Werkstätten der Aufklärung: Diderot, Garrick, Lessing
Europa vor der französischen Revolution: die feudalen Verhältnisse modern vor sich hin, dasAlthergebrachte zerbröselt, Philosophen, Schriftsteller und Künstler sind dabei, die alte Welt zu verabschieden und eine neue zu entdecken: die weite Welt der Freiheit.
Judith Macheiner, Autorin ungewöhnlicher Bücher zur Kultur- und Sprachgeschichte, begibt sich in die Arbeitszimmer der Aufklärung. Sie besucht Denis Diderot, den scharfsinnigsten Kritiker des Ancien régime und bewunderten Mittelpunkt eines großen Freundeskreises von Schriftstellern und Philosophen, der in fast ärmlichen Verhältnissen, immer bedroht von der Zensur, in Paris lebt. Sie fährt nach London in das Theater des großen David Garrick, Schauspieler, Autor und erfolgreicher Theaterunternehmer, der mit neuen Interpretationen alter Stücke und mit zeitgenössischen Autoren aus Paris und Berlin Furore macht. Und sie folgt Gotthold Ephraim Lessing auf seinem ruhelosen Weg durch Deutschland, wo er zwischen Übersetzungsaufträgen, Literaturkritiken, Bibliotheksdienst und Arbeiten für das Theater nie sicher ist, ob er nächsten Monat noch die Miete zahlen kann, ob er wieder von seiner Spielsucht heimgesucht oder von den Landesvätern an der Aufklärung der Welt gehindert wird. Faszinierend sind hier nicht nur neue Einblicke in die Entstehungsgeschichte geistiger und politischer Freiheiten, verblüffend ist auch die Parallelität der Ziele, der Probleme, der Ängste und des Glücks bei Diderot, Garrick und Lessing – in Paris, London, Berlin.
Ein aufregender und genauer Blick auf die Entwicklung
der europäischen Aufklärung: Paris – London – Berlin.
DIE AUTORIN
Judith Macheiner, Urenkelin der Schauspielerin Josefa Macheiner, Enkelin der Schauspielerin Anna Helene Macheiner sowie Tochter der Schauspielerin Elisabeth Macheiner und des Bühnenbildners Gustl Fischinger hat ihre biographischen Rollen bisher beruflich als Professorin für Sprachwissenschaft (Doherty), als Autorin unterhaltsamer Fachbücher (Macheiner) und als glücklich verheiratete Privatperson (Bierwisch) verkörpert. In der »Anderen Bibliothek« erschienen von Judith Macheiner »Das grammatische Varieté oder Die Kunst und das Vergnügen, deutsche Sätze zu bilden« (1991), »Übersetzen« (1995) und »Englische Grüße oder Über die Leichtigkeit, mit der man eine fremde Sprache erlernen kann« (2001). Im Transit Buchverlag erschien »Sprache im Scheinwerferlicht« (2006) und »Applaus und Zensur« (2011).
Hermann Unterstöger, Süddeutsche Zeitung,
über Judith Macheiner.
AUS DEM INHALT
Berlin 1751
Mai, Spandauer Straße
Der Morgen der Meinungsmacher
»Kann er sich nicht setzen?«, sagte Lessing zu dem Boten, der immer noch neben der Tür stand und auf das Manuskript wartete, das er in die Druckerei bringen sollte. »Oder wenigstens aufhören, mit den Dielen zu knarren«, fügte er mit einem kurzen Seitenblick auf den jungen Mann hinzu, der nur auf dem Boden noch einen Platz zum Sitzen finden konnte. Tische, Stühle, Kisten waren übersät mit wild aufgetürmten Papierhaufen, zwischen denen Gesteinsproben, getrocknete Pflanzen und Teile von Tierskeletten lagen. Auf den Brettern eines Wandregals und auf dem mit Manuskripten und Drucken überladenen Schreibtisch hinter Lessings Rücken standen zwischen den Papieren und Büchern Gläser mit in Spiritus konservierten Weichtieren, ein halbes Dutzend ausgestopfter Vögel, aufgespießte Insekten und ein Totenkopf.
Der kleine Tisch, an dem Lessing gerade die letzten Sätze seiner kritischen Bemerkungen zur Übersetzung von Batteux zu Papier brachte, war eine Insel der Ordnung und ruhigen Übersichtlichkeit. Dass Batteux' Theorie »zu nichts hilft, als dass sie den Geist fesselt, ohne ihn zu erleuchten«, hatte er schon gedacht, ehe er Diderots Brief über die Taubstummen gelesen hatte. Jetzt hatte Lessing Diderots Essay übersetzt und da es hieß, dass Batteux der anonyme Adressat dieses Briefs war, hatte er sich endlich auch an die schon seit längerem verschobene Besprechung von Batteux' Buch gesetzt. Aber die Abhandlung war wirklich langweilig und wurde nur durch die zahlreichen Übersetzungsfehler, die der kritische Vergleich zwischen der deutschen Ausgabe und dem französischen Original ergab, ein wenig interessanter. Ob man zum Beispiel nach einer Menge von verwirrenden Regeln, oder über sie urteilt, war schließlich kein kleiner Unterschied, und Lessing spießte solche Übersetzungsfehler mit demselben Vergnügen auf wie sein naturkundlicher Vetter, Christlob Mylius, Schmetterlinge und Nachtfalter.
Mylius war der Herr des Chaos, das Lessing umgab. Er war ein angeheirateter Verwandter – dessen Vater nach dem Tod von Mylius Mutter eine Tante von Lessing geheiratet hatte –, aber sie waren sich in ihren vielfältigen Interessen, ihren kritischen Urteilen, ihrer raschen Auffassungsgabe und spontanen Begeisterung so ähnlich, dass Lessing zu dem sieben Jahre älteren Mylius ein engeres Verhältnis hatte als zu seinen Brüdern zuhause in Kamenz.



