seinen Augen auf, durchdrungen von einem unablässigen Schmerz. Das Netz war nun vollends gespannt. Molnár beugte sich zum Wasser hinab, fand einen Pflock und begann, das Netz rasch mit Knoten festzubinden. In der Ferne rief jemand seinen Namen, doch er blickte sich nicht einmal um. Von seinen Händen trieb das Wasser in stillen Ringen weg und flutete träge zwischen den Maschen des Netzes hindurch. Šeman, der ihm am nächsten stand, schrie: „Pavel ruft dich. Du sollst nach Hause kommen!“ Molnár erschrak, bemühte sich aber sogleich, die Angst zu verscheuchen. Das wäre zu viel auf einmal: im Sommer der Sohn und jetzt die Frau. „Wird nichts sein“, sagte er laut, „wahrscheinlich ist der alte Baron gekommen und lädt mich zum Mittagessen ein!“ Šeman lachte laut auf, und Molnár schürzte hastig den letzten Knoten. Dann watete er so schnell er konnte an dem gespannten Netz entlang. „Lass es dir schmecken“, rief ihm Šeman nach. Seine Frau hatte die ganze Nacht vor Schmerzen geweint, aber am Morgen war sie dann ruhig dagelegen - sicher ein gutes Zeichen. Er rollte die Hosenbeine am Ufer rasch hinunter. „Laborecký ist gekommen und hat mich geschickt, dass ich dich hole“, sagte ihm sein Sohn. Er war mager und groß für seine dreizehn Jahre. „Was macht Mama?“, fragte er. „Hat sie geweint?“ „Sie hat gebetet!“
Aus dem Tschechischen
von Maria Hammerich-Maier
mit Schutzumschlag
19,80 €
ISBN 978-3-88747-268-9
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