Ursula Muscheler :
Feinste Verrisse von Cicero bis Kurt Tucholsky
verstünden als andere, aber ihre Wehklagen oder Zornesausbrüche über architektonische Unfälle sind gekonnter formuliert und deswegen unterhaltsamer – ein Muss auch für Architekten, die mit der Lektüre ihre Affinität zur Literatur selbstironisch unter Beweis stellen können und wissen: Egal, was gesagt wird, Hauptsache, es wird über einen geredet.
»Alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppe im Haus.«
Gustave Flaubert
Ursula Muscheler, in Stuttgart promovierte Architektin, betreibt ein Architekturbüro in Düsseldorf. Gleichzeitig ist sie eine versierte Kennerin und Vermittlerin der Architekturgeschichte. Ihre letzten Veröffentlichungen: Haus ohne Augenbrauen. Architekturgeschichten aus dem 20. Jahrhundert (2007); Die Nutzlosigkeit des Eiffelturms (2008); Sternstunden der Architektur. Von den Pyramiden bis zum Turmbau von Dubai (2009).
Deutschlandradio Kultur, 18. August 2011
Bea Novy
[…] Ursula Muscheler, selbst Architektin, hat für die nicht immer einleuchtende, aber amüsante Mischung dieses Buches Zitate aus allen Textsorten gesammelt; da findet man manches Erwartete nicht - zum Beispiel Emile Zola -, dafür um so mehr Unverhofftes und Unbekanntes. Oder Vergessenes. Wie dieses Apercu von Wilhelm Busch, das alle Klarheiten endgültig beseitigt: »Mit Baulichkeiten ist es misslich / Ob man sie schätzt, ist ungewisslich.«
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Architektur von früh bis spät
Yamasakis Bauten war auch sonst kein glückliches Los beschieden. 2001 fielen seine weltberühmten Glastürme für das World Trade Center den Flugzeugattentätern des Elftenseptember zum Opfer und innerhalb weniger Minuten in sich zusammen. Peter Hacks, das enfant terrible der Literatur, sah darin in etwas zynischer Überspitzung die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik und bat einen Freund, ihm zur Postanschrift Osama bin Ladens zu verhelfen. Er habe Dringendes zur Neugestaltung des Potsdamer Platzes mit demselben zu besprechen.
Schon Bertolt Brecht ließ seinen Herrn Keuner einen Architekten beruhigen, der Bedenken hatte, einen von kleinbürgerlicher Kunstauffassung inspirierten Bauauftrag anzunehmen, da der Fehler Hunderte von Jahren stehen bleibe. Er solle ruhig bauen und auf die gewaltige Entwicklung der Zerstörungsmöglichkeiten vertrauen. Die mache aus seinen Bauten recht unverbindliche Vorschläge.
Wenden wir uns von den einstürzenden Neubauten ab und der weniger brachialen literarischen Klage zu, zeigt sich: Auch sie bietet noch reichlich Stoff, aus dem die Albträume der Architekten gestrickt sind. Doch was ist das eigentlich, ein Architekt? Einer, der es wissen muß, Leon Battista Alberti, der große Architekturtheoretiker der Renaissance, definierte ihn als einen, der gelernt hat, mittels eines Planes zu bestimmen und umzusetzen, »was unter der Bewegung von Lasten und der Vereinigung und Zusammenfügung von Körpern den hervorragendsten menschlichen Bedürfnissen am ehesten entspricht.«
Eine, wie es scheint, auf unerwartete Weise noch immergültige Definition. Verweist sie doch genau auf jene Fähigkeiten, die den Architekten zu allen Zeiten von vielen rundweg abgesprochen wurden: gute Ideen, gelingende Umsetzung und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Denn bei näherer Betrachtung zeigt sich: Der Ruf »unserer Architekten« war nicht immer und ist auch heute nicht gut. Warum das so ist und wie genau, wollen wir uns von ihren sprachmächtigsten Kritikern, den Schriftstellern und Philosophen, erklären lassen.
In loser Folge versammelt das Buch feinste Verrisse aus vielen Jahrhunderten, von Cicero bis Kurt Tucholsky, bietet bewährte Topoi literarischer Architektenschelte und frischt liebgewonnene Ressentiments wieder einmal auf. Wie ein roter Faden der Abneigung ziehen sich die Klagen über die Architekten und ihre Bauten durch die Texte und Zeiten: zu billig, zu teuer, zu banal, zu protzig, zu eckig, zu rund. Und durch sie hindurch vermeint man immer wieder die Mahnung Peter Altenbergs zu hören:
»Häuser werden zum Bewohntwerden errichtet,
meine Herren Architekten.«
Vorwort von Ursula Muscheler



