Ein Mann, Ende zwanzig, steht vor den Trümmern seiner jungen Existenz: eine langjährige Liebe ist zerbrochen, sein Betrug beim Schreiben bzw. Abschreiben seiner Examensarbeit ist aufgeflogen, die Fakultät hat ihn zu einer Anhörung vorgeladen, seine akademische Karriere ist zerstört. Er fährt weit weg, ins holländische Zandvoort, um am Meer Abstand zu gewinnen, um über sich und sein Leben nachzudenken.
Dazu kommt er aber nicht. Schon bei seinem ersten Spaziergang am Strand begegnet er einer Frau, deren Bild ihn sofort gefangen nimmt und ihn in den nächsten Tagen nicht mehr loslässt. Je enger ihr Verhältnis wird, umso rätselhafter erscheint sie ihm, umso bedrohlicher häufen sich ungewöhnliche Ereignisse: Erdstöße erschüttern die Universitätsstadt, aus der er gerade fluchtartig weggefahren ist; ein auffallend aggressiver Hund verfolgt ihn; den bei einem Unfall verletzten Bruder der Frau, den sie täglich im Krankenhaus besucht, gibt es in diesem Krankenhaus nicht; ein alter Freund, der ihn an der Nordsee besucht, ertrinkt beim Surfen – verschlüsselte, dramatische Botschaften, deren Sinn er nicht fassen kann, die ihn aber zu einem Entschluss treiben. Und der befreit ihn nicht nur von diesem schönen Schatten...
»Henning zeigt sich als Meister der
Beobachtung, präzise lotet er die Brüche
im Alltäglichen aus.«
Jobst Ulrich Brand, Focus
Über den Autor
Pressestimmen
Buchhandlung Heimes, Koblenz, April 2012
Sehr schön gestaltetes Buch. Starke Charaktere, bildhafte Schilderung und Spannung von Anfang bis Ende. Bitte Fortsetzung.
ekz Bibliotheksservice, 3. März 2012
Connie Haag
Das wunderbare Kunststück der Gleichzeitigkeit, Verrätselung und Ambivalenz: Diese Novelle zeigt, wie's geht. […]
Leseprobe
Max Wahlberg stemmte sich gegen den Wind, warf die Reisetasche in den Kofferraum, stieg in seinen Wagen und ließ den Motor an. Dann schaltete er die Wischer ein, weil schwere Regentropfen gegen die Scheibe schlugen, legte den ersten Gang ein und manövrierte den Seat aus der Parklücke. Ohne ein genaues Ziel vor Augen hatte er vor dem offenen Schrank im Schlafzimmer gestanden und wahllos Kleidungsstücke in seine Reisetasche geworfen. An der Garderobe in der Diele hatte er seine Lederjacke vom Bügel gerissen, sie sich übergeworfen und auf Brusthöhe seine Brieftasche ertastet. Sein Handy hatte in der linken Seitentasche gesteckt, die Autoschlüssel lagen auf dem Schränkchen mit den Telefonbüchern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, hatte er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss gezogen und war in den Aufzug gestiegen. Er wollte einfach nur weg. Der Brief des Dekans war am Vortag gekommen. Er solle „in Angelegenheiten“ seiner Examensarbeit, wie es dort hieß, ins Dekanat kommen und sich einem Gutachterausschuss stellen. In drei Tagen. Doch um diese Zeit wäre er längst am Meer. Max stellte sich vor, wie die Herren in dem von Neonlicht erhellten Seminarraum säßen, vergebens auf ihn warteten und einander irgendwann achselzuckend ansähen. „In Angelegenheiten“ war eine verdeckte Drohung, so als richte jemand eine geladene, in einer Manteltasche steckende Waffe auf ihn. Dabei war alles ganz einfach: er hatte eine bereits veröffentlichte Arbeit abgeschrieben und als seine ausgegeben, hatte das Manuskript zum Buchbinder gebracht und anschließend eingereicht. Und sie waren dahinter gekommen, was, das hatte er vorher gewusst, den unverzüglichen Ausschluss aus dem Universitätsbetrieb bedeutete und zur Folge hatte, dass seine akademische Laufbahn damit unwiderruflich und für alle Zeit beendet wäre. Trotzdem hatte er die Arbeit des Anderen in großen Teilen übernommen. Aus Mangel an Kraft und Ehrgeiz, aber auch, weil er keine Lust mehr hatte, sich länger in ein System zu fügen, das er nicht mochte. „In Angelegenheiten“. Er ließ sich die ungelenke Formulierung, hinter der sich nichts anderes als sein aufgeflogener Betrug verbarg, auf der Zunge zergehen. Und stellte sich dabei vor, wie er das Dekanatsschreiben, das Zeugnis seiner Niederlage, das in seiner Jackentasche steckte, später, wenn er am Meer wäre, genüsslich zerreißen und die Papierschnipsel wie Konfetti in den Wind schleudern würde. Er lenkte den Wagen auf die Schnellstraße. Eine kräftige Böe wehte trockene Blätter über den Asphalt und ließ sie in Spiralen aufwirbeln. Wenig später wechselte er auf die Autobahn in Richtung Arnheim.
mit Schutzumschlag
14,80 €
ISBN 978-3-88747-269-6


