Maria Barbal Emma   Maria Barbal

Emma

Roman

Aus dem Katalanischen von Heike Nottebaum

Eine Frau, die mehr will, als ihr Familie und Gesellschaft erlauben, eine Frau, die für Liebe und Würde alles aufgibt und alles riskiert.

Abbildung: Ferdinando Scianna; © Magnum Photos / Agentur Focus

 
160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 16,80 (D) / CHF 31,00
ISBN 978-3-88747-240-5
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R(h)einlesen. Bücherboulevard am Rheinauhafen
http://www.rheinlesen-koeln.de/veranstaltungen.html

Am Freitag, den 03. September 2010 um 18.00 h
Ort: Im Hafenamt
Eintritt frei
Maria Barbal wird aus dem Roman „Emma“ lesen. Die Übersetzung übernimmt Dr. Michael Vogt.

Der Bücherboulevard im Rheinauhafen – „R(h)einlesen“ findet vom 03.09. bis 05.09.2010 statt.
Die Städtepartnerschaft Köln-Barcelona wird gemeinsam mit dem Transit-Verlag (Maria Barbal) und der Buchhandlung La Librería aus Bonn einen Stand haben. Angela Barron von der Librería wird neben spanischer Literatur auch katalanische Literatur im Angebot haben. Es lohnt sich also, vorbei zu schauen.

 



Inhalt: Emma

Ein neuer Roman der Autorin von »Wie ein Stein im Geröll« und »Inneres Land«
»Emma« ist die Geschichte einer modernen, jungen Frau in Barcelona, die auf extreme Weise aus ihrem bisherigen Leben mit Mann, Tochter, Job und geregelten Verhältnissen ausbricht – und fortan auf der Straße lebt als »eine ohne Dach«, als Großstadt-Nomadin, die mal in einem Park, mal in einer Häuserecke hockt oder schläft. Dieses neue Leben, das ihr altes völlig auf den Kopf stellt, ist eine Flucht aus Enttäuschungen, Routine und Angepasstheit und gleichzeitig ein gefährlicher Sprung in radikale Unabhängigkeit. Die Zeit, die sie jetzt im Überfluss hat zum Nachdenken und Schreiben, öffnet ihr die Augen für die Ursachen ihrer Wut und Zweifel ebenso wie für die immense und manchmal zerreissende Energie, die sie aus dem Verlangen nach Würde und Liebe zieht. Sie denkt an den Mann, mit dem sie verheiratet ist, ein Anwalt mit großen politischen Ambitionen, der sogar ihre Affäre mit einem französischen Liebhaber nur unter dem Aspekt sieht, ob sie seiner eigenen Karriere schaden könnte. Sie erlebt demütigende Szenen auf der Straße, Gewalt, brutale Jugendliche, ignorante Erwachsene. Und schreibt an ihre Tochter, um zu erklären, dass ihre Flucht nicht gegen sie gerichtet ist…

»Die Schönheit von Maria Barbals Sprache liegt in ihrer Sorgfalt; egal, ob die Keramiktöpfe auf der Terrasse beschrieben sind oder die wie poliert glänzenden Hände der Großmutter …«
Bernadette Conrad, DIE ZEIT


 



Autorin/Autor

Maria Barbal  
 
Maria Barbal,
Maria Barbal, 1949 in Tremp (Pyrenäen) geboren, lebt als Schriftstellerin in Barcelona. Im Transit Buchverlag erschienen von ihr »Wie ein Stein im Geröll« und »Inneres Land«.



Foto der Autorin © Isolde Ohlbaum

 



Leseprobe

Oft muss ich an die Abfolge der Dinge denken, ändert man sie, führt das zu anderen Ergebnissen. Achte nur ja auf die richtige Reihenfolge, Àngels, darauf kommt es an. Dein Vater und auch deine Großmutter haben sich völlig korrekt verhalten, das will ich gerne zugeben. Ich weiß sehr wohl, dass ich diejenige bin, die sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Auch wenn er mich vernachlässigt hat, ich hätte ihm ja zuerst einmal sagen können, wie satt ich das Ganze hatte, wie leid ich alles war, und dass ich jetzt endlich meinen eigenen Weg gehen wollte, wer weiß, was ich alles hätte sagen und tun können. Dann hätte ich auch mein Recht auf dich nicht verwirkt und ich wäre frei gewesen, als ich Denis begegnet bin. Ich hätte ihn dir gleich vorgestellt, und du hättest ihn gemocht, da bin ich mir sicher. Jetzt ist mir klar, dass ich mich an eine Beziehung geklammert habe, von der weiter nichts als die äußere Hülle übrig geblieben war. Ja, unsere Ehe war wie ausgehöhlt, der eine lebte nur noch für seine Arbeit und in der anderen hatten sich Einsamkeit und verletzter Stolz angehäuft. Der einzige Mensch, dem bewusst war, einmal abgesehen von mir, wie sehr ich unter dieser Situation litt, ist deine Tante Casilda gewesen, die abgedrehte und durchgeknallte Ilda. Sie musste allerdings lachen, als ich ihr erzählte, wir würden kaum noch miteinander schlafen, ihr Bruder und ich. Sie machte Witze darüber und schaffte es schließlich sogar, mich zum Lachen zu bringen. Deine Großmutter dagegen, der ich dasselbe erzählt hatte wie Ilda, denn letztendlich hat sie jedes Mal von mir alles haarklein erzählt bekommen, deine Großmutter also versteifte sich darauf, ich müsse mich unbedingt in Àlex Lage versetzen, sie hat ihn immer Àlex genannt, wo er sich doch so aufopfern würde für uns, nur damit wir ein schönes, sorgloses Leben hätten.
Ein ganz normales Leben, das hätte mir ja schon gereicht.

 



Pressestimmen


Badische Zeitung - 12. Juni 2010

Vom schonungslosen, demütigenden Überleben auf der Straße
Die katalonische Autorin Maria Barbal las auf Einladung der Buchhandlung Sillmann aus ihrem neuen Buch "Emma" im Bürgersaal des Alten Rathauses in Emmendingen.


EMMENDINGEN (go). Maria Barbal ist in den Pyrenäen geboren und feierte als katalanische Autorin von "Wie ein Stein im Geröll" und "Inneres Land" große Erfolge. Diese Bücher handeln vom Spanischen Bürgerkrieg. Als Vertreterin der Nachkriegsgeneration befasste sie sich erstmals mit dem nicht verarbeiteten Trauma des Krieges und den langen Jahren der Diktatur. Ihr zweites Buch war aus der Sicht der Enkelin geschrieben. Mit "Emma" ist Barbal nun in der Gegenwart angekommen und beleuchtet eine Mutter-Tochter-Beziehung [...]

Den gesamten Artikel finden Sie hier:
http://www.badische-zeitung.de/vom-schonungslosen-demuetigenden-ueberleben-auf-der-strasse


Der Artikel ist am 19. Dezember erschienen in "Gießener Allgemeine", "Alsfelder Allgemeine"
und "Wetterauer Zeitung":




Stuttgarter Zeitung,
18. Dezember 2009 von Cornelia Staudacher (Auszug)

Ohne Mann, ohne Kind und ohne Dach in Barcelona

… Beobachtungen und Reflexionen, Erinnerungen und Träume werden in diesem patchworkartig komponierten Roman plausibel miteinander verflochten. Sein direkter, eher melancholischer als selbstironischer Sprachduktus und die Offenheit, mit der die Ich-Erzählerin über ihre Gefühle spricht, erzeugen einen Sog, dem man sich, je weiter man liest, nicht entziehen kann.

Während man noch über die Naivität und Realitätsferne der Protagonistin sinniert, identifiziert man sich schon mit ihr und hofft, dass sie aus ihrer misslichen Lage herausfindet. Den sich aufdrängenden Vergleich mit der Geschichte ihrer berühmten französischen Namensvetterin braucht "Emma", zumindest in einer Hinsicht, nicht zu scheuen: Authentizität, Suspense und seine sprachliche Kunstfertigkeit machen Maria Barbals Roman zu einem kleinen Meisterwerk.


Süddeutsche Zeitung
Nr. 268, Freitag, den 20. November
Von MERTEN WORTHMANN

ENDE EINER AUSZEIT
Der neue Roman der katalanischen Autorin Maria Barbal: "Emma"

Die katalanische Schriftstellerin Maria Barbal ist stufenweise der Gegenwart nähergekommen, mit Sprüngen von eineinhalb Generationen pro Jahr. Auf dem deutschen Buchmarkt kam zunächst ihr Roman "Wie ein Stein im Geröll" (2007) heraus, der Lebensbericht einer Pyrenäen-Bäuerin, deren Mann im spanischen Bürgerkrieg erschossen wird. 2008 erschien "Inneres Land", ein Roman aus der Franco-Zeit, in dem ein junges Mädchen vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter erzählt, die wiederum ihren Vater im Bürgerkrieg verloren hatte. In diesem Jahr nun hat Barbal die Jetztzeit erreicht. Die Titelfigur ihres jüngsten Romans "Emma" dürfte zum Ende des Franquismus noch ein kleines Kind gewesen sein. Sie lebt im Barcelona von heute und führt eine Art Krisen-Tagebuch, das ihre zwölfjährige Tochter später einmal lesen soll, um sie besser verstehen zu können. Barbals weibliche Erzählerinnen versuchen stets, das eigene Dasein und dessen Woher zu erklären, auch sich selbst gegenüber, und sie tun dies mit jenen sprachlichen Mitteln, die ihnen der eigenen Herkunft nach zur Verfügung stehen. In dieser stilistischen Anverwandlung hat die Autorin eine bemerkenswerte Souveränität erreicht. Dabei hilft sicher, dass es Barbal wenig ausmacht, auch einmal gefühlig oder punktuell sentenziös zu werden. Im Zweifelsfall gibt die Figur den Ton vor und nicht die literarische Etikette. Die Schlichtheit mancher Passagen markiert jedoch nicht Barbals Horizont, sondern den der jeweiligen Erzählerin. Bisher warf jede dieser Erzählerinnen ein Schlaglicht auf die Mentalität ihrer Epoche. Das gilt nun nicht mehr wie früher. Die Titelfigur des neuen Buches verkörpert - anders als ihre Vorgängerinnen - nicht einfach die neue Zeit, sondern eher das Fortwirken einer älteren Mentalität mitten darin. Zwar handelt ein Teil von Emmas Aufzeichnungen davon, wie ihr Bewusstsein langsam zur Gegenwart aufschließt, in einer Art innerer Befreiungsbewegung. Aber am Ende möchte Barbal die Jetztzeit doch nicht so gut wegkommen lassen, und so stößt ihre Erzählerin schon bald auf deren hässliche Seiten. Emma ist der Laune ihres Herzens gefolgt. Sie hat den Ehemann, vor allem aber ihre Tochter Àngels im Stich gelassen, um sich einer flüchtigen Affäre hinzugeben, die sie für das große Glück hielt. So weit in etwa die Parallelen zu Flauberts Emma Bovary. Das Buch beginnt, als Emma nach zerplatztem Liebeswahn zur Tochter zurück will und den Zugang versperrt findet. Mann und Schwiegermutter schirmen das Mädchen ab, weichen der Ehebrecherin aus und geben vor, Àngels selbst verweigere sich einem Wiedersehen. Emma wartet ab, wagt kleine, vergebliche Vorstöße und fängt, gewissermaßen als Beitrag zur Buße, mit dem Schreiben an. Block und Kugelschreiber hat sie hinter einer Bank gefunden. Und auf Bänken wird sie die folgende Zeit den Großteil ihrer Tage zubringen. Nachts zieht sie um in eine Geldautomaten-Zelle. Den Anstoß zu diesem Roman gab eine wahre Begebenheit. Ein paar Jugendliche hatten in Barcelona eine Obdachlose mit Benzin übergossen und angezündet, während sie in einer Bankkabine schlief. Doch Barbal wollte offenkundig keinen Roman über das raue Leben auf der Straße schreiben, eher schon ein Buch über das soziale Klima, eine Form fehlenden Mitgefühls, die solche Taten möglich macht. Um der engen Klammer der Obdachlosigkeit zu entfliehen, verteilt sie Emmas "Auszeit" auf drei Haupt-Schauplätze: Die Straße, eine Klinik und das alte Sommerhäuschen ihrer verstorbenen Eltern. Mit den Orten wechseln die Bezugspersonen, und es ändert sich die jeweilige Mischung von Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen, aus denen der Text mosaikartig zusammengesetzt ist. Emma denkt an ihre Ehe zurück, in der sie ewig unzufrieden blieb, weil ihr Mann zwischen Karriere und Nachtschlaf kaum ein offenes Auge für sie hatte. Sie spricht über ihre ehemaligen Tagträume von einer zweiten Identität als kesse Fremdenführerin. Sie entdeckt den Hass auf ihre Schwiegermutter und kuriert sich von der Sehnsucht nach dem attraktiven Franzosen, der sie zum Ausbruch trieb. Auf der Straße hält sie Zwiesprache mit einem Hund, in der Klinik eröffnet sie sich einem Arzt, im Sommerhaus der Eltern lernt sie endlich den - längst erwachsenen - Nachbarsjungen aus ihrer Kindheit kennen. Und immer verzweifelter versucht sie, zu Àngels vorzudringen. Innerhalb dieser Koordinaten gelingt Barbal zwar kein gänzlich neues Spiel, aber es ist doch beeindruckend, wie elegant sie ihre Bausteine auf dem selbstgezogenen Spielfeld anordnet und verschiebt, wie sie verschiedene Motive über die Zeit moduliert, wie kühn und schwerelos der Text mitunter Erzählebenen und -töne wechselt. Dies stilistische Können, das die Geschichte nicht nur mit Feingefühl, sondern auch mit Suspense auflädt, wirkt nie wie Schönschreiberei oder Pose. Es scheint direkt der Aufmerksamkeit für das Beben und Zittern einer Seele im Ausnahmezustand zu entspringen. Der virtuose Ausdruck dieser Aufmerksamkeit hebt "Emma" weit hinaus über jenen Typ von Frauenmitleidsliteratur, zu dem man diesen Stoff auch hätte hinunterschreiben können.


Magazin von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten vom 24. Oktober




Deutschlandradio Kultur, Red. Kultur und Gesellschaft,
Autor: Gregor Ziolkowski. 23. September 2009

Bekanntlich besteht die sogenannte bürgerliche Existenz nicht selten aus einer reinen Fassade. Erfüllung findet darin nicht jeder, und genau so ergeht es Emma, der Ich-Erzählerin von Maria Barbals neuem Roman. In gesichertem Wohlstand in Barcelona lebend, mit einem Ehemann, der erfolgreich eine politische Karriere betreibt, einer Tochter, die sie zärtlich liebt, und einer helfenden, verständnisvollen Schwiegermutter, befindet sich Emma gleichsam in einem Wunschbild des bürgerlichen Daseins.

Aber sie ist eine zutiefst unbefriedigte Frau, und die sexuelle Komponente dieses Unbefriedigtseins ist nur einer der Aspekte ihres Gemütszustandes. Das Empfinden, nur eine notwendige Staffage, ein Kulissenelement im Lebens- und Arbeitsbauplan ihres Mannes zu sein, wiegt nicht weniger schwer.

Als ihr ein verführerischer junger Franzose Avancen macht, verfällt sie diesem Mann sofort. Es entspinnt sich deutlich mehr als eine Affäre, Emma vollführt eine radikale Geste. Sie zertrümmert ihre Fassaden-Existenz, verlässt ihre Familie und folgt dem Geliebten nach Marseille. Aber bald darauf zeigt sich, dass die große Liebe nur einseitig bestand, der Geliebte verschwindet nach kurzer Zeit.

Zurück in Barcelona, durchlebt sie einen gründlichen sozialen Abstieg, bis hin zur Obdachlosigkeit und einem Leben auf der Straße, weil ihre Familie den einmal vollzogenen radikalen Bruch nicht verzeihen will. Was dabei aus Sicht Emmas das einzig Schwerwiegende ist, ist das Kontaktverbot für ihre Tochter. Sie leidet darunter und schreibt einen tagebuchartigen Brief an ihre Tochter, aus dem dieser Roman besteht. Mit viel Sensibilität legt Maria Barbal in diesem Text neben den äußeren Hergängen das Innenleben ihrer Heldin nach und nach frei. Es ist natürlich ein Rechtfertigungstext, der aber vom Anerkennen der Grundschuld durch die Ich-Erzählerin immer unterlegt ist: Emma weiß, dass sie die unschuldige Liebe eines Kindes zu seiner Mutter verraten hat.

Nachdem Emma bei einem Anschlag auf ihren Schlafplatz an einem Geldautomaten nur knapp dem Tod entgangen ist, ordnen sich ihre Verhältnisse ein wenig, nicht zuletzt mit Hilfe ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter. Deren Motive sind freilich nicht ganz uneigennützig. Ein Journalist liegt bereits auf der Lauer, und Emmas Mann, inzwischen Spitzenkandidat seiner Partei für die bevorstehenden Wahlen, will verhindern, dass die Geschichte seiner Ehefrau an die Öffentlichkeit gelangt.

Sie zieht sich zurück in ein halbverfallenes Landhaus in der Nähe der Stadt, das ihr gehört, und beginnt, es herzurichten. Stück für Stück scheint sich ihr Leben zu normalisieren, als ein rätselhafter Brand ihr Haus vernichtet und ihrem Leben ein Ende setzt.

Maria Barbal verhandelt ihr geradezu klassisches Thema – trotz einiger Schwachstellen in der Erzählkonstruktion – mit großer Souveränität. Die psychologische Durchdringung ihrer Hauptfigur und die gewohnt klare und eindringliche Sprache verbinden sich zu einem großartigen Roman.


Frankenpost, 16. 9. 09



 


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