Claudiu M. Florian - Zweieinhalb Störche   Claudiu M. Florian

Zweieinhalb Störche

Roman einer Kindheit in Siebenbürgen


Ein kurzweiliger, beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa – und die Entdeckung eines neuen erzählerischen Talents.


Claudiu Florian ist mit seinem Buch »Zweieinhalb Störche« für den 8. Puchheimer Leserpreis nominiert. 4 Autoren wurden für den Preis von Leser/innen bzw. Buchhändlerinnen ausgewählt. Die Preisverleihung ist am 23. April 2010. Näheres erfahren Sie unter: www.puchheim.de

 
260 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag
€ 19,80 (D) / CHF 35,90
ISBN 978-3-88747-235-1

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Inhalt: Zweieinhalb Störche

Eine Kindheit Mitte der siebziger Jahre. Ein Junge wächst auf bei seinen Großeltern (den beiden »Störchen«) in einem kleinen, abgelegenen Ort an der »Europastraße 60«. Der Großvater ist Rumäne, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener Gendarm und entschiedener Gegner »Dieser«, der Macher in Bukarest; die Großmutter deutschstämmig und in der Tradition der Siebenbürger Sachsen lebend, wacht über Hof und Familie und darüber, dass der Großvater nicht zu oft in der Dorfkneipe gesehen wird. Die Eltern leben in Bukarest, wo der Vater als Theaterregisseur arbeitet. Selten haben sie Zeit, ihren einzigen Sohn zu sehen oder ihm die große und befremdliche Stadt Bukarest zu zeigen.
Die beschauliche, fast unheimliche Ruhe des Dorf- und Familienlebens erfährt aufwühlende Unterbrechung durch Verwandte, mal »Ausdeutschland«, mal aus der Walachei, die mit ihren Autos (mal Mercedes, mal Dacia) und wunderbaren Mitbringseln Aufsehen und Freude erregen und manchmal Sehnsucht nach einem anderen Leben hinterlassen.
Diese scheinbare Idylle ist endgültig dahin, als »Diese« den Vater aus seinem Theater entlassen und den Großeltern ihr Haus wegnehmen ...
Claudiu M. Florian, zweisprachig aufgewachsen, schreibt im Deutsch seiner Kindheit; die Einfachheit der Sprache entspricht nicht nur der kindlichen Perspektive – sie ist auch ein zauberhaftes Kunstmittel, um die familiären, örtlichen und politischen Verhältnisse in unverwechselbarer, skurriler oder komischer Sicht- und Ausdrucksweise lebendig zu machen.

 



Autorin/Autor

Claudiu Mihail Florian  
 
Claudiu Mihail Florian,
1969 in Rupea/Reps, in Rumänien geboren, ging mit elf Jahren aus seinem Heimatort in Siebenbürgen nach Bukarest. Nach dem Abitur 1988 leistete er den rumänischen Militärdienst ab, wo er im Dezember 1989 den Umbruch seines Landes miterlebte. Später studierte er Germanistik und Geschichte in Bukarest, Bielefeld und München. Als Student übersetzte er mehrere englische und deutsche Autoren ins Rumänische, darunter Hermann Hesse. Seit 2002 arbeitet er im rumänischen Außenministerium, seit 2004 an der Botschaft von Rumänien in Berlin, drei Jahre als Kultur-, jetzt als Presseattaché. »Zweieinhalb Störche« ist seine erste literarische Veröffentlichung.

Foto des Autors © Privat

 



Leseprobe

Wir sind hier. Doch wir sind nicht alleine – und hier ist auch nicht der einzige Ort auf der Welt. Der Himmel endet zwar in den Wäldern jenseits des Tales und hinter der Burg, und zwischen den Hügeln links und rechts in der Ferne, doch all das, was er hier bedeckt, ist auch nur ein weiterer Teil des Mehrerlei. Denn Orte gibt es noch mindestens zwei auf der Welt. Oder drei.
Einer ist Seiburg, wo der Otata lebt, der Urgroßvater. Von oben, von der Burg, sind nur die Bergkämme ringsherum zu sehen, und hin gelangt man nur mit dem Bus. Dort wird meist Sächsisch geredet, von manchen hier gar nicht zu verstehen, und mehr auf der Erde und mit der Erde umgegangen, da die Gassen dort meist irdig und nur vor den Häusern gepflastert sind, mit Bachstein, und noch vor dem Ortseingang die Menschen sich beschäftigt auf den Feldern über die Erde beugen und diese bezupfen oder mit langstieligen Geräten durchkneten. Täglich taucht ein ratternder Bus voller Menschen bis auf den Seiburger Grund, setzt dort ein paar ab und holt Stunden später ein paar auch wieder zurück, darunter ab und zu dieselben, nämlich die Großmutter und mich. Er bringt uns hin, zur zahlreichen Sippschaft, und schafft uns zurück, zum alleinigen Großvater.
Dann gibt es Dacia. Das Dorf liegt zwischen unserem Ort und Seiburg und ist von oben, von der Burg, zu sehen, mit der Spitze seines Kirchturms und ein paar Dachgiebeln inmitten der Hügellandschaft. Auch dort steigen jedes Mal welche aus dem Bus ab und auf. Dacia ist kaum mehr als eine kurze Zwischenstation, mit ein paar ewig wartenden Leuten, ein kurzer Halt auf dem Weg vom örtlichen Himmel zur Seiburger Erde.
Und dann gibt es Indeutschland. Es ist ein Ort anerkannt wie ungreifbar, ihn gibt es, und aber es gibt ihn nicht. Indeutschland ist nirgendwo zu sehen, auch nicht von oben, von der Burg. Trotzdem scheinen alle davon Bescheid zu wissen und trotzdem kommen immer wieder von dort bekannte Figuren. Sie sorgen kurz für Gespräch und Aufregung, um dann wieder zu verschwinden. Doch selber hinfahren, wie nach Seiburg zum Otata, bloß um sie zu besuchen, das geht nicht. Kein ratternder Bus scheint dorthin zu fahren, das Land gibt es nur in den Geschichten, die man darüber erzählt, und es sind diese, die häufig raren, mitgehörten, schwindenden und immer wieder neu auflebenden Geschichten, die es zum Märchen werden lassen. Zum Märchenland. Die wenigen von hier, die irgendwann auswandern, die ziehen ins Märchenland und dann gibt es auch sie nicht mehr. Nur von Zeit zu Zeit treten sie wieder in Erscheinung, werden für ein paar Tage wieder zu denen, die sie einmal waren, und erzählen nun ihrerseits Geschichten.

 



Pressestimmen

Fürstenfeldbrucker Tageblatt

fuerstenfeldbruckerTagblatt.pdf

Berliner Zeitung, 16.04.2009

Ein Fernseher namens Dacia

Claudiu M. Florians Roman "Zweieinhalb Störche" über eine Kindheit in Siebenbürgen
Von Ingeborg Ruthe

Großmutter ist ein Storch, Großvater auch. Und der Sechsjährige Ich-Erzähler, zumindest ein halber. Die andere Hälfte des Zugvogels hätte ein Brüderchen sein sollen. Notfalls eine Schwester. Daraus ist nichts geworden. Mutter und Vater waren immer weit weg.

Mit solch skurriler poetischer Symbolik hält der Autor den Leser von "Zweieinhalb Störche" in Atem. Er lässt einen staunen, auflachen und an absurd melancholischen Absätzen ungläubig fragen, wie Claudiu M. Florian, geboren vor knapp 40 Jahren in Reps (Rupea), Spross siebenbürgisch-sächsischer und rumänischer Vorfahren gleichermaßen, sich so haarklein an genau zwei Jahre seiner Kindheit zu erinnern vermag. […]

Den vollständigen Artikel finden Sie unter:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0416/bcher/0016/index.html


Neues Deutschland, 16.01.2009

»Indeutschland«: jammernswerter Ort
Claudiu M. Florian erzählt von einer Siebenbürger Kindheit

Von Benjamin Jakob

Ost-Europa scheint ein unerschöpfliches Reservoir an frischen, gut erzählten Prosastoffen zu sein. Der Romancier Claudiu M. Florian (Jahrgang 1969) stammt aus einem Ort in Siebenbürgen, einem Städtchen mit Burg zwischen Sighisoara (Schäßburg) und Brasov (Kronstadt). Er wuchs zweisprachig auf, deutsch-rumänisch. Mit elf verschlug es ihn nach Bukarest, das Ende der Ära Ceausescu 1989 erlebte er beim Militär; er studierte Germanistik und Geschichte, wurde dann Diplomat. Seit ein paar Jahren arbeitet Florian an Rumäniens Botschaft in Berlin, derzeit als Presseattaché.
Mit seinem ersten Buch kehrt der Autor zurück in das Kindheitsland der frühen Siebziger, zurück in die eigene Biografie. Der Held des Romans ist fünf/sechs Jahre alt, ein Knirps, der jedes Storchenpaar mit Nachwuchs um das intakte Familienleben beneidet. Der Kleine lebt bei den Großeltern in einem siebenbürgischen Nest. Die beiden Alten – Iorgu ist Rumäne, Anni eine Siebenbürger Sächsin – sind für ihn Vater und Mutter. Die leiblichen Eltern leben an einem fernen Platz, Bukarest genannt; Fremde sind sie, die manchmal nur zu Besuch erscheinen. Familienvorstand ist die Großmutter, Anni, streng und deutsch, die Hüterin von Haus und Hof. [...]

Den Artikel finden Sie unter:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/142225.indeutschland-jammernswerter-ort.html


Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (ADZ) - 19.12.2008

http://www.adz.ro/k081219.htm#2

„Zweieinhalb Störche“ – der Roman einer Kindheit in Siebenbürgen / Von Jens Langer

Bevor Claudiu Mihail Florian, 1969 in Reps/Rupea geboren, Presseattaché der Botschaft Rumäniens in Berlin war, muss es ihm ergangen sein wie dem Vorschulkind, von dem er so hinreißend erzählt. Die Menschen mögen andere Namen getragen haben, aber sonst war es in Siebenbürgen sicher so, eben vielfach. „Mehrerlei“ sagt der heutige Germanist und Historiker dazu. „Es ist nicht alles eins. Es ist alles zwei. Oder drei. Oder vier.“ Das beginnt bereits mit den Festtagen. Sie sind nicht allesamt gleich grau wie die Katzen in der Nacht, sondern werden ganz unterschiedlich gefeiert. Ein Tag zum Beispiel gehört dem Jungen selbst, sein Geburtstag, da wird er geherzt und geküsst, kann herrlich schmausen. Anders sind der 1. Mai und der 23. August mit offiziellen Ansprachen und Lobhudeleien an den obersten Genossen; denn der Autor entführt seine Leserschaft in die 1970er Zeit.

Die Feste selbst sind auch in sich nochmals mehrerlei, wie der Heiligabend zeigt. Mit der sächsischen Großmutter singt er „O Tannenbaum“, und der rumänische Großvater summt dazu. Diesen hinwiederum begleitet der Enkel singend bei der rumänischen Fassung. „Die Sprachen des Liedes trennen uns weitaus weniger, als uns die Melodie und der Anlass desselben vereinen“, stellt er fest. Noch eine Dimension dieses Festes tritt in die kindliche Welt, wenn der auf Zimmerlautstärke gestellte Sender „Freies Europa“ traditionell „das Glockengeläut aller deutschen Dome“ erschallen lässt. Eine total andere Geschichte als dieser Radiosender bietet im übrigen das staatliche Fernsehen, in dem es vorwiegend um jenen obersten Genossen geht.

In der naiven Weltsicht und Sprachwelt des Jungen macht die Leserschaft die Bekanntschaft mit komplizierten Verhältnissen. Sie ergeben sich nicht allein einfach vor Ort, sondern ferne Städte und Länder spielen mit in der Gestaltung des Lebens, selbstredend Bukarest, aber auch Deutschland.

Der Kinderverstand sagt „Indeutschland“ und „Ausdeutschland“. In dieses Paradies wandern die Leute mit Tränen aus, und Besucher von dort fahren weinend aus dem Dorf wieder zurück, andererseits bringen zwei Onkel, Brüder der Großmutter, von dort wunderschönen Krimskram mit, während ein anderer Besuch nichts Besonderes schenkt. „Denn es sei nur die Tante aus der DDR gewesen.“

Zu antiker Größe schwingt sich die Begegnung der beiden Großonkel mit dem verwitweten und mit einer Rumänin wiederverheirateten Vater in Seiburg auf. Der greise Seher sorgt sich um die Zukunft seiner Kultur, ihrer Sprache und dörflichen Existenz. Die Söhne reagieren verdruckst. Sie haben sich innerlich abgemeldet. Eine Entsprechung findet sich, als der Vater des Erzählers seinen ersten Besuch mit dem Kind bei den rumänischen Großeltern in der Walachei macht. Der blinde über Achtzigjährige legt Kind und Kindeskind ans Herz, den eigenen Ursprung nicht zu vergessen. Der Sohn, in politische Schwierigkeiten geratener Theaterregisseur aus Bukarest, stimmt zwar zu, ohne für seinen Nachkommen sprechen zu können und zu wollen.

Dieser ist glücklich, als er wieder im Heimatort in Siebenbürgen ist. „Wo selbst die Katzen Deutsch sprechen.“ Der Großvater mütter-licherseits, ein in Ungnade gefallener rumänischer Gendarm, hatte 1945 auf Bitten des Seiburger Alten dessen wunderschöne Tochter vor der Deportation gerettet, und zwar durch Heirat. Inzwischen soll ihm sein Haus enteignet werden, weil die Vorbesitzerin nach Deutschland ausgewandert war. Nun stärkt die Sächsin ihn. Sie schützt auch den Enkel vor Ausgrenzung in der Kirche, die es auch mehrerlei gibt – für die orthodoxen Rumänen, für die evangelischen Siebenbürger Sachsen und die evangelischen Ungarn. Bei den Sachsen verweigert der Pfarrer dem Kind das Weihnachtspäckchen.

Die Großmutter stellt ihren Geistlichen zur Rede und bekommt das Geschenk: „Wo gibt’s denn das (...), was weiß dies Kind schon von Konfession und von dieser Kirche oder jener!“ Die beiden Alten sind das Storchenpaar mit der halben Portion. Die Eltern des Kindes leben in Bukarest, sind liebevoll, aber fern, strapaziert und gefährdet. Sie brauchen den Schutzschirm des siebenbürgischen Dorfes für ihre kleine Familie.

Angetan legen wir dieses fesselnde Buch aus dem Südosten Europas aus der Hand. Wir möchten gern mehr erfahren.


Neue Zürcher Zeitung, 3. Januar 2009

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/kindheit_in_siebenbuergen_1.1631295.html

DeutschlandRadio Kultur

„,Zweieinhalb Störche‘ ist ein gelungenes Debüt, eine geradlinige Erzählung mit Atmosphäre, Tiefgang und erfrischenden Dialogen. Ein Buch über die Sehnsucht – Sehnsucht nach dem Miteinander in einer längst unerreichbaren Region des Glücks …“


Siebenbürgische Zeitung - 6. 12. 200808

http://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/8366-claudiu-m-florian-wandelt-auf-den.html


RBB Inforadio
Kultur, 18.11.2008
Neu im Buchregal

http://www.inforadio.de/static/dyn2sta_article/606/280606_article.shtml

Claudiu M. Florian: Zweieinhalb Störche

Innenwelt und Außenwelt, das Nahe und das Ferne, das Eigene und das Andere, sind oft untrennbar verquickt. Dörfliche Enge, fürsorgliche Umarmung durch Großvater, Großmutter, Tanten, Onkels bilden den Nährboden für den Ich-Erzähler in Claudiu M. Florians Zweieinhalb Störche. Von den Titel gebenden Störchen wünscht er sich ein Geschwisterchen.

Affirmativ, mit den kindlich-naiven Augen eines Sechsjährigen, blickt der heutige Presseattaché der Botschaft Rumäniens in seinem Romanerstling zurück auf seine Kindheit in Siebenbürgen Mitte der 70er Jahre. In filigranem Altdeutsch meistert er die Geheimnisse abgelegener Orte an der "Europastraße 60", fängt das mit Toleranz gepaarte "Vielerlei" der Idiome und Bräuche ein. Souverän überspringt er die Klippen zwischen Menschen, die wie der Großvater, von Hause aus, Rumänen sind, und deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen, wie die Großmutter - und einem übermächtigen Regime, das mit dem Namen des Diktators Ceausescu verbunden ist.

Der Hof ist die Mitte seiner kleinen Welt, in der die Besucher aus Deutschland für so viel materiellen Wirbel sorgen, dass "Indeutschland" zum feststehenden Begriff für das gelobte Land wird. Es ist die genuin kindliche Perspektive, die diese Landeserkundung mit bitterem Ende spannend macht.



Heike Geilen - www.sandammeer.at - 8 / 08
www.sandammeer.at/rez08/florian-stoerche.htm

Claudiu M. Florian: "Zweieinhalb Störche"
Roman einer Kindheit in Siebenbürgen

Kaugummi und eiserne Autochens "Ausdeutschland"

Wenn der Name Siebenbürgen fällt, denkt jeder sogleich an das sagenumwobene Transsilvanien mit seinen Schlössern, Burgen, Werwölfen, Vampiren und seinem bekanntesten Vertreter, Graf Dracula. Auch der Wirtschaft ist diese rumänische Region ein Begriff.

Einen ganz anderen, noch dörflich geprägten Landstrich erweckt Claudiu Mihail Florian in seinem Debütroman "Zweieinhalb Störche" zum Leben - das Siebenbürgen seiner Kindheit. Dazu versetzt er den Leser in die 1970er-Jahre.

"Storch, Storch, guter,
bring mir einen Bruder!
Storch, Storch, bester,
bring mir eine Schwester!"

Dieses kleine Liedchen trällert der sechsjährige Ich-Erzähler auf der Dorfstraße mehrmals laut vor sich her. Er ist gerade mit seinem Vater zu Besuch bei seinen "anderen" Großeltern in der Walachei und löst damit allgemeines Erstaunen im Ort aus, denn er hat dieses Lied auf Deutsch gesungen. In dieser Region Rumäniens ist es eine Sensation, dass so ein kleiner Bub eine "Fremdsprache" schon derart gut beherrscht.

Doch Mutter und Großmutter des Knaben gehören zur Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen, und das deutsche Brauchtum ist fester Bestandteil ihres Lebens. Es gibt das Weihnachtsfest nebst Weihnachtsmann, man geht in die christliche Kirche, liest deutsche Märchen, singt deutsche Volkslieder und erwartet voller Spannung von Zeit zu Zeit Besuch "Ausdeutschland". Überreichen doch die Onkel dann immer gut riechende Kaugummis, bunt und knisternd verpackte Süßigkeiten und Blechautochens.

Mehrerlei
"Storch, Storch, guter, bring mir einen Bruder! ...", wird der Knirps noch des Öfteren singen, in der Hoffnung, dass sein "Einerlei" beendet und ihm ein Geschwisterchen gebracht wird. Aber so richtig Verlass ist auf den Vogel nicht. Vielleicht, weil in seiner Heimat alles "Mehrerlei" ist. Angefangen bei der Sprache (Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und Sächsisch), dem Feuer in den verschiedenen Öfen des Hauses oder den Glockentönen der "Rumänenkirche" und der "Ungarnkirche" im Ort. Auch die Großeltern des Buben sind für ihn mehrerlei. Denn komischerweise erzählt man ihm, dass sie nicht seine richtigen Eltern sind, denn das "sollen die beiden fröhlichen Leute sein, die uns hin und wieder besuchen und sich dabei wie zu Hause fühlen." Sein Vater, ein Regisseur, und die Klavier spielende Mutter leben in Bukarest.

Mehrerlei sind auch der Fernseher und das Radio, allein schon wegen des unterschiedlichen Informationsgehalts. In Ersterem sieht man hauptsächlich die offiziellen, lautstarken rumänischen Propagandasendungen, in denen meistens der Genosse Nicolae mit "Diesen" zu sehen ist - wie der Großvater, ein von den Kommunisten seines Dienstes enthobener rumänischer Gendarm, verächtlich meint. "Die Großmutter und der Großvater kucken auch nur ganz flüchtig hin und drehen ihn leiser und immer leiser." Mit dem Radio hingegen verhält es sich ganz anders. Seinem nur leise gehörten Kanal "Freies Europa" lauscht man - nicht nur zu Weihnachten, wenn das Glockengeläut "Indeutschland" übertragen wird - andächtig.

Dieses Mehrerlei kann sich der kleine Ich-Erzähler noch nicht ganz allein erklären. Also löchert er seine Umgebung mit vielfältigsten Fragen. Ärgerlich, wenn ihm die Beantwortung selbiger mit einem "Später" verwehrt bleibt. "Was ist es denn, das sich erst später begreifen lässt? Das 'Später' hasse ich manchmal geradezu (...) Obwohl dessen Reiz eigentlich im hier und jetzt liegt. Denn alles, was ich jetzt haben und wissen möchte, wird bestimmt überholt und vergessen sein, eh das Später erreicht ist."

Originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde
Claudiu M. Florian, der als Presseattaché in der Rumänischen Botschaft in Berlin arbeitet, hat aus der Sicht eines kleinen Jungen - seines Alter Ego - das Siebenbürgen der 1970er-Jahre auferstehen lassen. In detailreichen Umgebungsbeschreibungen, mit wunderbaren Berichten aus dem Alltag der Familie des Buben - mit Lokalkolorit gewürzt - und durch ihn belauschten und eigenständig gedeuteten Gesprächen der Erwachsenen ist ein humorvoller und detailreicher geschichtlicher Abriss Rumäniens und seiner "Enklave" Siebenbürgen seit den großen Kriegen entstanden.

In klaren Sätzen, ohne Schnörkel und Beiwerk, schafft der rumänische Autor, der sich bereits während seiner Studienzeit mit Übersetzungen mehrerer deutscher und englischer Autoren - u. a. Herman Hesse - ins Rumänische einen Namen machte, eine wunderbare Aura und originelle Geschichtsvermittlung und Landeskunde. Humorvoll tapst der Bub durch die Zeit und wirft einen staunenden Blick in eine alte und einstmals hochangesehenen Kultur - die der "Siebenbürger Sachsen" - welche durch den Eisernen Vorhang und die großangelegten Zwangskollektivierungs- und Enteignungsmaßnahmen der Kommunisten und durch gezielte Diskriminierung dieser Volksgruppe durch den rumänischen Staat nahezu zum Erliegen gekommen ist.

Letztendlich stellt er fest, dass es leichter ist, Jahre zu sammeln als Geschwister. "Die Jahre scheinen irgendwie von allein zu kommen und sich zu vermehren, die Geschwister nicht."
Die beschauliche Kindheit des kleinen Ich-Erzählers ist mit einem Mal viel zu schnell zu Ende.

Fazit:
"Zweieinhalb Störche" ist ein kurzweiliger und beeindruckender Ausflug in eine andere Welt mitten in Europa - das deutschsprachige Siebenbürgen in Rumänien. Es sind Geschichten aus der Erinnerung des Autors. Geschichten, die er selbst erlebt oder gehört oder aber erzählt bekommen hat. Schön, dass Claudiu M. Florian daraus diese Geschichte gemacht und sie dadurch der Nachwelt erhalten hat.

"Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste." (Lorenz Jäger)

(Heike Geilen; 09/2008)