»Lorelei«, eine Bar in St. Pauli. Der Erzähler beobachtet Arbeiter, einen bekannten
Buchhändler, einen aufdringlichen Kellner, einen auffällig schönen Mann. Danach ein Gehen und Suchen durch die Stadt oberhalb des Hafens; knappe, klare Dialoge, Angst vor Entdeckung, Heimlichkeiten und das Erlebnis umwerfender Sinnlichkeit: die Geschichte einer kurzen Nacht vor dem Abschied des schönen Mannes ins Gefängnis.
Diese erste Erzählung Hubert Fichtes, aufgeschrieben 1955 für einen Freund und als kalligraphisches Manuskript erhalten, enthält alle literarischen Eigenschaften und Themen, für die Fichte später berühmt wurde: Zärtlichkeit, Irritation, Körperlichkeit, Angst, Neugier und Leidenschaft.
Hubert Fichte, 1935 in Perleberg geboren, wuchs in Hamburg auf. Nach dem frühen Ende einer Schauspielerkarriere lebte er seit 1951 in Frankreich als landwirtschaftlicher Gehilfe und dann in Paris als Mitarbeiter in einer Obdachlosen-Einrichtung. 1955 Rückkehr nach Deutschland, landwirtschaftliche Lehre Aufenthalt in Schweden und wieder (als Schäfer) in Südfrankreich. Seit 1962 freier Schriftsteller. Sein erster großer Erfolg war der Roman »Palette« (1968), sein größtes Projekt »Die Geschichte der Empfindlichkeit«. Hubert Fichte starb 1986, vor zwanzig Jahren.
Die erste, noch nicht veröffentlichte Erzählung
Hubert Fichtes – die zärtliche Geschichte einer kurzen Nacht.
ÜBER DEN HERAUSGEBER
Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt erschien »Hubert Fichte und Leonore Mau. Eine Werkschau«, 2005.
Jule Körber
[…] Schon bevor ich die "St. Pauli-Geschichte" las, war Fichte für mich der große Hamburger Stadtschreiber. Doch mit dieser Erzählung erschüttert mich nicht nur der Stadtschreiber Fichte, sondern auch der Homosexuelle Hubert. […]
Davidstraße. – Über der Elbe ein Dunstlicht von Werften und Schiffen. – Eine Frau zieht vorbei; drei Katzen und fünf Hunde hält sie an kleinen Zügeln. – Der Duft des Flusswassers weht heran. Doch ich will nicht zum Strom hinunter. Um diese Zeit breitet sich am diesseitigen Ufer eine graue, – schwarze, – schwerblaue Einsamkeit zwischen Häuser und Gerüste. – Ich kehre dem Hafen den Rücken –, ich schlage auch nicht den Weg zum Pinnasberg ein, mit den vertrauten und unheimlichen Schenken und schlendre sogar an dem freundlichen Konditorladen voll billiger, kranker Mädchen vorüber.
Mich erfüllt ein unerträglicher Durst in der lauen Vergnügungsunruhe.
Die Lichter der Reeperbahn zucken auf, zittern, – verlöschen und blitzen heftiger wieder hervor. – Eine gleißende, bonbongetönte Fuge.
Ich gehe in die "Lorelei". Neulich bei meinem nächtlichen Streifzug durch homosexuelle Lokale habe ich sie ausgelassen.
Auf den Tischen stehen Getränkekarten; das Bier hier ist nicht teurer als in jeder gewöhnlichen Kneipe. Es fehlt jener peinliche Geruch der Vereinskrämerei, welcher sich in gewissen Bars schon durch die teuren Getränkepreise aufdrängt.
Auf den zweiten Blick entdecke ich einen prominenten Buchhändler der Hansestadt. Wir begrüßen uns distanziert.
Arbeiter sonst. –
Sie trinken ihr Bier und sehen sich tief in die Augen. An der Theke lehnen sie dicht nebeneinander. – Ich kann ihnen wohl ansehen, dass sie "so" sind. Dennoch wirken sie natürlich, unauffällig, einfach. Vielleicht sind sie nur ein wenig sentimentaler, als sie es sonst wären.



