Fremder Stern Texas
Bainbridge liefert uns ein amüsantes und erkenntnisreiches Bild texanischen Lebens - mal mit Verwunderung, mal mit der Ironie des Besuchers aus dem in jeder Hinsicht fernen New York erklärt er uns, wie Texas tickt - und hilft so, manches Rätsel zu lösen, was Texaner uns heute aufgeben.
Texas, ein politisch immens einflußreiches, aber trotzdem unbekanntes Land - vorgestellt in brillanten und amüsanten Reportagen (veröffentlicht im »New Yorker« 1961), die bis heute als das Beste gelten, was über diesen »fremden Stern« geschrieben wurde.
ÜBER DEN AUTOR
taz Magazin, 30. April 2004
Marion Lühe
So hart er mit den »Super-Amerikanern«, deren »kulturelle Konditionierung schon während der Pubertät einsetzt«, ins Gericht geht, zu einer undifferenzierten Texas-Schelte lässt sich Bainbrigde nicht hinreißen. Gegen den Vorwurf des »Gefühlsegalitarismus« etwa, denen sich Amerikaner im Allgemeinen und »Super-Amerikaner« im Besonderen ausgesetzt sehen, verteidigt er texanische Höflichkeit und Leichtigkeit im Umgang mit Fremden. Die alte europäische Kritik, Amerikaner hätten hunderte von Bekannten, aber keine wahren Freunde, lässt er zwar gelten. Doch empfindet er die ausgeprägte Geschmeidigkeit in der Konversation, die Großzügigkeit und Gastfreundschaft der Texaner durchaus als etwas Angenehmes. Statt in unkritischer Weise europäische Klischees und Stereotype des Amerikanischen zu bedienen, verlässt sich der Journalist lieber auf seine Beobachtungsgabe und seinen brillanten Sprachwitz.
Mit jenen von Henry James als »empfindsame Touristen« bezeichneten Reisenden, die von einem unbekannten Ort immer schon ein fertiges Bild im Kopf haben und mit ihrem »leichten Gepäck der Vorurteile« durch die Welt ziehen, hat Bainbridge nichts gemein. Hinter seinem Spott spürt man immer auch die Faszination und den Zauber, die der »fremde Stern Texas« auf ihn ausübt. Staunend blickt er auf diese »Bühne, auf der das amerikanische Drama mit schönen Worten und voller Schwung in all seiner Exzentrik so dargeboten wird, als wäre es das allererste Mal«. Zum bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf unter texanischer Beteiligung liefern Bainbridges Geschichten aus dem Wilden Westen auch im Abstand von vierzig Jahren noch einen geistreichen, höchst amüsanten Kommentar.
LESEPROBE
»Irgendwo in diesem großen Land lesen Menschen Bücher als tägliche Kost«, hat einmal der Buchkritiker der »Dallas News«, Lon Tinkle, geschrieben. »Das muß in den kalten Klimazonen sein, wo man sich drinnen aufhalten muß oder vielleicht in den hochentwickelten Städten wie New York. Dort wurden 37 Prozent (oder mehr als ein Buch von dreien) der Auflage von ,Doktor Schiwago' des Nobelpreisträgers Boris Pasternak verkauft. Wieviel Prozent davon wohl in Texas? Ganze vier Prozent des Gesamtumsatzes, und zwar in Texas und allen Südstaaten zusammengerechnet.« Bei der sanften Schelte seiner Landsleute führte Tinkle einfach nur ein weiteres Feld an, auf dem die Texaner die übrigen Amerikaner übertreffen: Das Nicht-Lesen. Dasselbe gilt für das Fernsehen. Während die Mehrzahl der Amerikaner etwa 20 Prozent ihrer Tageszeit mit Fernsehschauen verbringt, sind es 42 Prozent der erwachsenen Texaner, die - einer Untersuchung von Belden Associates folgend - dieser Beschäftigung nachgehen. Natürlich ist das Fernsehen nicht für die Unbeliebtheit von Büchern in diesem Land verantwortlich. Vor dem Fernsehen war es das Radio, und davor das Grammophon, Karten spielen, Schnitzen - sie lieben einfach alles außer der relativ schwierigen Disziplin des Lesens.
Das texanische Themenuniversum
- Wie sich das große Texas zum kleinen Restamerika verhält
- Geographie, Wetter und die Plage der Klapperschlangen
- Die Vorliebe für schnelle und schwere Autos, das Problem der Verkehrstoten, Chaos bei Autofahrten im Regen, Vorzüge von Privatflugzeugen
- Millionäre und ihre Philosophie: »Die, denen das Land gehört, sollten es auch regieren!«
- Das Ölgeschäft und die besonderen Spielernaturen, die es anzieht
- Glück als »sine qua non« für den Erfolg im Ölgeschäft und wie man es dort zu etwas bringt
- Die Kleidung des Texaners, seine Vorlieben für Hüte und Nerz, Schmuck, Glitz & Glitter sowie französische Pudel
- Der Inferioritätskomplex der Texaner in Sachen Mode und Geschmack
- Die texanischen Metropolen Dallas und Fort Worth im Wettstreit
- Die opulent ausgestatteten Häuser und Ranchs und die Lust der Texaner, sie zu zeigen
- Cocktail Parties, Partysüchtige, missratene Mahlzeiten, Hochprozentiges, Prohibition und »private Clubs« als Vorwand für Alkoholausschank
- Die texanische Gesellschaft und wie man in diese vordringt, die »Old Families«, die Exzentrik der Millionärsgattinnen
- Liebe, Sex und Scheidung
- Das Verhältnis von Texas zu Washington, der allgegenwärtige Konservatismus in Texas
- Waffenkauf, Selbstjustiz und der texanische Sonderfall »Mord ohne besonderes Motiv«
- Der Zusammenhang von Reichtum und Vergnügen
- Die Passion für Jagd in allen erdenklichen Formen, allen voran die Safari in Ostafrika oder die Pirsch nach dem Schneemenschen im Himalaya
- Bridge, Poker und andere Glücksspiele, Pferderennen, Golf, Angeln, Football
- Der Mangel an vernünftigen Büchern und Buchgeschäften
- Sammeln von Kunst, Musik, der »Non-stop Kulturkampf« der Super-Amerikaner
- Texas – das Land der Kirchen und des Billy Graham



