In den letzten Jahren wurde Inge Deutschkron in viele Schulen eingeladen, um über ihr Leben als junge Jüdin während der Nazizeit und vor allem über die Jahre zu berichten, in denen sie sich mit ihrer Mutter der drohenden Deportation entzog und von Berlinern vor der Gestapo versteckt wurde.
Zahlreiche Briefe von Schülerinnen und Schülern zwischen zehn und 16 Jahren (aus denen im Buch immer wieder zitiert wird) zeigen, welchen großen Eindruck ihre persönliche Geschichte und die offene Art, mit der Inge Deutschkron auf alle Fragen einging, auf junge Menschen machten. Anfang der neunziger Jahre, mit dem Aufkommen der Neonazis und zunehmender Ausländerfeindlichkeit, bekamen diese Gespräche eine neue Brisanz; es ging nicht mehr »nur« um Geschichte, sondern um politische Gegenwart.
In diesen Gesprächen und aus unzähligen Briefen an sie gewann Inge Deutschkron den Eindruck, dass diese neue Generation wesentlich offener und sensibler auf die Geschichte des Nationalsozialismus und die Judenverfolgung eingeht, als es frühere Generationen getan haben. Offener für Fragen der deutschen Schuld, des Mitläufertums, des Wegschauens; sensibler für den Umgang mit Minderheiten und anderen Nationalitäten; und vor allem neugieriger auf Menschen, die sich mit Mut und manchmal auch Witz gegen den Strom der Geschichte gestellt haben.
Menschen: in Schulen, in Briefen, nach Aufführungen ihres
Stücks »Ab heute heißt Du Sara«. Sie lernt eine neue
Generation kennen, die offen und sensibel mit
deutscher Geschichte umgeht.
LESEPROBE
Es begann im Jahr 1989. Volker Ludwig vom Berliner Kinder-und Jugendtheater»Grips« besuchte mich in Tel-Aviv und schlug mir vor, aus meiner Autobiographie »Ich trug den gelben Stern« ein Theaterstück zu machen, das dann unter dem Titel »Ab heute heißt Du Sara« mit großem Erfolg (inzwischen auch auf vielen Bühnen in ganz Deutschland gespielt) uraufgeführt wurde.
Dieser Premiere folgten Einladungen von Schülern und Lehrern, um ihnen noch genauer, als ein Theaterstück es kann, über die Nazizeit, so wie ich sie erlebt und überlebt hatte, zu berichten. Begegnungen in Schulen waren mir nicht neu – und ich hatte sie eigentlich in unguter Erinnerung. Es war Ende der siebziger Jahre, und es bedurfte großer Überredungskunst eines befreundeten Politikers, mir überhaupt die Türen von Schulen zu öffnen, und zweitens erlebte ich, wie stark einige Schüler politisch noch von ihren Eltern geprägt waren. »Mit welchem Recht verlangen die Juden von uns Wiedergutmachung?« war nur eine der typischen Fragen, und wenn meine Antwort nicht gefiel, verließen sie, die Tür hinter sich zuknallend, den Raum.
Mehr als zehn Jahre später war alles anders, ich konnte den vielen Einladungen kaum noch folgen, Briefe erreichten mich zu Hunderten, und die Neugier, etwas über die Nazizeit zu erfahren, war groß. »Wußte man damals schon, auf was das hinausläuft, als Hitler an die Macht kam?« oder »Haben Sie sich manchmal gewünscht, keine Jüdin zu sein?« Solche Fragen, nicht einfach zu beantworten, stürmten auf mich ein, und ich antwortete so offen wie möglich.
Viele Kinder schrieben mir anschließend Briefe. Diese Briefe zeigen, wie wichtig Berichte einer »Zeitzeugin« sein können, für Kinder viel wichtiger, als drei Seiten Geschichtsbuch auswendig zu lernen. Und sie zeigen auch, daß gerade für junge Menschen nichts überzeugender ist als eine genau und offen wiedergegebene persönliche Erfahrung. (Aus dem Vorwort)



