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Olaf Jahn + Susanne Opalka
TOD IM MILLIARDENSPIEL
Der Bankenskandal und das Ende eines Kronzeugen
Ein authentischer Kriminalfall, gründlich recherchiert und gespickt mit neuen Fakten. Ein Buch, das Schlaglichter wirft auf persönliche Verstrickung und ökonomische Abhängigkeit im Bankenskandal - und auf eine Justiz, die ein auffällig geringes Interesse an Aufklärung zeigt.
PRESSESPIEGEL:
Financial Times Deutschland
Kulturzeit
taz Berlin
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: Zurück
: Vorschau / Neue Bücher
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| 224 Seiten, 20 Abbildungen und Dokumente, gebunden.
18,80 EUR, CHF 33,20
ISBN 3-88747-190-3
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Inhalt |

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Der Fall ist nicht nur Schlagzeilen wert: P., ein Computerfachmann, besetzt im Informationssystem von AUBIS, einem hauptsächlich im Osten Deutschlands aktiven Immobilienimperium, eine Schlüsselposition; er erhält Einblick in merkwürdige Finanz- und Kreditoperationen und gleichzeitig in die Geschäftspraktiken der BerlinHyp und der Bankgesellschaft Berlin. Seine Informationen darüber sind nach der ersten Aufdeckung des Bankenskandals besonders brisant: sie können Beweise liefern für das persönliche Geflecht zwischen Politik, Geld und Macht - und für die persönliche Schuld einzelner Vorstände oder Manager. Daß er diese Informationen zu Geld machen will, ist sein erster Fehler. Daß er glaubt, er könne sich als einzelner gegen den Filz von Banken, Parteien und Justiz durchsetzen, sein zweiter- und entscheidender: man findet ihn tot im Grunewald. Seine Beweise, die belastenden Unterlagen und Dateien, sind verschwunden. Und die Justiz leistet sich so ungeniert eine Panne nach der anderen, daß man nicht mehr an Zufall glauben mag ...
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Susanne Opalka und Olaf Jahn
sind erfahrene Journalisten und recherchieren seit Jahrenauch zum Thema Bankenskandal; ihre Sendungen im ARD-Fernsehmagazin »Kontraste« haben wesentlich zu dessen Aufklärung beigetragen. In diesem spannungsreichen Buch präsentieren sie die Ergebnisse einer jahrelangen Recherche zu dem »Fall P.«.
Johannes Eisenberg ist Rechtsanwalt und in dieser Funktion seit Jahren mit dem Bankenskandal befaßt.
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Leseprobe |

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DIE ERMITTLER
Für die Kripo ist der Tote zunächst ein Selbstmörder. Dafür scheint das Erhängen zu sprechen. Und es sind keine Zeichen von Gewaltanwendung zu erkennen. Der Rechtsmediziner notiert nach der Untersuchung der Leiche: »Der Vorgang wird hier vorerst als Selbsttötung abgeschlossen.« Dabei bleibt es sechs Wochen lang.
In dieser Zeit beginnt das Landeskriminalamt, intensiv nach P. zu suchen. Die Ermittler haben bemerkt: Ihr Kronzeuge ist verschwunden. Weder seine Eltern noch seine Freunde wissen, wo er ist. Deshalb gibt die Kripo am 12. November 2001 eine Vermißtenanzeige auf. Die Antwort der Vermißtenstelle kommt knapp eine Woche später: »Euer Mann ist tot.« Jetzt schrillen bei der Kripo die Alarmglocken: Ein Hauptbelastungszeuge als Leiche im Bankenskandal …
Die Ermittler schwenken um. Plötzlich halten sie Mord für möglich. P. wäre ein «sehr belastender Zeuge» gewesen, er hatte »intime Kenntnisse über die Aubis-Geschäftspraktiken«, er habe sich bedroht gefühlt und: Da er »die Firma Aubis somit erpreßt haben könnte, besteht ein Motiv für seine Tötung«. Deshalb steht auf der Akte P. jetzt: »Ermittlungsverfahren wegen Mordes«. Doch was folgt, ist eine einzige Ermittlungspanne. Die Kripo-Beamten befragen viele Zeugen überhaupt nicht, andere nur schlampig. Die Details seiner Flucht nach Hamburg bleiben im Dunkeln. Dort hatte er Freunden berichtet, was ihn am meisten ängstigte: Die Vergangenheit seines Ex-Chefs Klaus Wienhold. Der war in seinem früheren Leben Ermittler bei der Berliner Mordkommission ein Experte in Sachen »Gewaltsame Todesfälle«. Auch am Fundort der Leiche leisten sich die Beamten schwere Pannen. Statt die Situation vom 29. September 2001 genau nachzustellen, machen sie sich mit Zollstock und Haushaltsleiter ans Werk, um die merkwürdige Auffindeposition der Leiche über einer Art Henkerspodest zu rekonstruieren. Dabei zeigt eine Analyse vor Ort, daß P. der Holzstapel nicht als sogenannte Steighilfe für einen Selbstmord benutzt haben kann. Stattdessen können die Birkenscheite nur im Nachhinein um die Füße des hängenden Toten herum aufgestapelt worden sein. Ein fast perfektes Täuschungsmanöver.
Ein weiteres gewichtiges Indiz übersehen die Ermittler völlig: Am Fundort findet sich ein 50 Zentimeter langes Stück Nylonseil, laut Polizeiakte »in der Art des Strangulationsmaterials«. Dieses Teilstück ist an keinem Ende aufgerippelt. Genau das aber geschieht bei Nylonseilen sofort, wenn sie durchschnitten und bewegt werden. Im Klartext: Das Seilstück ist am Fundort abgeschnitten worden. Doch: Weder bei dem Toten noch im Umfeld des Fundorts findet sich ein Messer oder ein anderes Schneidewerkzeug.
Ein renommierter Kriminalist hat am Fundort jene Kerbe untersucht, die das Seil bei P.‘s Tod am Eichenast hinterlassen hat. Dabei kommt er zu einer dramatischen Feststellung: Die Kerbe ist weitaus breiter als das Seil! Das paßt nicht zum Selbstmord. Beim Nachstellen eines »normalen« Erhängens zeigt sich, daß bei einem Freitod Seil und Kerbe gleich schmal sind. Es bildet sich eben keine breitere Kerbe. Die entsteht allerdings, wenn an einem unter Belastung stehenden Seil gezogen wird. Im Klartext: Wenn der erdrosselte Mensch an einem Seil hochgezogen wird. Ausgerechnet der von den Ermittlern beauftragte Rechtsmediziner, der die Selbstmordthese stützt, weist auf diesen wichtigen Zusammenhang hin. Er schreibt: Zwar würden immer wieder mal Ermordete nachträglich an Bäumen hochgezogen. Dann aber blieben Spuren. Zum Beispiel das Verrutschen des Seils an der Astgabel!
Genau dies ist im Fall P. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geschehen. Aber die Ermittler haben das übersehen. Und der Rechtsmediziner wußte nichts von der Kerbe …
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Presse |

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Aus der Financial Times Deutschland vom 31.3.2004
Versagen ist nicht strafbar, und Unfähigkeit ist nicht kriminell. Sonst müssten Manager der Bankgesellschaft Berlin für lange Jahre hinter Gittern verschwinden. Weil sie Geld verplempert haben, Millionen und Abermillionen.
Kredite haben sie vergeben nach Gutsherrenart, sich auf abenteuerliche Investitionen eingelassen und, als alles aufzufliegen drohte, unter den Teppich gekehrt, was nur eben zu kehren war. Wer auf die Wölbungen unter dem Teppich hinwies, bekam von Berlins Politikern beschieden: Ist da was? Ich sehe nichts!
Die Bankgesellschaft Berlin liefert ein Lehrstück über Filz. Alle kungeln, jeder hat Dreck am Stecken, niemand macht den Mund auf. Bis 2001 die Bankgesellschaft Berlin implodiert. Angeblich 8 Mrd. Euro plumpsen ins Loch, der Steuerzahler kommt für die Zeche auf. Die deutsche Hauptstadt ist so überschuldet wie sonst nur schwarzafrikanische Staaten. Und wer trägt die Schuld? Niemand.
Gerade beginnen in Berlin die ersten Prozesse. Die Staatsanwaltschaft zeigt sich weitgehend hilflos. Die Angeklagten schweigen oder wiederholen sich in Standardsätzen: »Ich kann mich nicht erinnern« und »Dafür trage ich nicht die Verantwortung«. Versagen ist nicht strafbar, und Unfähigkeit ist nicht kriminell.
Mit dem Recht lässt sich keine Gerechtigkeit herstellen. Die Öffentlichkeit hat sich erschöpft in ihrer Empörung, es passiert ja ständig etwas Neues. Und letztendlich geht es ja nur um Geld.
Oder auch um Mord? Diese Frage stellen Olaf Jahn und Susanne Opalka. Die Journalisten, beide Mitarbeiter des ARD-Magazins »Kontraste«, stellen die Frage nicht leichtfertig. Für ihr Buch »Tod im Milliardenspiel« haben sie lange recherchiert.
Fest steht, Lars Oliver Petroll wurde im Grunewald gefunden. Tot, den Kopf in einer Schlinge. Selbstmord? Davon geht die Polizei zunächst aus. Dann stellt sich heraus: Petroll ist bei Aubis beschäftigt. Das Immobilienunternehmen wird von zwei CDU-Politikern geführt, nicht eben erfolgreich, sanierte Plattenbauwohnungen sind eben doch nicht so gefragt wie angenommen. Die Aubis steckt tief im Schlamassel. Jahrelang flossen Kredite, obwohl bankintern längst moniert wurde, dass es dafür keine ausreichenden Sicherheiten gäbe.
Petroll weiß das, und er weiß noch viel mehr. Petroll ist das IT-Hirn der Aubis. Der EDV-Fachmann weiß, was nicht nach außen dringen soll. Als das Aubis-Imperium 2001 zusammenbricht, bietet er sein Wissen der Staatsanwaltschaft an. Doch die Gegenseite erfährt nicht nur, dass es einen Informanten gibt, sondern auch, wer es ist. Petroll.
Am 29. September 2001 ist Lars Oliver Petroll tot. Und die Dokumente, die er der Staatsanwaltschaft übergeben wollte, sind verschwunden. Bis heute.
Was für ein Stoff. In einem Krimi würde jetzt ein unerschrockener Kommissar das Geflecht aus Lüge und Abhängigkeiten durchhauen, um den Mörder zu finden.
Doch dies ist das wahre Leben. Und Olaf Jahn und Susanne Opalka wissen nicht einmal, ob es einen Mörder gibt. Aber sie stellen Fragen, die ein Krimi-Kommissar auch stellen würde: Wer war dieser Lars Oliver Petroll? Was machte er bei Aubis? Was passierte bei Aubis? Was geschah in den letzten Wochen in Petrolls Leben? Das Autorenduo nimmt seine Leser mit auf Recherche. Ermittlungsarbeit: wieder Misstrauen zerstreut, wieder einen Informanten gefunden, wieder eine Behauptung widerlegt. Die Leser ermitteln mit, sehen zueinander passende Puzzleteile, störende Details, sortieren Informationen. Bis sich ein Bild ergibt.
Ins Menschliche heruntergebrochen, wird dieser Moloch »Bankenskandal« plötzlich fassbar. Politiker, die Unternehmer spielen wollen und denen die Bank immer wieder Spielgeld nachschießt. Banker, die auf Druck von oben weitere Kredite auszahlen. Rund 600 Mio. DM waren es im Fall der Aubis zum Schluss. Absahner, Abzocker, Hände-in-Unschuld-Wascher und mittendrin ein EDV-Fachmann, der erst langsam erkennt, was gespielt wird. Und dann geht alles schief.
Das ist hochspannend, das ist gut erzählt, das ist ungemein aufschlussreich und anschaulich. Es ist fast zu gut. Denn wenn zwei Journalisten Sherlock Holmes spielen, fühlen sich die Leser wie Dr. Watson: miteifern, Vermutungen wagen, eigene Schlüsse ziehen. Das ist spannend, und das ist gefährlich.
Denn die Fährten legen Jahn und Opalka. Die Schlüsse bieten Jahn und Opalka an. Das ist sowohl Manipulation als auch Notwehr. Denn schrieben sie »Es war Mord!« und würden mit dem Finger auf ihren Hauptverdächtigen zeigen - es würde Anzeigen hageln. »Doppelt und dreifach« seien Anwälte über das Manuskript gegangen, sagt Verleger Rainer Nitsche, um bloß keine Angriffsfläche zu bieten.
Ein Freibrief für vage Verdächtigungen ist das nicht. Da halten sich die Autoren stärker zurück als der Verlag, der anklingen lassen möchte, dass die Berliner Justiz den Fall Petroll unter den schon so oft gelüfteten Teppich kehren möchte. Weil ja alle mit allen unter einer Decke stecken.
Mit Verlaub und allem Verständnis für Paranoia: Was Jahn und Opalka an Fehlern und Versäumnissen auf Seiten der Justiz aufdecken, erzählt weniger von bösem Willen als von Schlampereien und Gedankenlosigkeit. Letztlich sind es Fehler der Justiz, die eine Antwort auf die Frage nach Mord oder Selbstmord unmöglich machen. Aber Versagen ist nicht strafbar, und Unfähigkeit ist nicht kriminell.
Dieser Artikel ist im Internet abrufbar unter der URL:
http://www.ftd.de/so/br/1080371879871.html?nv=nl
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26.03.2004 - Kulturzeit
Milliardenverluste auf Kosten des Steuerzahlers,Spekulationsgeschäfte der Bankgesellschaft Berlin, die Immobilienfirma Aubis und eine CDU-Parteispendenaffäre - ein Untersuchungsausschuss, der seit drei Jahren tagt. Dazu gibt der angebliche Selbstmord eines Aubis-Mitarbeiters vor knapp drei Jahren bis heute Rätsel auf. Jetzt haben Olaf Jahn und Susanne Opalka, zwei Berliner Journalisten, den mysteriösen Fall neu aufgerollt.
Berlin-Grunewald am 29. September 2001: Um neun Uhr macht ein Pilzsammler einen grausigen Fund. An einem Baum hängt die Leiche eines jungen Mannes - die amtliche Todesursache lautet: Selbsttötung durch Erhängen. Es ist der 32-jährige Computerspezialist Lars Oliver Petroll. Ist er ein Opfer des Berliner Bankenskandals? Journalisten recherchierten den Fall und sind auf zahlreiche Ungereimtheiten gestoßen. Selbstmord, sagen sie, sei so gut wie ausgeschlossen. Petroll habe kein Motiv gehabt und sei unter äußerst mysteriösen Umständen gefunden worden. Olaf Jahn glaubt, die Staatsanwaltschaft habe nicht gründlich genug und mit entsprechender Energie ermittelt: »Sie hat sich vorzeitig festgelegt auf einen Selbstmord. Aus unserer Sicht eine These, die nur schwer zu halten ist.«
Indizien sprechen gegen Selbstmord
Ungewöhnlich für einen Selbstmörder ist, dass Petroll keinen Hinweis auf seine Identität bei sich trug - kein Paß, kein Abschiedsbrief, kein Handy. Wenige Stunden vor seinem Tod hatte Petroll seinem Vater noch eine SMS geschickt: "Mir geht es gut. Alles in Ordnung." Weitere Indizien sprechen gegen die Selbstmordthese. Am Tatort fand die Polizei vier Seilenden, fein säuberlich getrennt und alle gleich lang. Ein Messer wurde nicht gefunden.
Wie kamen die Stücke dahin, wozu dienten sie? Susanne Opalka glaubt, dass es sich dabei um Handfesseln gehandelt haben muss. Die beiden Journalisten haben ein Seil genommen, es sich um die Hände gewickelt und einmal durchgeschnitten, und tatsächlich kamen gleich lange Seilstücke heraus. Die Ermittler hingegen hätten die Seilstücke in einen Umschlag gepackt und bis heute nicht weiter beachtet.
Petroll kam 1998 zur Firma Aubis. Der Firmensitz befindet sich in einer Nobeladresse nahe dem Kurfürstendamm. Mit der Sanierung von Plattenbauten wollten die Firmengründer, die früheren CDU-Politiker Klaus Wienhold und Christian Neuling - Schlüsselfiguren des Berliner Bankenskandals - Millionen verdienen. Petroll gewann ihr Vertrauen, machte als Aubis’ Systemadministrator rasch Karriere. Zur Erinnerung: Die landeseigene Berliner Bankgesellschaft hatte Aubis unter dubiosen Umständen Millionenkredite gewährt. Verluste in Höhe mehrerer Hundertmillionen waren absehbar. Der Fall machte Schlagzeilen. Eine Spende der Aubis-Manager an den CDU- Fraktionsvorsitzenden Klaus Rüdiger Landowsky, zugleich im Vorstand der Bank, brachte das Fass zum Überlaufen und das Ende der großen Koalition in Berlin. Mittendrin Petroll. Ein ehemaliger Kollege, der nicht erkannt werden will, erinnert sich, dass Petroll zum engeren Kreis der beiden Aubismanager gehört habe. Er sei einer ihrer Vertrauten gewesen. »Er hat die ganze Datensicherung gemacht, für die Chefs persönlich«, weiß der Kollege. »Ich bin sicher, wenn Herr Petroll diese Unterlagen hatte, dann war das für ihn lebensgefährlich.«
Petrolls Judaskuss
Was wusste Petroll vom Berliner Bankenskandal?
Petroll war der Herr des firmeneigenen Computersystems, hatte die Sicherheitscodes entwickelt, kannte Transaktionen und Finanzen auf über sechzig Konten und zögerte offenbar nicht, heimlich Kopien zu ziehen. Daten, die von der Polizei, so die Journalisten, weitgehend unbeachtet blieben. Für den ehemaligen Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland Grund genug, den Fall wieder aufzurollen. Als Rechtsanwalt vertritt er den Vater des Toten: »Er kannte alle Vorgänge in der Firma als EDV-Mann und er hatte sich Disketten gezogen und hatte ein richtig schönes Erpressungspaket in der Hand und möglicherweise hat er auch direkt die beiden Herren Wienhold und Neuling erpresst. Dafür spricht eine Zahlung von 10.000 Mark an ihn und Petroll hat dies selber als Judaskuß bezeichnet.«
Anfang Juli 2001 traf sich der EDV-Experte in einem Restaurant mit einem Vertreter der Bank und bot ihm gegen Geld Informationen über die merkwürdigen Geschäfte von Aubis an. Doch Petroll stieß auf Misstrauen, und sein Name landete in den Akten der Staatsanwaltschaft - für die Journalisten ein Fehler mit fatalen Folgen. Die Staatsanwaltschaft habe nicht sofort versucht, ihn zu kontaktieren und zu vernehmen. Allerdings habe sie seinen vollen Namen ungeschwärzt in die Akten aufgenommen, berichtet Olaf Jahn. Damit wurde der »Verrat« Petrolls zumindest den Anwälten der Aubis-Manager, gegen die wegen Untreueverdachts ermittelt wurde, bekannt. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis: »Spätestens am 19. September 2001 - also neun Tage vor Petrolls Verschwinden bzw. Tod - erhielten die Anwälte von Wienhold und Dr. Neuling und damit sicher auchdiese selbst im Wege der Akteneinsicht Kenntnis davon, dass P. ein 'doppeltes Spiel' spielte.«
Detaillierte Rekonstruktion
War Petroll in Lebensgefahr? Er fühlte sich bedroht. Ein bis heute Unbekannter schickte ihm eine SMS: »Warum sollte dich einer killen?« Vor knapp zwei Jahren wurden die Ermittlungen wegen Mordes jedoch mangels Tatverdacht eingestellt. Dabei hatte einer der Staatsanwälte noch zuvor die mangelnde Koordinierung der Ermittlungsarbeiten beklagt. Man habe aber überhaupt nicht das Umfeld aufgeklärt, sagt Wolfgang Wieland. Außerdem habe man wichtige Zeugen, die etwas zur Bedrohungssituation hätte sagen können, bis heute nicht vernommen. Und Susanne Opalka ergänzt: «Der Todeszeitpunkt ist unklar, ist nie ermittelt worden. Ein Anfangsfehler vielleicht und insofern ist alles diffus, nebulös und hätte gründlich ermittelt werden können.« Wird man je erfahren, was in jener Nacht des 29. September 2001 wirklich geschah? Die Journalisten haben die Vorgänge detailliert rekonstruiert, sind allen Fragen akribisch nachgegangen. Sogar die Wirkkräfte eines Seils auf die Rinde des Baumes haben sie mit unabhängigen Kriminalexperten getestet: Der Tote hatte ein 0,8 cm breites Seil um den Hals, die Furche ist viel breiter und die Rekonstruktion mit dem Experten hat ergeben, dass diese breite Furche nur entsteht, wenn man jemanden hochzieht. Amtlich wurde auch das bisher nicht untersucht.
Pannenreiche Ermittlungen
So sorgen die Ergebnisse der journalistischen Recherchen - eine einzige Pannenbilanz - bereits für Furore. Die Berliner Justizsenatorin Schubert wiegelt noch ab. Sie sieht keine Pannen. Die Dinge seien der Staatsanwaltschaft bekannt gewesen und diese habe sich damit auseinandergesetzt. Die Schlussfolgerung daraus lautete, dass man nicht gegen bestimmte Personen ermitteln könne und die Ermittlungen deswegen eingestellt würden. Aber es sei von Anfang an klar gewesen, dass die
Ermittlungen neu aufgenommen werden würden, sollten sich weitere Tatverdächtigungen ergeben,.
Die Aubis-Manager Neuling und Wienhold, seit Anfang März wegen Betruges vor
Gericht, bestreiten jede Verwicklung in den Todesfall. Petrolls einstige Arbeitgeber betonen ihr gutes Verhältnis zu ihm. Ein Interview lehnten sie jedoch ab. Im Prozess spielt Petrolls Schicksal nur am Rande eine Rolle. Bis heute glauben Freunde und Verwandte nicht, dass sich Petroll selbst getötet habe. Zu lebenslustig sei er gewesen, voller Tatendrang und frisch verliebt. Berliner Ermittlungsbehörden haben sich in diesem Fall nicht mit Ruhm bekleckert. Aber sie können jetzt die Chance nutzen, die Wahrheit über den Tod Lars Oliver Petrolls ans Licht zu bringen.
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taz Berlin lokal Nr. 7320 vom 27.3.2004, Seite 25, 123 Zeilen (TAZ-Bericht),
RICHARD ROTHER
Skandallogo: Eine Bank und ihre Bücher
Bankenskandal erobert Bühne und Regale. Mit »Tod im Milliardenspiel« erscheint jetzt eine neue Recherche. Ein authentischer Krimi, der den Tod des Kronzeugen beschreibt. War es Selbstmord oder Mord? Der Staatsanwaltschaft zur Lektüre empfohlen VON RICHARD ROTHER
Der Berliner Bankenskandal - er ist längst zum literarischen Topos und Kunstthema geworden. Mit »Tod im Milliardenspiel« ist jetzt das dritte Buch zum Thema erschienen, nach Mathew D. Roses Sachbuch »Eine ehrenwerte Gesellschaft« und Jacques Berndorfs Krimi »Die Raffkes«. Seit einer Woche läuft im Maxim Gorki Theater zudem Lutz Hübners Stück »Das Geld, die Stadt und die Wut«. Fehlt eigentlich nur noch ein Film, der Größenwahn, Korruption und Unvermögen, die zu den Milliardenverlusten bei der Berliner Bankgesellschaft führten, zum Plot macht.
Milliardenverluste, unter denen die Berliner Bevölkerung über Generationen hinaus zu leiden haben wird. Vielleicht macht diese finanzielle Dimension den Bankenskandal zum Kunstgegenstand? Vielleicht ist es das Bedürfnis nach Aufklärung, das Unverständliche zu verstehen? Oder ist es vor allem die Wut darüber, dass die politischen und juristischen Konsequenzen angesichts des Milliardenschadens bislang so lächerlich erscheinen?
Der »Tod im Milliardenspiel - der Bankenskandal und das Ende eines Kronzeugen« will seinen Beitrag zur Aufklärung des Skandals leisten. Mit minutiöser Recherche widmen sich die beiden Autoren Olaf Jahn und Susanne Opalka, die für das ARD-Politikmagazin »Kontraste« arbeiten, dem
authentischen Kriminalfall Lars Oliver Petroll.
Petroll, der junge EDV-Chef der Immobilienfirma Aubis, wurde am Morgen des 29. September 2001 von einem Pilzsammler erhängt im Grunewald aufgefunden.
Aubis war zu dieser Zeit längst in die Schlagzeilen geraten, weil die ehemaligen CDU-Funktionäre Christian Neuling und Klaus Wienhold dem CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky 1995 eine 40.000-Mark-Parteispende zukommen ließen. Zeitnah hatte Aubis Millionenkredite einer Bankgesellschaftstochter erhalten, deren damaliger Chef Landowsky war.
Kurz vor seinem Tod hatte Petroll offenbar versucht, sein Wissen um fragwürdige Geschäfte in der Aubis-Gruppe zu Geld zu machen. Ein toter Kronzeuge in einem Millionenskandal - müsste dies nicht Gegenstand intensiver Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft sein?
War es nicht. Nach kurzen Ermittlungen und diversen Pannen lautete das Ergebnis: Selbstmord. Es gibt einige Argumente, die für die Suizidthese sprechen. Das Buch dokumentiert die bestechende Analyse eines jungen Strafrichters, der für den parlamentarischen Untersuchungsausschuss arbeitet und penibel Für und Wider der Selbstmordthese abwägt.
Die Autoren haben in zweijähriger Arbeit »Ereignisse und Indizien recherchiert, die eher gegen einen Freitod des EDV-Spezialisten sprechen«. Die Spuren führen vom Grunewald durch Berlin und zurück zu jener Lichtung im Wald, die Ort eines Verbrechens gewesen sein könnte. »Sie führen zu Menschen, die Angst haben zu reden, deren Stimmen zittern und die sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr an Erlebtes erinnern können. Und mit denen bis heute kein Ermittler gesprochen hat.« Ein spannendes, ein notwendiges Buch. Und ein aktuelles.
Erst gestern befasste sich der parlamentarische Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses erneut mit dem Fall Petroll, nachdem er vor zwei Wochen Zeugen aus dem Umfeld des Toten vernommen hatte. Ob die Abgeordneten der Staatsanwaltschaft nahe legen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, entscheidet sich nächsten Freitag. Vielleicht sollte man der Behörde schon mal einen Packen Bücher schicken, frei nach dem Motto: Lesen, denken, handeln!
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