Ein ehemaliger Gefangener tritt dem Hauptmann gegenüber, der ihn ein Jahr lang verhört hat. Er will sich das Gefühl bestätigen lassen, dieser Mann habe ihm gegenüber, obwohl Handlanger eines Sicherheitsdienstes, menschliche Sympathien gezeigt. Eine Rechtsanwältin versucht ihrem Mandanten zu erklären, daß sie ihm nicht helfen kann, weil sie nicht helfen darf. Ein Mann wird plötzlich aus der Haft und »seinem« Land entlassen – und vermißt schon in der Tür seine Mitgefangenen. Ein Junge, geprügelt von seinem trinkenden Vater, übt mit seinem Freund und ein paar geklauten Fahnen den 1. Mai und wird verhaftet. Ein Mann steht am Bahnhof in einer Menge von Reisenden, sieht einen Zug fast geisterhaft vorbeirasen, erkennt dessen Herkunft und steht plötzlich allein.
Ulrich Schachts Erzählungen kreisen um die jüngere deutsche Geschichte; sie brechen mit dem Verallgemeinern und Vergessen, sie bleiben hartnäckig konkret und sind, »präzise, knapp« (Zürcher Tagesanzeiger) in der Sprache, seltene Beispiele für intensive, zeitbewußte Literatur.
Jürgen Fuchs, Die Zeit
LESEPROBE
In einem der Schaufenster stand ein Puppenpaar mit Kind in Sommerkleidung auf fotografiertem Straßenpflaster, alle trugen Mainelken an den leichten Mänteln. Nur dem Puppenkind hatten die Dekorateure zusätzlich ein Papierfähnchen in die steife Hand gesteckt. Morgen abend, wußte der Junge, würde es hier aussehen wie am Neujahrsmorgen: Papierfetzen, zerdrückte Straßenkörbe, breitgetretene Kunstblumen und Girlandenstücke, zerknickte Friedenstauben aus Pappe, Erbrochenes, Flaschenscherben. Ein süßlicher Geruch würde in den Straßen hängen, und aus den Sälen der Restaurants würde laute Musik und das Gröhlen der Betrunkenen dröhnen. Eine Landschaft aus Pauken, Trompeten und Ordensblech, aus flatternden Fahnen, gebügelten Hosen, glänzenden Stiefeln, fröhlichen Kindern, aus Schnappschüssen, Karabinerhaken und eiserner Feigheit.
Als sie zurückgingen, sangen sie ein anderes Lied: BRÜDER, ZUR SONNE, ZUR FREIHEIT! Und während sie gerade zum Lichte emporstiegen, geriet ihnen am Ende der Straße ein einsames Paar in den Blick. Was die wohl denken?, dachte der Junge und sang mit jedem Schritt, den die Fremden näherkamen, leiser. Aber nicht lange, dann drehte der Schieler sich um und fragte: Warum singst du nicht mehr? Ich sing doch, sagte der Junge. Du hast Angst, sagte der Schieler, weil die da kommen. Quatsch, sagte der Junge, geh weiter! Sie waren inzwischen fast auf gleicher Höhe mit den Fremden, als der Mann ihnen zurief:
Ihr übt wohl schon, was?! Tun wir, sagte der Schieler und sang ungerührt weiter. Der Mann und die Frau fingen zu lachen an, gleichzeitig und schrill, und dann hörte der Junge, wie die Frau sagte: In dem Alter, Erwin, darf man das noch. Und wieder lachten sie, wenn auch schon weiter entfernt, und der Schieler sang lauter denn je: Ewig der Sklaverei ein Ende!, als dem Jungen auf einmal die Verse in der Kehle stecken blieben, weil er seitlich, von rechts etwas auf sich zuschießen sah, etwas Großes, eine Gestalt: Zuerst bloß als Schatten, aber dann fiel eine Hand auf seine schmächtige Schulter und über sich hörte er eine Stimme, die Halt! schrie und das Wort wie einen Betonklotz vor seine Füße stürzen ließ, so daß er stehenbleiben mußte und keinen Schritt mehr weiter konnte. Dann fuhr eine andere Hand vor sein Gesicht, öffnete sich und gab seinen Augen eine kleine, aufgeklappte Samtschatulle preis, in der ein münzenartiges Metallstück lag, dessen Prägung der Junge aber nicht erkennen konnte, weil die Hand die Schatulle schon wieder zuklappte und sich zurückzog, um erneut vorzustoßen: dem Schieler in den Hemdkragen. Die Fahnen runter, und her damit!

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