Matthias Sträßner (Hg.) :
Die Biographie des ersten Dirigenten der Berliner Philharmoniker nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Musikerleben in Moskau, Berlin, Königsberg und wieder Berlin bis zum frühen Tod durch den versehentlichen Schuss eines amerikanischen Soldaten im August 1945.
ÜBER DEN AUTOR
Matthias Sträßner, 1952 in Stuttgart geboren, verdiente sich das Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte als Konzert- und Oratoriensänger. Tätigkeit als Dramaturg bzw. Mitarbeiter in der Intendanz bei den Festspielen in Ludwigsburg und an den Staatstheatern in Stuttgart, seit 1989 Leiter der Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk. Zahlreiche Features und Veröffentlichungen zu musikhistorischen Themen.
LESEPROBE
Unter allen wichtigen Dirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters ist Leo Borchard der große Unbekannte geblieben. Vor einhundert Jahren in Moskau geboren, schien ihm nach seiner Ausbildung bei Hermann Scherchen und Eduard Erdmann eine großartige Karriere offenzustehen: Engagements unter Bruno Walter im Deutschen Opernhaus, unter Otto Klemperer an der Staatsoper, frühe Tätigkeiten im damals hochmodernen Rundfunk bestätigten diese Erwartung. Auch nach 1933 schien es bei ihm – im Gegensatz zu seinen Vorbildern – »glatt« weiterzugehen: er leitet für einige Zeit die Reihe der »populären« Konzerte der Berliner Philharmoniker, bis dann eines Tages eine Denunziation über eine politische Äußerung Borchards das abrupte Ende bringt. Fortan dirigiert er vor allem im Ausland, dabei erstaunlicherweise aber vom Wohlwollen der NS-Kulturbehörden begleitet. Vom Berliner kulturellen Leben bleibt er weitgehend isoliert, nimmt aber gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der später berühmten Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, Kontakte zu verschiedenen Widerstandsgruppen auf (von der Weißen Rose bis zum Kreisauer Kreis), versteckt gemeinsam mit Freunden Verfolgte, ohne sich deswegen als »politischen Menschen« zu begreifen.
Im April 1945 (wegen seiner Russisch-Kenntnisse kann er sich und andere aus einer bedrohlichen Situation retten) wird er sofort gebeten, die Leitung des Berliner Philharmonischen Orchesters zu übernehmen. Schon am 26. Mai, gerade 3 Wochen nach der Kapitulation, findet das erste Konzert im Titania-Palast statt – mit einem Programm, das Zeichen setzt: Mendelssohns »Sommernachtstraum«, Tschaikowskys 4. Symphonie und schließlich Mozarts Violinkonzert A-Dur. Gerade 120 Tage bleiben Leo Borchard für die Arbeit mit dem Orchester, an das es ihn sein Leben lang hingezogen hat. Am 23. August 1945 wird er, gerade 46 geworden, auf der Fahrt vom amerikanischen in den britischen Sektor Berlins am heutigen Bundesplatz versehentlich von einem amerikanischen Wachposten erschossen. Sergiu Celibidache, der Borchards Nachfolger (bis zur Rückkehr Furtwänglers) werden sollte, schrieb nach dessen Tod: »Er war ein ausgezeichneter Dirigent und Kapellmeister, außerdem ein gewissenhafter Mensch, sehr gebildet und sprachgewandt. Er besaß große Initiative, war voller Ideen und hätte eine große Zukunft gehabt.«

Mit einem Vorwort
von Elmar Weingarten
296 Seiten
30 Abbildungen und Dokumente
gebunden, fadengeheftet
19,80 €
ISBN 978-3-88747-144-6
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