Eine Kindheit Mitte der siebziger Jahre. Ein Junge wächst auf bei seinen Großeltern (den beiden »Störchen«) in einem kleinen, abgelegenen Ort an der »Europastraße 60«. Der Großvater ist Rumäne, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener Gendarm und entschiedener Gegner »Dieser«, der Macher in Bukarest; die Großmutter deutschstämmig und in der Tradition der Siebenbürger Sachsen lebend, wacht über Hof und Familie und darüber, dass der Großvater nicht zu oft in der Dorfkneipe gesehen wird. Die Eltern leben in Bukarest, wo der Vater als Theaterregisseur arbeitet. Selten haben sie Zeit, ihren einzigen Sohn zu sehen oder ihm die große und befremdliche Stadt Bukarest zu zeigen.
Die beschauliche, fast unheimliche Ruhe des Dorf- und Familienlebens erfährt aufwühlende Unterbrechung durch Verwandte, mal »Ausdeutschland«, mal aus der Walachei, die mit ihren Autos (mal Mercedes, mal Dacia) und wunderbaren Mitbringseln Aufsehen und Freude erregen und manchmal Sehnsucht nach einem anderen Leben hinterlassen.
Diese scheinbare Idylle ist endgültig dahin, als »Diese« den Vater aus seinem Theater entlassen und den Großeltern ihr Haus wegnehmen ...
Claudiu M. Florian, zweisprachig aufgewachsen, schreibt im Deutsch seiner Kindheit; die Einfachheit der Sprache entspricht nicht nur der kindlichen Perspektive – sie ist auch ein zauberhaftes Kunstmittel, um die familiären, örtlichen und politischen Verhältnisse in unverwechselbarer, skurriler oder komischer Sicht- und Ausdrucksweise lebendig zu machen.
ÜBER DEN AUTOR
PRESSESTIMMEN
Berliner Zeitung, 16. April 2009
Ingeborg Ruthe
Großmutter ist ein Storch, Großvater auch. Und der Sechsjährige Ich-Erzähler, zumindest ein halber. Die andere Hälfte des Zugvogels hätte ein Brüderchen sein sollen. Notfalls eine Schwester. Daraus ist nichts geworden. Mutter und Vater waren immer weit weg.
Mit solch skurriler poetischer Symbolik hält der Autor den Leser von "Zweieinhalb Störche" in Atem. Er lässt einen staunen, auflachen und an absurd melancholischen Absätzen ungläubig fragen, wie Claudiu M. Florian, geboren vor knapp 40 Jahren in Reps (Rupea), Spross siebenbürgisch-sächsischer und rumänischer Vorfahren gleichermaßen, sich so haarklein an genau zwei Jahre seiner Kindheit zu erinnern vermag. […]
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http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0416/bcher/0016/index.html
Neues Deutschland, 16. Januar 2009
Benjamin Jakob
Ost-Europa scheint ein unerschöpfliches Reservoir an frischen, gut erzählten Prosastoffen zu sein. Der Romancier Claudiu M. Florian (Jahrgang 1969) stammt aus einem Ort in Siebenbürgen, einem Städtchen mit Burg zwischen Sighisoara (Schäßburg) und Brasov (Kronstadt). Er wuchs zweisprachig auf, deutsch-rumänisch. Mit elf verschlug es ihn nach Bukarest, das Ende der Ära Ceausescu 1989 erlebte er beim Militär; er studierte Germanistik und Geschichte, wurde dann Diplomat. Seit ein paar Jahren arbeitet Florian an Rumäniens Botschaft in Berlin, derzeit als Presseattaché.
Mit seinem ersten Buch kehrt der Autor zurück in das Kindheitsland der frühen Siebziger, zurück in die eigene Biografie. Der Held des Romans ist fünf/sechs Jahre alt, ein Knirps, der jedes Storchenpaar mit Nachwuchs um das intakte Familienleben beneidet. Der Kleine lebt bei den Großeltern in einem siebenbürgischen Nest. Die beiden Alten – Iorgu ist Rumäne, Anni eine Siebenbürger Sächsin – sind für ihn Vater und Mutter. Die leiblichen Eltern leben an einem fernen Platz, Bukarest genannt; Fremde sind sie, die manchmal nur zu Besuch erscheinen. Familienvorstand ist die Großmutter, Anni, streng und deutsch, die Hüterin von Haus und Hof. [...]
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http://www.neues-deutschland.de/artikel/142225.indeutschland-jammernswerter-ort.html
Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (ADZ), 19. Dezember 2008
Jens Langer
[…] Angetan legen wir dieses fesselnde Buch aus dem Südosten Europas aus der Hand. Wir möchten gern mehr erfahren.
Den vollständigen Artikel lesen:
http://www.adz.ro/k081219.htm#2
Neue Zürcher Zeitung, 3. Januar 2009
Markus Bauer
[…] Aus der Karpatenlandschaft kommt auch Florians «Roman einer Kindheit in Siebenbürgen», der reizvoll ist wegen seiner unprätentiösen und genauen Erzählweise, in der die topografischen und historischen Informationen eher Sache der Erwachsenen sind, der Onkel «Ausdeutschland» etwa. Ein genaues Abhören des Tonfalls ihrer Gespräche bei vielfachem kindlichem Nichtverstehen produziert den abgründigen Witz dieser nur an der Oberfläche auf Naivität setzenden Miniaturen eines bei «sächsisch»-rumänischen Grosseltern aufwachsenden Kindes. Es gelingen zahlreiche Szenen, die das Alltägliche und zugleich Besondere seiner kleinen Welt um den Hof der Grosseltern in einem Dorf Siebenbürgens mit dem Nebeneinander von Sprachen, Menschen und der «grossen» Geschichte zeichnen.
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/kindheit_in_siebenbuergen_1.1631295.html
DeutschlandRadio Kultur
Siebenbürgische Zeitung, 6. Dezember 2008
RBB Inforadio Kultur, 18. November 2008
[…] Affirmativ, mit den kindlich-naiven Augen eines Sechsjährigen, blickt der heutige Presseattaché der Botschaft Rumäniens in seinem Romanerstling zurück auf seine Kindheit in Siebenbürgen Mitte der 70er Jahre. In filigranem Altdeutsch meistert er die Geheimnisse abgelegener Orte an der "Europastraße 60", fängt das mit Toleranz gepaarte "Vielerlei" der Idiome und Bräuche ein. Souverän überspringt er die Klippen zwischen Menschen, die wie der Großvater, von Hause aus, Rumänen sind, und deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen, wie die Großmutter - und einem übermächtigen Regime, das mit dem Namen des Diktators Ceausescu verbunden ist. Der Hof ist die Mitte seiner kleinen Welt, in der die Besucher aus Deutschland für so viel materiellen Wirbel sorgen, dass "Indeutschland" zum feststehenden Begriff für das gelobte Land wird. Es ist die genuin kindliche Perspektive, die diese Landeserkundung mit bitterem Ende spannend macht.
Heike Geilen - www.sandammeer.at , 8 / 08
[…] Fazit: »Zweieinhalb Störche« ist ein kurzweiliger und beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa - das deutschsprachige Siebenbürgen in Rumänien. Es sind Geschichten aus der Erinnerung des Autors. Geschichten, die er selbst erlebt oder gehört oder aber erzählt bekommen hat. Schön, dass Claudiu M. Florian daraus diese Geschichte gemacht und sie dadurch der Nachwelt erhalten hat.
LESEPROBE
Einer ist Seiburg, wo der Otata lebt, der Urgroßvater. Von oben, von der Burg, sind nur die Bergkämme ringsherum zu sehen, und hin gelangt man nur mit dem Bus. Dort wird meist Sächsisch geredet, von manchen hier gar nicht zu verstehen, und mehr auf der Erde und mit der Erde umgegangen, da die Gassen dort meist irdig und nur vor den Häusern gepflastert sind, mit Bachstein, und noch vor dem Ortseingang die Menschen sich beschäftigt auf den Feldern über die Erde beugen und diese bezupfen oder mit langstieligen Geräten durchkneten. Täglich taucht ein ratternder Bus voller Menschen bis auf den Seiburger Grund, setzt dort ein paar ab und holt Stunden später ein paar auch wieder zurück, darunter ab und zu dieselben, nämlich die Großmutter und mich. Er bringt uns hin, zur zahlreichen Sippschaft, und schafft uns zurück, zum alleinigen Großvater.
Dann gibt es Dacia. Das Dorf liegt zwischen unserem Ort und Seiburg und ist von oben, von der Burg, zu sehen, mit der Spitze seines Kirchturms und ein paar Dachgiebeln inmitten der Hügellandschaft. Auch dort steigen jedes Mal welche aus dem Bus ab und auf. Dacia ist kaum mehr als eine kurze Zwischenstation, mit ein paar ewig wartenden Leuten, ein kurzer Halt auf dem Weg vom örtlichen Himmel zur Seiburger Erde.
Und dann gibt es Indeutschland. Es ist ein Ort anerkannt wie ungreifbar, ihn gibt es, und aber es gibt ihn nicht. Indeutschland ist nirgendwo zu sehen, auch nicht von oben, von der Burg. Trotzdem scheinen alle davon Bescheid zu wissen und trotzdem kommen immer wieder von dort bekannte Figuren. Sie sorgen kurz für Gespräch und Aufregung, um dann wieder zu verschwinden. Doch selber hinfahren, wie nach Seiburg zum Otata, bloß um sie zu besuchen, das geht nicht. Kein ratternder Bus scheint dorthin zu fahren, das Land gibt es nur in den Geschichten, die man darüber erzählt, und es sind diese, die häufig raren, mitgehörten, schwindenden und immer wieder neu auflebenden Geschichten, die es zum Märchen werden lassen. Zum Märchenland. Die wenigen von hier, die irgendwann auswandern, die ziehen ins Märchenland und dann gibt es auch sie nicht mehr. Nur von Zeit zu Zeit treten sie wieder in Erscheinung, werden für ein paar Tage wieder zu denen, die sie einmal waren, und erzählen nun ihrerseits Geschichten.

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ISBN 978-3-88747-235-1
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