Marc Svetov :
Roman
LESEPROBE
TRUMAN PLAZA, GERMANY
Roman
Ein junger Amerikaner verläßt Boston, um seiner Freundin Millie nach Deutschland zu folgen und dort weit weg von der nervenden Familie sein Glück zu finden. Was dann passiert, gleicht aber eher einem turbulenten Comic: In Berlin angekommen, erfährt Alan nicht nur, daß seine Freundin mit einem hawaianischen Riesen liiert ist, sondern daß sie ihn in eine Stadt gelockt hat, die von lauter Verrückten besetzt scheint. Er kommt zunächst in einer Wohngemeinschaft unter, die von einem erfolglosen Parapsychologen kommandiert und täglich um einen neuen Untermieter erweitert wird; er besucht die Mensa der Universität, in der ihn die ganze Wucht der Dritte-Welt-Konflikte trifft; er arbeitet in einer Großwäscherei für die Army (wir sind in den achtziger Jahren), trifft im PX-Shop am Truman Plaza merkwürdigste Gestalten: Mohammedaner, orthodoxe Russen, ungläubige Juden, großmäulige CIA-Agenten, die ihn in Verbindung bringen zu schüchternen Widerständlern in Ost-Berlin. Er darf aber auch Elfriede kennenlernen und Baldur und Almut, die ihn mit der exotischen Ordnung deutschen Familien- und Liebeslebens vertraut machen. Nachdem Millie ihren Hawaianer verprügelt hat und somit wieder »frei« wird, nimmt Alan Ballett-Unterricht, um seine Chancen zu erhöhen – aber vergeblich: das Chaos hat ihn fest im Griff: Erstickungsanfälle, Fieberwahn lassen ihn im Krankenhaus landen; die Eltern, vor denen er doch fliehen wollte, erscheinen; der Vater ist plötzlich in Pearl Harbour und bereitet die Invasion vor, um Alan aus Deutschland zu befreien …
ÜBER DEN AUTOR
Marc Svetov, 1951 in Chicago geboren, lebt seit 1978 als Übersetzer, Büroangestellter, Ghost-Writer und Autor in Berlin
.LESEPROBE
»Du weißt wahrscheinlich, wo der Bahnhof Zoo ist? Die Buchhandlung dort … Heinrich Heine?«
Ich stimme zu. »Unter der Bahnbrücke. In einer Stunde?«
In den Laden rannte ich jedesmal, wenn ich meiner schrecklichen Lage entfliehen wollte. Die vergangenen neun Nächte hatte ich wachend verbracht, während die beiden Spitzhörnchen sich knuddelten im Bett und einander in den Armen haltend einschliefen. Millie und Harvey konnten es nicht erwarten, daß der Eindringling endlich verschwand. Genug! Es hatte eine Zeit gegeben, als das Weibstück in meinen Armen schlief!
Zwanzig Minuten zu laufen, den Ku'damm hinunter, Joachimstalerstraße links, um zum Buchladen zu gelangen.
Als ich frisch angekommen war, hatte ich gestaunt über die vielen gutgebauten Prostituierten in Stiefeln, die auf der zentralen Einkaufsstraße auf Kunden warteten. Ich hatte kein Geld, jedenfalls nicht für solche Genüsse.
Hure neben Hure! An jedem Block! Geflüsterte Versprechen: »Nur sechzig Mark!« Lange Spaziergänge unternahm ich durch die Stadt, um nicht daran denken zu müssen, vorbei an Scharen flüsternder Huren, und konnte nicht für eine Minute aufhören, daran zu denken.
Zoo. Vor der Buchhandlung steht ein Mann. Er trägt eine Hornbrille, sein schwarzes, ergrauendes Haar ist wie Einsteins zu einem wilden Schopf aufgebürstet. Größer als ich, muskulös, athletisch. Howard Hermagne macht einen ganz netten Eindruck.
Er schlägt vor, die Hardenbergstraße hinaufzuspazieren, er wolle in der Mensa der Technischen Universität essen. Dort könnten wir die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen. Die Technische Universität befindet sich am Ende der Hardenbergstraße, und die Gegend ringsum ist mit Studenten bevölkert, die afrikanische Dashikis tragen, Sikh-Turbane, auffällig lange, gedrehte Schnurrbärte, die in allen Zungen reden: Arabisch, Suaheli, Berberisch, Japanisch, Koreanisch.
Howard zischt mir ins Ohr: »Paß auf, was du sagst, wenn du in ihrer Nähe bist!«
Ich sehe mich um, um zu verstehen, was er meint. »Sie belauschen jedes Wort, das wir reden«, erklärt er und schaut mißtrauisch um sich.
»Aber wir haben doch nichts gesagt, Howard.«
»Tut nichts. Und spreche ja nicht über Israel.«
»Darüber spreche ich nie.«
Auch als wir die Mensa betreten, vergewissert er sich, daß niemand in unserer Nähe ist. Hunderte von langen Tischen, die von schreienden, essenden, gestikulierenden ausländischen Studenten besetzt sind. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendeiner davon Interesse hatte, mich zu belauschen. Mit unseren beladenen Tabletts in den Händen finden wir zwei freie Plätze an einem Tisch, an dem bereits ein paar dunkeläugige Maschinenbaustudenten sitzen, die in schnellem, kehligem Arabisch diskutieren und entweder gegensätzliche Ansichten schreiend verteidigen oder leidenschaftlich miteinander übereinstimmen. Mein neuer Wohnungsgenosse nickt mit dem Kopf. »Sieh dir diese Etrusker an! Perser! Weiß Gott!« kichert er.
Ich sehe mich vorsichtig um. Unsere Tischkumpane stechen mit ihren Gabeln in die Luft, während sie Reden schwingen. Howard stochert in seinem Essen. Er schiebt sich eine Gabel voll Kartoffeln in den Rachen. »Lenk ihre Aufmerksamkeit nicht auf uns«, zischt er, »sie können es an unseren Nasen sehen, daß wir …«, sein Flüstern ist fast unhörbar, »… Juden sind!«
»Was ist los«, frage ich. Ich scherte mich nicht um lärmende Studenten. Später werden sie Dämme bauen, Brücken, Raketen, Moscheen. Der Punschab den Indern! Bangladesch den Pakistani! Spanien den Mauren!
Na und?
»Dritte-Welt-Ignoranten«, murmelt Howard und zeigt auf die Studenten. »Israel könnte sie im Handumdrehen besiegen. Alle tot!« Er kneift die Augen zusammen, zielt mit dem Zeigefinger wie mit einer Pistole und krümmt ihn, um zu feuern. Er nimmt eine Feldmarschall-Haltung an, späht hinab in die Welt der Elektronikstudenten und wischt sich den Mund ab. Niemand beachtet uns.
»Du solltest so nicht reden, Howard!«
»Warum nicht?«
Ich stimme zu. »Unter der Bahnbrücke. In einer Stunde?«
In den Laden rannte ich jedesmal, wenn ich meiner schrecklichen Lage entfliehen wollte. Die vergangenen neun Nächte hatte ich wachend verbracht, während die beiden Spitzhörnchen sich knuddelten im Bett und einander in den Armen haltend einschliefen. Millie und Harvey konnten es nicht erwarten, daß der Eindringling endlich verschwand. Genug! Es hatte eine Zeit gegeben, als das Weibstück in meinen Armen schlief!
Zwanzig Minuten zu laufen, den Ku'damm hinunter, Joachimstalerstraße links, um zum Buchladen zu gelangen.
Als ich frisch angekommen war, hatte ich gestaunt über die vielen gutgebauten Prostituierten in Stiefeln, die auf der zentralen Einkaufsstraße auf Kunden warteten. Ich hatte kein Geld, jedenfalls nicht für solche Genüsse.
Hure neben Hure! An jedem Block! Geflüsterte Versprechen: »Nur sechzig Mark!« Lange Spaziergänge unternahm ich durch die Stadt, um nicht daran denken zu müssen, vorbei an Scharen flüsternder Huren, und konnte nicht für eine Minute aufhören, daran zu denken.
Zoo. Vor der Buchhandlung steht ein Mann. Er trägt eine Hornbrille, sein schwarzes, ergrauendes Haar ist wie Einsteins zu einem wilden Schopf aufgebürstet. Größer als ich, muskulös, athletisch. Howard Hermagne macht einen ganz netten Eindruck.
Er schlägt vor, die Hardenbergstraße hinaufzuspazieren, er wolle in der Mensa der Technischen Universität essen. Dort könnten wir die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen. Die Technische Universität befindet sich am Ende der Hardenbergstraße, und die Gegend ringsum ist mit Studenten bevölkert, die afrikanische Dashikis tragen, Sikh-Turbane, auffällig lange, gedrehte Schnurrbärte, die in allen Zungen reden: Arabisch, Suaheli, Berberisch, Japanisch, Koreanisch.
Howard zischt mir ins Ohr: »Paß auf, was du sagst, wenn du in ihrer Nähe bist!«
Ich sehe mich um, um zu verstehen, was er meint. »Sie belauschen jedes Wort, das wir reden«, erklärt er und schaut mißtrauisch um sich.
»Aber wir haben doch nichts gesagt, Howard.«
»Tut nichts. Und spreche ja nicht über Israel.«
»Darüber spreche ich nie.«
Auch als wir die Mensa betreten, vergewissert er sich, daß niemand in unserer Nähe ist. Hunderte von langen Tischen, die von schreienden, essenden, gestikulierenden ausländischen Studenten besetzt sind. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendeiner davon Interesse hatte, mich zu belauschen. Mit unseren beladenen Tabletts in den Händen finden wir zwei freie Plätze an einem Tisch, an dem bereits ein paar dunkeläugige Maschinenbaustudenten sitzen, die in schnellem, kehligem Arabisch diskutieren und entweder gegensätzliche Ansichten schreiend verteidigen oder leidenschaftlich miteinander übereinstimmen. Mein neuer Wohnungsgenosse nickt mit dem Kopf. »Sieh dir diese Etrusker an! Perser! Weiß Gott!« kichert er.
Ich sehe mich vorsichtig um. Unsere Tischkumpane stechen mit ihren Gabeln in die Luft, während sie Reden schwingen. Howard stochert in seinem Essen. Er schiebt sich eine Gabel voll Kartoffeln in den Rachen. »Lenk ihre Aufmerksamkeit nicht auf uns«, zischt er, »sie können es an unseren Nasen sehen, daß wir …«, sein Flüstern ist fast unhörbar, »… Juden sind!«
»Was ist los«, frage ich. Ich scherte mich nicht um lärmende Studenten. Später werden sie Dämme bauen, Brücken, Raketen, Moscheen. Der Punschab den Indern! Bangladesch den Pakistani! Spanien den Mauren!
Na und?
»Dritte-Welt-Ignoranten«, murmelt Howard und zeigt auf die Studenten. »Israel könnte sie im Handumdrehen besiegen. Alle tot!« Er kneift die Augen zusammen, zielt mit dem Zeigefinger wie mit einer Pistole und krümmt ihn, um zu feuern. Er nimmt eine Feldmarschall-Haltung an, späht hinab in die Welt der Elektronikstudenten und wischt sich den Mund ab. Niemand beachtet uns.
»Du solltest so nicht reden, Howard!«
»Warum nicht?«



