Reykjavik, Anfang der fünfziger Jahre: Ragnar, Taxifahrer, fährt einen betrunkenen amerikanischen Soldaten zu seinem Luftwaffenstützpunkt in Keflavik. Auf der Rückfahrt sieht er eine auffällig elegante Frau vor ihrem liegengebliebenen Buick stehen; er stoppt und bietet seine Hilfe an. Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine heftige Liebesbeziehung, die in Eifersucht und andere Turbulenzen gerät, als Ragnar von Gógós Ehemann und dazu noch von einem weiteren Liebhaber namens Bill, einem amerikanischen Soldaten, erfährt.
Ein temporeicher, hinreißend trocken geschriebener Roman aus den fünfziger Jahren, als Island sich plötzlich in der modernen, von Amerika geprägten Zeit wiederfand – mit völlig veränderten Lebens- und Moralvorstellungen. Die Geschichte einer fast unmöglichen Liebe – und gerade darum so spannend…
Gestern abend hab ich den Thorsteinsson gelesen. Großartig.
Ganz besonders das Kapitel 10. Da ahnt man plötzlich,
wie unendlich riesig und mythisch dies Ländchen ist.
Friedrich Christian Delius.
Über den Autor
Indriði G. Thorsteinsson
wurde 1926 als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Schulbesuch Arbeit als Kraftwagenfahrer, danach als Journalist. Seit 1951 veröffentlicht er auch literarische Texte, 1955 seinen ersten Roman »Taxi 79 ab Station« – in wenigen Wochen geschrieben und sofort ein Riesenerfolg. Die Verfilmung durch den dänischen Regisseur Erik Balling (bekannt durch die »Olsenbande«) war ein Riesenskandal – und dann ein Kassenschlager. Indriði Thorsteinsson starb im Jahr 2000; einer seiner Söhne ist der weltberühmte Krimiautor Arnaldur Indriðison.
Pressestimmen
Preußische Allgemeine Zeitung, 3. März 2012
Ansgar Lange
In seltenen Momenten stellt sich pures Glück beim Lesen ein. Bei Indridi G. Thorsteinssons isländischem Nachkriegsklassiker mit dem ungewöhnlichen Titel „Taxi 79 ab Station“ ist dies der Fall. […]
Die Horen, Dezember 2011
Wolfgang Schiffer
[…] Das Muster hinter dieser Geschichte ist hinlänglich bekannt, was seine Variation jedoch zu einem literarischen Kleinod macht, sind die psychologische Tiefe der Figuren, die präzisen melancholischen Bilder und intensiven, dem Schweigen näher als dem Reden gefassten Dialoge, mit denen der Autor seine Geschichte von Schuld, Betrug und späte Reue voran treibt und zum Zeitbild eines Is- lands gestaltet, das sich an der Bruchstelle von Tradition und Moderne befindet.
Die Welt: Die literarische Welt, 1. Oktober 2011
Tilmann Krause
[…] das Liebesleid ist so fundamental, so existentialistisch dargestellt, dass einen die Wucht des Buches trifft wie ein Keulenschlag.
Den vollständigen Artikel lesen:Die Welt: Als Reykjavik Großstadt wurde
Buchjournal Heft 4, 2011
Stefan Hauck
[…] Zu den beeindruckendsten Romanen der vergangenen Monate gehört Thorsteinssons »Taxi 79 ab Station« […] Es ist schwer, sich dem Sog seiner Sätze zu entziehen.
Deutschlandradio Kultur, 11. August 2011
Jörg Plath
[…] So wie Thorsteinsson seine archaische Geschichte mit filmischen Mitteln und philosophischen Anspielungen erzählt, so durchsetzt Betty Wahl ihre gelungen lakonische und atmosphärische Übersetzung mit den verschüttet geglaubten Worten "Frollein" und "Zuckerpuppe". Bevor sich Islands Literatur im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse mit zahlreichen Romanen und Erzählungen vorstellt, die größtenteils skurril und humorvoll daherkommen, ist mit diesem Band eine andere, weniger bekannte Traditionslinie zu entdecken.
Den vollständigen Artikel lesen:http://www.dradio.de
Oder hören:
http://www.dradio.de/flash/
Süddeutsche Zeitung, 13. Juli 2011
Jutta Person
[…] Amour fou auf Isländisch. Die auf Island stationierten Amerikaner sind immer auf der Suche nach »flotten Käfern«, und auch Ragnars-Taxikollegen wollen raus in die Moderne. In Betty Wahls Übersetzung – sie sitzt angegossen wie ein Etuikleid – stellen sie den »Zuckerpuppen« und »Frolleins« nach […]
In Island hat die Nominierung von »TAXI 79 AB STATION« für die hotlist ein lebhaftes Presseecho hervorgerufen.
Die beiden großen Tageszeitungen brachten jeweils einen ausführlichen Artikel, ebenso zwei größere Kulturportale in Internet (»In den Fußspuren des Sohnes: Indriði kommt in Deutschland groß raus« und »79 af stöðinni hoch gelobt in Deutschland: Der isländische Hemingway«.)
http://www.pressan.is/
Tagesspiegel, 28. Juni 2011
Nicole Henneberg
[…] "Ich hatte niemals Lust, eine spezielle Erfahrungswelt zu schaffen, weil ich Fantasie nicht leiden kann", verkündete Indridi Thorsteinsson 1985 im Rückblick auf sein Schreiben, das mit Shortstories begann. Auch sein Roman ist noch von deren knappem, sachlichem Stil geprägt und reiht in spröden Hauptsätzen Detail an Detail: wie sein Held das Auto anlässt um zu der Frau zu fahren, in die er sich gerade verliebt hat[…] Doch schon der vor Sehnsucht vibrierende Anfang, raffiniert verpackt in ein schleppendes Gespräch über zerfetzte Keilriemen und durchgeschmorte Zylinderkopfdichtungen, ist herzzerreißend und erinnert an Chandlers Philipp Marlowe, der rein und unbefleckt durch den Seelenmüll seiner Stadt wandert. Marlowe verliert nie wirklich sein Herz, schon gar nicht, wie Ragnar, an ein Luxusgeschöpf. Ragnar verfällt dieser geheimnisvollen, schweigsamen Gogo sofort… […]. Das Zusammentreffen eines kargen, alle Gefühle aussparenden Erzählens mit der verhassten und bewunderten Schönheit der isländischen Natur und ihren empfindsamen Menschen ist ein Glücksfall und erzeugt eine besondere, dramatische Fallhöhe. Deshalb gehört die Wildgansjagd, die Ragnars bester Freund ihm aufzwingt, um seinen Liebesschmerz im Keim zu ersticken, mit ihren teils bizarren, teils kindlichen Glücksmomenten zu den schönsten Kapiteln des Romans. In ihrer auf Ibsen und Hemingway anspielenden Symbolik stecken die Ängste und Hoffnungen der ganzen Geschichte. ]…]
readux, 16. Mai 2011
Amanda Demarco
[…] It's hard to assess Wahl's translation since I can't read the Icelandic, but her language is supple, sumptuous when the emotion overflows, sober again when the mood is more restrained. And always, always elegant. Transit Verlag clearly picked a winner with Taxi 79 from the Station. To illustrate how captivating the book was for me, I'll end by admitting that at one point I was so engrossed in reading it that I accidentally stepped into an empty out-of-service train and was driven into the bowels of Berlin's subway system.* And other reviewers have been similarly seduced.
Frankfurter Rundschau, 18. April 2011
Martin Zähringer
Sein zielsicheres Wechseln zwischen eleganter Erzählprosa und fein gestochenen Dialogen, die tragische Liebe mit viel Begehren, Versagen und Alkohol, der realistische Kontrast von cooler Taxifahrerwelt und drögem Landvolk – das ist isländische Literatur in bester ironischer Federführung.
http://www.fr-online.de
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. März 2011
Wiebke Porombka
[…] Männer, die ihren Schmerz und ihre Traurigkeit mehr oder weniger würdevoll zu tragen wissen, findet man vermutlich nirgends so häufig wie in Island. Der schweigsame Taxifahrer Ragnar, über dessen scheiternde Liebe Indriði G. Thorsteinsson in dem hinreißend melancholischen Roman »Taxi 79 ab Station« erzählt, ist einer dieser Männer. […]
literaturkritik, März 2011
Beat Mazenauer
[…] Indridi G. Thorsteinssons kurzer Roman ist ein Kaurismäki-Streifen in Worten. Die feine Schwarztönung verfliegt auch in den hellen Sommermonaten nie ganz aus seiner Erzählung. Einzig das in kurzen Umrissen gezeichnete Liebesglück Ragnars lässt den Vorhang zur Wohnung von Gógó samtig rot aufleuchten. Doch dieses Rot währt nur wenige Sätze, bevor die lakonische Kargheit wieder Oberhand gewinnt. Thorsteinssons Roman ist gestochen scharf in den Details, und immun gegen alles ausufernde Parlieren. Einzig die gemeinsame Gänsejagd ins Landesinnere und zum Schluss die nächtliche Fahrt erhalten eine ausführliche, doch von Stummheit begleitete Schilderung – ein Spiegel der großartig weiten und einsamen Landschaft. […]
Den vollständigen Artikel lesen:www.literaturkritik.de
Basler Zeitung, 4. März 2011
Nicole Henneberg
[…] Geprägt vom knappen, sachlichen Stil der Short Stories reiht der Roman in kunstvoll unterkühlten Hauptsätzen Detail an Detail […] Vibrierend. […] Das Zusammentreffen dieses spröden, alle Gefühle aussparenden Erzählens mit einem zerrissenen, ratlosen Land und seinen empfindsamen Menschen ist ein Glücksfall. Thorsteinssons harter, schneller Stadt-Roman war der erste, der in Island von einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen Mensch und Maschine erzählte – die nur von einem bizarren, erotisch aufgeladenen Jagdabenteuer infrage gestellt wird. Als Journalist und Gründer der ersten PR-Agentur seines Landes engagierte er sich für die Modernisierung – aber insgeheim liebte er den isländischen Fatalismus mit seiner melancholischen Selbstironie.
Perlentaucher Bücherbrief, 4. März 2011
»Taxi 79 ab Station« ist Buch des Monats März!
Börsenblatt, März, 9/2011
Stefan Hauck, Hanna Schindehütte
[…] Der wohl beeindruckendste Roman der vergangenen Monate […]. Thorsteinsson reduziert drehbuchartig Worte und Sätze auf das Nötigste, ohne dabei an poetischer Kraft zu verlieren […]. Es fällt schwer, sich dem Sog seiner Sätze zu entziehen.
Neue Zürcher Zeitung, 22. Februar 2011
Andreas Breitenstein
[…] Im Fall von Indridi G. Thorsteinssons Roman «Taxi 79 ab Station» ist es geradezu ein Glücksfall. Wer diesen 1955 verfassten Klassiker der isländischen Nachkriegsliteratur gelesen hat, wird hellwach gegenüber einem Land, dessen exzentrisches Inseldasein seine Geschichte und Identität tiefgreifend geprägt hat und noch prägt. […] Temporeich, unpathetisch und mit knappen Dialogen kommt Thorsteinssons kleiner Roman daher. Ihm eignet eine grosse Erzählökonomie, er bezaubert durch feine Psychologie und überzeugt durch kühnen Immoralismus, zugleich besticht er durch präzise Beobachtung und dichte Beschreibung. Die vielen sprechenden Bilder fügen sich zum Panorama einer Umbruchszeit, in der der Tektonik der Gefühle eine gefährliche Fragilität eignet. Konsequent pendelt denn auch die Sprache von «Taxi 79 ab Station» zwischen Altertümlichkeit und forcierter Moderne. Denn selbst wenn sich die Bewohner Reykjaviks längst «an das ständige Pfeifen der Triebwerke» der Düsenflugzeuge gewöhnt haben, welche die Stadt «in beträchtlicher Flughöhe» überfliegen, ihre Seelen sind langsam und wurzeln immer noch tief in der Landschaft, deren Kargheit den Menschen nie etwas anderes geboten hat als den Ernst des Lebens.
Den vollständigen Artikel lesen:http://www.nzz.ch/
Hofer Anzeiger, 9. Februar 2011
Michael Thumser
[…] Dies ist ein Buch aus der Fremde und bezieht seinen Reiz von dort.
»Taxi 79 ab Station« fesselt durch bleiche Verregnetheit, mehr durch Brisen als
durch Böen klammer Emotionen. Der Leser fühlt sich sofort an Ernest Hemingway erinnert, so lakonisch knapp, scheinbar unbeteiligt, fließend erzählt Indriði G.
Thorsteinsson (Vater des Krimi-Autors Arnaldur Indriðason) seine scheinbar
beiläufige Geschichte. Nichts verliert sie dadurch von den Nuancen ihrer
insgeheimen Intensität und verstärkt sie noch durch die abgeklärte Ich-Form,
die den Hauptteil des Textes in eine abgründige Subjektivität versenkt. […]
http://www.frankenpost.de/
Leseprobe
Wir standen nebeneinander vor dem Buick, sie war fast so groß wie ich. Es war kalt geworden, sie lehnte sich gegen den Wind und betrachtete noch immer den Keilriemen. Ich schätzte sie auf etwa dreißig, sie war dunkelhaarig, ihr Gesicht war ebenmäßig, aber nicht hübsch. Vielleicht war sie ja in einem gewissen Gewerbe tätig und hatte ihren Geschäftsfreund gerade zur Militärbasis zurück gefahren. Oder sie war einfach in Keflavík gewesen. Ihre Haut war auffallend glatt und ihr Kinn nicht sehr ausgeprägt. Sie war sehr unzweckmäßig bekleidet, trug nichts außer einem leichten Regenmantel über einem dünnen Flatterkleid, keinerlei Kopfbedeckung und rote, hochhackige Schuhe. Es musste ziemlich unbequem sein, mit solchen Stelzen an den Füßen ein Auto zu fahren.
»Es kann übrigens sein, dass ich noch so einen Riemen übrig habe«, sagte ich. Mir war plötzlich eingefallen, dass ich erst vor ein paar Tagen einen Keilriemen gekauft, dann aber keine Verwendung dafür gehabt hatte. Die Frau sah mich an, und ich bemerkte ihre wohlgeformten Zähne. Sie hatte eine ausgeprägt volle Unterlippe, und ich hatte dazu die eine oder andere Phantasie.
»Glauben Sie wirklich?« fragte sie und klang sehr erleichtert. Ich ging hinüber zu meinem Wagen, klappte das Handschuhfach auf und kramte zwischen allerlei Fensterledern und Wischlappen herum. Die Frau stand nun hinter mir, da hatte ich den Riemen gefunden und hielt ihn zum Vergleich neben den zerschlissenen.
»Er wird wohl zu lang sein«, sagte ich.
»Und was machen wir da?«
»Nichts. Es sei denn ich hätte die Ehre, die Dame eigenhändig in die Stadt zu chauffieren.« Sie lachte leise. Vielleicht hatte ich mich allzu förmlich ausgedrückt.
»Oder abzuschleppen«, fügte ich hinzu.
»Abschleppen? Mich? Oh nein, ich danke. Nicht mit mir.«
»Ihren Wagen natürlich. Sie bleiben hinter dem Steuer sitzen«, sagte ich.
»Duzt man sich unter Taxichauffeuren nicht, wenn man mit einem Kollegen zusammen in der Klemme sitzt, so wie wir jetzt?« fragte sie.
»Doch, das tut man ... Kollegin«, sagte ich, während ich meinen Schraubenschlüssel aus dem Handschuhfach holte. Wir gingen zum Buick zurück. Ich drehte die Halterung an der Lichtmaschine los, spannte den Keilriemen über die Riemenscheibe des Ventilators und ließ ihn an der Kurbelwelle einrasten. Danach verband ich den Riemen wieder mit der Lichtmaschine und straffte ihn so gut es ging.
»Zur Sicherheit werde ich hinter dir herfahren, bis wir in der Stadt sind«, sagte ich durchs offene Wagenfenster.
»Sehr gut«, antwortete sie und legte den Gang ein. Der Buick zog mit einem Kreischen davon und war kurz darauf in einer Staubwolke verschwunden…
von Betty Wahl
Originalverlag: Forlagid, Reykjavik
120 Seiten, gebunden
mit Schutzumschlag
14,80 €
ISBN 978-3-88747-247-4
12,99 €
ISBN 978-3-88747-261-0
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Video (1 Min.)
Joachim Król liest aus
»TAXI 79 AB STATION«, 17. März 2011, Museum der Bildenden Künste, Leipzig.
Mit auf dem Podium: Thomas Böhm.


