In »Weltbürger und Pilger« bietet Imre Kertész eine moderne Interpretation der Geschichte aus dem Alten Testament; es geht um die Konkurrenz von Lebenskunst und Apathie, von melancholischer Eleganz und gewalttätigem Neid, eine Konkurrenz, die im Mord gipfelt, den Täter aber nicht erlöst, sondern sein Elend nur verlängert. »Ich, der Henker« enthält den ersten Prosatext, den Kertész schrieb, bevor er 1960 die Arbeit an seinem großen »Roman eines Schicksalslosen« aufnahm. Wir werden mit zwei Männern konfrontiert, die ihrer Sache, ihrer Geschichte, ihrer Schuld bzw. Unschuld absolut sicher sind. Der überraschende Schluss beweist die Fragwürdigkeit moralischer Überlegenheit: die biographisch schlüssigen Rechtfertigungen des Henkers provozieren die Erkenntnis seines Gegenübers, dessen »besseres« Leben sei nichts anderes als die Summe zufälliger Umstände. In den beiden Texten über Berlin und Budapest wird die existentielle Frage, wo will ich leben, auf biographisch erhellende und faszinierende Weise gelöst – auch hier der Kontrast zwischen den Zwängen eines diktierten Lebens und dem ersehnten Genuss von Freiheit. In diesen vier Texten (entstanden zwischen 1958 und 2001) beweist sich Kertész als genauer Erzähler existentieller Konflikte und verblüffender Einsichten.
»Ein Autor, der den Leser zu einer seltsamen Gedankenfreiheit verlockt.«
Aus der Nobelpreisbegründung, Schwedische Akademie, Stockholm
ÜBER DEN AUTOR
Bettina Harts
"Opfer und Henker" ist der soeben erschienene jüngste Band von Imre Kertész betitelt, der fünf kürzere Texte des Nobelpreisträgers aus fünf Jahrzehnten versammelt. Diese kleine Anthologie ist dem 1981 gegründeten Transit-Verlag zu verdanken, der für seine Leser immer wieder literarische Fundstücke und Überraschungen bereithält. So erschien 2006 unter dem Titel "Kaum beweisbare Ähnlichkeiten" der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Walter Kempowski – in gleicher ansprechender Aufmachung: Hardcover, Fadenheftung, edles Papier, dazu versehen mit Faksimiles und Fotos.
Die Texte des Bandes "Opfer und Henker", darunter zwei der frühesten literarischen Arbeiten von Kertész, in denen er sich, wie in seinem Werk generell, mit den Themen Schuld und Unschuld, Fiktion und Wirklichkeit, Freiheit und Unterwerfung auseinandersetzt, sind zwar alle bereits an anderem Ort – so in der Imre Kertész gewidmeten Ausgabe der Zeitschrift "DU" (Nr. 5, Juni 2005) – erschienen. In dieser Zusammenstellung aber gewinnen sie noch einmal ein anderes Ansehen. Und es scheint einem, als ob in ihnen auch die innere Entwicklung des Autors deutlich würde – beginnend mit archaischer Bitternis gehen sie in einen Sarkasmus über, der an Zynismus grenzt, und münden schließlich in eine den Schmerz überwindende heitere Luzidität.
Den Auftakt macht "Erdenbürger und Pilger", eine Paraphrase der Kain-und-Abel-Geschichte und zugleich eine Parabel darüber, wie der Hass in die Welt kommt – zwischen Brüdern und, ganz allgemein, zwischen Menschen. "Er ist da, und weil er da ist, ist es für mich eng geworden", heißt es gleich zu Beginn. Der Ältere spricht dem Jüngeren vom Tage seiner Geburt an die Existenzberechtigung ab, weil sie ihn, in ihrer Andersartigkeit, verunsichert und einschränkt: "Und alles, was er sah, reizte ihn. Der Bruder machte es anders als er. Nicht schlecht, aber anders. Das reizte ihn."
Es ist also ein Hass, der durch Neid und Missgunst hervorgerufen wird und den eine aus dem eigenen Minderwertigkeitsgefühl gespeiste Arroganz begleitet. Diese ruft bei dem anderen Schuldgefühle hervor, unbegründete, und doch im Hass des Gegenübers begründete. Er redet sie ihm ein, bringt ihn dazu, sie zu verinnerlichen, allein dadurch, dass er ihn beschuldigt.
»Weltbürger und Pilger«
Er wusste nicht genau, warum er seinen Bruder hasste. Vermutlich hasste er ihn von Anfang an, seit dessen Geburt. Er war fremd, störte die Welt. Schmälerte seine, Kains, Rechte. Die Gefühle sagten etwa dies: Er ist da, und weil er da ist, ist es für mich eng geworden. Doch wäre es übertrieben, alles nur darauf zurückzuführen. Gewöhnlich verzeiht der ältere Bruder dem jüngeren mit den Jahren, und die Melancholie des Verzeihens … Liebe ist im Grunde genommen nur die Lösung eines bestimmten Problems auf eine bestimmte Weise.
Nun, Kain löste die Sache anders. Wie es seiner Natur entsprach. Mit Melancholie hatte er nichts zu schaffen: Sie stand seiner eintönigen, monomanen Gefühlswelt denkbar fern. Er beobachtete seinen Bruder beim Essen und Schlafen, beobachtete, wie er sich unter den Menschen bewegte und wie er die Schafe hütete. Und alles, was er sah, reizte ihn. Der Bruder machte es anders als er. Nicht schlecht, aber anders. Das reizte ihn. Er wusste nicht warum. War er doch kein Intellektueller, der über seine Regungen nachgrübelt. Er war Ackerbauer. Und so brauchte er die Sache auch nicht zu komplizieren, relativ einfache Gründe reichten ihm aus: »Dem dort – immer nannte er den Bruder der dort – gelingt alles. Mir gelingt nichts.« Das war natürlich übertrieben. Der Bruder hatte es mit seinen Sachen nicht weiter gebracht als er mit seinem Acker. Beide waren sie ledig und lebten gleichermaßen bescheiden. Doch Kain dachte: »Der dort ist glücklich. Ich aber, hol's der Teufel, bin unglücklich.« Und so war es auch. Er beobachtete seinen Bruder, wobei die Muskulatur hinter seinem Ohr sich anspannte, seine Augen sich verengten, sein Gesicht sich verfinsterte. Wäre Abel fremd und eine Frau gewesen, könnte man mit Sicherheit davon ausgehen, dass er sich in ihn verliebt hätte – dumpf, hoffnungslos, gewaltsam; doch da sein Bruder ein Mann war, hasste er ihn. Hasste ihn dumpf, hoffnungslos, gewaltsam. Schließlich tut jeder jedes auf seine Weise.
Auch der dort mochte seinen Bruder nicht besonders. Dass er ihn geliebt hätte, wäre – obwohl er ein sanfter Mensch war – eine allzu kühne Behauptung. Eine noch kühnere, er hätte ihn gehasst. Er war ein Eindringling. Sein Bruder aber eine feste Größe. Bei seiner Ankunft war er bereits da – unzweifelhafte Wirklichkeit. Verglichen damit war er selbst schierer Zufall. Recht auf den Boden hat, wer zuerst kommt. Und wer stärker ist. Sein großer, grober Bruder mit seinem Körper, seinem Geruch, seinen winzigen entzündeten Augen – nein, Abel konnte sich nie aus dem Wirrwarr von Anziehung und Abstoßung befreien.
Im Großen und Ganzen fühlte er dies. Erstens: fürchtete er sich vor ihm. Zweitens: verachtete er ihn. Drittens: verehrte er ihn. Er hätte ihm gern geglichen. Er wusste, dass er ihm nicht glich, dass er anders war als Kain, nämlich Abel, und das hielt er für ein großes Vergehen. Wie sein Bruder es ihm einredete. Er ließ zu, dass der andere ihm seine Meinung aufzwang. Schuldig fühlte er sich nicht, weil er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen, sondern weil man ihn beschuldigte. Das war unbeholfen. Andererseits irgendwie auch bequem. Außerdem fühlte er sich in Sicherheit, weil er ein gutes Verhältnis zu Gott hatte. Wenn er ihm Schaffett opferte, stieg der Rauch immer senkrecht empor. Das wollte etwas heißen. Manchmal allerdings erhaschte er einen Blick seines Bruders und er dachte bei sich: Warum schaut er so? Das wird noch böse enden. Dann aber zuckte er mit der Schulter und lächelte. In seinem Lächeln war etwas Träges, Provozierendes, fast Schamloses. Als würfe er den Sack vom Rücken und pfiffe auf jede Verantwortung, In solchen Momenten schien er ganz er selbst zu sein, Abel.
1967, aus dem Ungarischen von Ilma Rakusa



