Ins Land meiner Mutter
Die »Rumänische Reise« wird für Nicolaus Sombart zu einer Reise in das Leben seiner Mutter, Corinna Léon, die in Rumänien aufwuchs, eine große Karriere als Wissenschaftlerin vor sich hatte, dann aber plötzlich nach Berlin fortging, wo sie seinen Vater, den berühmten, erheblich älteren Professor Werner Sombart heiratete.
Anlaß der Reise ist eine Einladung zu einer Internationalen Konferenz für Zukunftsforschung in Bukarest im Jahr 1972. Er soll einen Vortrag über den utopischen Revolutionär Charles Fourier halten, über das Glück und die Emanzipation in einer freien, egalitären Gesellschaft – ein ironischer Kontrast zu dem politischen Rahmen, in dem dieser Kongreß stattfindet. Ganz im Sinne Fouriers steht die Reise auch im Zeichen einer exzentrischen Liebesbeziehung – die Steigerung erotischer Erfahrungen im Amour à trois.
Im Zentrum aber steht die Geschichte seiner Mutter, seines Großvaters, der bürgerlichen Großfamilie, die Sombart als kleiner Junge in den zwanziger Jahren bei Besuchen in Rumänien mit seinen Eltern noch erlebt hatte und in euphorischer Erinnerung hielt. Er besucht das Anwesen »Crévédia«, den luxuriösen Familienpalast, Schauplatz vieler familiärer Feste – und nun, nach der Enteignung, grausam verunstaltet als Kantine für Medizinstudenten. Er begegnet Freunden und Verehrern seiner Mutter, besucht Cousinen und Cousins – und erfährt schließlich den wahren Grund der plötzlichen Flucht seiner Mutter aus Rumänien: das Geheimnis einer tragischen Liebe.
Das Panorama einer untergegangenen großbürgerlichen Welt, die abenteuerliche Geschichte seiner rumänischen Vorfahren – und die Entdeckung einer tragischen Liebe seiner Mutter.
ÜBER DEN AUTOR
PRESSESTIMMEN
Volker Weidermann
Stephan Sattler
»[…] Das autobiographische Buch mit dem Untertitel »Ins Land meiner Mutter« gibt sich als Reisebericht aus. Sombart war im Jahr 1972 nach Rumänien gereist, um in Bukarest an der Internationalen Konferenz für Zukunftsforschung teilzunehmen und einen Vortrag über seine Leitfigur Charles Fourier zu halten. Doch die Konferenz bietet nur den Anlaß für etwas Dramatischeres. Da ist einmal die verrückte Liebesgeschichte mit Isabelle, einer jungen Dame, die den kurz vor den Fünfzigern stehenden Autor auf den Balkan begleitet, und da ist die aufregende Wiederentdeckung der Welt seiner Mutter Corinna Léon, die einst dem »berühmten« deutschen Professor nach Berlin gefolgt war. Im Kontrast zur realsozialistischen Trostlosigkeit entspringen dem Gespräch mit den rumänischen Verwandten wunderbare Erinnerungsbilder eine lebensfrohen Zeit, die Nicolaus als Kind vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Zwischen die Hommage an dieses fast märchenhafte Rumänien schieben sich intime, deftige Reden mit Isabelle über sexuelle Befreiung und »Liebe zu dritt«. Sombart, der hoch amüsante Salonphilosoph im Berlin der vergangenen drei Jahrzehnte, hat ein brisantes Dokument seines Begehrens vorgelegt – stets voller Esprit.«
Stephan Schlak
[…] Als Anfang der siebziger Jahre das Paradies der freien Liebe in der alten Bundesrepublik im ewigen WG-Küchengespräch vorläufig zu enden droht, entdeckt Sombart ausgerechnet im so wenig dandyhaft anmutenden Rumänien einen neuen Sehnsuchtsort. Sombarts erotische Reise zum Zukunftskongreß ist gleichzeitig auch eine Reise in die Vergangenheit – eine Spurensuche im Lande seiner rumänischen Mutter Corinna. Als Kind hatte der kleine Nicolaus im Orient-Express das Balkan-Fürstentum bereist und an langen, feudalen Tafeln gespeist. Aus der Erinnerung taucht zwischen den Reisenotaten das mythische Rumänien wieder auf – Orte wie Jassy oder Crevedia voller Pracht und Glanz, die »Bukarest wie ein Collier umgeben und den Zauber seiner Umgebung ausmachen«. [...]
Nach Rumänien hatte sich Anfang der zwanziger Jahre auch der Gelehrte Werner Sombart aufgemacht, um die dreißig Jahre jüngere Corinna zu heiraten. Immer wieder drängelt sich Nicolaus Sombarts übermächtiger Vater auf der »Rumänischen Reise« ins Bild. Schon bei seiner Geburt habe Werner Sombart gespottet, daß aus dem Jungen nichts Großes werden würde. »So liebte ich es auch«, erinnert sich der überzeugte Warmduscher Sombart an seinen kalten Vater, »im Warmen, bei aufgedrehter Heizung, zu schlafen. Er kam jeden Abend in mein Zimmer, um sie abzustellen.« Eines Tages wird der geliebte Diwan weggesperrt [...]
Jan Decker
[…] Man nimmt von diesem Reisetagebuch mit einem Gefühl der Melancholie Abschied. Nicolaus Sombart ermisst am Ende seiner Rumänischen Reise, dass sich unsere Begierde in den dominanten Kontexten von Familie und Gesellschaft auflösen kann. Womit verhüllen wir unser Wissen, um es wieder attraktiv erscheinen zu lassen? Reichlich Stoff zum Nachdenken ist vorhanden.
http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=13254
LESEPROBE
Das große weiße Haus war immer voll belegt und füllte sich zu den Essen mit Freunden und Verwandten, die von Bukarest oder benachbarten Gütern kamen. Jeder, die Alten wie die Jungen, tat nur, was ihm gefiel, wie zum Beispiel Tante Bica, die ihre Staffelei vor eine Blumenrabatte in den Schatten eines weißen, mit Spitzen durchbrochenen Sonnenschirms stellte, oder wie Onkel Genica, der es aus Gründen der persönlichen Bequemlichkeit vorzog, den ganzen Tag im Pyjama zu bleiben.
Diese feudale Bequemlichkeit entsprang dem fabelhaften, sich aus Industrie und Ölgeschäften herleitenden Reichtum Virgile Alimanestianus, des Ehemanns von Mamans zweiter Schwester, Ninette, der mit Abstand schönsten der drei Töchter der Familie Léon, welche am meisten der Mutter mit ihren wunderbaren Haaren glich, ohne dabei den geringsten Anspruch auf Intellektualität zu besitzen.
Seine Mutter, Corinna Léon,
Zwanziger Jahre
Onkel Virgile war ein großer, etwas schwergewichtiger Mann, der gar nicht, aber auch wirklich in gar keiner Weise einem Rumänen glich, denn er hatte aschblondes, gescheiteltes Haar, einen blonden Schnurrbart und große, hellblaue Augen.
Sein einziges Vergnügen schien darin zu bestehen, diejenigen, welche ihn umgaben, glücklich zu machen und die Lebensbedingungen, die er ihnen bot, zu verbessern, damit sie sich umso wohler fühlten. Ich erinnere mich nicht, jemals mit ihm gesprochen zu haben, ohne daß er mich gefragt hätte, ob er mir einen Wunsch erfüllen oder eine Freude machen könne. Eines Tages sagte ich ihm, daß ich Lust hätte zu zeichnen. Er schickte sofort einen Chauffeur nach Bukarest, um mir zu beschaffen, was ich brauchte. Ich bekam – und dies vom besten Lieferanten – gleich Zeichenmaterial für mehrere Jahre.
Vielleicht bezeugte er mir gegenüber eine besondere Aufmerksamkeit, die ich nicht als solche zu erkennen wußte, da ich ganz einfach dachte, daß er mit allen anderen ebenso umging wie mit mir. Und wirklich war die große Liebe dieses Mannes, die Liebe seines Lebens meine Mutter ...

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