Peter Wawerzinek erzählt von seiner Kindheit, einer Kindheit, die einmal durch Heimaufenthalte und Adoption, zum anderen aber auch durch die hartnäckig-dörfliche Atmosphäre Mecklenburgs und seiner wortkargen Bewohner geprägt war. Eine Kindheit in den fünfziger und sechziger Jahren auf dem Lande, merkwürdig wenig beeinflusst von den politischen Umständen, so als ob der Eigensinn der Mecklenburger, ihre berühmte schlitzohrige Verstocktheit alle Zumutungen von Partei und Politik abprallen ließ. Peter Wawerzinek erinnert in seiner assoziationsreichen, überraschenden Sprache, in einem pointiert komponierten Bündel von Beobachtungen, Skizzen und Porträts an eine Landschaft und an eine Zeit, die dörflich verschlafen erscheint, aber viele Abenteuer und menschliche Sonderbarkeiten bereithielt für einen, der genau beobachten kann.
»›Das Kind das ich war‹ ist ein kleines Meisterwerk.«
Matthias C. Müller, Stuttgarter Nachrichten, Oktober 2010
Über den Autor
Peter Wawerzinek, geboren 1954 in Rostock, aufgewachsen in Rerik und Bad Doberan, Lehre als Textilzeichner. 1978 Umzug nach Ost-Berlin. Studium an der Kunsthochschule-Weissensee. Verschiedene Jobs, u.a. als Briefträger und Kellner bei der Mitropa. Gleichzeitig war er bereits in den Achtzigerjahren als Performance-Künstler und Stegreifpoet aktiv in der Ost-Berliner Literatenszene. Peter Wawerzinek ist der Ingeborg Bachmann Preisträger 2010. Er lebt in Berlin.
Pressestimmen
Stuttgarter Nachrichten, 15. Oktober 2010
Matthias C. Müller
[…] Interessanterweise wurde gleichzeitig mit „Rabenliebe“ Wawerzineks erstmals 1994 veröffentlichter Roman „Das Kind das ich war“ in veränderter Form neu aufgelegt. Dieser Roman ist thematisch und inhaltlich mit dem ersten Teil der „Rabenliebe“ eng verwandt und ruft doch eine ganz andere Wirkung hervor. „Das Kind das ich war“ ist ein kleines Meisterwerk. Der Tonfall ist heiter, humorvoll, das Vokabular bunt, poetisch. Mecklenburger Mundart schlängelt sich in die hochdeutschen Sätze hinein; farbige Wörter wie „gnatzig“, „gitschig“ oder „Dorfbums“ tauchen auf, auch DDR-typische Phänomene und Ausdrücke wie Thälmann-Subbotnik, Worcestersoße und Rachenvorhofsauger (für Nuckel). Trotz des geringen Umfangs eröffnet sich dem Leser in den Schilderungen des Ich-Erzählers ein Panorama des Lebens am Küstenstrich der DDR, bietet sich ein Überblick über unterschiedlichste Figuren im Ostseebad Rerik und in umliegenden Bädern, erhält man Einblick in Gefühls- und Gedankenwelten Mecklenburger Bauern und ihren insgeheimen murrenden Widerstand gegen aufgezwungene sozialistische Neuerungen. […]
Hofer Anzeiger, 11. August 2010
Ralf Sziegoleit
[…] Viel mecklenburgisches Lokalkolorit fließt in die mit eigenwilliger, erfindungsreicher Sprache erzählte Kindheitsgeschichte des unglücklichen „Heimers“ ein. Und viel auch vom Leben im Sozialismus, wo die Kinder „in kleinsten Schlücken aus dem flachen Agitpropbrunnen tranken“. Zwar weilte der kleine Peter unter Menschen, „die zu allem Ick bün tofreden sagten“. Doch wirklich zufrieden waren sie nicht. Waren sie doch auch Menschen, „die sahen, dass es nicht recht vorwärts ging mit den Kampfgenossen, die in der Gazette von Erfolgen lasen und Tje son Ding ugg sagten, wenn es um die Ecke laut Statistik 1970 mehr brütende Graugänse als 1960 gab. Und Schietkram dazwischenriefen, wenn das Tagblatt von großen Fortschritten im Kampf der Systeme schrieb.“
Leseprobe
Meine Heimat ist Mecklenburg. Meine Vaterstadt Grimmen. Meine Muttersprache wohnt in der Gesichtsfarbe der wetterfesten Bauern. Von den Tieren auf dem Wasser habe ich meine Fröhlichkeit. Den Schollen im Wasser verdanke ich meinen Ernst. Die Traurigkeit der Quallen nahm mich bei der Hand. Ich bin ein Liebhaber von geborgenen Feuern, wie sie in den Räuchertonnen der Fischer lodern. Und ich kann, zwischen Steinen hingestreckt, die Nacht am Meer ausharren. Ich bin ein großer Wolkengucker. Ich wurde geboren und weigerte mich, zu atmen. Mein Puls ging mit den Jahreszeiten. Als ich ins Heim gesteckt wurde, war ich ein zarter Same, ein nichtiges Korn im Sand. Ich wuchs auf. In einer Natur mit steifem Nord und Nordost. Mit hartnäckigen Windböen gespickt, kamen meine Jahre. Als die Rostocker Innenstadt wiederaufgebaut und Wiesen trockengelegt wurden. Wo die zukunftsweisenden Zauberworte Melioration und Rinderoffenställe waren. Gebilde, von denen Bauer Pöschke sagte: Is schon schlimm, daß man nicht recht aussprechen kann, was einem zudem nicht recht in den hohlen Kopf gehen will. Da woher ich komme, geben windschiefe Krüppelkiefern am steilen Ufer der Landschaft ihre Note. Die Postfrau wußte alles und kannte jeden und stand viele Stunden mit den Leuten herum. Um alles und jedes zu bereden. Da woher ich bin, hält man sich Schweine und bernsteinfarbene Hühner. Ruf die Hühnchen, daß sie kommen, bring ihnen Körner als Willkommen. Seltener Schafe. Wie der Böttchermeister zu Kröpelin. Dem zwei wollige Knäuel im Kampf gegen die hartnäckige Brennessel zur Seite standen. Die Kinder der Leute trugen blonde Schöpfe und waren in ihrem Gesicht von Sehnsucht gezeichnet. Man munkelte, sie wären zu nachtschlafender Zeit über dem erleuchteten Mondsee erschienen. Mit wallendem Haar, jedes auf einem Stück Holz, in großer Schar. Ein Teesieb zum Segel umfunktioniert. Irgendein Gerät von Omas Spindel als Ruder. Die Söhne der Leute in Mäkelborg wurden, was die Väter waren. Die Väter der besseren Söhne waren Bauern oder Arbeiter. Die Arbeitersöhne werkelten am Rande des Ortes in einer niedrigen Metallfabrik. In den dunklen Hallen schweißten sie, wenn der Plan erfüllt war, Gartenzäune und schnörklige Kerzenständer, später sogar originalgetreue Schaukeln namens Hollywood. Die Haut der Töchter der Väter war lichtweiß, wie aus Sand vom hellen Strand gebacken gingen sie im Dorf um. Als träumten sie durchweg von einem eigenen Frisiersalon. Die meisten von ihnen wollten Mannequin werden und hatten im schönsten Sommer noch die dicken Strumpfhosen zu ertragen. Die Töchter der molligen Fischerinnen waren schlank und biegsam. Geradeso, als könnten sie durch sämtliche Schlüssellöcher gehen. Die Mütter und ihre zierlichen Töchter hatten gewöhnlich Sommersprossen und eine gräßliche Aussprache. Sie saßen im Hof und schauten den Vätern beim Netzeflicken zu. Die Männer der bolzigen Frauen trugen über ihren dicken Joppen lange Schürzen. Brüchige Lackumhänge, an denen getrocknete Fischschuppen flimmerten. Die Väter unserer Väter, sagten die Söhne der Väter voller Stolz, stachen wie deren Väter immer schon in See. Weit vor dem Sonnenaufgang zogen sie mit ihren Netzen Fische ans Land. Der Fischer Scheller sang: ›Im Wasser schwimmen die Fischlein herum. Bald sind sie grad, dann wieder krumm.‹ Mal fingen die Fänger viel. Mal kriegten sie nur ein paar Schollen zu fassen. In schlechten Zeiten verfingen sich ausschließlich Muscheln und Krebse in den engen Maschen. Von den Fischern hieß es, sie seien die gebildetsten Mannen vonner Küst all Tied wast, weil sie früher schon besser als der Pastor schreiben und vor allem gut rechnen konnten und 'ne Menge aus den Atlanten der See zu lesen verstanden, ohne daß die Schule nachzuhelfen brauchte. Die Kinder vom Fleischer hingegen waren dick und ungemütlich. Ihre Pausenbrote waren extraordinär und prall belegt. Sie waren in der Schule denkbar schlecht. De süln rechens liern, dat langt hin, um das Geschäft zu übernehmen, sagte der Fleischer jedem, der's fast schon nicht mehr hören konnte. Die Frau des Fleischers ging beschämt achtern, wenn der Fleischer vor all den Kunden so ungeniert, was Pauker im Dorf war, heruntermachte. Der unfaßbar wetternde Metzger hatte es besonders auf das Frauenvolk der Lehrer abgesehen. Nervenaufreibende Puten, die sich zierten und mäkelten: ›Das wird meinem Gatten wohl doch nicht zusagen.‹




