Siegfried Jägendorf :
DAS WUNDER VON MOGHILEV
Die Rettung von zehntausend Juden vor dem rumänischen Holocaust
Zu den über Hunderttausenden nach Transnistrien verschleppten rumänischen Juden gehörte auch der Elektroingenieur und ehemalige Siemens-Direktor Siegfried Jägendorf. Mit Schlips und Nadelstreifenanzug kam er ins Konzentrationslager und schaffte es, auch hier von der deutschen Kommandatur sowie den rumänischen Behörden als »Herr Direktor« angesprochen zu werden. Als der Lagerkommandant (der wie Jägendorf im Ersten Weltkrieg österreichischer Offizier gewesen war) schimpfte, nicht einmal elektrisches Licht gäbe es im kriegszerstörten Moghilev, antwortete der Gefangene Jägendorf, das könne er ändern…
Dokumente in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem belegen, dass im Ghetto von Moghilev über zehntausend Juden durch die von Jägendorf gegründete und geleitete Fabrik vor der Vernichtung bewahrt wurden. Im Unterschied zu anderen Rettern wie Raul Wallenberg in Budapest oder Oskar Schindler in Krakau war Siegfried Jägendorf selbst Jude, ein Deportierter und den Mördern ausgelieferter Häftling, dessen gefährlicher Balanceakt zwischen Anpassung und Widerstand nur auf der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Fähigkeiten basierte.
Viel zu wenig sind das Schicksal und die Schrecknisse der nach Transnistrien
Verbannten bekannt. Grausamkeit und Verzweiflung, aber auch Beweise von Mut und
Widerstand kennzeichnen die Tragödie dieser verschleppten Juden.
Und es gab das Wunder von Moghilev.«
Verbannten bekannt. Grausamkeit und Verzweiflung, aber auch Beweise von Mut und
Widerstand kennzeichnen die Tragödie dieser verschleppten Juden.
Und es gab das Wunder von Moghilev.«
Elie Wiesel, aus Rumänien stammender Friedensnobelpreisträger
ÜBER DEN AUTOR
1946 konnte er mit seiner Frau in die USA ausreisen, wohin seine beiden Töchter schon 1938 von Wien aus entkommen waren. Hier starb er 1970 und hinterließ ein Manuskript, das erst später entdeckt und 1991 in New York bei HarperCollins erstmals veröffentlicht wurde.
Der Herausgeber Aron Hirt-Manheimer lebt als Publizist in Connecticut / USA
PRESSESTIMMEN
DerTagesspiegel, 4. April 2010
Wilfried F. Schoeller
Wilfried F. Schoeller
Da glaubt man, genügend Kenntnisse über den Holocaust erworben zu haben – und wird immer wieder neu belehrt. Im Einzelfall liegt das Geheimnis, kann das ganze Panorama entstehen. »Das Wunder von Moghilev« ist so ein Zeugnis: Bericht und Rechenschaft eines Einzelnen, aber es weitet sich zum Dokument des jüdischen Widerstands. […]
Frankfurter Rundschau, 19. Januar 2010
Ernest Wichner
[...] Nicht von Ungefähr geraten dem deutschen Leser dieses Buches mitunter Bilder aus "Schindlers Liste" ins Gedächtnis; die Bildfolgen des noch nicht gedrehten Siegfried-Jägendorf-Films könnten einem jüdischen Schindler von komplexerer Struktur weltweit die Geltung verschaffen, die seinem so besonnenen wie draufgängerischen, so klugen wie mutigen Handeln gebührte. Und auf einer Leseliste für das eben begonnene Jahr hätte das Buch neben Patrick Desbois" "Der vergessene Holocaust", Edgar Hilsenraths "Nacht" und Isak Weißglas' "Steinbruch am Bug" den ihm gebührenden Platz.
Den vollständigen Artikel lesen:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=2217251&em_loc=89
Und Buchtipp Arte TV: http://www.arte.tv/de/suche/2891744.html
DeutschlandradioKultur, 6. Januar 2010
Jörg Plath
Jörg Plath
Der Name Oskar Schindler geht einem bei der Lektüre von Siegfried Jägendorfs Bericht "Das Wunder von Moghilev" nicht aus dem Kopf. Die Assoziation liegt nahe, ist aber teilweise falsch. Denn Jägendorf rettete nicht nur wie Schindler Juden unter Einsatz seines Lebens, er war auch selbst Jude. Er sollte sterben und bewahrte stattdessen etwa 10.000 Menschen vor dem sicheren Tod. […]Ungläubig liest man diesen Bericht, in der eine machtbewusste Intelligenz einen mörderischen Antisemitismus bremst, indem sie sich Gier und Scham, Korruption und Pragmatismus der Antisemiten zunutze macht. Aron Hirt-Manheimer bettet das Geschehen in die europäische und rumänische Geschichte ein und ergänzt den Bericht durch die Stimmen anderer Überlebender. Die moralischen Abgründe mancher Situationen, von Jägendorf im Halbdunkel belassen, erhellt er nicht. So bleibt "Das Wunder von Moghilev" eine unglaubliche Geschichte über einen, der sich und seine Leidensgenossen am eigenen Schopf aus dem Massengrab zog.
Den gesamten Beitrag hören:http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&playtime=1262792082&fileid=01eb70f0&/literaturkritik.de
Literaturkritik, Dezember 2009
H.-Georg Lützenkirchen
H.-Georg Lützenkirchen
[…] Ein verdienstvolles Buch. Denn es lenkt die Aufmerksamkeit auf hierzulande wenig bekannte Geschehnisse und Umstände im Prozess der Vernichtung der europäischen Juden. Die kurze Einführung des Herausgebers in die zeitgeschichtlichen Umstände der Deportation der Juden im Herbst 1941 nach Tansnistrien macht die Verantwortung des mit Deutschland verbündeten faschistischen Regimes unter dem rumänischen Diktator Ion Antonescu deutlich. „Außer Deutschland“, so resümierte Raul Hilberg in seinem Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ über diese Deportationen, insbesondere aber über die grausamen Mordaktionen der Rumänen an nahezu 150.000 einheimischen Juden in ,Transnistrien’, „war kein anderes Land in Judenmassaker solchen Ausmaßes verstrickt“. […]
Den vollständigen Artikel lesen:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13687
LESEPROBE
Die Turnatoria ... Ich bat ein paar junge Männer, in der Stadt nach einer geeigneten Fabrikhalle zu suchen. Sie entdeckten eine große Gießerei und eine Fabrik für Maschinenteile in der Nähe des Flusses. Nachdem wir die Erlaubnis eingeholt hatten, das bewachte Gelände zu besichtigen, betraten wir zu fünft das Hauptgebäude. Uns bot sich ein deprimierender Anblick: ein aufgerissenes Dach, eingeschlagene Fenster, bröckelnde Wände, der Boden mit Schutt bedeckt. Wir untersuchten den Dieselgenerator, die Dreh- und Stanzmaschinen, die alle von den flüchtenden Russen hastig beschädigt und unbrauchbar gemacht worden waren. Schweigend standen wir da, das Unmögliche und das Machbare abwägend. Dann sagte ich: »Wir werden alles wieder aufbauen!« Es war der 3. November 1941.
Ich eilte mit den Neuigkeiten zu Colonel Baleanu. Er wollte die Einrichtungen unverzüglich sehen und lud mich ein, in seinem Wagen mitzufahren. Nie werde ich die erstaunten Blicke in den Gesichtern der Juden vergessen, als sie mich auf dem Rücksitz mit dem Präfekten von Moghilev sahen.
Gemeinsam gingen wir durch jedes Gebäude, schauten die Maschinen an und machten eine Inventur des Rohmaterials. Schließlich wandte sich der Präfekt zu mir: »Ich bezweifle, dass es Ihnen gelingen wird, aus diesem Schlamassel etwas zu machen. Vergessen Sie nicht, der Winter hier ist lang und streng.«
»Wir werden es schaffen«, entgegnete ich ihm, »wenn wir mindestens hundert Mann haben.«
»Sind Sie verrückt? Ich habe Ihnen gesagt, dass Juden hier nicht bleiben können. Ich habe nur in Ihrem Fall eine Ausnahme gemacht, weil der deutsche Kommandant bereit war, ein Auge zuzudrücken.«
»Herr Präfekt, wir können die Arbeit unmöglich mit nur vier oder fünf Männern bewältigen. Wir brauchen Dutzende fähige Handwerker, die das Werkzeug für die Reparaturen an den Maschinen herstellen. Ich versichere Ihnen, anders ist es nicht möglich, wieder elektrischen Strom in die Stadt zu leiten. Bewilligen Sie meine Forderung, Herr Präfekt, niemand wird Ihnen Vorhaltungen machen, wenn Sie einige Juden zwingen, für den Staat zu arbeiten.«
Wie ich es erwartet hatte, siegte beim Colonel Ion Baleanu der Eigennutz über die Korrektheit. Er wies Herrn Fuciu an, die Genehmigungen zu erteilen, und befahl den Wärtern der Fabrik, meinen Anweisungen zu folgen. Ich konnte meine Freude darüber kaum unterdrücken.
Auf dem Weg zurück zum Kino packten mich aber wieder Zweifel. Das Schreckgespenst des zerstörten Daches und der demolierten Motoren machten mich hoffnungslos. Wie sollten wir ohne Werkzeuge die Maschinenteile ersetzen? Die Behörden würden unser Versagen mit Genugtuung quittieren, als Beweis unserer Wertlosigkeit. Ich fürchtete, dass mein Pakt mit dem Präfekten ein Verhängnis bedeutete und nicht die Befreiung. Im Kinoschlafsaal erzählte mir Hilda, dass die Leute munkelten, ich sei verrückt geworden. Vielleicht war es auch verrückt zu glauben, diese Juden könnten sich aus ihrem Elend erheben und für ein Wunder sorgen. Doch ich war überzeugt, dass diese Fabrik, die wir Turnatoria [rumän. Gießerei] nannten, unsere einzige Hoffnung war… (Auszug)
Ich eilte mit den Neuigkeiten zu Colonel Baleanu. Er wollte die Einrichtungen unverzüglich sehen und lud mich ein, in seinem Wagen mitzufahren. Nie werde ich die erstaunten Blicke in den Gesichtern der Juden vergessen, als sie mich auf dem Rücksitz mit dem Präfekten von Moghilev sahen.
Gemeinsam gingen wir durch jedes Gebäude, schauten die Maschinen an und machten eine Inventur des Rohmaterials. Schließlich wandte sich der Präfekt zu mir: »Ich bezweifle, dass es Ihnen gelingen wird, aus diesem Schlamassel etwas zu machen. Vergessen Sie nicht, der Winter hier ist lang und streng.«
»Wir werden es schaffen«, entgegnete ich ihm, »wenn wir mindestens hundert Mann haben.«
»Sind Sie verrückt? Ich habe Ihnen gesagt, dass Juden hier nicht bleiben können. Ich habe nur in Ihrem Fall eine Ausnahme gemacht, weil der deutsche Kommandant bereit war, ein Auge zuzudrücken.«
»Herr Präfekt, wir können die Arbeit unmöglich mit nur vier oder fünf Männern bewältigen. Wir brauchen Dutzende fähige Handwerker, die das Werkzeug für die Reparaturen an den Maschinen herstellen. Ich versichere Ihnen, anders ist es nicht möglich, wieder elektrischen Strom in die Stadt zu leiten. Bewilligen Sie meine Forderung, Herr Präfekt, niemand wird Ihnen Vorhaltungen machen, wenn Sie einige Juden zwingen, für den Staat zu arbeiten.«
Wie ich es erwartet hatte, siegte beim Colonel Ion Baleanu der Eigennutz über die Korrektheit. Er wies Herrn Fuciu an, die Genehmigungen zu erteilen, und befahl den Wärtern der Fabrik, meinen Anweisungen zu folgen. Ich konnte meine Freude darüber kaum unterdrücken.
Auf dem Weg zurück zum Kino packten mich aber wieder Zweifel. Das Schreckgespenst des zerstörten Daches und der demolierten Motoren machten mich hoffnungslos. Wie sollten wir ohne Werkzeuge die Maschinenteile ersetzen? Die Behörden würden unser Versagen mit Genugtuung quittieren, als Beweis unserer Wertlosigkeit. Ich fürchtete, dass mein Pakt mit dem Präfekten ein Verhängnis bedeutete und nicht die Befreiung. Im Kinoschlafsaal erzählte mir Hilda, dass die Leute munkelten, ich sei verrückt geworden. Vielleicht war es auch verrückt zu glauben, diese Juden könnten sich aus ihrem Elend erheben und für ein Wunder sorgen. Doch ich war überzeugt, dass diese Fabrik, die wir Turnatoria [rumän. Gießerei] nannten, unsere einzige Hoffnung war… (Auszug)



