Gabriele Gérard

Florian, geb. 1976
Trauer die bleibt
Bearbeitet und mit einem Vorwort von Sabine Zurmühl

Gabriele Gérard schreibt über das Schlimmste, was Menschen passieren kann: über den plötzlichen Verlust ihres Kindes - und über die Unmöglichkeit, sich damit abfinden zu können.
Ein Buch über Trauer und die Kraft, diese Trauer nicht zu verbergen.

www.trauer-um-florian.de

PRESSESPIEGEL:
Mitteldeutsche Zeitung

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224 Seiten, 10 Abbildungen, gebunden.

18,80 EUR, CHF 33,20
ISBN 3-88747-192-X

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Inhalt

Verzweiflung über den Tod eines nahen Menschen ist Bestandteil unseres Lebens; im Gegensatz zu anderen Bereichen werden Tod und Trauer aber weitgehend verschwiegen (»stille Trauer«) oder als Ausnahmezustände für gewisse Zeit akzeptiert. Mit ihrem Buch geht die Autorin bewußt aus diesem Abseits heraus; sie beschreibt die Geschichte einer engen Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die dann blitzartig getrennt, aber nicht zerstört wird. In Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen wird das Ausmaß des Verlustes sichtbar; Trauer erscheint als einzige Chance des Weiterlebens.
»Gabriele Gérard äußert sich aus der Zeit der Trauer, der Wut, des Widerstands gegen das Unglück. Sie schreibt an den toten Sohn, liest ihre Tagebücher zur Zeit seiner Geburt, sammelt die schönen, nachdenklichen Briefe des inzwischen großen Sohnes. Und sie teilt ihre Gefühle zwischen Ausweglosigkeit, Leere, Orientierungslosigkeit und großer Liebe mit an alle, die vielleicht Ähnliches erleben oder erleben könnten. Eine Suche nach dem Kind, das nicht mehr da ist, nach dem Rätsel des Todes und der Zukunft, nach einer inneren Balance, die die eigene lebendige Gegenwart wieder zuläßt.« (Aus dem Vorwort von Sabine Zurmühl)
Das Besondere an diesem Buch ist die offensive Sprache, mit der die Autorin über ihre Situation schreibt, und die unglaubliche Intensität ihres Erinnerns.


 
Gabriele Gérard, 1947 in Bad Säckingen geboren, lebt in Berlin. Ihr Sohn Florian wurde im Oktober 1976 geboren und starb im Juli 2000 in Dublin.

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Foto: Privat
 
 
Leseprobe

Aus dem Tagebuch von Gabriele Gérard - Ende Juli 2000
Als man mir am 1. Juli sagte, du seiest die Treppe herabgestürzt und hättest dir das Genick gebrochen, wußte ich, daß es nicht stimmen kann. Nein, du fällst keine Treppe herab, du nicht! Du bist nicht tolpatschig, du bist umsichtig. Ich habe es gehört, aber ich habe es nicht geglaubt! Es war fast wie eine Erlösung, als man diese Todesursache nach wenigen Tagen ausschloß und sich darauf verständigte, daß dein Herz auf jener Treppe stehengeblieben ist – Sudden Adult Death Syndrome. Nichts kann es erklären. Es ist wohl der schicksalhafteste Tod, den es gibt und zugleich der sanfteste!

Brief von Florian an seine Mutter - Montag, 16. Juni 97
Ich denke aber, daß es gut ist, wenn ich nächsten Sommer zurück nach Berlin komme und, falls möglich, anfange Psychologie zu studieren. Camphill setzt einem so viele Flausen in den Kopf, daß man irgendwann die Übersicht und die Vernunft verliert. Hier sind all die Querdenker, zu denen ich mich eigentlich nicht zähle, auch wenn ich vieles von ihnen lerne. Ich lerne eine andere Denkensart, muß aber manchmal aufpassen, meine eigene, sofern sie bereits gefestigt sein sollte, nicht zu verlieren. Aber wie läßt sich Melken und Psychologie- oder Jurastudium unter einen Hut bringen?
Das Leben ist für mich einfach so irreal – aber es ist einfach großartig! Manchmal beneide ich mich wirklich selbst um diese Chance. Ich sehe sie als riesiges Geschenk an und mir wird wieder einmal bewußt, daß ich auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde. Für die Kraft und vor allem das Durchhaltungsvermögen muß ich Dir danken. Von wem soll es sonst kommen?

 
Presse

Als Fremde im eigenen Leben

VON Renate Voigt, 19.03.04
Acht Monate sind seit Florians Tod vergangen, als Gabriele Gérard versucht, wieder nach vorn zu blicken. »Meine Blickrichtung war rückwärts und ich spürte zunehmend, dass diese Richtung nicht zurück ins Leben führt, sondern weg vom ,Leben’.« Ihr Sohn war, kurz vor seinem 24. Geburtstag, in Dublin gestorben. Keine Krankheit, kein Unfall, sondern der plötzliche, lautlose Tod: Herzstillstand. Als sie den zitierten Satz schreibt, ahnt sie nicht, dass sie noch oft im Leid versinken wird, dass Hoffnung auf inneren Frieden und tiefe Verzweiflung lange in ihr widerstreiten werden.

Wenn ein naher Mensch gänzlich unerwartet stirbt, wenn keine Zeit ist, sich von ihm zu verabschieden, bleibt sein Tod lange unfassbar. Auch Gabriele Gérard ist unfähig zu begreifen, was geschah, und spürt - ehe er später mit unbeschreiblicher Wucht einsetzt - keinen Schmerz. Erst als Florian beerdigt ist, bricht er über sie herein. In der Trauer um den Sohn schreibt sie, um mit ihm im Gespräch zu bleiben und ihn in ihrem Leben zu halten, Briefe an ihn.

Diese Briefe hat sie - um inneres Gleichgewicht ringend - zunächst für sich geschrieben. Vermutlich gab es mehrere Gründe, sie jetzt mit ihren Tagebuchnotizen aus Florians Babyzeit und mit Briefen, die er ihr schrieb, zu veröffentlichen. Gewiss auch den, dass es ihr wie wohl allen, die um einen geliebten Menschen trauern, ein Bedürfnis ist, von ihm und dem Schmerz zu sprechen, den sein Tod zufügt. Möglich auch, dass sie darin oft zurückgewiesen wurde. Da sie auch Florian zu Wort kommen lässt, wird ihre Trauer eher mitfühlbar.

Die meisten Briefe hat Florian geschrieben, als er in Irland mit Behinderten arbeitete. Der Leser lernt einen Menschen auf dem Weg zu sich selbst kennen, der verantwortungsbewusst und einfühlsam mit anderen umgeht, der glücklich ist, weil er »gelernt (hat) zu geben«, der »Heimat weniger in Orten als in Menschen« sieht. Seine Briefe sind gedankentief, und ihr Stil beeindruckt. Sie belegen nicht nur eine enge Mutter-Sohn-Beziehung, ihnen ist auch ablesbar, dass die Autorin nicht vom Schmerz verleitet wurde, in Florian einen besonderen Menschen zu sehen: Er war ein außergewöhnlicher junger Mann.

Trauernden beizustehen, mag ein weiterer Beweggrund gewesen sein, ihr Innerstes bloßzulegen. Wobei der Trost, den ihr Buch spendet, nicht allein darin liegt, dass ein solcher Leser in Gabriele Gérard eine Leidensgefährtin findet, der auch die Abgründe tiefer Verzweiflung nicht fremd sind. Ebenso tröstlich ist die Erkenntnis, dass tief ins Lebensglück - ins Leben - Einschneidendes auch von unterschiedlichen Menschen ähnlich erfahren, angenommen und verarbeitet wird. Es scheint, das Leben hält dafür Grundmuster bereit. So vermittelt das Buch: Trauernde, die im Leid die Fassung verlieren, so, dass sie Fremde im eigenen Leben werden, müssen nicht an sich zweifeln.

Auch sie empfindet körperlichen Schmerz als wohltuend, weil er sich über den seelischen legt, auch sie sieht Irreales im Realen, fühlt sich getrieben, »alles wegzuwerfen aus diesem Leben, das nicht mehr mein Leben war«, rettet sich oft in hilflose Aktionen, um ihre Trauer zu leben. Aber die Erfahrung, dass Verlust Magie ins Leben bringen, die Sinne öffnen und »auf Pfade führen« kann, »die wir nie gegangen wären«, hat sie auch gemacht.

Nicht nur Trauernden, auch denen, die Umgang mit Trauernden haben, sei dieses Buch empfohlen. Es gibt Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der einen Verlust verarbeiten muss und kann damit helfen, Verletzungen zu vermeiden, zu denen es - ungewollt - oft kommt. Und sei es nur durch hilflose Worte wie: Das Leben geht weiter! Ohne diesen einen Menschen geht es eben nicht weiter; ein anderes, ärmeres Leben beginnt.

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