Rechenschaft über zwei Reisen
Ende 1972, mehr als 13 Jahre nach seinem »Umzug« von Leipzig nach West-Berlin, und elf Jahre nach dem Bau der Mauer, darf der inzwischen weltweit anerkannte Autor Uwe Johnson zum ersten Mal wieder nach Leipzig reisen: zu seinem Freund, dem Musikwissenschaftler Eberhard Klemm, einem Mitglied des legendären Freundeskreises während Johnsons Leipziger Studentenzeit Mitte bis Ende der fünfziger Jahre.
Diese Reise ist mehr als ein privates Wiedersehen: es ist eine Zeitreise, eine Wiederbesichtigung des »Stadtkreises Leipzig«, eine Wiedererkennung der DDR (und aller Gründe, sie verlassen zu haben), eine Konfrontation mit früheren und aktuell erlebten sozialen und kulturellen Gegebenheiten.
Diese Reise (und eine zweite, etwa ein Jahr später und ebenfalls nach Leipzig) gestaltet sich so bemerkenswert, daß Uwe Johnson zwei weiteren Freunden aus seiner Leipziger Zeit, Klaus und Sabine Baumgärtner (die wie er in den Westen geflohen waren), an deren Stuttgarter Adresse lange Briefe schickt – 15 bzw. 24 dichtbeschriebene Schreibmaschinenseiten nebst jeweils fünf Seiten »Berichtigungen und Nachträge« -, die zu dem Aufregendsten und Kuriosesten gehören, was der geniale Briefeschreiber Uwe Johnson je zu Papier gebracht hat:
(Klaus Baumgärtner in seiner Einleitung)
ÜBER DEN AUTOR
Der Herausgeber Klaus Baumgärtner (1931-2003), Literaturwissenschaftler und Linguist, studierte wie Uwe Johnson in den fünfziger Jahren u.a. bei Hans Mayer in Leipzig und gehörte mit seiner Frau Sabine zum engeren Freundeskreis von Uwe und Elisabeth Johnson; nach seiner Flucht war er zunächst Assistent bei Walter Höllerer in Berlin, dann Professor für Linguistik in Stuttgart.
PRESSESTIMMEN
Märkische Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 2005
Claudia Höhn
Die Besuche der Johnsons in Leipzig bewiesen neben der anhaltenden Freundschaft zugleich ein Fremdgewordensein an der DDR mit ihren alltäglichen Maßregelungen und Anmaßungen. Der ehemalige Student war nun West-Besuch, der sich spaßeshalber im Sächsischen übte und am Ende noch einmal den Beschluss bekräftigt sah, »in diesem Lande nicht zu bleiben«.
Aus diesem kleinen, feinen Buch wird der diesjährige Schauspieler des Jahres, Ulrich Matthes, einige Passagen lesen.
Rainer Paasch-Beeck
[…] Wie wichtig Johnson selbst diese Freundschaften gewesen sind, verdeutlicht ein sehr schönes Buch aus dem Transit Verlag, der auch schon einen Band mit Johnsons Briefen an seinen Kollegen Jochen Ziem vorlegte. […]
Heinz Ludwig Arnold
[…] Zu den kleinen Schriften aus seinem Nachlaß gehört auch die Edition von vier Briefen, in denen Johnson zwei Reisen beschrieb, die er, da sie nach Abschluß des Grundlagenvertrags zwischen BRD und DDR möglich geworden waren, mit Frau und Tochter 1972 und 1973 in die DDR zur befreundeten Familie Eberhardt Klemms (einst Béla genannt) unternommen hatte. Über sie hat er damals seinen Freunden Sabine und Klaus Baumgärtner ausführlich berichtet.
Baumgärtner hat die vier Briefe ediert und mit einem tief in die Geschichte dieser Freundschaft führenden Nachwort versehen - er ist 2003, nicht lange vor der Publikation des Bändchens, im Alter von 72 Jahren gestorben.
Der Freundeskreis, der damals entstand, als Johnson, aus Rostock kommend, mit einem Manuskript des Titels "Ingrid Babendererde" in der Tasche in Leipzig eintraf, existierte von der Mitte bis zum Ende der fünfziger Jahre: ein, wie Rainer Nitsche in einer editorischen Notiz anmerkt, »ungewöhnlich kreativer, sich fast kabbalistisch gegen das realsozialistisch Genormte abgrenzender Kreis junger Menschen, die sich auf selbstbestimmte, neugierige Art der Literatur, der Kunst und der Musik« näherten.
Wer sich »kabbalistisch« den Normen verweigert, braucht eine eigene Sprache, in der er sich klandestin verhalten und im »kabbalistischen« Kreis selbst vermitteln kann. So etwas zeichnet, mit demselben politischen Grund, später die inverse Sprache von Hans Joachim Schädlichs Erzählungen »Versuchte Nähe« aus - und es grundierte auch schon die frühen Briefe Johnsons aus der Leipziger Zeit. Und es bestimmt, als ironische Wiederaufnahme der früheren Übung, diese vier Briefe, die, wie Baumgärtner in seinem Nachwort schreibt, »gewisse Kuriositäten verbergen oder dunkel anklingen lassen, ohne daß ihnen davon wortwörtlich Genaueres abzulesen wäre (womit auch der Naturalismus, der von einer prononcierten Rechenschaft eigentlich zu verlangen wäre, eher verfehlt wird). Die meisten Leser, die sich ohne Warnung den Berichten harmlos anvertrauen, dürfte besonders irritieren, mit welcher Raffinesse sich der Dichter eine Schreibweise zielbewußt heraussucht und zurechtlegt, die praktisch jede Passage mit tückischer Ironie und Leutseligkeit, Sarkasmus und schnöder Nachsicht geradezu durchtränkt.«
So bewahren sie, die Grenze zum Manierierten zuweilen freilich (bewußt) deutlich übertretend, auf scharf sezierende Weise die Verhältnisse in der DDR zu Anfang der siebziger Jahre in einer das grausig Spießige ihrer Gesellschaft komisch spiegelnden Nacherzählung.
Etwa so: »Wir waren in ein Land des entwickelten (L.V.Z.) Sozialismus gereist auch in der Hoffnung, dort vor bürgerlich-atavistischem Mythengut gerettet zu sein, aber womit begrüßte uns hier das Deutsche Reich durch seine Bahn? Mit einem automatisch beleuchteten Tannenbaum. Unser Entsetzen verlor sich erst auf den Treppen der Westhalle in den mächtigen Urinschwaden, die von rechts über uns und die Ecke von Blumen-Hanisch herfielen mit einer Gewalt, als sei sie von Fachleuten zu Forschungszwecken erzeugt. Wer dann seiner Nase nicht traut, ist noch einmal dankbar für sachverständige Begleitung und Auskünfte.«
Solch sachverständiger Auskünfte bedarf auch der Leser der hier nur sparsam kommentierten Briefe. Auch wenn sich ihm nicht jegliche Einzelheit der Briefe erschließt, liefert doch das ausführliche Nachwort Klaus Baumgärtners Ersatz - ein Text, der zuweilen selbst in die klandestine Sprache der frühen Jahre und den sie abbildenden Ton der Briefe schlüpft und in seiner Nachbildung dem Freundeskreis ein letztes ironisches Denkmal setzt: »Folglich, was alles mit dieser Skizze jetzt noch zu sagen bleiben könnte, läuft darauf hinaus, die denkwürdigsten gemeinsamen Momente aufzusammeln für eine Art letzter runder Flaschenpost über Bélas Leipziger Freundesbande, und das heißt auch, wovon und womit er sie über die Jahre zu unterhalten wußte.«
Und heute noch immer ihre und Uwe Johnsons Freunde und Leser.
LESEPROBE
Die wissenschaftlichen Hindernisse begannen im Ostbahnhof um 14:05 mit einer Durchsage, die eine Abfahrt in dieser Station aufkündigte und auf die von Flughafen Schönefeld verschob. Die passende S-Bahn fuhr statt um 14:10 um 14:12, so dass sie die Station Schönefeld erreichte um 14:42, als der D 274 abfahren sollte. Schwer bepackt huschten die Leute über die Treppen auf den hölzernen Querbahnsteig zum angegebenen Niedergang, wo sie von gleich zwei Beamten auf einen noch weiteren gewiesen wurden. Dort stand ein Zug, zur Hälfte aus Doppelstock-, zur anderen aus gewöhnlichen Wagen bestehend, und die Aufsicht rief die Kunden als »liebe Fahrgäste« zu grösserer Eile auf. Als auch Elisabeth eine Tür geentert hatte, war sie nur bewusstlos am Leben.
Die Hindernisse wurden fortgesetzt durch die Kennzeichnung eines der Doppelstockwagen, im hinteren Zugteil, als Nummer 4. Davor und dahinter hatten solche Schilder gefehlt. Im Inneren des Zuges, im Teil der konventionellen Wagen, kam die 4 noch einmal vor. In einem Durchgang lagen zwei Nummernschilder am Boden, jeweils die 2. Durch anhaltendes Suchen nach der uns vorgeschriebenen 3 gelangten wir bequem an die Spitze des Zuges und wollten uns wenigstens auf die Kopf-Qualität des Bahnhofs Leipzig freuen, wenn wir schon falsch sitzen mussten.
Die Freude zu unterstützen, unternahm ich eine Reise zur Getränke-Ausgabe, auf den Eintrag im Fahrplan vertrauend. Das Buffet befand sich im Doppelstockteil, von uns getrennt durch eine verschlossene Tür und blanke Puffer. Diese Aufgabe wurde gelöst durch einen Dauerlauf in Jüterbog, von der Spitze des Zuges zum hinteren Teil, unter anfeuernden Rufen des Begleitpersonals: Junger Mann, steijn Se ein, mr wolln abfahrn! Der Buffetraum bestand aus zwei unteren Teilen des Wagens, gegen die hinteren mit Segeltuch verhängt. Vor der Theke und auf der angrenzenden Bühne fand eine Kundenversammlung statt. Mann aus Aue erklärte sawjetski offizer: Maja schenzina natschalnik; me budet porusski. Ein Junge aus den frühen Erzählungen Hemingways schnitt den Erwachsenen mit Blicken die Augen aus. Von der Familie getrennt, betrachtete ich mit grösserem Entsetzen zwei Schilder auf dem Boden:
wohin wir gar nicht gewollt hatten. Nach Dauerlauf in Wittenberge zum vorderen Zugteil, das Erworbene zwischen sechs Fingern (Kuck mal, der hat Radeberger!), fand ich Kind und Weib gleich hinter der Lokomotive. Elisabeth war enttäuscht von der Limonade, die sie bestellt hatte, und tröstete sich mit dem Kognac, den ich in der Hosentasche für M 3.75 mitführte. Dann kamen wir gleich nach Einnahme des Mittagessens in der Dunkelheit des Ägyptischen Hauptbahnhofmuseums von Leipzig an und Béla sagte: Da seid ihr ja!

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