Óskar Árni Óskarsson unternimmt eine Fahrt durch Island, immer auf den Spuren seiner Familie, seiner lebenden und toten Verwandten. Ohne Pathos, in präziser, knapper Sprache wird deren Leben zu einem privaten und gleichzeitig typischen Bild isländischer Biographien verwoben: es geht um Fischfang (»Arbeit im Fisch«), um Schafzucht, um Krankheit, Hunger, Einsamkeit, Liebe, Auswanderung, Sehnsucht und Rückkehr.
Es geht aber auch um Lebenswillen und Lebensglück, so in der Geschichte eines schwer erkrankten Jungen, dem unter entsetzlichen Qualen ein Bein amputiert wird; mehrere Nächte können die Nachbarn wegen seiner Schreie nicht schlafen. Er überlebt, bekommt eine hölzerne Prothese, wird ein geübter Schwimmer und ein über alles geschätzter, heimlicher Liebhaber der Fischarbeiterinnen – daher die »Heringsschuppe in der Stirnlocke«!
Mit seinen historischen und aktuellen Fotos, den schönen atmosphärischen Miniaturen und den oft unglaublichen biographischen Erzählungen ist Óskar Árni Óskarsson ein schönes kleines Buch, ein großer Wurf gelungen.
Melancholisch-komische Episoden einer Familiengeschichte, eine erstaunliche Reise durch das Island der letzten hundert Jahre.
Über den Autor
Óskar Árni Óskarsson,
1950 in Reykjavik geboren; er lebt dort als Bibliothekar und Autor und gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen Schriftstellern. Seine Lyrik und Prosa wurden ins Englische, Französische und Schwedische übersetzt; dieses Buch ist die erste Übersetzung ins Deutsche.
»Ob er nun melancholisch, sarkastisch oder lustig ist:
Er kann auf gerademal ein paar Zeilen eine Stimmung hervorrufen, die andere nicht einmal in einem ganzen Buch zustande bringen.«
Brynjólfur Thor Guðmundsson
Pressestimmen
swr-Fernsehen, Literatur im Foyer, 6. Oktober 2011
Buchempfehlung von Steinunn Sigurdardóttir
»[…] dieses Buch sagt sehr viel über die Isländer, die Jahre, bevor wir steinreich wurden, also die Armut, Gefühle, die Dichtung. Eine wundervolle Kurzprosa.«
(Falls Sie nur den kurzen Ausschnitt sehen wollen,
ziehen Sie den Cursor bis zur 26.59 Minute vor.)
Basler Zeitung, 14. August 2011
Nicole Henneberg
Wer aus einer solchen Familie kommt, muss wohl Dichter werden: Die charismatische Grossmutter Stefania wurde von Schriftstellern bewundert und porträtiert, ihr Bruder Magnus war ein gerühmter und geliebter Dichter, ihr Enkel ebenfalls. Mit seinen kunstvollen, höchst lebendigen und humoristischen Miniaturen setzt der 1950 in Reykjavik geborene Arni Oskarsson dieser Ausnahmefamilie ein liebevolles Denkmal […].
Ein mit allen Wassern der experimentellen Literatur gewaschener Erzähler ist hier am Werk, der mit Aussparungen, Andeutungen und schrägen Pointen arbeitet. Aus ihnen knüpft er ein dreidimensionales Netz, das nicht nur ein isländisches Jahrhundert umspannt, sondern bis nach Kanada reicht. In Ruinen und Wellblechbaracken schwirren die Erinnerungen herum wie Fliegen, in deren Gebrumm sich Vergangenes und Gegenwärtiges mischen. […]
Buchjournal Heft 4, 2011
Stefan Hauck
[…] Rückblicke bietet auch Òskar Àrni Òskarsson, der die Insel nach Spuren seiner Familie durchstreift. Zunächst für sich stehende kleine Ereignisse offenbaren beeindruckende Lebensläufe mit all ihren Widrigkeiten und manchmal unverhofftem Glanz. So vermittelt Óskarsson ein ungeschminktes Bild vom oft harten Leben der Inselbewohner, den Blick auf Wesentliches reduziert und doch lyrisch, wie schon der Titel ›Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke‹ verrät.
Norddeutscher Rundfunk, 27. Mai 2011
Beatrix Novy
[…] In einer unprätentiösen und wundervoll selbstgewissen Sprache schreitet Oskarsson durch fern Vergangenes und Gegenwärtiges, als unterscheide nichts das eine vom anderen. Und alles verbindet die starke Poesie, die merkwürdigerweise sogar aus den alten Fotos in ihrem wolkenverhangenen Grau leuchtet, Bilder von Holzhäusern und kahlen Küsten - und von Oskarssons Familie.
Sächsische Zeitung, 19. März 2011
[…] Mit Óskarssons Porträtsammlung macht der Verlag schon einmal neugierig auf die Literatur, die in den nächsten Monaten um Aufmerksamkeit werben wird […].
Der Tagesspiegel, 16. März 2011
Christina Bylow
[…] In Óskarssons Band steckt ein ganzer Kosmos. Jede der 60 literarischen Miniaturen entwirft eine eigene Welt, der Ton ist lakonisch, ohne Sentiment, Bilder wie eingefrorene Erinnerungen. Sie fixieren den Moment […]
Leseprobe
Auf unserem Esstisch zuhause in der Bergstaðastræti lag immer ein kariertes Wachstuch. Es war ein alter Holztisch mit stämmigen Beinen und einem großen, schwarzbraunen Fleck auf der Tischplatte. Er hatte meiner Großmutter Stefanía gehört, sie hatte ihn schon in der Heringsbaracke in Siglufjörður gehabt, damals, als man ihrem Sohn Stebbi das Bein abgenommen hatte. Zwölf Jahre alt war er da gewesen. Mit dem verkrüppelten linken Bein war er schon auf die Welt gekommen, aber später hatte sich dort die Schwindsucht festgesetzt. Es war der Winter im Jahr 1920. Er war sterbenskrank, so dass der Arzt aus der Stadt kommen musste, Valdimar Steffensen, der damals seine Praxis in Akureyri hatte. Um das Leben des Jungen zu retten, musste er ihm das Bein abnehmen. Man gab dem kleinen Stebbi also eine Morphiumspritze, legte ihn auf den Tisch, und dann sägte der Arzt das Bein direkt unter der Leiste ab. Stefanía hielt ihren Sohn die ganze Zeit über fest. Die Operation verlief, gemessen an den Umständen, recht gut, doch die Morphiumvorräte waren bald aufgebraucht. In den darauf folgenden Tagen gellten die Schreie des Jungen durch die Straßen. Die Nachbarn wussten, was los war, aber in den Nächten danach bekam in Siglufjörður kaum jemand viel Schlaf. Nach und nach wurden die Schreie seltener, aus Akureyri hatte man neues Morphium geschickt. Den Fleck auf der Tischplatte hatte Großmutter ihr ganzes Leben lang nie weggekriegt, so tief war das Blut des Jungen in das Holz gesickert. Trotzdem stellten Stefanía und ihre Kinder ihre Teller und Tassen nach wie vor auf diesen guten, verlässlichen Holztisch. Stebbi erholte sich erstaunlich schnell, man hatte ihm eine Holzkrücke zurechtgezimmert, auf der er behende auf den Anlegebrücken herumwuselte, und wenn er dabei ins Wasser fiel, hievte er sich auf seine Krücke und paddelte unverdrossen wieder an Land, wie er es später selber gern zum Besten gab. Auch bei den Damen stand er schon in jungen Jahren hoch im Kurs, und nach den Schäferstündchen glitzerte in seiner dunklen Stirnlocke oft eine silbrige Heringsschuppe.
von Betty Wahl
Originalausgabe: Bjartur, Reykjavik 2008
120 Seiten, gebunden
mit Schutzumschlag
14,80 €
ISBN 978-3-88747-247-4
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Video (2 Min.)
Kristof Magnusson liest aus
»Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke«, 17. März 2011, Museum der Bildenden Künste, Leipzig. Mit auf dem Podium: Thomas Böhm.



