Joachim Dyck :
BENN IN BERLIN
Benn und Berlin – das scheint eher eine Selbstverständlichkeit. Seit Beginn seines Studiums 1904 ist er mit der Stadt eng verbunden, arbeitet hier, hat hier seine ersten literarischen Auftritte und Erfolge. Trotzdem weiß man über Benns Leben in Berlin relativ wenig; man kennt vielleicht seine Praxen in der Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm) und in der Bozener Straße, aber die Lebensumstände, seine Gewohnheiten, seine eigene Welt, aus der heraus er die berühmten Texte und Gedichte schrieb, sind bisher nicht genauer erzählt worden. Das hat auch mit Benns Verschlossenheit zu tun: er liebte die Anonymität, er mochte nicht die Eitelkeiten der künstlerischen Eliten, wollte nur in seinen Texten in Erscheinung treten – und nicht als öffentliche Person.
Joachim Dyck, Benn-Biograph und bekannter Literaturwissenschaftler, schreibt unterhaltsam und detailreich von einem schwierigen Genie, das mitten in der politisch und kulturell brodelnden Großstadt Berlin jahrzehntelang sein ganz eigenes Leben führt.
Gottfried Benn, einer der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts, in einer faszinierenden Orts- und Lebensbesichtigung.
ÜBER DEN AUTOR
, geboren 1935 in Hannover, lehrte als Literaturwissenschaft-ler in Seattle, Freiburg, Michigan und Oldenburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur und Rhetorik des 19. und 20. Jahrhunderts. Er lebt heute als Autor und Herausgeber in Bremen. Er ist Vorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft und Herausgeber des Benn-Jahrbuchs.
Dandy Club, 27. Januar 2011
[…] Angenehm ist, dies vorweg, dass Dyck keinerlei Schaum vor dem Mund hat. Und: Im Gegensatz zu anderen Biographen steht das Politische hier nicht im Mittelpunkt. Das lässt das Buch zum einen angenehm lesen. Der Leser ist nicht permanent Wertungen des Autoren ausgesetzt, wie es in den letzten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik üblich war. Zum anderen ist das auch die einzig sinnvolle Perspektive, war Benn eben nicht primär politisch. […] Angereichert ist das Buch mit Schwarz-Weiß-Photographien von Orten in Berlin, an denen Gottfried Benn viel Zeit verbrachte. So entstand ein geschmackvolles Berliniana. Ein Stück Stadtgeschichte, das auch zeugt von dem ungeklärten Verhältnis Berlins zu seinem Dichter. Zu ‚seinem‘ Dichter?
Süddeutsche Zeitung, 10. Dezember 2010
Stephan Speicher
Benn war Berliner, ein zugewanderter. In Mansfeld, Westprignitz war er 1886 geboren, in Sellin in der Neumark aufgewachsen. Aber schon 1904, nach zwei Semestern in Marburg, kam er nach Berlin. Dort studierte er, dort praktizierte er als Arzt, dort schrieb er und dort starb er. […]
"Benn in Berlin" heißt ein schmales, schön gestaltetes Buch des Germanisten Joachim Dyck, eines ausgewiesenen Kenners seines Gegenstandes. Vor vier Jahren veröffentlichte er eine ungeheuer detailgenaue Studie "Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929-1949", davon profitiert das neue Buch, das sich in seiner Kürze an ein breiteres Publikum wendet. Es erzählt mehr von den äußeren und inneren Lebensumständen Benns als von seiner literarischen Arbeit. Aber der Zusammenhang erschließt sich dem Leser sofort. Benn nahm am Leben der Stadt stärker Teil als Brecht oder als Thomas Mann an München. Als Arzt hatte er es wirtschaftlich nicht leicht, aber er hatte einen guten Ruf […]
Und deshalb will man auch von Dramburg hören, "eine wahre Kaschemme . . . Schnaps u Bier 10 - 20 Pf. billiger als sonst, von morgens an immer überfüllt u. schmutzig, da schiebe ich abends manchmal ein." Er liebte es, nach der Praxis in der Kneipe zu sitzen, "etwas Alkohol, leichtes Stimulans u. die Bilder kommen u gehn". Es gehört zu der berlinischen Ecke, sich als Zeitgenosse zu verstehen: "In einer Zeit, wo so neue, interessante Dinge sich prägen, – historisch sein, ist das gut?" […]
Perlentaucher-Notiz zur SZ-Rezension, 10. Dezember 2010
Angetan zeigt sich Stephan Speicher von diesem Buch über den Arzt und Dichter Gottfried Benn in Berlin, das der Germanist Joachim Dyck vorgelegt hat. Er schätzt den Autor als hervorragenden Kenner Benns und erinnert an dessen umfangreiche und detaillierte Studie "Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929-1949", die vor vier Jahren erschien. Der vorliegende schön aufgemachte Band, der sich an ein breiteres Publikum wendet, profitiert in seinen Augen von dieser Studie. Gespannt folgt er dem Autor durch das Berlin Benns, in die Kaschemmen, die Arzt-Praxis, die Staatsbibliothek. Dycks Schilderung der Lebensumstände des Dichters in Berlin findet Speicher jederzeit interessant und aufschlussreich. Deutlich wird für ihn, dass Benn ein Großstadtmensch war, der in seiner geistigen Physiognomie viel mit der Stadt gemein hatte, die er liebte.
© Perlentaucher Medien GmbH
Literaturkritik, 22. November 2010
Heribert Hoven
[…] So ist in der Tat ein sehr genauer und zuverlässiger Stadtführer zu den biografischen Orten Benns entstanden, die fast immer auch literarische Spuren hinterließen. Dyck liefert außerdem, parallel zu den Lebensstationen seines Protagonisten, eine kleine, aber anregende Geschichte Berlins in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was bereits ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis andeutet. […] Natürlich ergibt dies alles kein abgerundetes und schlüssiges Porträt des Autors, der bisweilen als ein etwas kauziger, aber sympathischer Außenseiter erscheint. Vielmehr ermöglicht Dyck einen Einblick in den Kosmos Benn, indem er, modern gesprochen, bestimmte Themen auf verschiedenen Ebenen verlinkt. […] Dyck hat die hier vorgeführte Methode der weitgehend wertungsfreien Materialsichtung bereits in einem großen biografischen Essay erprobt, den er seiner 1986 bei Wagenbach veröffentlichten Sammlung von 50 Benn-Gedichten beigesellt hatte, ohne diesen jetzt noch einmal aufzuwärmen. Vielmehr enthält das vorliegende Bändchen gegenüber dem Vorläufer weitgehend neues Bildmaterial und Dokumente und ist daher eine weitere Fundgrube für Benn-Interessierte.
Die Welt, 18. September 2010
Jacques Schuster
Joachim Dycks Buch ist eine Liebeserklärung – eine Liebeserklärung an Gottfried Benn und eine an Berlin. Sorgfältig und liebevoll hat der Literaturwissenschaftler und Vorsitzende der Gottfried-Benn-Gesellschaft Berlin nach Spuren des Dichters abgesucht und mit Hilfe von Straßen und Plätzen eine so kleine wie wunderbare Biografie über Benn geschrieben, die sich auch als eine Geschichte der Stadt lesen lässt, in der Benn die meiste Zeit seines Lebens wohnte. Mittelpunkt ist die Bozener Straße 20 im Bayerischen Viertel, in der Benn von 1937 bis 1956 lebte. Benn ist über diese Wohnlage immer glücklich gewesen. "Nur der Bayerische Platz ist mein zu Hause", schrieb er. Wer die weiteren Kapitel liest, etwa über die Buchhandlung Marga Schoeller, die es noch immer gibt, der wird feststellen, wie reich das kulturelle Leben auch des Nachkriegsberlins noch war. "Man" traf sich in der "Vollen Pulle" am Steinplatz und feierte bis in die Morgenstunden. Benn brachte im nahen "Hotel am Steinplatz" seine Gäste unter, die zum 70. Geburtstag des Dichters angereist waren. Dycks Buch endet konsequenterweise auf dem Dahlemer Waldfriedhof. Benn fand dort am 12. Juli 1956 seine letzte Ruhestätte.
Der Tagesspiegel, 22. August 2010
Gregor Dotzauer
In 30 Kapiteln verfolgt Joachim Dyck Spuren des Dichters in der Stadt, in die Benn 1904 als 18-jähriger kam und wo er 1956 starb. Dyck widmet sich in dem reich illustrierten Buch nicht nur Benns Frauenbeziehungen, sondern auch dessen Zeit als Student, erzählt wenig bekannte Details zur Berufung Benns in die Akademie der Künste 1932 und berichtet von einer missglückten Kooperation mit dem Komponisten Paul Hindemith. Auch zeichnet Joachim Dyck die Wege nach, die Benn von seiner Wohnung in der Belle-Alliance-Straße bis in die Bozener Straße am Bayerischen Platz führten, wo er auch seine Arztpraxis unterhielt.«
»Sie sollen sein wie
Mnais, den windigen
Morgen auf ihren
spiegelnden Hüften,
hoch und allein.«
Diese Zeilen schickte er Doris Hahn, nachdem er sie im September 1917 kennengelernt hatte, die damals siebzehn Jahre alt war. »Aber ihr Hut ist entzückend, die Schleife auch, die Strümpfe wären natürlich besser Seide oder Flor, zumal wenn man etwas volle Gelenke u. Wadenansätze hat, aber das ist natürlich jetzt sehr schwierig. Immerhin u. alles zusammen waren Sie recht ansehnlich u. ich schließe mit den Worten: bleibe so u. mein Arm wird dich halten«.
Das Verhältnis muß spannungsreich gewesen sein, denn Doris war Benn gegenüber selbstbewußt und eigenständig. Sie glaubte den Komplimenten nicht, die er ihr und anderen Frauen machte: »Er konnte sehr blöde sein und so tun, als wären Frauen dazu da, ihn zu amusieren – aber das glaubte ich nicht«.
Doris Hahn moniert Benns Geschmack. Er hatte in der Belle-Alliance-Straße den Kupferstich Das Nachtcafé von George Grosz hängen, den Grosz ihm aber nur geliehen hatte. »Er holte es ab – und was hing sich Gottfried Benn dann hin – Postkarten von den Pferdchen der Renée Sintenis! Ich war platt! Das waren Unterschiede«. Doris Hahn hat Benn oft in der Praxis besucht, »zeitweise habe ich mich sogar gut mit Benn amusiert. Nie ausserhalb – immer in diesem kleinen Zimmerchen mit den altmodischen roten kleinen Salon-Plüschmöbelchen – während vorn, im Wartezimmer, ein von Strahlen umgebener Ritter hing, den gut und gern eine Mischung von Melchior Lechter und Fidus hätte gemalt haben können«. Doris Hahn gibt Auskunft über ein interessantes Detail des Bennschen Lebens, nämlich das Essen. Er liebte eine »mütterliche«, gut schmeckende Küche, »weder raffiniert, noch die vielen guten Kleinigkeiten – nein, sehr solide aber sehr gut häuslich zubereitet. Wenn er Kaffee und Kuchen machen liess: der Kaffee war ordentlich, der Kuchen solide – nichts mit Crème, kein Firlefanz. Er trank gern einen Cognac hinterher, hinter dem Kaffee, oder hineingeschüttet, das war zum Ende des Krieges shipshape und sehr à la mode«.
Doris Hahn heiratete später »ohne ihm etwas gesagt zu haben. Diese Art der Verschwiegenheit liebte er nicht«.