Das Wunder von Moghilev   Siegfried Jägendorf

Das Wunder von Moghilev

Die Rettung von zehntausend Juden
vor dem rumänischen Holocaust

Mit einem Vorwort von Elie Wiesel
Herausgegeben und kommentiert von Aron Hirt-Manheimer
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Döpfer



 
220 Seiten, zahlreiche
Abbildungen und Dokumente
gebunden mit Schutzumschlag
€ 18,80 (D) / CHF 33,90
ISBN 978-3-88747-241-2
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Inhalt: Das Wunder von Moghilev

»Viel zu wenig sind das Schicksal und die Schrecknisse der nach Transnistrien Verbannten bekannt. Grausamkeit und Verzweiflung, aber auch Beweise von Mut und Widerstand kennzeichnen die Tragödie dieser verschleppten Juden.
Und es gab das Wunder von Moghilev.«
Elie Wiesel, aus Rumänien stammender Friedensnobelpreisträger


Zu den über Hunderttausenden nach Transnistrien verschleppten rumänischen Juden gehörte auch der Elektroingenieur und ehemalige Siemens-Direktor Siegfried Jägendorf. Mit Schlips und Nadelstreifenanzug kam er ins Konzentrationslager und schaffte es, auch hier von der deutschen Kommandatur sowie den rumänischen Behörden als »Herr Direktor« angesprochen zu werden. Als der Lagerkommandant (der wie Jägendorf im Ersten Weltkrieg österreichischer Offizier gewesen war) schimpfte, nicht einmal elektrisches Licht gäbe es im kriegszerstörten Moghilev, antwortete der Gefangene Jägendorf, das könne er ändern…
Dokumente in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem belegen, daß im Ghetto von Moghilev über zehntausend Juden durch die von Jägendorf gegründete und geleitete Fabrik vor der Vernichtung bewahrt wurden. Im Unterschied zu anderen Rettern wie Raul Wallenberg in Budapest oder Oskar Schindler in Krakau war Siegfried Jägendorf selbst Jude, ein Deportierter und den Mördern ausgelieferter Häftling, dessen gefährlicher Balanceakt zwischen Anpassung und Widerstand nur auf der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Fähigkeiten basierte.


transnistrien TRANSNISTRIEN ist ein weitgehend unbekannter Ort des Holocaust. Im August 1941 trat Hitler das ukrainische Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr, Bug und dem Schwarzen Meer als Kriegsbeute an den verbündeten rumänischen Militärdiktator Ion Antonescu ab. Transnistrien sollte danach für die jüdische Bevölkerung Rumäniens der Inbegriff des Schreckens werden. Pogrome, Massenexekutionen, Tod durch Mißhandlungen, Hunger, Kälte und Typhusepidemien in Ghettos und Konzentrationslagern machten das Land zum Massengrab.


 



Autorin/Autor

Siegfried Jägendorf  
Siegfried Jägendorf, 1955,
Kalifornien © Privat
Schmiel Jägendorf
(nach dem Studium nannte er sich Siegfried) wurde 1885 in der Bukowina der Habsburger Monarchie geboren. Er studierte Elektrotechnik in Mittweida bei Dresden, war in Czernowitz Direktor der Siemensniederlassung und gründete später in Wien eine Fabrik. Das mondäne Leben zwischen Wien und Budapest war ihm vertraut. 1938 entkam er in Wien der Gestapo, flüchtete nach Rumänien und leitete, zurück in Czernowitz, eine eigene Firma, bevor er dann 1941 deportiert wurde.
1946 konnte er mit seiner Frau in die USA ausreisen, wohin seine beiden Töchter schon 1938 von Wien aus entkommen waren. Hier starb er 1970 und hinterließ ein Manuskript, das erst später entdeckt und 1991 in New York bei HarperCollins erstmals veröffentlicht wurde.

Aron Hirt-Manheimer lebt als Publizist in Connecticut / USA

 



Leseprobe

Siegfried Jägendorf
Siegfried Jägendorf, Direktor der Siemens-Schuckert Werke in Czernowitz, 1922
© Privat
Die Turnatoria ... Ich bat ein paar junge Männer, in der Stadt nach einer geeigneten Fabrikhalle zu suchen. Sie entdeckten eine große Gießerei und eine Fabrik für Maschinenteile in der Nähe des Flusses. Nachdem wir die Erlaubnis eingeholt hatten, das bewachte Gelände zu besichtigen, betraten wir zu fünft das Hauptgebäude. Uns bot sich ein deprimierender Anblick: ein aufgerissenes Dach, eingeschlagene Fenster, bröckelnde Wände, der Boden mit Schutt bedeckt. Wir untersuchten den Dieselgenerator, die Dreh- und Stanzmaschinen, die alle von den flüchtenden Russen hastig beschädigt und unbrauchbar gemacht worden waren. Schweigend standen wir da, das Unmögliche und das Machbare abwägend. Dann sagte ich: »Wir werden alles wieder aufbauen!« Es war der 3. November 1941.
Ich eilte mit den Neuigkeiten zu Colonel Baleanu. Er wollte die Einrichtungen unverzüglich sehen und lud mich ein, in seinem Wagen mitzufahren. Nie werde ich die erstaunten Blicke in den Gesichtern der Juden vergessen, als sie mich auf dem Rücksitz mit dem Präfekten von Moghilev sahen.
Gemeinsam gingen wir durch jedes Gebäude, schauten die Maschinen an und machten eine Inventur des Rohmaterials. Schließlich wandte sich der Präfekt zu mir: »Ich bezweifle, dass es Ihnen gelingen wird, aus diesem Schlamassel etwas zu machen. Vergessen Sie nicht, der Winter hier ist lang und streng.«
»Wir werden es schaffen«, entgegnete ich ihm, »wenn wir mindestens hundert Mann haben.«
»Sind Sie verrückt? Ich habe Ihnen gesagt, dass Juden hier nicht bleiben können. Ich habe nur in Ihrem Fall eine Ausnahme gemacht, weil der deutsche Kommandant bereit war, ein Auge zuzudrücken.«
»Herr Präfekt, wir können die Arbeit unmöglich mit nur vier oder fünf Männern bewältigen. Wir brauchen Dutzende fähige Handwerker, die das Werkzeug für die Reparaturen an den Maschinen herstellen. Ich versichere Ihnen, anders ist es nicht möglich, wieder elektrischen Strom in die Stadt zu leiten. Bewilligen Sie meine Forderung, Herr Präfekt, niemand wird Ihnen Vorhaltungen machen, wenn Sie einige Juden zwingen, für den Staat zu arbeiten.«
Wie ich es erwartet hatte, siegte beim Colonel Ion Baleanu der Eigennutz über die Korrektheit. Er wies Herrn Fuciu an, die Genehmigungen zu erteilen, und befahl den Wärtern der Fabrik, meinen Anweisungen zu folgen. Ich konnte meine Freude darüber kaum unterdrücken.
Auf dem Weg zurück zum Kino packten mich aber wieder Zweifel. Das Schreckgespenst des zerstörten Daches und der demolierten Motoren machten mich hoffnungslos. Wie sollten wir ohne Werkzeuge die Maschinenteile ersetzen? Die Behörden würden unser Versagen mit Genugtuung quittieren, als Beweis unserer Wertlosigkeit. Ich fürchtete, dass mein Pakt mit dem Präfekten ein Verhängnis bedeutete und nicht die Befreiung. Im Kinoschlafsaal erzählte mir Hilda, dass die Leute munkelten, ich sei verrückt geworden. Vielleicht war es auch verrückt zu glauben, diese Juden könnten sich aus ihrem Elend erheben und für ein Wunder sorgen. Doch ich war überzeugt, dass diese Fabrik, die wir Turnatoria [rumän. Gießerei] nannten, unsere einzige Hoffnung war… (Auszug)

Turnatoria Illustration der Turnatoria, unbekannter Zeichner
 
 



Pressestimmen

Frankfurter Rundschau, 19.01.2010

Rumäniens Schindler
Der Wundertäter von Moghilev
VON ERNEST WICHNER

Nachdem deutsche und rumänische Truppen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatten, begannen im Norden der rumänischen Provinz Moldau und in der Bukowina grausame Pogrome gegen die sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung dieser Region. Die rumänischen Faschisten, Militärs, Polizisten und Bürger machten Jagd auf die Juden, erschlugen, vergewaltigten und erschossen wie im Rausch ihre vormaligen Nachbarn.
Diesem ersten Gewaltausbruch folgten dann ab Herbst 1941 große Deportationszüge, in denen die Juden in die besetzten Regionen der Ukraine, in ein Gebiet zwischen den Flüssen Dnjester und Bug, in das sogenannte Transnistrien verbracht wurden.
[...]

Den gesamten Artikel finden Sie hier:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=2217251&em_loc=89


Deutschlandradio Kultur
Radiofeuilleton. 6.1.2010, 16:33
Kritik von Jörg Plath.

Red. Winfried Sträter


Siegfried Jägendorf: „Das Wunder von Moghilev“. Die Rettung von Zehntausend Juden vor dem rumänischen Holocaust, Herausgegeben und kommentiert von Aron Hirt-Manheimer, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Döpfer, Transit Buchverlag, Berlin 2009, 206 Seiten, 18,80 EUR


Leitfaden
Der Name Oskar Schindler geht einem bei der Lektüre von Siegfried Jägendorfs Bericht „Das Wunder von Moghilev“ nicht aus dem Kopf. Die Assoziation liegt nahe, ist aber teilweise falsch. Denn Jägendorf rettete nicht nur wie Schindler Juden unter Einsatz seines Lebens, er war auch selbst Jude. Er sollte sterben und bewahrte stattdessen etwa 10.000 Menschen vor dem sicheren Tod.
Der hoch gewachsene, blauäugige Siegfried Jägendorf wird als Schmiel Jägendorf in der nördlichen Bukowina geboren. Er studiert an der Technischen Hochschule Mittweida bei Dresden, dient in der österreichischen Armee und wird nach dem Ersten Weltkrieg Direktor der Siemens-Schuckert-Werke in Czernowitz. Nach einem Jahr macht er sich selbstständig, bleibt jedoch ohne Fortune. 1938 glückt ihm nach dem so genannten „Anschluss“ Österreichs die Flucht aus Wien nach Rumänien. Seine Töchter emigrieren, Jägendorf und seiner Frau misslingt die Flucht aus Rumänien. Im Herbst 1941 werden nach Pogromen mit Zehntausenden Toten etwa 150.000 Juden der nördlichen Provinzen Rumäniens nach Transnistrien verbannt, eine Region der westlichen Ukraine, die Hitler den Verbündeten überlassen hat. Mehrmals werden die Deportierten in den überfüllten Viehwaggons ausgeraubt. Jägendorf und seine Frau überleben die Fahrt und gelangen nach Moghilev. Von hier sollen die Juden in Lager geschickt werden, die es trotz der sinkenden Temperaturen noch nicht gibt. Jeder hat den Tod vor Augen.
Siegfried Jägendorf sucht mit einem Brief, der ihn als ehemaligen Direktor der Siemens-Schuckert-Werke ausweist, den deutschen Kommandanten und den rumänischen Präfekten auf. Er verspricht die Reparatur des zerstörten Elektrizitätswerkes und erwirkt dafür die Aufenthaltserlaubnis für vier oder fünf jüdische Techniker. Einen Tag später überreicht Jägendorf eine Liste mit 116 Namen, Monate später dirigiert der Direktor in der einst „judenfreien“ Stadt eine zehntausendköpfige Schar von jüdischen Arbeitern, die eigene Küchen mit einer täglichen Mahlzeit versorgen.
Die ungeheuren Schwierigkeiten dieser Rettungstat hat Jägendorf Jahre nach seiner Rückkehr aus Moghilev 1944 schriftlich festgehalten. Der Bericht ist erst 21 Jahre nach seinem Tod 1970 in den USA publiziert worden, zusammen mit einem Kommentar des Publizisten Aron Hirt-Manheimer, und liegt jetzt auf Deutsch vor. Der Direktor schildert sein tägliches, lebensgefährliches Aushandeln des Überlebensfreiraums eher zurückhaltend. Den Mördern und Räubern in deutschen und rumänischen Staatsdiensten malt er die Vorzüge der Industrieproduktion durch Juden aus und mäßigt die entstehenden Gelüste zugleich. Die eigenen Leute hindert Jägendorf im Interesse aller daran, sich durch Diebstahl und Eigenproduktion vor dem drohenden Hungertod zu retten. Der Direktor regiert wie ein Patriarch: tatkräftig, umsichtig, autoritär. Dank seines Einsatzes überleben in Moghilev 70 bis 80 Prozent der Deportierten, im übrigen Transnistrien sind es nur 20 bis 30 Prozent.
Ungläubig liest man diesen Bericht, in der eine machtbewusste Intelligenz einen mörderischen Antisemitismus bremst, indem sie sich Gier und Scham, Korruption und Pragmatismus der Antisemiten zunutze macht. Aron Hirt-Manheimer bettet das Geschehen in die europäische und rumänische Geschichte ein und ergänzt den Bericht durch die Stimmen anderer Überlebender. Die moralischen Abgründe mancher Situationen, von Jägendorf im Halbdunkel belassen, erhellt er nicht. So bleibt „Das Wunder von Moghilev“ eine unglaubliche Geschichte über einen, der sich und seine Leidensgenossen am eigenen Schopf aus dem Massengrab zog.

Link zum Podcast:
http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&playtime=1262792082&fileid=01eb70f0&/


literaturkritik.de

Gerettet
Erstmals erscheinen Siegfried Jägendorfs Erinnerungen an „Das Wunder von Moghilev“, durch das tausende Juden vor der Vernichtung bewahrt wurden, in deutscher Sprache
Von H.-Georg Lützenkirchen
Als 1941 der Ingenieur Siegfried Jägendorf aus der rumänischen Bukowina, wo er 1885 als Schmiel Jägendorf noch als ein Bürger der Habsburger Monarchie geboren wurde, von den Rumänen mit seiner Familie und tausenden anderen Juden über den Fluss Dnjestr ins transnistrische Moghilevey deportiert wurde, war ihm sofort klar, dass hier nur überleben konnte, wer selber initiativ wurde. Die Chance bot sich bald: Jägendorf konnte den rumänischen Bewachern klar machen, dass er in der kriegszerstörten Stadt die Stromversorgung wieder herstellen könnte. Dafür brauchte er qualifizierte Arbeiter, die er unter den Deportierten auswählen wollte, und eine Fabrikhalle. Er bekam beides. So begann „das Wunder von Moghilev“. Jägendorfs ,Fabrik‘ in Moghilev rettete tausende Juden vor der Ermordung. […]

Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13687


www.arte.tv

http://www.arte.tv/de/suche/2891744.html


Perlentaucher – 20.08.2009

Siegfried Jägendorf gehörte zu mehr als Hunderttausend rumänischen Juden, die von den Nazis nach Transnistrien deportiert wurden. In seinem Buch "Das Wunder von Moghilev" berichtet er, wie es ihm gelang, im Ghetto von Moghilev über zehntausend Juden vor der Vernichtung zu bewahren. Lesen Sie hier einen Auszug.

Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.perlentaucher.de/artikel/5629.html
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Leseprobe zu Siegfried Jägendorf: Das Wunder von Moghilev. Teil 3 vom 20.08.2009
http://www.perlentaucher.de/artikel/5632.html

Leseprobe zu Siegfried Jägendorf: Das Wunder von Moghilev. Teil 2 vom 20.08.2009
http://www.perlentaucher.de/artikel/5631.html

Leseprobe zu Siegfried Jägendorf: Das Wunder von Moghilev. Teil 1 vom 20.08.2009
http://www.perlentaucher.de/artikel/5630.html