Seit 2007 ist es Teil der Europäischen Union – und trotzdem bleibt Rumänien die große Unbekannte, sein Bild bei uns besetzt von Klischees (transsilvanischer Grusel, bettelnde Straßenkinder, Wanderarbeiter und überall Bären).
Aus dem Inhalt: Die Moldau: kreative Quelle der rumänischen Kultur; Zeichen und keine Wunder: was vom shtetl blieb; Das Dorf und die Stadt: die letzten Bauernaufstände in Europa; Kriegsende: über das unheimliche Verschwinden einer ganzen Armee; Emigration als Konstante: Rumänien und seine Schriftsteller und Künstler; Mythen und offene Wunden: über den heutigen Umgang mit der Geschichte; Land der Minderheiten: Schwaben, Sachsen, Ungarn und andere.
ÜBER DEN AUTOR
Helmuth Schönauer
Wunderschöne Biolandschaften, große Eier, saftige Tomaten, subtiler Lebensstil - Rumänien verkauft sich in der EU mit einer Vielfalt an Raritäten und Schönheiten.
Markus Bauer greift in seinen Rumänien-Essays diese Klischees auf, um gleich darauf die Hinterseite zu erzählen. Er selbst lebte fünf Jahre lang als Lektor in der Kulturstadt Iasi (rumänisch Heidelberg). Aus dieser Erfahrung legt er seine faszinierenden Beschreibungen und historischen Analysen an. Für ein so komplexes wie aufregendes Staatsgebilde wie Rumänien braucht es zwei Achsen der Beschreibung, meint der Autor. Die eine Achse ist die Stadt Iasi, die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Moldau, die zweite Beschreibungsachse führt zum Dichter Mihail Eminescu, der quasi im Alleingang die Selbstfindung Rumäniens im 19. Jahrhundert anhand der Literatur forcierte. Er gilt auch als der "Erfinder" der modernen rumänischen Sprache. In fünf Kapiteln werden die Besonderheiten Rumäniens dargelegt. Das Verhältnis Stadt – Land ist ein wesentliches Merkmal Rumäniens. Einerseits sind die Städte oft luftig aufgebaut wie Dörfer, andererseits gliedern sich Dörfer wie Wehranlagen oder kulturelle Monumente um sich selbst. Der Architekturwahnsinn der Ceausescus, die aus einem kleinen Dorf südlich von Bukarest stammten, erklärt auf wahnsinnige Weise dieses Stadt–Land–Gefüge. Eine besondere historische Umgangsform durchaus negativer Art bildeten die ständigen Reibereien zwischen Bauern und den Bojaren, den Großgrundbesitzern.Wo der Mythos wilder Gegenden liegt, setzt der Autor eine kulturelle Topographie drauf. Seine Überlegung: Alle diese Bilder von entlegenen Kulturlandschaften funktionieren nur, wenn darüber eine kulturelle Folie gelegt ist. Eine wichtige Station in der Geschichte Rumäniens bildet das Shtetl, seine jüdischen Kulturmenschen und die Pogrome, wovon einer der größten in Iasi stattfand. Anhand der Minderheiten lässt sich ein Land am ehesten beschreiben. Für Rumänien änderte sich je nach historischer Lage ständig das Verhältnis zu den Minderheiten untereinander, wer eben noch das Sagen hatte, war plötzlich eine Randerscheinung, wer eben noch am Rand war, hatte plötzlich die Mehrheit. An der recht aufschlussreichen Geschichte des rumänischen Eisenbahnbaues lässt sich übrigens von oben her feststellen, wie unten die Verhältnisse waren. Kaum investierte eine Gesellschaft in eine wirtschaftliche Situation, war diese schon wieder obsolet.Mythos und Geschichte heißt schließlich das letzte Kapitel, worin der Autor unter dem Eintrag "Feststellung der Tatsachen" einen Schnitt durch die heutige Situation legt. Aus all diesen Kapiteln ergibt sich so nebenbei eine Geschichte des Judentums in Rumänien, ohne dass sie jeweils in den Vordergrund drängte. Markus Bauers "In Rumänien" ist eine kühle, aufregende Geschichtsschreibung der ungewöhnlichen Art. Manchmal ein Reiseführer, dann wieder politisches Alltagsjournal, so scheibt ein Intimkenner von außen und innen zugleich. - Ein Meilenstein für aktuelle Geschichtsschreibung!
Als Herta Müller 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, galt das mediale Interesse nicht nur der deutschsprachigen Autorin, sondern auch dem osteuropäischen Land, in dem sie geboren und aus dem sie 1987 geflüchtet war. Rumänien gehört seit 2007 zur Europäischen Union – für viele ist es dennoch unbekanntes Terrain. Dem will Markus Bauer mit seinem Buch "In Rumänien" abhelfen. Der Kulturhistoriker lebte von 1998 bis 2003 in Iasi, dem rumänischen Heidelberg, wo er als DAAD-Lektor an der Universität unterrichtete. In dieser Zeit begab er sich auf die Spur der "rätselhaften rumänischen Mentalität".
Sein Buch ist ein Streifzug durch die Geschichte, Landschaft und Kultur eines Landes, dessen Verbindungen zum Orient sowie zu Europa eine spannende Mischung ergeben. Dabei hat Bauer immer das gegenwärtige Rumänien im Blick – egal ob er sich mit der Geschichte der rumänischen Juden oder der rumänischen Bauern beschäftigt. Das Land erschließt sich ihm über die Landschaft der Moldau ebenso wie über seine politische Geschichte unter den Nationalsozialisten und den Kommunisten. Ein Kapitel ist der Minderheitenpolitik des Landes gewidmet, so auch der Ein- und Auswanderung der Deutschen.
William Totok
[…] Von Beginn an muss präzisiert werden, dass der Band von Markus Bauer, der kürzlich mit dem Titel "In Rumänien" erschienen ist, ein außergewöhnliches Buch ist. Vor allem im Kontext des deutschsprachigen Raumes, wo in den letzten Jahren Rumänien gewidmete Bücher erschienen sind, denen es nicht gelungen ist, ein akzeptables Gleichgewicht zwischen Objektivität und Faszination zu halten, und die daher oft in einen apologetischen Diskurs oder eine ressentimentgeladene Kritik abgleiten. […]
Den vollständigen Artikel lesen:
http://www.europalibera.org/content/article/1771927.html
Lothar Müller
[…] Bauer rückt stets, wie im Blick auf die 1864 gegründete Literatengruppe "Junimea" die politisch-historische Geschichte Rumäniens und die der rumänischen Kultur eng aneinander. Und das hält er zum Glück bis in die unmittelbare Gegenwart durch. Über den Stadt-Land-Gegensatz und die Bauern in Rumänien schreibt er aus der Perspektive des 2007 vollzogenen EU-Beitritts, über Rumänien als Schauplatz des Holocaust im Blick auf die schwierige Geschichte der Kommissionen, die sich im letzten Jahrzehnt damit befassten, über die Stadtplanungen, Dorfzerstörungen und brutalen Modernisierungen des Bauernsohnes Ceaucescu sowie über die Minderheitenpolitik unter Einbeziehung der aktuellen Debatten über die Erforschung und Verurteilung der kommunistischen Diktatur.
Dieses Aktualitätsklima des Buches ist ein großer Vorzug. Seine Spurensuche ist keine elegische Archäologie des Untergegangenen, sondern eine kompakte Einführung in die noch heiße Zeitgeschichte Rumäniens zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert.
Den vollständigen Artikel lesen:
http://www.buecher.de/shop/Buecher/In-Rumaenien/Bauer-Markus/products_products/detail/prod_id/25623638/vnode/1/lfa/quicksearch-index-1-more/#sz
»In Rumänien« liefert keinen blossen Blick von aussen, sondern die materialreiche Innensicht eines Landes, über das viele Bücher wie dieses noch zu schreiben wären.
Den vollständigen Artikel lesen:http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/in_rumaenien_1.2367372.html
LESEPROBE
Ein junger Soldat der deutschen Wehrmacht wird am 17. Mai 1944 vom Erholungsheim St. Avold an der lothringisch-saarländischen Grenze in einen Zug mit überfüllten Waggons geladen und auf eine ihm und seinen »Waffenkameraden« unbekannte Reise geschickt. Zehn Tage sind sie unterwegs nach Osten, passieren Nürnberg, Wien, Budapest, fahren durch die ungarische Ebene, pausieren in kleinen Städten, erreichen die Nordkarpaten, Galizien und drehen dann im Bogen nach Süden, über Czernowitz und Suceava geht es in die Moldau. »Gestern abend spät haben wir das Ziel unserer Reise erreicht – Jassy –, sind spät ausgeladen worden, durch die dunkle, unbekannte Stadt marschiert, [...] Von ferne hört man das Grollen der Front...«, schreibt der Soldat am 28. Mai 1944 in einem seiner fast täglichen Briefen an seine Frau und die elterliche Familie nach Deutschland.
Die Front – die schmale Grenze des Todes – hatte sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion wie eine alles zerstörende Feuerlinie zunächst weit nach Osten ausgedehnt, bis nach Moskau und Leningrad, an die Wolga und in den Kaukasus, um nun sich wieder zurückzuziehen. Nach monatelangen Kämpfen um Stalingrad wurden dort nicht nur fast die gesamte 6. Armee unter General Paulus vernichtet oder gefangen genommen, sondern auch die italienischen und vor allem rumänischen Hilfstruppen schwer getroffen. Nun zog eine 650 Kilometer lange Linie sich von Galizien her über Czernowitz und Iași nach Chișinău und dem Dnjestr entlang bis zum Schwarzen Meer. Aus Teilen anderer Truppenformationen war wieder eine 6. Armee aufgestellt worden, die in der Heeresgruppe Süd bei Iași zusammen mit rumänischen Armeeteilen hinter dem Pruth die nach Westen drängende Rote Armee aufzuhalten versuchte. »[...] die Stadt ist wunderschön gelegen auf wenigen Hügeln, die ganz bedeckt mit grünen, blühenden Bäumen, ein prachtvoller Anblick, viele weiße Gebäude mit mächtigen Türmen, wirklich toll; ach, es ist eine schöne Stadt mit vielen fremden Menschen, ganz fremd und neu, ein sonderbares Gemisch aus Romanentum und Balkan, wirklich interessant; aber wir kommen zu wenig in die Stadt.«
Zehn Kilometer nördlich von Iași, bei Stânca, verlief die Front, an der der Germanistikstudent Heinrich Böll, denn um den späteren Literaturnobelpreisträger handelt es sich bei dem Briefe schreibenden Soldaten, zwei Tage später morgens um sechs Uhr drei Geschosssplitter in der Schulter davonträgt. Dass diese Verletzung ihm das Leben rettete, hat Böll geahnt. Denn die mächtige Präsenz der Roten Armee und ihre Aggressivität war den deutschen und rumänischen Kompanien und Divisionen mehrfach gefährlich geworden. Die sowjetische »Operation Chișinău-Iași» im August sollte die 6. Armee derart vernichtend treffen, dass kein Soldat mehr über deren Untergang berichten konnte.



