Heinz Berggruen

KLEINE ABSCHIEDE

1935-1937:
Berlin – Kopenhagen – Kalifornien

Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht

Pointiert formulierte, nachdenkliche Texte eines jungen Mannes über Menschen und Orte, die er verlassen muß, Abschied und Aufbruch zugleich: in eine andere, neue Welt, in der die alte aber nicht vergessen bleibt.

Erschien zum 90. Geburtstag
am 6. Januar 2004

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: Vorschau / Neue Bücher
 
112 Seiten, Schutzumschlag, gebunden.

12,50 EUR, CHF 22,70
ISBN 3-88747-191-1

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Inhalt

Heinz Berggruen, Volontär einer jüdischen Wochenzeitung in Berlin, wartet 1935/36 auf die Ausreisegenehmigung in die USA, um in Kalifornien zu studieren.In dieser Zeit schreibt er neben den journalistischen Routinearbeiten kurze Skizzen und längere Feuilletons, in denen er das, was ihm besonders nahe ist , festhält: Beobachtungen über Orte in seiner Stadt, über die Gewohnheiten und Besonderheiten ihrer Menschen, über Bücher und Bibliotheken, über Erwartungen an ein neues Land. Gleichzeitig stellt er die Frage, wie er sich als Jude in einer zunehmend aggressiven Umgebung verhalten soll, und nähert sich behutsam einer ihm bis dahin unbekannten Religiosität. Ende 1936 verläßt er Berlin, noch ohne amerikanisches Visum, bleibt einige Monate in Kopenhagen, bis er dann endlich Anfang 1937 über Le Havre, New York und dann über den Panama-Kanal nach Kalifornien reisen kann. Auch in dieser Zeit entstehen spannende Texte, die er nach Berlin schickt: über dänische Toleranz, über seine Ankunft in Amerika, über amerikanische und deutsche Mentalität und die Neugier auf ein anderes Leben.
Die hier versammelten Texte werden von Gylfe Schollak herausgegeben.


  Der berühmte Kunstsammler und Mäzen Heinz Berggruen wurde 1914 in Berlin geboren; zunächst Journalist, beschäftigt er sich nach der Emigration mit Kunstausstellungen, wird 1942 amerikanischer Soldat und kommt so Anfang 1945 nach Europa. Nach Kriegsende gehört er in München zu den Herausgebern der Zeitschrift »Heute«, geht aber schon 1947 nach Paris, wo er einer der wichtigsten Sammler und Händler moderner Kunst wird. Seit 1996 lebt er auch wieder in Berlin; bedeutende Teile seiner Sammlung (»Picasso und seine Zeit«) ist inzwischen im westlichen Stülerbau in Berlin zu sehen. Anfang 2004 feiert er seinen 90. Geburtstag.
Foto: Privat
 
 
Leseprobe

Abschied von einer Stadt

Der Zug steht schon in der Halle, in zehn Minuten fährt er. Freunde sind da und Verwandte. Sie bilden einen kleinen Kreis um den Jungen, er kommt sich etwas unbeholfen vor, lächelt vor sich hin, steckt Päckchen mit Schokolade und Zigaretten ein, die ihm in die Hand gedrückt werden, sagt: »Es ist ja hoffentlich keine Trennung für die Ewigkeit«, und schaut nervös auf die große Bahnhofsuhr, weil die zehn Minuten immer noch nicht um sind.
Neben ihm stehen Leute mit Aktenmappen; sie fahren wahrscheinlich geschäftlich in die nächste Stadt, 120 Kilometer weit – am andern Tag sind sie sicher schon wieder zurück. Gelangweilt kaufen sie eine Morgenzeitung und blicken etwas verständnislos auf den jungen Mann, mit dem da soviel hergemacht wird.
Dann kommt das Signal zum Einsteigen. Händedrücken. Küsse, Tränen.
Schwerfällig rückt die Maschine an, die Gesichter schwimmen, plätzlich ineinader, um den Mund liegt bei allen der gleiche einsame Zug gekrampten Lächelns. wortfetzen, Blickfetzen, jetzt geht es schon rascher. »Bleibe gesund, mein Junge!« »Zurückbleiben!«, gesund bleiben, zurückbleiben, gesund bleiben, zurückbleiben, gesund bleiben, zurückbleiben, gesund, zurück, gesund, zurück, gesund, zurück, gesund, zu ..., weg.
»Würden Sie das Fenster bitte schließen«, sagt eine Dame »es zieht nämlich.«
»Ja, sofort«, sagt der Junge und schließt es. Sie hat recht, er gab nicht acht darauf: es zieht bei offenem Fenster, wenn der Zug fährt.
Draußen gleiten Straßenzüge mit Läden und Autos und Omnibussen und Schutzleuten und Arbeitern, und jungen Stenotypistinnen vorbei. Ich erkenne niemand, denkt der Junge, nichts, kein Gesicht, kein Haus, merkwürdig.
Ein Kellner aus dem Speisewagen reißt die Tür vom Gang auf und bietet Kaffee an.
»Nein, danke.«
Er hat zu Hause gefrühstückt wie jeden Tag, wie vorvorgestern und vorgestern und gestern und heute … ja und heute. Der Zug fährt rasch. Schon kommen Vororte und Gärtenund Felder. Es ging überhaupt alles sehr rasch. Es war gar nicht recht feierlich.
Wenn ich die Augen schließe, denkt der Junge (aber er schließt sie nicht), sehe ich die Straße, in der unsere Wohnung liegt, diese helle Straße mit den kleinen Ziergärten vor den Häusern, in der ich beinahe jeden Stein kenne. Der Portier stand vor der Tür und rauchte.
Er greift in die Manteltasche, um Zigaretten herauszunehmen. Ein Stück Papier kommt ihm zwischen die Finger; er wirft einen flüchtigen Blick darauf, es ist ein alter Straßenbahnfahrschein. Achtlos knüllt er ihn zusammen, will ihn unter die Bank werfen, dann aber hält er inne, faltet den Schein wieder sorgfältig auseinander, glättet ihn säuberlich und liest, liest die umständlichen Erklärungen über Gültigkeit und Umsteigeberechtigung, studiert Vorder- und Rückseite, untersucht, auf welcher Strecke und mit welchem Ziel er diesen Schein benutzte, nimmt schließlich die Brieftasche heraus und verwahrt ihn darin wie ein kostbares Dokument. Jetzt trage ich ein Stück meiner Stadt in der Tasche, denkt er, und weil ihm der Gedanke plötzlich grotesk vorkommt, daß es eines Stück Papiers bedarf, um ein Stück Stadt bei sich zu tragen, holt er den Fahrschein wieder heraus, zerreißt ihn mit der gleichen Sorgfalt, mit der er ihn vorher auseinanderfaltete, öffnet spaltweit das Fenster, steckt die Hand mit dem zerrissenen Schein hinaus und beobachtet lächelnd, wie der Wind die Fetzen eilig davonträgt.
Zeitung des Central-Vereins, 24. Juni 1937
 

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