Ernst Jacobi erzählt von seiner Kindheit und Jugend in einer Zeit, wo Propaganda, Diktatur, Verblendung und Anpassung den Alltag prägten. Jacobi schreibt über beglückende und beklemmende Erfahrungen, über die Trennung von seiner Mutter, Sekretärin im Reichsluftfahrtministerium, die ihre beiden Kinder über sechs Jahre im Krieg verließ. Über seinen Vater, Akademiker und Offizier, dessen Familie dafür sorgte, daß er sich von der nicht »standesgemäßen« Frau wieder scheiden ließ, und mit seinem Sohn bei dessen seltenen Besuchen mit Holzsoldaten spielte. Über den Onkel, zu dem ihn seine Mutter »abgegeben« hatte, einen stramm nationalen Pfarrer im westpreußischen Großbösendorf, später versetzt in ein thüringisches Rhön-Dorf. Über seine Bereitschaft, sich im Jungvolk politisch verführen zu lassen, und schließlich das Kriegsende mit Amerikanern und Russen, die Rückkehr ins zerstörte, geteilte Berlin und dann die Entdeckung der lange vermissten Sprache und Literatur – eine Liebe, die ihn schließlich zum Theater führt und auch seine Erinnerungen so besonders lesenswert macht.
Ein überraschendes, literarisch anspruchsvolles, ganz und gar uneitles Buch.
des Schauspielers Ernst Jacobi, der in und mit der Nazizeit aufwuchs,
dort Prägungen und Irritationen erfuhr, die ihn sein Leben lang nicht losließen …
LESEPROBE
In den Behörden machte man Evakuierungspläne. Schulkinder wurden klassenweise landverschickt. Oder sie kamen einzeln zu Verwandten. Ich kam zu Onkel Kurt und Tante Eva. Nach Großbösendorf. Der Onkel war dort Pfarrer in einer kleinen evangelischen Gemeinde. Die Tante spielte bei den Gottesdiensten Orgel. Sie war die Schwester meines Vaters. Der wieder in den Krieg gezogen war, zum zweiten Mal. Nach zwanzig Jahren. Und meine Mutter war vielleicht schon auf dem Sprung in ein besetztes Land. Nach Norwegen.
»Abkommandiert« –? Nach einem Plan, den sie seit vielen Wochen kannte? Bestimmt hat meine Mutter überlegt, was sie mir sagen könne. Und was besser nicht. Sicher war sie behutsam. Hat versucht, die Fahrt als Urlaubsreise darzustellen, als ein Abenteuer. Und aufgezählt, was mir begegnen würde. So macht man das mit Kindern ja.
Aber sie hat mich unterschätzt. Ich hab' ihr zugehört, wie der Geliebten, die dem Verschmähten sagt, wie groß die Welt ist – und wie schön – auch ohne sie.
Es hat genügt, um mir den Boden wegzureißen.
Ich saß auf einer Holzbank. Dritter Klasse. Klebte an der Scheibe. Und hing an einem Gummiband. An einem Faden, der sich ständig dehnte. Solange dieser Faden hielt, blieb ich mit Neu-Westend verbunden. Aber der Zug war stark. Der Faden wurde dünner, und endlich gab er nach. Ich hatte kein Gefühl mehr. Konnte nicht mehr sagen, wie weit es war.
Im selben Zug saß meine Mutter. Im selben Wagen. Neben mir. Wenn ich jedoch nach Bildern suche, sehe ich sie nicht. Wir fuhren in die Dunkelheit. Je mehr die Landschaft in der Dämmerung verblasste, desto bestimmender war das Geräusch der Räder: ra-da-da-dam ra-da-da-dam da-dam über die unverschweißten Schienen. Einzelne Lichter flogen durch die Nacht und manchmal das Gebimmel einer Schranke hinterher: bim-bim-bum-bom. Über der Weichsel dröhnten Eisenträger. Der Zug erreichte Thorn. Von Thorn bis nach Großbösendorf noch mit der Kleinbahn. Später Abend. Alles dunkel. Onkel und Tante warteten an der Station. Zu Fuß zum Pfarrhaus!
»Ist es weit?«
»Wir sind gleich da.«
Man setzte sich an einen kleinen Tisch. Eine Petroleumlampe brannte.
»Kein Abendessen?«
»Danke. Nein.«
Dann muss der Satz gefallen sein – an den ich mich nicht mehr erinnere. Wahrscheinlich kam er von der Tante. »Jetzt schnell ins Bett. Denn deine Mutter muss morgen früh beizeiten raus. Wenn sie den Zug zurück erreichen will.«
Vorm Magen lag ein Klumpen von verschluckten Fragen. Vermengt mit letzten Hoffnungen. Und kleinen Wünschen, die noch lebten. Das Zwerchfell flatterte. Ich zappelte. Ein Arm schlug rudernd an die Lampe. Warf sie um. Sie fiel zu Boden und zerbrach. »Auch das noch!« – »Na, das fängt ja gut an!«
Am nächsten Morgen war die Mutter weg.
Sechs Jahre blieb ich bei der Tante. Und dem Onkel. Weinte sie auch? Als sie im Zug saß? Nach Berlin. Und als sie in die leere Wohnung kam?
Weinte sie auch so viele Tage?



