KARL SCHEFFLER - STILMEIEREI ODER NEUE BAUKUNST  

KARL SCHEFFLER

STILMEIEREI ODER NEUE BAUKUNST
Ein Panorama Berliner Architektur
Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Andreas Zeising

Der Architektur- und Kunstkritiker Karl Scheffler mit seinen besten Texten – Polemik und Klarheit vom Feinsten – ein Gewinn für seine Leser damals wie heute.


Abbildung:
»Eine Berliner Reportage-Fotografin fotografiert von einem Kran des noch im Bau befindlichen Berliner Stadthauses«. Im Hintergrund links der Berliner Dom. Rechts das Rote Rathaus. Um 1910. © bpk

 
144 Seiten, zahlreiche Abbildungen
gebunden
€ 14,80 (D) / CHF 27,50
ISBN 978-3-88747-246-7
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Inhalt:

»Man kann jedes Verhältnis zu Berlin gewinnen, nur lieben kann man diese Stadt nicht«, schrieb Karl Scheffler 1910. Einfühlsam und polemisch zugleich hat er ein Literatenleben lang der Physiognomie jener Stadt nachgespürt, die er zu seiner »Arbeitsheimat« erkoren hatte. Die rauschhafte Entwicklung der Provinzmetropole zur Millionenstadt, die Kaiser Wilhelm II. mit gewaltigem Aufwand zur »schönsten Stadt der Welt« machen wollte, kommentierte Scheffler immer wieder mit einer ordentlichen und kenntnisreichen Portion Sarkasmus. Dabei war er alles andere als ein Gegner der Großstadt. Energisch forderte Scheffler eine dem technischen Zeitalter angemessene Architektur und Stadtplanung, wie er sie bei modernen Architekten wie Alfred Messel, Peter Behrens oder August Endell verwirklicht sah. Als einer der ersten entdeckte er auch den ästhetischen Reiz von Industrie- und Verkehrsbauten.
Dieses Buch versammelt weitgehend unbekannte Texte zur Berliner Architektur aus vier Jahrzehnten, in denen erfrischend und unterhaltsam die wilhelminische »Hofkunst«, die »Ankunft der Moderne« und das »Neue Berlin« der Weimarer Zeit besichtigt werden. Manches wird dem Leser nicht nur vom Stadtbild her, sondern auch als Gegenstand damaliger wie aktueller Auseinandersetzungen bekannt vorkommen: die Museumsinsel, der Dom, der Lesesaal der Staatsbib-liothek, Schinkels Wache, Leipziger und Potsdamer Platz – und nicht zuletzt das Schloss…

 



Autorin/Autor

Karl Scheffler  
 

Karl Scheffler wurde 1869 in Hamburg geboren. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler ging Scheffler um 1890 nach Berlin und arbeitete als Musterzeichner in einer Tapetenfabrik. Wenig später begann er, sich autodidaktisch als Kunstpublizist zu profilieren – der Anfang einer außergewöhnlichen Karriere. Seit 1906 leitete Scheffler die damals führende Kunstzeitschrift »Kunst und Künstler« (im Verlag von Bruno Cassirer), das Sprachrohr der Berliner Moderne. Daneben schrieb er für die »Neue Rundschau«, war Redakteur der »Vossischen Zeitung» und auch als Buchautor äußerst erfolgreich. Mit dem 1910 erschienenen Titel »Berlin – ein Stadtschicksal« legte Scheffler einen Klassiker der Berlin-Literatur vor, der in seiner polemischen Zuspitzung bis heute fasziniert.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde die Zeitschrift »Kunst und Künstler« eingestellt. Scheffler verließ Berlin und zog sich nach Überlingen am Bodensee zurück, wo er 1951 starb.

Zeichnung von Max Liebermann

 



Leseprobe

Berliner Dom  
 
Die rein kubische Mächtigkeit der Massen des neuen Doms hätte wirken müssen, wenn nur ein wenig wirkliche, lebensvolle Harmonie zustande gekommen wäre; nun aber ist das niedrige, im Vergleich kleine Museum Schinkels großräumig und monumental gegenüber der bunten Unruhe des Kolosses. Nicht dass es Renaissanceformen sind, ist tadelnswert, sondern dass es schlechte Formen sind. Es gibt geschickte Kompilatoren, deren Geschmack aus dem Alten ein Neues zu machen weiß; Raschdorff aber ist noch nicht einmal zu jener mittleren Erkenntnis vorgeschritten, die dem Architekten zeigt, dass die Fläche das vornehmste Dekorationsmittel ist. Das lehren, um die erreichbaren Beispiele gleicher Art zu nennen, die Gendarmenkirchen und Schinkels Nikolaikirche in Potsdam (auch ein Kuppelbau, aber mit rechteckigem, hallenartigen Grundriss), und noch besser die unmittelbaren italienischen Vorbilder. Die Säulenreihen mögen genau gemessen sein: sie stehen doch in schlechter Proportion zu den Massen, die sie tragen; die Kuppel mag nach den besten Erfahrungen konstruiert sein: sie sitzt doch falsch auf ihrem Unterbau; die Glockentürme sind gewiss, kunsthistorisch betrachtet, nicht Willkürlichkeiten: aber sie sehen leider so aus; der überreiche Schmuck mag sich Stück für Stück in Italien nachweisen lassen: er ist und bleibt doch eine Anthologie für Baugewerksschüler. Diese Art zu bauen ist als nähme ein Anatom von zwanzig Pferden verschiedene Körperteile, um ein Idealpferd zusammenzustellen. Das so konstruierte Muster würde nicht nur tot sein – was ja immerhin nicht ganz unwesentlich ist –, sondern auch abscheulich charakterlos.
Sind es nun der Irrtümer genug im neuen Berlin? Es ist Zeit, eine Pause eintreten zu lassen, denn jedes Jahrhundert hat nur eine bestimmte Zahl von Monumentalaufträgen zu vergeben.
 



Pressestimmen

Bauwelt 17–18 | 2010

Bauwelt