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MARKUS BAUER
IN RUMÄNIEN
Auf den Spuren einer europäischen Verwandtschaft
Ein faszinierendes Land, ein (fast) blinder Fleck in unserer Wahrnehmung.
Abbildung:
Straßenszene, Rumänien,1930
Mary Evans Picture Library, INTERFOTO
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: Leseprobe : Autorin/Autor : Pressestimmen
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180 Seiten, gebunden
€ 16,80 (D) / CHF 31,00
ISBN 978-3-88747-238-2 |
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Inhalt:
Seit 2007 ist es Teil der Europäischen Union und trotzdem bleibt Rumänien die große Unbekannte, sein Bild bei uns besetzt von Klischees (transsilvanischer Grusel, bettelnde Straßenkinder, Wanderarbeiter und überall Bären).
Markus Bauer, Kulturhistoriker und Journalist, hat fünf Jahre in Jassy (dem rumänischen Heidelberg) gelebt und gearbeitet und ist dabei auf Spuren einer reichen Kultur gestoßen, die fasziniert durch vielfältige historische Verbindungen zur römischen und islamischen Welt, gleichzeitig durch ihre Nähe zur mitteleuropäischen Geschichte, die Rumänien dann auf eine ganz besondere Art in alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts hineinriß mit Folgen, die bis heute das Land und die Menschen prägen.
Aus dem Inhalt: Die Moldau: kreative Quelle der rumänischen Kultur; Zeichen und keine Wunder: was vom shtetl blieb; Das Dorf und die Stadt: die letzten Bauernaufstände in Europa; Kriegsende: über das unheimliche Verschwinden einer ganzen Armee; Emigration als Konstante: Rumänien und seine Schriftsteller und Künstler; Mythen und offene Wunden: über den heutigen Umgang mit der Geschichte; Land der Minderheiten: Schwaben, Sachsen, Ungarn und andere.
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Markus Bauer,
1959 in St. Wendel/Saar geboren, studierte Literatur und Geschichte und promovierte in Marburg über Walter Benjamin. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über Exilliteratur, Czernowitz, jüdische Geschichte in Osteuropa. In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt er regelmäßig über Rumänien.
Foto des Autors © Privat
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Leseprobe
Ein junger Soldat der deutschen Wehrmacht wird am 17. Mai 1944 vom Erholungsheim St. Avold an der lothringisch-saarländischen Grenze in einen Zug mit überfüllten Waggons geladen und auf eine ihm und seinen »Waffenkameraden« unbekannte Reise geschickt. Zehn Tage sind sie unterwegs nach Osten, passieren Nürnberg, Wien, Budapest, fahren durch die ungarische Ebene, pausieren in kleinen Städten, erreichen die Nordkarpaten, Galizien und drehen dann im Bogen nach Süden, über Czernowitz und Suceava geht es in die Moldau. »Gestern abend spät haben wir das Ziel unserer Reise erreicht Jassy , sind spät ausgeladen worden, durch die dunkle, unbekannte Stadt marschiert, [...] Von ferne hört man das Grollen der Front...«, schreibt der Soldat am 28. Mai 1944 in einem seiner fast täglichen Briefen an seine Frau und die elterliche Familie nach Deutschland.
Die Front die schmale Grenze des Todes hatte sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion wie eine alles zerstörende Feuerlinie zunächst weit nach Osten ausgedehnt, bis nach Moskau und Leningrad, an die Wolga und in den Kaukasus, um nun sich wieder zurückzuziehen. Nach monatelangen Kämpfen um Stalingrad wurden dort nicht nur fast die gesamte 6. Armee unter General Paulus vernichtet oder gefangen genommen, sondern auch die italienischen und vor allem rumänischen Hilfstruppen schwer getroffen. Nun zog eine 650 Kilometer lange Linie sich von Galizien her über Czernowitz und Iași nach Chișinău und dem Dnjestr entlang bis zum Schwarzen Meer. Aus Teilen anderer Truppenformationen war wieder eine 6. Armee aufgestellt worden, die in der Heeresgruppe Süd bei Iași zusammen mit rumänischen Armeeteilen hinter dem Pruth die nach Westen drängende Rote Armee aufzuhalten versuchte. »[...] die Stadt ist wunderschön gelegen auf wenigen Hügeln, die ganz bedeckt mit grünen, blühenden Bäumen, ein prachtvoller Anblick, viele weiße Gebäude mit mächtigen Türmen, wirklich toll; ach, es ist eine schöne Stadt mit vielen fremden Menschen, ganz fremd und neu, ein sonderbares Gemisch aus Romanentum und Balkan, wirklich interessant; aber wir kommen zu wenig in die Stadt.«
Zehn Kilometer nördlich von Iași, bei Stânca, verlief die Front, an der der Germanistikstudent Heinrich Böll, denn um den späteren Literaturnobelpreisträger handelt es sich bei dem Briefe schreibenden Soldaten, zwei Tage später morgens um sechs Uhr drei Geschosssplitter in der Schulter davonträgt. Dass diese Verletzung ihm das Leben rettete, hat Böll geahnt. Denn die mächtige Präsenz der Roten Armee und ihre Aggressivität war den deutschen und rumänischen Kompanien und Divisionen mehrfach gefährlich geworden. Die sowjetische »Operation Chișinău-Iași» im August sollte die 6. Armee derart vernichtend treffen, dass kein Soldat mehr über deren Untergang berichten konnte.
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Pressestimmen
Aus: »Spiegelungen« Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte in Südosteuropa,
Frühjahr 2010
Das Rumänienbuch des Journalisten Markus Bauer hebt sich von der gängigen Literatur durch eine individuellere Perspektive ab. In Überblicksdarstellungen weniger beachteter Themen, so etwa die Bauernproblematik, die Geschichte der Gesellschaft "Junimea", die rumänische Avantgarde, das jiddische Leben in der Moldau oder Rumänien als Exilland werden im essayistischen Stil unter der Prämisse vorgestellt, die Europäizität der rumänischen Kultur herauszuarbeiten.
Das erste von fünf Kapiteln führt den Leser zunächst in die Hintergründe der Revolte von 1907 ein. Eindringlich wird die Lage geschildert, die zum letzten großen europäischen Bauernaufstand führte. Mit geschickt gewählten Zitaten lässt der Autor intellektuelle Zeitgenossen zu Wort kommen. Die Verflechtung zwischen Geschichte und Kultur wird einprägsam vermittelt, und Bauer erläutert anschaulich die Standpunkte der rumänischen Eliten. Auch Phänomene wie der bäuerliche Antisemitismus werden in ihrem sozialen Kontext erklärt. Schilderungen zum Weiterleben der Bauern unter Kollektivierung und Systematisierung leiten zur Geschichte der Urbanisierung Bukarests über, von der frühneuzeitlichen .mahala" bis zur Megalomanie der "Casa Poporului". Die kurzweilige Beschreibung wird immer wieder ergänzt durch Reiseberichte prominenter deutscher Besucher, wie etwa dem von Bukarest durchaus eingenommenen Ferdinand Lasalle. Diesem überaus lesenswerten und ausgewogenen ersten Kapitel wäre lediglich ein breiterer Ausblick auf die Urbanisierung im Kommunismus hinzuzufügen, die sich nicht allein auf "Systematisierung" und "Casa Poporului" beschränkt.
Das zweite Kapitel ist den rumänischen Eliten im jungen Nationalstaat gewidmet und versucht, kontrapunktisch zum ersten, den prägenden Einfluss von Kulturvertretern auf die Geschichte zu verdeutlichen. Die Entstehung und Entwicklung der Gesellschaft "Junimea" wird geschildert, von ihren Anfängen als elitärer Gelehrten- und Literatenkreis in Jassy bis zum Aufstieg ihrer Mitglieder in höchste politische Ämter. Daran schließen Biografien rumänischer Klassiker wie Mihai Eminescu und Ion Creanga˘ sowie eine Analyse der moldauischen Memorialkultur an, welche bislang zu wenig den Beitrag der jüdischen Kultur anerkannt hat. Kenntnisreich beschreibt der Autor daher Leben und Wirken der meist jüdischen Vertreter der rumänischen Avantgarde. Der ansprechenden Darstellung dieser Künstlerschicksale mag man nachsehen, dass die These "von der außerordentlichen Bedeutung der rumänischen Avantgarde für die kulturelle Entwicklung Europas" (S. 96) durchaus diskutierbar ist.
Das dritte Kapitel widmet sich dem jiddischen Kulturleben in der Moldau. Der Autor bringt dem Leser die Lebendigkeit dieser Kultur und ihr gewaltsames Ende nahe und sensibilisiert ihn somit sehr stark für die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und den Holocaust. Mit Heinrich Böll, der in Jassy als Wehrmachtssoldat eingesetzt wurde, kommt auch hier ein prominenter Vertreter des deutschen Sprachraums zu Wort, der in seinen Feldpostbriefen die kulturelle Andersartigkeit der Moldau seinen deutschen Adressaten zu vermitteln versuchte. Das vierte Kapitel gehört den Minderheiten Rumäniens. Am Beispiel der staatsbürgerlichen Ausgrenzung jüdischer Rumänen wird die Diskrepanz zwischen technischer Modernisierung und gesellschaftlicher Entwicklung im Königreich demonstriert. Ob dieses auch für Großrumänien gelten kann wird mit dem Hinweis in Frage gestellt, dass Rumänien für einige Jahre als Exilland für Verfolgte des Dritten Reichs diente - ein bislang wenig beachteter Aspekt. Das letzte Kapitel "Mythos und Geschichte" reflektiert in einer soliden Darstellung die Kontinuitäten rumänischer Nationalhistoriografie und Geschichtspolitik mit einem Schwerpunkt auf der Aufarbeitung von Holocaust und Kommunismus, womit unter anderem die Aufnahme in NATO und EU möglich wurde. Markus Bauer zieht ein positives Resümee der rumänischen Bemühungen der letzten Jahre, den Diskurs über die eigene Geschichte auf westliches Niveau zu bringen.
Positiv fallen die sehr gelungenen Zitate sowie die Eindringlichkeit und Lebendigkeit vieler Passagen auf, die zum mehrmaligen Lesen animieren. Es gelingt dem Autor, die Katastrophen der rumänischen Geschichte zu erklären und auch dafür zu sensibilisieren. Passagenweise ist er jedoch zu sehr bemüht, alles Wissenswerte zu vermitteln und überfordert mit der Informationsfülle gerade den mit Rumänien weniger vertrauten Leser. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre, ebenso wie bei anderen Rumänienbüchern, eine größere Distanz zur rumänischen Kunst- und Literaturgeschichtsschreibung wünschenswert. Für Rumänieninteressierte mit einigen Vorkenntnissen ist dieses Buch jedoch allemal eine Empfehlung.
Albert Weber
Von Helmuth Schönauer, Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck, Öffentliches Bücherei- und Bibliothekswesen (06/2010)
Wunderschöne Biolandschaften, große Eier, saftige Tomaten, subtiler Lebensstil - Rumänien verkauft sich in der EU mit einer Vielfalt an Raritäten und Schönheiten.
Markus Bauer greift in seinen Rumänien-Essays diese Klischees auf, um gleich darauf die Hinterseite zu erzählen. Er selbst lebte fünf Jahre lang als Lektor in der Kulturstadt Iasi (rumänisch Heidelberg). Aus dieser Erfahrung legt er seine faszinierenden Beschreibungen und historischen Analysen an.Für ein so komplexes wie aufregendes Staatsgebilde wie Rumänien braucht es zwei Achsen der Beschreibung, meint der Autor. Die eine Achse ist die Stadt Iasi, die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Moldau, die zweite Beschreibungsachse führt zum Dichter Mihail Eminescu, der quasi im Alleingang die Selbstfindung Rumäniens im 19. Jahrhundert anhand der Literatur forcierte. Er gilt auch als der „Erfinder“ der modernen rumänischen Sprache.In fünf Kapiteln werden die Besonderheiten Rumäniens dargelegt.Das Verhältnis Stadt Land ist ein wesentliches Merkmal Rumäniens. Einerseits sind die Städte oft luftig aufgebaut wie Dörfer, andererseits gliedern sich Dörfer wie Wehranlagen oder kulturelle Monumente um sich selbst. Der Architekturwahnsinn der Ceausescus, die aus einem kleinen Dorf südlich von Bukarest stammten, erklärt auf wahnsinnige Weise dieses StadtLandGefüge. Eine besondere historische Umgangsform durchaus negativer Art bildeten die ständigen Reibereien zwischen Bauern und den Bojaren, den Großgrundbesitzern.Wo der Mythos wilder Gegenden liegt, setzt der Autor eine kulturelle Topographie drauf. Seine Überlegung: Alle diese Bilder von entlegenen Kulturlandschaften funktionieren nur, wenn darüber eine kulturelle Folie gelegt ist.Eine wichtige Station in der Geschichte Rumäniens bildet das Shtetl, seine jüdischen Kulturmenschen und die Pogrome, wovon einer der größten in Iasi stattfand.Anhand der Minderheiten lässt sich ein Land am ehesten beschreiben. Für Rumänien änderte sich je nach historischer Lage ständig das Verhältnis zu den Minderheiten untereinander, wer eben noch das Sagen hatte, war plötzlich eine Randerscheinung, wer eben noch am Rand war, hatte plötzlich die Mehrheit. An der recht aufschlussreichen Geschichte des rumänischen Eisenbahnbaues lässt sich übrigens von oben her feststellen, wie unten die Verhältnisse waren. Kaum investierte eine Gesellschaft in eine wirtschaftliche Situation, war diese schon wieder obsolet.Mythos und Geschichte heißt schließlich das letzte Kapitel, worin der Autor unter dem Eintrag „Feststellung der Tatsachen“ einen Schnitt durch die heutige Situation legt. Aus all diesen Kapiteln ergibt sich so nebenbei eine Geschichte des Judentums in Rumänien, ohne dass sie jeweils in den Vordergrund drängte.Markus Bauers „In Rumänien“ ist eine kühle, aufregende Geschichtsschreibung der ungewöhnlichen Art. Manchmal ein Reiseführer, dann wieder politisches Alltagsjournal, so scheibt ein Intimkenner von außen und innen zugleich. - Ein Meilenstein für aktuelle Geschichtsschreibung!
Spurensuche in Rumänien, in: DAAD Letter, Nr. 1 April 2010
Als Herta Müller 2009 den Literaturnobelpreis erhielt, galt das mediale Interesse nicht nur der deutschsprachigen Autorin, sondern auch dem osteuropäischen Land, in dem sie geboren und aus dem sie 1987 geflüchtet war. Rumänien gehört seit 2007 zur Europäischen Union für viele ist es dennoch unbekanntes Terrain. Dem will Markus Bauer mit
seinem Buch „In Rumänien“ abhelfen. Der Kulturhistoriker lebte von 1998 bis 2003 in Iasi, dem rumänischen Heidelberg, wo er als DAAD-Lektor an der Universität unterrichtete. In dieser Zeit begab er sich auf die Spur der „rätselhaften rumänischen Mentalität“.
Sein Buch ist ein Streifzug durch die Geschichte, Landschaft und Kultur eines Landes, dessen Verbindungen zum Orient sowie zu Europa eine spannende Mischung ergeben. Dabei hat Bauer immer das gegenwärtige Rumänien im Blick egal ob er sich mit der Geschichte der rumänischen Juden oder der rumänischen Bauern beschäftigt. Das Land erschließt sich ihm über die Landschaft der Moldau ebenso wie über seine politische Geschichte unter den Nationalsozialisten und den Kommunisten. Ein Kapitel ist der Minderheitenpolitik des Landes gewidmet, so auch der Ein- und Auswanderung der Deutschen.
Bauer, der Literaturwissenschaft und Geschichte studierte, lebt heute als freier Journalist und Buchautor in Berlin.
Jesuiten-Zeitschrift "Stimmen der Zeit", / Heft Nov. 2009
Viele ost- und westdeutsche Touristen reisten in den 60er und 70er Jahren nach Rumänien, um am "Goldstrand" von Mamaia zu liegen, in den Karpaten zu wandern oder Familientreffen abzuhalten. Trauten sich unmittelbar nach Nicolae Ceausescus Sturz nur wenige Ausländer ins Land, so ist Rumänien inzwischen für Publizisten und Touristen wieder gleichermaßen spannend. Das spiegelt sich auch in der entsprechenden Literatur. Dabei lesen wir allerdings immer wieder, Rumänien sei ebenso wie seine Geschichte in Deutschland völlig unbekannt. Auch wenn damit wohl eher "unverstanden" gemeint ist, bleibt in der Regel offen, warum man als Nicht-Spezialist die rumänische Geschichte kennen sollte.
Eine Antwort darauf könnte lauten: Weil wir mit diesem fernen, südosteuropäischen Land kultur- und politikgeschichtlich sehr viel enger verwoben sind, als den meisten von uns bewußt ist. Das bezieht sich nicht allein auf die Geschichte der deutschen Minderheit, deren Angehörige heute zu Hunderttausenden in der Bundesrepublik Deutschland leben. Rumänische Eliten studierten im 19. und 20. Jahrhundert, wenn nicht in Paris, dann in Berlin, Leipzig oder München. Von dort kehrten sie in die wenigen rumäniscben Kulturmetropolen mit neuen Erfahrungen und aufrührerischen Ideen zurück, die oft um nationale Modernisierung und Identitätsbildung kreisten.
Eine solche Metropole war Iasi im Nordwesten der Region Moldau, lange Zeit das intellektuelle Zentrum Rumäniens. Der Literaturwissenschaftler und Historiker Markus Bauer hat dort, an der heutigen äußersten EU-Grenze, gelebt und gearbeitet. In seinem Buch begibt er sich auf eine intellektuelle kulturhistorische Spurensuche, um das geistesgeschichtliche Potential und eben jene geistigen Verwandtschaften rumänischer Eliten mit Europa zu entdecken.
Der Untersuchungszeitraum reicht von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre. Angeführt vom "Leitmotiv der Überraschung", reflektiert Bauer in fünf Teilen über dieses Land aus der Iasier und damit aus der urrumänischen Perspektive, gehören doch Moldau ebenso wie die Walachei zu den ethnischen Kernprovinzen Rumäniens.
Er tut dies kenntnisreich, wohlformuliert und in essayistischer Weise. Verhandelt werden Themen wie das für Rumänien existentielle kulturelle und sozialpolitische Spannungsverhältnis zwischen Dorf und Stadt, der Rang und Einfluß moldauischer Intellektueller und Künstler innerhalb der rumänischen Gesellschaft, diverse politische und kulturelle Modernisierungskonzepte, die schwierige nationale Einheitsfrage, die Lage der Minderheiten, das jiddische Theater um Abraham Goldfaden (1840-1908), die Pogrome in Iasi, die besondere Bedeutung von Geschichte in der Gesellschaft oder das wenig bekannte Phänomen des Exils in Rumänien. Indem der Leser mit ausgesprochen vielen Personen und ihren Lebensgeschichten konfrontiert wird, nimmt er teil an der kulturhistorischen Selbstvergewisserung der rumänischen Nation als europäische Kulturnation. Bauer flicht Beispiele von aktueller Musealisierung und Erinnerungskultur ein und reißt damit einen Themenbereich an, der trotz der langen Tradition fortdauernder Mythenbildung und aktiver Geschichtspolitik noch ziemlich unerforscht ist.
Um den Leser tief ins Vergangene eintauchen zu lassen, greift Bauer auf alte Reiseberichte zurück. Gerade die Beschreibung des alten, zwischen orientalisch-ländlicher Unordnung und westeuropäisch-urbanem Städtebau oszillierenden ßukarcst und seiner Bewohner ist dadurch sehr lebendig und hilft uns zu verstehen, warum die Hauptstadt so lange den Beinamen "Klein-Paris" trug -ein sehr gelungenes Kapitel. Bauer glückt das, was man eine dichte Darstellung nennt. Ein Panorama entsteht, in dem der Leser ein Gefühl bekommt für die frühe (west-)europäische Seite des rumänischen Kultur-Geistes, aber auch für die moldauische Landschaft, für den dortigen Rhythmus von Raum und Zeit.
Aufgrund seiner Eingangsbemerkung, die Themenwahl sei nach individuellem Interesse erfolgt, ist der Autor eigentlich gefeit gegenüber nachfolgender Kritik; sie sei dennoch gestattet: Ich habe es als bedauerlich empfunden, daß der kommunistische und postkommunistische Zeitraum weitgehend ausgespart bleibt, da viele der angesprochenen Problematiken sich ja gleichwohl fortsetzten. Insofern sind die Betrachtungen tatsächlich weitgehend kulturhistorisch.
Peter Ulrich Weiß
aus: Stimmen der Zeit (Freiburg, Herder Verlag)
227 (2009), H. 11 (November), S. 788-789
Radio Free Europe (Moldavien) v. 8.7.2009
Gesang der Moldau
Ein Buch von Markus Bauer stellt dem deutschen Publikum das Universum einer im Westen fast unbekannten europäischen Kultur vor.
Von Beginn an muss präzisiert werden, dass der Band von Markus Bauer, der kürzlich mit dem Titel "In Rumänien" erschienen ist, ein außergewöhnliches Buch ist. Vor allem im Kontext des deutschsprachigen Raumes, wo in den letzten Jahren Rumänien gewidmete Bücher erschienen sind, denen es nicht gelungen ist, ein akzeptables Gleichgewicht zwischen Objektivität und Faszination zu halten, und die daher oft in einen apologetischen Diskurs oder eine ressentimentgeladene Kritik abgleiten.
An Stelle des von Markus Bauer benutzten Untertitels für seinen in dem Berliner Verlag Transit erschienenen Band "Auf den Spuren einer europäischen Verwandtschaft" wäre passender gewesen "Gesang der Moldau". Wenn dies auch wie eine Paraphrase des berühmten Werkes des bessarabischen 1848ers Aleco Russo (1819-1859), "Gesang Rumäniens" geklungen hätte, wäre dieser Untertitel passender, da Bauer seine Ausführungen auf eine historische Region konzentriert, die in der rumänischen Geschichte, Kultur und Politik eine außergewöhnliche Rolle gespielt hat. Dieser sympathische Einstieg ist nicht zufällig:
Markus Bauer, 1959 in Deutschland geboren, war einige Jahre Lektor am Germanistik-Lehrstuhl der Universität Ia?i. Hier machte er Bekanntschaft mit Sprache und Kultur Rumäniens, erfuhr einiges über die Vergangenheit der historischen Moldau, über Städte und Märkte dieser Provinz, las über Bukowina und Bessarabien, diskutierte mit Überlebenden des Holocausts, recherchierte über die in dieser Gegend produzierten Verwüstungen der kommunistischen Diktatur.
Neben den rumänischen dokumentarischen Quellen hat Bauer auch eine Reihe von westlichen Arbeiten herangezogen, einige vergessene, wie z.B. die Reisebeschreibungen von Ferdinand Lassalle oder Richard Kunisch, die im 19. Jahrhundert die Donaufürstentümer besucht haben bzw. den jungen Staat, der nach 1859 auf der europäischen Landkarte erschienen ist.
Bauer vermeidet es, ein idyllisches Bild zu präsentieren und skizziert die juristischen Mängel und ökonomisch-sozialen Probleme des alten Regats und danach Großrumäniens, und arbeitet zugleich auch das außerordentliche kulturelle Temperament heraus, das sich in einer Stadt wie Ia?i entwickelte. Mit einer bewundernswürdigen Genauigkeit, gelingt es Bauer, in kurzen Porträts einiger intellektueller Protagonisten der klassischen literarischen Szene der Moldau ein lebhaftes Bild eines faszinierenden kulturellen Raumes zu zeichnen, der leider dem Publikum in Deutschland, Österreich oder der Schweiz fast unbekannt ist.
Das der Zwischenkriegsavantgarde gewidmete Kapitel etwa bietet sogar Kennern der rumänischen Literatur eine Reihe von unbekannten Informationen und viele eigenständige Interpretationen. In den vier Kapiteln des Buches („Dorf und Stadt“, Wo einst das Shtetl stand“, „Ein Land und seine Minderheiten“ und „Mythen und Geschichte“) gelingt es Bauer, in suggestiver und überzeugender Weise das auszuführen, was er bereits im Vorwort vorschlug: dem deutschen Publikum einen kulturellen Raum nahe zu bringen, über den es zu wenig weiß und lädt es vor allem ein, die moldauische Landschaft zu entdecken.
William Totok
Radio Europa Libera (Moldova) v. 8.7.2009
Den Originalartikel finden Sie hier:
http://www.europalibera.org/content/article/1771927.html
Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung, 14. Juli 2009
… Bauer rückt stets, wie im Blick auf die 1864 gegründete Literatengruppe „Junimea” die politisch-historische Geschichte Rumäniens und die der rumänischen Kultur eng aneinander. Und das hält er zum Glück bis in die unmittelbare Gegenwart durch. Über den Stadt-Land-Gegensatz und die Bauern in Rumänien schreibt er aus der Perspektive des 2007 vollzogenen EU-Beitritts, über Rumänien als Schauplatz des Holocaust im Blick auf die schwierige Geschichte der Kommissionen, die sich im letzten Jahrzehnt damit befassten, über die Stadtplanungen, Dorfzerstörungen und brutalen Modernisierungen des Bauernsohnes Ceaucescu sowie über die Minderheitenpolitik unter Einbeziehung der aktuellen Debatten über die Erforschung und Verurteilung der kommunistischen Diktatur.
Dieses Aktualitätsklima des Buches ist ein großer Vorzug. Seine Spurensuche ist keine elegische Archäologie des Untergegangenen, sondern eine kompakte Einführung in die noch heiße Zeitgeschichte Rumäniens zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert.
Den ganzen Artikel unter:
http://www.buecher.de/shop/Buecher/In-Rumaenien/Bauer-Markus/products_products/detail/prod_id/25623638/vnode/1/lfa/quicksearch-index-1-more/#sz
NZZ, 9. 4. 09
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/in_rumaenien_1.2367372.html
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