Es gibt viele Regionen in Deutschland, die, zumindest in der Wahrnehmung von außen, eine Schatten- oder Randexistenz führen, aber keine davon hat kulturell, politisch und wirtschaftsgeschichtlich soviel zu bieten wie Oberfranken. In diesem Buch geht es vor allem um die Industriegeschichte in Hof, Selb und Rehau, eine Region, die im 19. Jahrhundert eine der Motoren der Industrialisierung und Modernisierung Deutschlands war, vergleichbar nur mit dem Ruhrgebiet oder dem sächsischen Industriegebiet.
Gerald Sammet erzählt von den Erzvorkommen und geologischen Besonderheiten, die zahlreiche Berühmtheiten wie Alexander von Humboldt oder J.W. Goethe in dieses Gebiet lockten, berichtet von verheerenden Stadtbränden im frühen 19. Jahrhundert, in deren Folge aus einem abgeschiedenen Idyll eine sich modernisierende Region wurde, mit ganz neuen Industrien: Porzellan, Textil, Leder, Brauereien, Maschinenbau, verbunden wiederum mit einem schnellen Ausbau des Verkehrswesens, hauptsächlich Eisenbahnbau, das lukrative Verbindungen herstellte nach Sachsen, Böhmen, Thüringen und Preußen. Frappierend ist dabei, wie viel Erfindergeist in dieser Region mobilisiert werden konnte, wie schnell sich die Lebensweisen und auch die Freizeitgewohnheiten veränderten.
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Schaut man auf das nordöstliche Oberfranken stößt man auf eine Reihe von Verwerfungen, die die Industrialisierung dieses Landstrichs begünstigten. Drei Stadtbrände, Rehau 1817, Hof 1823 und Selb 1856 schufen die Voraussetzungen für Neuanfänge, die sich fundamental von den Lebensformen, Gewohnheiten und wirtschaftlichen Praktiken unterschieden, die bis dahin das Gesicht der Region bestimmt hatten. In Rehau entstand, maßgeblich geprägt durch die Handschrift des aus Hof stammenden Baukondukteurs Johann Wilhelm Baumann, eine Modellstadt, errichtet ohne Rücksichtnahme auf den Grundriss, der sich seit dem Mittelalter entwickelt hatte. Eine Ackerbürgerstadt, wie gehabt, aber mit vollkommen neuen Konturen, Sichtbeziehungen und Schauplätzen, geprägt von Vernunft und Funktionalität, angelegt auch mit dem Ziel, vorausgegangene, nicht weniger verheerende Brände ein für allemal auszuschließen. Zu den Errungenschaften, die dies bewirken sollten, zählte neben dem rechteckigen, leicht begehbaren und einsehbaren Stadtgrundriss ein System von Brandmauern, das jedes im Prinzip gefährdete Haus gegen sein Nachbarhaus abzuschirmen vermochte.
Hof, das 1823 verbrannte, blieb bei seiner einmal gefundenen topografischen Ordnung. Die Feuer, kaum ausgetreten, leiteten allerdings eine Neubesinnung ein, die geradewegs in die industrielle Moderne führte. Aus den Ruinen der Neustadt erwuchs ein biedermeierlich geprägtes Gemeinwesen, dessen Organisation, wiewohl raumgreifender, in seiner Fassadengestaltung an Baumanns Rehauer Neuordnungspläne erinnert.
Selb, 1856, verbrannte zu einer Zeit, als sich dort schon der Fabrikherr Lorenz Hutschenreuther angesagt hatte, mit dem Anliegen, am Rand der Stadt, auf dem Gelände der wirtschaftlich nicht mehr ertragreichen Ludwigsmühle, eine Porzellanfabrik zu errichten. Das Feuer kam ihm gelegen. Es setzte, kaum erloschen, Arbeitskräfte frei, denen es in anderen, überbrachten Zusammenhängen, schwer gefallen wäre, wieder ein Auskommen zu finden. Selb, 1856, markiert zeitlich wie strukturell eine Zäsur.



