Memo-Arien
Ein Sonnabend im März 1967 im vornehmen Regent's Park, mitten in Swinging London | ein junger Mann, ein Ball | er schießt auf 's Tor, ein anderer hält | ein ziemlich großes Hundewesen | schnappt den Ball | Angst der Fußballspieler | eine geschmeidige Stimme | die Stimme von Paul McCartney | ein Dialog, der aus einem Satz besteht | eine Pause bei den Studio-Aufnahmen für die neue LP »Sgt. Pepper's Loneley Hearts Club Band« |
Diese banale Episode erweitert, variiert, verfeinert, verwirft F. C. Delius in mehr alsfünfzig literarischen Kompositionen – eine mal ironisch-spielerische, mal pathetische,mal lockende, mal verdrehte Arie auf eine Zeit erweiterter Horizonte, schöner Lockerungen, schmeichelnder, kaum schwindender Augenblicke, in der die eigenen Möglichkeiten mit dem englischen Rasen um die Wette wuchsen. Ein Spiel, das seit Queneau's »Stilübungen. Autobus S« (1947) nicht mehr gespielt wurde ...
»Friedrich Christian Delius ist ein Meister stilistischer Bravourstücke.«
Süddeutsche Zeitung
ÜBER DEN AUTOR
Nürnberger Nachrichten, 13. September 2005
radl
[…] In diesem Zusammenhang sei Fans das neue Buch von Friedrich Christian Delius empfohlen: »Die Minute mit Paul McCartney«. Der Berliner Schriftsteller bezieht sich auf eine kuriose Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1967, die er dann in allen möglichen Perspektiven und Varianten umdichtet. Angeblich hat damals MacCartneys Hund in einem Londoner Park zwei junge Männer gebissen. Die heiteren Memo-Arien enden mit einer unfreiwillig-komischen Gegendarstellung von Paul McCartney. Die 66 kurzen Texte sind ein literarischer Spaß für McCartney-Fans. […] Witzig!
Neue Ruhr Zeitung
Jens Dirksen
LESEPROBE
Memo. An einem Londoner Samstagnachmittag im Frühjahr, Anfang bis Mitte März 1967, fuhren mein Freund Bruno und ich von unserer Wohnung in der Victoria Road in Kilburn zum Regent's Park. Das Auto, einen alten Fiat 500, stellte ich an der östlichen Parkseite ab, Bruno trug den Lederball, und wir liefen zu den Fußballfeldern, mittelgroße Plätze mit einfachen Torstangen ohne Netze. Wir schossen und kickten den Ball hin und her, mal ging der eine ins Tor, mal der andere. Auf einmal kam uns ein Hund dazwischen, ein großes, zotteliges, weißes Vieh, und schnappte nach dem Ball vor meinen Füßen, wollte mitspielen, und ich, kein Freund dieser Tiere, wich zurück, der Hund blieb am Ball. Nun trat ein junger Mann auf zu uns, dessen Mantel ähnlich zottelig war wie das Fell seines Hundes, rief einen Namen und sagte, sich mit einem freundlichen Lächeln entschuldigend, "Don't be afraid, she's a coward!" Unsere Sprachkenntnisse waren mäßig, wir verstanden die Bedeutung von "coward" nicht.
Erst in diesem Augenblick, als er schon abdrehte, erkannte ich das Gesicht, es war Paul McCartney. Auch Bruno hatte den Beatle identifiziert. Aber selbst ihm gelang keine Antwort, nicht einmal ein Gruß oder ein "Good luck, Paul!". Der hatte es eilig weiterzugehen, der Hund folgte ihm. Denn neben uns, hinter Rhododendronbüschen (oder Haselnussbüschen?), war ein Schwarm junger Mädchen aufgetaucht, die juchzend und kichernd hinter McCartney und seinem Hund herjagten. Auf dem gewundenen Weg zwischen Bäumen und Zierbüschen sahen wir den Beatle immer schneller werden, auf der Flucht vor den aufdringlichen Verehrerinnen, die auch schneller wurden, aber ihn, soweit mein Auge reichte, doch nicht erreichten und dafür umso lauter kreischten.
Es dauerte also ein wenig, bis wir begriffen: Das war wirklich Paul McCartney! Und wir setzten das Gekicke noch eine Weile fort. Zu Hause schauten wir ins Lexikon: coward heißt Feigling! Sie ist ein Feigling, hatte er gesagt! Eine Anekdote, nichts weiter, aber genau aus den Wochen, in denen nebenan in der Abbey Road die LP "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" produziert wurde. Auch das ahnten wir nicht.



