Carl-Peter Steinmann, ein leidenschaftlicher und inzwischen auch sehr bekannter »Stadterzähler«, greift die früher eher verpönte, inzwischen aber wieder geschätzte Form des Sonntagsspaziergangs auf. Die Familie oder ein Kreis von Freunden verabreden einen Treffpunkt und laufen munter drauflos. Der Genuss besteht aus einem Schuss Abenteuer (unbekannte Ecke oder Gegend), aus einer fröhlichen Portion Neugier und einem luxuriösen Umgang mit der Zeit: Zeit zu schauen, auch scheinbar Nebensächliches zu beobachten bzw. hinter vertrauten Fassaden Neues zu entdecken. Ein solcher Spaziergang funktioniert genauso wie das Lesen – nur dass er geselliger ist und außerdem in der Regel noch aufs Angenehmste belohnt wird: man kehrt ein, gönnt sich die Zumutungen eines Ausflugslokals oder bisher nicht vertraute kulinarische Besonderheiten eines Geheimtipps.
Das Buch bietet schön erzählte Fakten und Geschichten und ist garniert mit vielen historischen Fotos.
Über den Autor
Carl-Peter Steinmann wurde 1946 in Lerbeck/Westfalen geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Er lebt dort als Stadterzähler. Zuletzt erschien von ihm »Von Karl May zu Helmut Newton« (2006), »Im Fluss der Zeit« (2008) und »TatOrt Berlin« (2009).Wer Carl-Peter Steinmann bei seinen Stadtentdeckungen begleiten möchte, kann das Programm seiner Führungen per Mail JLIB_HTML_CLOAKING anfordern.
Pressestimmen
DIE ZEIT, 17. November 2011
[…] Im Gehen vermischen sich private Erinnerungen und Zeitgeschichte, verwebt Steinmann hohe Politik und das Leben der kleinen Leute. Faszinierend ist die Vielfalt an Lebenswegen und Schicksalen, von denen er ausführlich berichtet. Erschreckend häufig enden sie sehr abrupt – und tragisch. […] Ein Reiseführer, der nachdenklich stimmt.
Tagesspiegel, 4. Oktober 2011
Christoph Stollowsky
[…] Und wer weiß schon, dass am Eck Tempelhofer Damm/Kreuzbergstraße einst die Pferdebahn doppelt bespannt wurde, damit sie den Tempelhofer Berg hinaufkam. Steinmann beschreibt das alles so lebendig, dass man gleich loslaufen will. Originelle Lokale werden beiläufig empfohlen, und die schwarz-weiß gehaltenen historischen Illustrationen passen gut zum Lob des Sonntagsbummels. Sie bringen Ruhe und Gelassenheit ins Buch.
Radio Berlin-Brandenburg 88,8, 18. September 2011
Monika Burghard
[…] Mit diesem Buch hat man seinen persönlichen Stadtführer in der Tasche. Erstaunlich, dass es doch immer wieder Neues zu erfahren gibt. […]
LESEPROBE
Zwischen 1902 und 1903 »hauste« im Seitenflügel der Ahornallee 24, im Nebenraum der Waschküche der Anarchist und Dichter Erich Mühsam (1878-1934). Der Raum hatte keinen Ofen und auch keine Tapeten er war eine »unheizbare Kalkbude«. Mühsam, der ein äußerst bewegtes, immer wieder von politischen Haftstrafen unterbrochenes Leben führte, beschrieb den Vorteil seiner Behausung: »… das Fenster, das, vom Hofe aus nicht erreichbar, in die rückwärts abschließende Mauer eingelassen war und ins dichte Kieferngehölz hinauszeigte. So gelang es mir mehrmals, unwillkommenen Besuchen behördlicher Persönlichkeiten auszuweichen, und einmal konnte ich auch ein junges Mädchen aus dem Rheinland, dem es in unserer Friedrichshagener Gesellschaft besser gefiel als zu Hause, durch mein von keiner Straße sichtbares Fenster den Armen der ihr nachjagenden Mutter entreißen.«
Am Haus Nummer 26 erinnert eine Bronzetafel an Johannes Bobrowski (1917-1965), der hier mit seiner Familie lebte. Erste Gedichte von ihm erschienen 1944 in der Zeitschrift »Das Innere Reich«. Nach dem Krieg, dem sowjetische Kriegsgefangenschaft folgte, lebte er als Lektor in Ost-Berlin. Sein erster Gedichtband mit dem Titel »Sarmatische Zeit« erschien 1961 erst in Stuttgart, dann aber auch in der DDR.
Gemeinsam mit seinem Freund Manfred Bieler betrieben sie 1962 die scherzhafte Neugründung des Friedrichshagener Dichterkreises und machten sich als zunächst einzige Mitglieder zu Präsidenten. In der Präambel heißt es: »Der Friedrichhagener Dichterkreis steht auf dem Boden Friedrichshagens und sieht seine Aufgaben in der Beförderung der schönen Literatur und des schönen Trinkens.«



