Michael Kohtes - Va Banque  

MICHAEL KOHTES

VA BANQUE
Über Glücksspieler und Spielerglück

Der verwegene Kosmos der Glücksritter und Hasardeure, ein Kosmos der Leidenschaften, der riskanten Einsätze und der sicheren Verluste – kurzweilig und kenntnisreich dargeboten.

Abbildung:
Archiv für Kunst und Geschichte, Postkarte aus Monte Carlo



 
120 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 14,80 (D) / CHF 27,50
ISBN 978-3-88747-239-9
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Inhalt:

Der Autor führt uns durch Casinos und Zockerhöllen von Monte Carlo bis nach Baden-Baden oder Bad Homburg, von Las Vegas bis San Remo, macht uns bekannt mit den heiligen Riten des Spielens und Verlierens, lässt bekannte oder berüchtigte Spielernaturen auftreten (von Casanova über Canada Bill bis zu Thomas Garcia, der mehrere Spielbanken in den Ruin trieb, bevor er sich selbst ruinierte). Er entdeckt für uns Spieler in der Literatur, aber auch Literaten als leidenschaftliche Spieler (Dostojewksi, Balzac, Lessing und sogar Schiller). Und er steigt hinab in die Geschichte der Spielleidenschaft, in die Antike, in die Zeit kurz vor der Französischen Revolution, geht an aktuellen Phänomenen des globalen Zockens und kalkulierter Gier aber keineswegs vorbei. Sein Fazit: Spielen ist eine extreme Form des Lebens – hier wie dort gilt: wer nicht wagt, der nicht verliert. Und wir sollten gespielt, also gelebt haben, bevor der grosse Croupier befiehlt: Rien ne va plus!

Als der junge Schiller im Gasthaus Zum goldenen Ochsen wieder einmal über jede Vernunft hinaus sein Spielglück versucht hatte, soll er der entsetzten Serviertochter, deren Anmut sich proportional zu seinem Übermut verhielt, die denkwürdigen Worte ins Öhrchen geflüstert haben: »Der Mensch ist nur da ganz Spieler, wo er sich verschenkt...«

 



Autorin/Autor

Michael Kohtes  
 

Michael Kohtes,
1959 geboren, lebt als Schriftsteller und Journalist in Köln. Durchaus passende Veröffentlichungen: Nachtleben. Topographie des Lasters (1994); Literarische Abenteurer (1996); Boxen. Eine Faustschrift (1999); Dichter am Äther (2006). Er arbeitet für den Funk und die ZEIT.

Foto des Autors © Peggy Schröder

 



Leseprobe

Niemand würde behaupten, es ginge am Roulette- oder Kartentisch um Leben und Tod. Es geht natürlich um mehr. Wo das Spielen so weihevoll praktiziert wird wie in einem noblen Casinosaal, wo die Akteure, selbst in Momenten, da sie allen Grund hätten, die Fassung zu verlieren, Haltung, ja sogar Würde zeigen, da geht es um das Heiligste, was die Menschen kennen: das über alles in der Welt geliebte und verehrte Geld. Es ist der allmächtige Gott, dem dereinst die Spieltempel errichtet wurden, damit die Sterblichen einen Ort hätten, wo sie ihn öffentlich anbeten können, getreu ihrem Credo: Geld stört nie! Dies zu bezeugen, fällt einem erfolgreichen Spieler nicht schwer, denn solange der Rubel rollt, sieht er sich in der komfortablen Lage, seine Passion zu finanzieren. Die zerstörerische Kraft des Geldes offenbart sich dem Verlustspieler, dessen Glücksaussichten umso düsterer werden, desto größere Summen er seinem Begehren opfern muss. Es gibt Ekstatiker an dieser Kultstätte, deren Leben in Opferbereitschaft dahinschwindet. Sie überschreiten die Schwelle zur Selbstopferung. Auf dem Hintergrund solcher Martyrien kann man schon verstehen, warum die Stimmung in einem Spielsaal mehr von einem Leichenschmaus denn von einer Hochzeit hat. Der gravitätische Ernst, mit dem die Gemeinde ihre Spielkulte abhält, ist dem Bewusstsein geschuldet, dass man in diesen heiligen Hallen bös auf den Hund kommen und also leicht in den Hades hinabsteigen kann.

Für die Stammkunden einer Spielbank gilt, was Knut Hamsun im ersten Satz seines unvergänglichen Hunger von der Stadt Christiania sagt: Keiner verlässt sie, den sie nicht gezeichnet hätte. Ein Habitué, der seinen Casinoaufenthalt unter günstigen Umständen beendet, lässt sich an der Wechselkasse den Gewinnbetrag auszahlen, wissend wohl, dass er damit nächsten, spätestens übernächsten Tages erneut seine Glückszahl bespielen wird. Ein anderer mag sich mit frivolem Spott daran erfreuen, dass seine dauerentzündeten Spielernerven immerhin noch nicht völlig zerrüttet seien. Wehe dem aber, dem der Tabubezirk nach final durchlittener Pechsträhne zu einem Ort des Sichverlierens, zu einem Abort wird. Diesen Verzweifelten führt der Weg, und zwar in Erwartung des Unvermeidlichen, zum Ausgang und von dort im Stolperschritt die Stufen des Casinos hinab in den nächtlichen Kurpark. Es ist die gespenstische Kulisse jener Sinnwüste, in der die Unglücksspieler dazumal mit leerem Blick das Pistölchen aus der Rocktasche zogen und es an die Schläfe setzten...

 



Pressestimmen

Kölner Stadt-Anzeiger, 26.Juni

Glut des Verlangens
Michael Kohtes besucht das Kasino: "Va banque"
VON JOCHEN SCHIMMANG

Geschlossene Räume und exklusive Welten sind es, die den Essayisten Michael Kohtes interessieren. 1994 hat er den Essay "Nachtleben" publiziert, der eine "Topographie des Lasters" beschrieb und die Nacht von Anfang bis Ende durchwanderte, bis - so der Titel des letzten Kapitels - die "Morgenluft" erreicht war. 1999 betrat Kohtes einen anderen geschlossenen Raum, den Boxring nämlich. Nun folgt ein Milieu, das ebenfalls erst in der Nacht zum wahren Leben erwacht und so eingegrenzt ist wie der Boxring: das Spielkasino.

Was macht den Spieler - und die Rede ist hier vornehmlich von der Königsdisziplin des Spiels, dem Roulette - zum Spieler? Es ist nicht die Gier; die treibt den Investmentbanker und den Derivatenhändler an. Schon allein deshalb nicht, weil diese mit dem Geld anderer Leute spekulieren und andere Leute ruinieren, während der Spieler jederzeit bereit ist, sich selbst zu ruinieren. Ja, das ist sogar sein geheimes, ihm vielleicht selbst verborgenes Ziel, denn dann kommt er endlich zu sich selbst. "Einzig und allein das totale Fiasko, der erbarmungslose Ruin kann die Glut des Verlangens zum Erlöschen bringen." Denn erst wenn der Spieler alles verloren und "sich rückhaltlos entäußert hat, erlangt er den Zustand der vollkommenen Ruhe".

Man muss das als den Kerngedanken von Kohtes´ Essay begreifen, der zunächst als eine Folge von Beobachtungen, Aphorismen und Anekdoten daher kommt, ehe sich alles zu einem Mosaik fügt. Der Hasardeur am grünen Filz und der Finanzschwindler haben in der Tat nichts gemein. Der eigentliche Antipode des Spielers ist nicht der Finanzjongleur, sondern der Bürger. "Er denkt materialistisch und folgt dem Effizienzprinzip wie der geprägte Hund der Peitsche seines Herrn."

Ganz anders im Kasino: Dort geht es zuallerletzt um Geld. Vielmehr repräsentiert der Spieler einen Lebensstil, am ehesten wohl dem des klassischen Dandys vergleichbar. Und dem des Abenteurers natürlich, weshalb die Geschichte des Spielers und Verführers Casanova in diesem Essay einen etwas breiteren Raum einnimmt.

Nach und nach entfaltet der Autor das ganze Spektrum, das sich mit dem Spielen im Kasino verbindet, zieht Suchttheorien und die Neurologie zurate, führt uns die innere Architektur des Kasinos vor, die es zum geschlossenen, von der Welt abgesonderten Raum macht, plaudert über Wahrscheinlichkeitsrechnung und den Zufall, referiert die Geschichte des Roulettes und weiß, in Paraphrasierung eines bekannten Satzes des legendären FC-Liverpool-Managers Bill Shankly, dass es beim Roulette wahrlich um mehr geht als um Leben und Tod.

Das alles, obwohl die Materie gründlich durchdrungen wird, setzt nun aber nie die Erdschwere wuchtiger Theorie an. Man muss dieses Buch nicht mit dem Bleistift in der Hand lesen. Davor bewahrt uns die Eleganz des Autors Kohtes, dessen Schreibweise in ihrer nervösen und plötzlich ins Ziel treffenden Manier an Walter Benjamin erinnert und der seine Essays spürbar nach dem Benjamin´schen Satz modelliert: "Die entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt." Vielleicht auch am Roulettetisch.



Frankenpost / Hofer Anzeiger vom 9. Juni 2010: Schauplatz Kultur




Zeit online, Dezember 09

GLÜCKSSPIEL
„Es geht um mehr als Leben und Tod“
Dem Zufall zu vertrauen ist menschlich:
Der Schriftsteller Michael Kohtes hat eine Kulturgeschichte des Spielers geschrieben. Hier erklärt er, warum Spielen in unserer Triebstruktur liegt.
Das Spielen liegt in der menschlichen Natur, sagt der Schriftsteller Michael Kohtes

ZEIT ONLINE: Sind Sie ein Spieler, Herr Kohtes? Wann waren Sie zuletzt in der Spielbank?

Michael Kohtes: Jeder Mensch ist ein Spieler! Die Frage ist immer, inwieweit man seinen Spieltrieb auslebt. Ich tue dies mit schöner Regelmäßigkeit, vornehmlich in einem dieser altehrwürdigen Casinos, zuletzt vor vierzehn Tagen in Bad Neuenahr.

ZEIT ONLINE: Was reizt Sie an der Figur des Hasardeurs, dass Sie ihr ein ganzes Buch gewidmet haben?

Kohtes: Der Hasardeur, im ursprünglichen Wortsinn, setzt sich selbst aufs Spiel. Im Gegensatz zum Bürger ist er ein Fatalist des Zufalls, der sich lieber dem Augenblick hingibt als sein Leben zu planen, geschweige denn zu meistern. Der Hasardeur widersetzt sich den Imperativen bürgerlicher Vernunftkultur und feiert die Verschwendung, mitunter bis zur Selbstverschwendung. Das macht ihn als Figur ungleich faszinierender als den braven, nach Piepen und Prestige strebenden Durchschnittsmenschen.

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen:
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2009-12/gluecksspiel-michael-kohtes?page=1


Berliner Zeitung, 28.8.2009

Michael Kohtes - "Va Banque"
von Jörg Aufenanger

„Rien ne va plus“, nichts geht mehr, heißt es in der Finanzwelt seit jenem Septembertag des Jahres 2008, als die Lehmann Brothers Bank zusammenbrach und damit die Illusion, das System der Hedgefonds verspreche Gewinn in alle Ewigkeiten. Mit dem vom Croupier, wenn alle Einsätze getätigt sind, geflüsterten „Rien ne va plus“ beendet auch Michael Kohtes sein Buch „Va banque“, in dem er von Glücksspielern und Spielerglück erzählt.
Immer wieder wurde seit der Finanzkrise die Banken- und Börsenwelt mit dem Spielcasino verglichen. Falsch! Einen entscheidenden Unterschied konstatiert Kohtes nämlich zwischen den Glücksspielern am Roulettetisch und denen an der Börse. Die einen setzen das eigene Vermögen aufs Spiel, die Banker riskieren ihnen anvertrautes Geld, und ruinieren sich nicht selbst, sondern andere.

Während die angestellten Zocker in den Towers der Banken fremdes Kapital auf ihren Laptops cool ins Spiel bringen, war und ist das Spiel an den Glückstischen der Casinos emphatische Kunst. Riten, Zeremonien und ausgeklügelte Reglements leiten es, immer noch gelten Kleiderordnungen, Flüstern und Raunen sind geboten, Schreien wie an der Börse ist verpönt. Man gehe ins Casino wie in die Oper, stets im Bewußtsein, hier sei das Übernatürliche mit der Imagination vereint, schreibt Kohtes, und so sei das Casino zugleich Tempel und großes Theater, Bühne und heiliger Bezirk. Wer diesen Tempel betrete, gewinne das Glücksgefühl, von allen Gewißheiten Abschied zu nehmen, ahnt der wahre Spieler doch, seine Glückssuche führt auf Dauer ins Fiasko, ist eine Allegorie auf den Geist der Vergeblichkeit. Dieser wahre Spieler, so der Autor in einem seiner vielen gewitzten, espritreichen Apercus, möchte nach seinem Tod nicht in den Himmel kommen, sondern ins Casino, war es für ihn doch schon der Himmel auf Erden. Ein Ort außerhalb der realen Welt, an den er das geerbte oder erarbeitete reale Geld mitbringt, das sogleich in Spielgeld eingetauscht wird, was das Draußen vergessen läßt.
[...]
Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0828/feuilleton/0017/index.html


Deutschlandfunk, 13.8.2009

Ein Gegenentwurf zum Vernunftmenschen
Michael Kohtes: "Va Banque: Über Glücksspieler und Spielerglück", Transit Verlag
Von Matthias Eckoldt

Im alten Rom wurde geradezu entfesselt der Spielleidenschaft gefrönt. Das Mittelalter verteufelte den Spieler, der dem Zufall verfallen war und damit Gottes Allmacht herausforderte. Und in der Gegenwart werden Spielernaturen zu Süchtigen erklärt. Michael Kohtes’ Essay forscht den Glücksspielern und dem Spielerglück nach.

Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1016217/


Financial Times Deutschland, 24. Juni 2009




NDR kultur 15.6.09 (Audio)

http://www.ndrkultur.de/media/audio7200.html

Rheinischer Merkur, 23. 4 09

Wir Glücksritter
Finanzhasardeure stehen am Pranger, doch das Spiel geht weiter. Neue Sachbücher zeigen: Fast jeder ist ein kleiner Lehman Brother.
VON ALEXANDER KLUY

Kasinokapitalismus. Finanzhasardeure. Zocker. Spieler allesamt, allerorten. Auch außerhalb des Realen und Greifbaren. Denn Online-Glücksspiele, Hobby all jener, die tagsüber größtenteils fern der Finanzdistrikte von Frankfurt, London oder New York arbeiten, verzeichnen ebenfalls rasante Zuwachsraten. Schenkt man Statistiken Glauben, beträgt seit 1997 die Wachstumsrate von Cybergambling hundert Prozent, pro Jahr. Wird die Welt im Innersten zusammengehalten vom Spieltrieb, dieser unwiderstehlich sirenenhaften Mischung aus Zufall und Zufallsbezwingung, Schicksalsgläubigkeit und enthemmter Verschwendung von Eigentum zugunsten eines jäh aufblitzenden Moments grenzenloser Glückstrieberfüllung? Sind die Bernard Madoffs der westlichen Geldhemisphäre, die Lehman Brothers der Investmentjonglade Vertreter einer ausgestorben geglaubten Spezies? Sind sie Widergänger vergangener Jahrhunderte, jener russischen Großgrundbesitzer, die alles setzten und alles verloren, der Offiziere und Barone, die sich in den Kasinos deutscher Kurorte wie Baden-Baden oder Homburg vor der Höhe zugrunde richteten und sich im Morgendämmer eine Kugel durch Kopf oder Herz jagten? […]

Den gesamten Artikel können Sie hier lesen:
http://www.merkur.de/index.php?id=34013


FOCUS Nr. 18, 27. April 2009:

Literazzia – Vom Wagen und Gewinnen. rs

Von Glücksspielern und Spielerglück handelt diese kleine Geschichte einer verruchten Leidenschaft. Sie führt in die Zockerhöllen und Casinos von Las Vegas bis Bad Homburg, führt bekannte und berüchtigte Spielerfiguren vor und macht mit den Gesetzen und Riten des Verlierens und Gewinnens vertraut – wer nicht wagt, der nicht gewinnt.