In diesem Buch werden die eher unbekannteren Seiten Reinharts vorgestellt: seine Zeichnungen aus der Studentenzeit in Leipzig und aus Franken, seine Karikaturen aus seiner Phase als Hofmaler in Thüringen, seine Aquarelle von Reisen in Deutschland, die genial hingeworfenen Skizzen von Straßenszenen aus Rom und Radierungen aus den Albaner Bergen. Die Arbeiten stammen aus den Reinhart-Beständen in Hof, Schweinfurt und verschiedenen Privat-Sammlungen.
Die Autoren, Dieter Richter, F. Carlo Schmid, Hans Schönemann und Michael Thumser, Kenner Reinharts und seiner Zeit, schreiben über die biographischen Hintergründe und die kunsthistorische Bedeutung seiner ungewöhnlichen künstlerischen Begabung.
, geboren 1938 in Hof, war bis 2004 Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen und ist Autor zahlreicher, in Deutschland und Italien erschienener Bücher zur europäischen Kulturgeschichte. Er lebt in Bremen und ist Ehrenbürger von Amalfi. 2010 erschien von ihm im Transit Buchverlag »Von Hof nach Rom. Johann Christian Reinhart. Ein deutscher Maler in Italien. Eine Biographie«.
, geboren 1964, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Geschichte in Augsburg, Rom und Berlin, wo er mit einer Dissertation über die Landschaftsgraphik von Johann Christian Reinhart und seinem Umkreis promoviert wurde. Danach arbeitete er für die Staatlichen Museen in Kassel und die Ernst Barlach Stiftung in Güstrow. Seit 1999 ist er für die Kunsthandlung C.G. Boerner in Düsseldorf als Geschäftsführer tätig.
, geboren 1954 in Nürnberg, studierte Germanistik und Latinistik an der Universität Erlangen. Seit 1984 Tätigkeit als Lehrer am Jean-Paul-Gymnasium Hof, dort seit 1996 Betreuer der historischen Bibliothek des Jean-Paul-Gymnasiums. Aufsätze zu dem Reformator Nikolaus Medler und zum Unterricht in der frühen Neuzeit.
, geboren 1959 in Hof, studierte Literatur- und Theaterwissenschaft. Seit 1985 Feuilletonredakteur bei der in Hof erscheinenden Regionalzeitung Frankenpost. Dozent für Feuilleton an der Akademie für Neue Medien in Kulmbach und der Akademie der Bayerischen Presse. Für ein Essay über die Arbeit des Kritikers wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Herausgegeben vom KulturKreis Hof
LESEPROBE
Er hat sich auch selbst gezeichnet. Oder einen seinesgleichen: einen Zeichner bei der Arbeit. Oder ist es ein Zeitungsleser? Dass sich nicht recht ausmachen lässt, wen die Darstellung vorstellt und womit er sich gerade beschäftigt, liegt in ihrer Absicht: Sie präsentiert einen Mann als Rückenfigur, in Hut und – am rechten Schoß zerknautschtem – Rock auf einem Schemelchen kauernd, vor sich, für den Betrachter weitgehend verdeckt, ein großes Blatt, das die linke Hand hält und auf dem die (gleichfalls unsichtbare) Rechte womöglich etwas aufzeichnet.
Das könnte er durchaus höchstpersönlich sein: Johann Christian Reinhart. Jene in sich ruhende und doch tätige Gestalt trug er in sein Römisches Skizzenbuch der Jahre um 1790 ein. Mit anderen, weit berühmteren Rückenfiguren der Epoche könnte man das Blatt vergleichen: Dann steht es dem jungen Goethe, den Wilhelm Tischbein 1787 aufs Papier warf, wie er sich in Rom gerade aus einem Fenster lehnt, erheblich näher als Caspar David Friedrichs erhabenem Gottsucher des Wanderers über dem Nebelmeer von 1818. Zugegeben, Reinhart schuf da kein Selbstporträt im strengen Sinn; überhaupt kein gezeichnetes Ich: Die Ausdruckskraft der Studie verdankt sich gerade dem Umstand, dass die Persönlichkeit des Modells unkenntlich bleibt. Mithin ein ver–zeichnetes Individuum: Auf eine charakteristische Tätigkeit – welche es auch sei: Zeichnen? Lesen? – schmälert es der Autor. Insofern handelt sich's um so etwas wie eine Karikatur.
Im 19. Jahrhundert schlug die Hoch-Zeit der Karikatur, für deutsche Zeichner recht eigentlich mit den politischen Unruhen und Auseinandersetzungen des Vormärz und der Revolution von 1848. Als sie losbrach, lebte Johann Christian Reinhart seit bald einem Jahr nicht mehr. Überhaupt trat er als gestandener Karikaturist willentlich nicht hervor. Die regelrechte Karikatur gehört als visualisierte Glosse zu den journalistischen Genres und entfaltet ihre erheiternd-kritische Wirkung durch breite Publikation. Indes finden sich unter Reinharts grafisch vervielfältigten Sujets derlei überspitzt humoristische Themen nicht; kein Publikum wollte er belustigen, sondern machte sich lustig für sich allein. Und als Journalist, als Sammler und Vermittler von Nachrichten und Eindrücken aus der gesellschaftlichen Tagesaktualität, wollte gerade er, Sachwalter klassizistischer Tradition, gewiss nicht gelten.
Andererseits schließt dies keineswegs aus, dass nicht auch ihm einfiel, Zeiterscheinungen ironisch, skeptisch oder gar vorwurfsvoll ins Auge zu fassen. Auf die Geharnischten Sonette Friedrich Rückerts antwortete er mit einer Karikatur, die wie mit Vorsatz die Wesensmerkmale der Gattung abarbeitet. Jenem Gedichtzyklus verdankte der 1788 in Schweinfurt geborene, 1866 in Neuses bei Coburg gestorbene Gelegenheits- und Vielschreiber 1814 einen ersten frühen Durchbruch als lyrischer Agitator. Selbst am Befreiungskrieg gegen Napoléon Bonaparte teilzunehmen, blieb ihm versagt, trotz wiederholter Versuche, Soldat zu werden. Als Waffe wählte er sich darum die Feder. Fast programmatisch Freimund Reimar nannte sich der literarische Debütant (der erst später, als Orientalist und Übersetzer, Wegweisendes leisten sollte) auf dem Titelblatt der insgesamt vierundsiebzig Sonette: In ihnen trommelte er freien Munds reimend wider den flüchtenden Franzosenkaiser, für die unwiderrufliche Vertreibung des einst unersättlichen Eroberers und seiner Armeen aus den deutschen Ländern und spritzt dabei in aller nationalistischen Heftigkeit Gift und Galle gegen die welschen Eindringlinge. Reinhart, maßvoller gesinnt, nahm das Pathos der rückertschen Verse in seiner Zeichnung Geburt der geharnischten Sonnette [sic] auf – und brach es: problematisierend, subjektiv parteilich, durch Überzeichnung komisch.
Auf einer Gewitterwolke zeigt er einen jugendlichen Flügelmann mit dem Bart, dem Langhaar Rückerts, der sich durch tobende Gebärden von Hand und Faust weniger als Poet im Besonderen denn grundsätzlich als Propagandist ausweist. Umhüllt von Dampf und Rauch, entweicht seinem Mund ein Zug mittelalterlicher Kämpen: Gepanzerte Lanzenträger, die Visiere der Helme geschlossen, ihre Spieße über die Schultern gelegt, ziehen gedrillt in Reihe zum Gefecht. Bis hierher könnte der grimmige Prophet als Idealbild des vaterländischen Sängers durchgehen; wäre da nicht der letzte Krieger im Trupp: Der kehrt sich um, unverhohlen feindselig gegen seinen Erzeuger, und hat in seinen gespannten Bogen einen langen, spitzen Pfeil eingelegt – gleich wird er ihn loslassen mitten hinein in den Rachen des Wüterichs, aus dessen Hinterteil unterdessen feurige Blitze wie eine Blähung entweichen. Des Verseschmieds Schnauben geht als Schuss letztlich schmerzhaft nach hinten los, und all seine Kraftmeierei vergeudet sich als heiße Luft.



