978-3-88747-232-0   Carl-Peter Steinmann

IM FLUSS DER ZEIT
Geheimnisse links und rechts der Spree

Carl-Peter Steinmann, seetüchtiger Stadtschreiber, erzählt von der Spree, ihren Ufern und Inseln – unterhaltsame, gruselige oder kuriose Geschichten.




 
ca. 144 Seiten, ca. 20 Abbildungen, gebunden
€ 14,80 (D) / CHF 27,50
ISBN 978-3-88747-232-0
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Inhalt

Genau 47 Kilometer schlängelt sich die Spree durch Berlin, und weil die Spree ein sehr langsamer Fluss ist, schafft sie nicht mehr als 17 Kilometer am Tag, ist also fast drei Tage in Berlin unterwegs – Zeit genug, um sich links und rechts umzuschauen, Brücken zu zählen oder sich von einem erfahrenen Stadt- oder Fluss-Schreiber Geschichten erzählen zu lassen, die sich auf oder an der Spree abgespielt haben, kulturelle, politische oder auch kriminelle Ereignisse aus vergangenen Zeiten bis hin zur
jüngsten Gegenwart.
Es geht dabei zum Beispiel um die kleinste öffentliche Fähre, ein Ruderboot, um den Fischer Karl Lupe, der 138 Menschen vor dem Tod bewahrte, um den Friedrichshagener Dichterkreis, den Köpenicker Prozeß gegen Leutnant Katte, den Freund des späteren Friedrich II., um den S-Bahnmörder in Rummelsburg, um Fontanes Eierhäuschen in Treptow, die künstliche Insel (heute Insel der Jugend) in der Spree, angelegt von Emil Heinicke, der später in der Spree ertrank; um die Leichen der Charité, ein Binnenschiffer-Bordell (»Tante Agnes«), um Hugenotten-Ansiedlungen am Spreeufer in Moabit, und schließlich auch noch um exklusive Leckerbissen aus der Spree: die Karpfen im Charlottenburger Schloßpark.
Ein schönes Unterhaltungsprogramm für einen Tag auf dem Wasser oder auf dem Balkon, bestens geeignet für ein aufregendes Abtauchen in die Berliner Geschichte.


 



Leseprobe

SPUK IM BELVEDERE
  spreeverlauf
Panorama der Spree vom Müggelsee
bis zur Jannowitzbrücke. Ausschnitt.
Berlin 1892
Nah dem Karpfenteich im Schloßpark Charlottenburg steht das als Teehaus errichtete Belvedere. Der Baumeister Langhans baute das dreigeschossige Gebäude mit ovalen Räumen und verband dabei geschickt die Formensprachen von Rokoko und Klassizismus. Die Spitze des kupfernen Dachhelms zieren drei Genien, die einen goldenen Fruchtkorb gen Himmel reichen. Im Rundsaal des zweiten Stockes saß König Friedrich Wilhelm II., der Nachfolger Friedrich des Großen, häufig in den ersten Jahren seiner Regierungszeit. In der Stunde der Dämmerung wartete er hier auf die Geister Marc Aurels, des Philosophen Leibniz und des Großen Kurfürsten. Er hatte sich ihr Erscheinen gewünscht und tatsächlich – sie erschienen. Die Geister gestatteten dem König sogar ausdrücklich Fragen, aber es gelang ihm nicht, auch nur ein Wort über seine ausgetrockneten Lippen zu bringen. Dafür sprachen die Toten eindringlich auf den König ein.
Er mußte sich harsche Strafpredigten anhören, und die Stimmen mahnten ihn zur Rückkehr auf den Pfad der Tugend. Mit angsterfüllter Stimme rief er nach seinen Freunden, um ihn von seiner Todesangst zu befreien. Wenig später betrat Bischofswerder, der engste Vertraute des Monarchen, den Raum und geleitete den völlig erschöpften König zu seiner Kutsche. Er wollte zu seiner Mätresse, der Gräfin Lichtenau, zurückgebracht werden. Diesem Wunsch wurde aber nicht entsprochen, der Kutscher hatte Befehl, ihn noch in der Nacht nach Potsdam zu fahren.
Ähnliche Séancen fanden auch im Marmorpalais, im Eckardtsteinschen Haus oder im Schloß Marquardt, dem Wohnsitz Bischofswerders, statt. Dieser hatte in seinem Park eine Grotte »nach dem rosenkreuzlerischen Ritual, in einem mit Akazien bepflanzten Hügel angelegt«. Das Innere der Grotte war mit blauem Lasurstein mosaikartig gestaltet. Das Licht eines an der Decke hängenden Kronleuchters brachte den Lasurstein zum Funkeln. Nur wenige Eingeweihte nahmen an den Sitzungen teil. Wenn der König in der Grotte Platz genommen hatte, waren bald merkwürdige Stimmen, teils von Harfentönen begleitet, zu vernehmen.
Hier wagte der König Fragen zu stellen, und die Geister antworteten ihm. Was Friedrich Wilhelm II. nicht wusste: Die Grotte war doppelwandig gebaut worden. Zwischen den Wänden bewegten sich von Bischofswerder eingesetzte »Helfer«, deren unterschiedliche Stimmen so einen spiritistischen Effekt erzielten.
Der Rosenkreuzer Bischofswerder war überhaupt ein Meister der Inszenierung. Als der König am 16. November 1797 starb, zeigte er noch einmal sein Können. Im Berliner Dom war das gesamte politische Preußen versammelt. Der Sarg stand auf einer versenkbaren Plattform, die in die Gruft führte. Zum Ende der Trauerfeier trat Bischofswerder, eine brennende Fackel in der Hand, neben den Sarg. Langsam versank der Sarg mit dem toten König in Begleitung des lebenden Fackelträgers in die Tiefe. Eine Inszenierung, die bei allen Trauergästen gewaltigen Eindruck hinterließ.
Noch Jahrzehnte danach wurde das Belvedere im Schloßpark als »Spukhaus« gemieden. Heute zeigt es sich wieder in alter Schönheit. Im Inneren wird eine bedeutende Sammlung Berliner Porzellans des 18. und 19. Jahrhunderts gezeigt – Fayencen statt Séancen ...
 



Autorin/Autor

SteinmannCarl-Peter Steinmann,
1946 in Lebeck/ Westfalen geboren, lebt als Autor in Berlin.

Im :Transit Verlag erschien zuletzt
»Von Karl May zu Helmut Newton.
Spurensuche in Berlin« (2006)

Foto: Nortbert Martins
 



Pressestimmen

Auf rund 47 Kilometer Länge fließt die Spree durch die Hauptstadt. Dabei unterquert sie 57 Brücken, bis sie nahe der Spandauer Altstadt in die Havel mündet. Ein Buch widmet sich nun den Plätzen und Häusern links und rechts des Flusses ...

Den Artikel können Sie hier lesen:
http://www.welt.de/wams_print/article1852312/Berlin_vom_Wasser_aus_betrachtet.html