Ines Geipel :
DAS HEFT
Roman
Ein Mädchen in der fremden, starren Atmosphäre eines abgeschiedenen Internats, anders als die anderen Mädchen und deswegen »die Russische« genannt. Sie beginnt nach ihrer Herkunft zu fragen, provoziert Erinnerungen, die ihr und anderen gefährlich werden.
Der erste Roman einer vielversprechenden Autorin.
ÜBER DIE AUTORIN
Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, aufgewachsen in Thüringen, Leistungssportlerin, Anfang der achtziger Jahre Mitglied der 4 x 100 m-»National«-Mannschaft der DDR, Mitte der achtziger Jahre Abbruch ihrer Sportlerinnenkarriere, Studium der Germanistik in Jena, dann 1989 Flucht nach Darmstadt. Dort Studium der Philosophie. Sie lebt in Berlin und Darmstadt und unterrichtet an der Film- und Fernsehhochschule Babelsberg.
LESEPROBE
Ich sah sie nicht laufen, nie sah ich sie kommen über die Felder hinter dem Ort, kein Lachen, keine Stimme, kein Ansturm gemeinsamer, nur uns gehörender Augenblicke, keine doppelten Namen. Sie war hier die Russische. Es war der Name für das, was wir nicht wollten, in aller Entschiedenheit, jedenfalls in der Entschiedenheit, die uns möglich war, an diesem Ort, zu dieser Zeit. Es war das, was wir nicht wollten und uns überall begegnete, uns nachkam, was wir an dieser Schule zu lernen hatten.
Sie war schmal, weiß, ungeformt, hatte etwas Verschrecktes, immer wieder trat sie in unsere Runden, versuchte zu sprechen, uns anzusprechen, und wir versuchten, sie nicht zu verstehen. Sie sprach stockend, in zu hart anschlagenden, losen Tönen, mit unabsehbaren Pausen, kurbelte mit den Händen, weil ihr die Worte entkamen. Die Anstrengung zum Nichtverstehen verunsicherte uns; zusätzliche Möglichkeit für unseren Haß.
Die Tage an der Schule waren eintönig. Die fremde Sprache, die am Morgen bereits durch die Waschräume hallte: Was nochmal heißt, ich kämme mir die Haare, sag schnell ich bin noch müde, geht ohne mich zum Frühstück.
Der Satz vom Vortag rasselte noch immer in den Köpfen, der Satz, den der Diktator, so nannten wir den Direktor, immer wieder aus unserer Sprache in die andere übertragen hatte: Ich schäme mich für euch, für euch schäme ich mich! Wie er die Worte der einen Sprache in die andere schickte, wie die Worte übereinanderherfielen, auf der anderen Seite des Wortes der anderen Sprache anschlugen, sich drehten, wieder zurückhetzten.Wovon es abhing, wofür die Scham galt – uns erneut entfallene Worte, unser Spiel, unser Lärmen – wir wußten, daß es unnötig war, dafür Erklärungen zu suchen. Ich schäme mich für euch, diese fünf Worte, in welcher Sprache auch immer, waren lange schon kein Signal mehr in Anbetracht der uns immer weniger gehörenden, von dunklen Zeremonien ausgestopften Körper, auf dem grauen Pflaster stehend, frierend.
Ich wartete nach dem allmorgendlichen Auftritt des Diktators, welches Wort in mir wohl das erste wäre, welches zuerst wieder aufsteigen würde: Hörst du den Zug und es sollte doch diesmal sehr weit gehen, siehst du die aufsteigenden Tänze im Lichthof, du wirst für immer ausgeschlossen sein, hörte ich, wie in einen alten Traum zurückfallend.
Die Schulglocke rief, wir verstreuten uns still in die Lernzimmer.

180 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag
fadengeheftet
14,80 €
ISBN 978-3-88747-146-0
gebunden mit Schutzumschlag
fadengeheftet
14,80 €
ISBN 978-3-88747-146-0


