978-3-88747-230-6   Sigrid Simon

VERGEWALTIGT LEBEN
Fünf Porträts

Wie gehen vergewaltigte Frauen mit dem Trauma um? Die Antworten sind so verschieden wie die Frauen selbst.
Wichtig ist, daß sie hier ihre Erfahrungen öffentlich machen und so Beispiele geben für ein »Leben danach«.



 
ca. 140 Seiten französische Broschur gebunden mit Schutzumschlag
€ 12,80 (D) / CHF 24,00
ISBN 978-3-88747-231-3
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Empfohlen von:

www.frauenrechte.de (Terre des Femmes Menschenrechte für die Frau e. V.)
www.frauen-gegen-gewalt.de (bff Bundesverband der Frauennotrufe)
www.lara-berlin.de (Krisen- und Beratungszentrum für vergewaltigte und sexuell blästigte Frauen)
 
 



Inhalt

Opfer einer Vergewaltigung zu werden, ist eine grausame Erfahrung. Häufig setzt sich der Alptraum aber noch fort in der Art und Weise, wie Polizei und Justiz darauf reagieren: Eine der porträtierten Frauen sagt: »Ich habe mich wie ein Täter gefühlt – nicht wie ein Opfer.«
Sigrid Simon hat sich über einen längeren Zeitraum mit vergewaltigten Frauen getroffen, hat sehr verschiedene Reaktionen deren familiärer oder persönlicher Umfelder miterlebt und aufgrund dieser Erlebnisse sensible und genaue Porträts geschrieben, die sowohl die tiefen Verletzungen und deren Folgen sichtbar machen wie die unterschiedlichen Wege, sich von dieser Gewalterfahrung zu befreien (ohne sie je zu vergessen) und ein neues, oft auch anderes Leben zu beginnen. Gleichzeitig bietet sie Informationen über u.a. psychologische Hintergründe, die Hartnäckigkeit von Vorurteilen und über Möglichkeiten, sich helfen zu lassen: von Rechtsanwältinnen, speziell ausgebildeten Polizistinnen und Opferorganisationen.
Dieses Buch ist das Ergebnis einer Recherche mit vergewaltigten Frauen für das ARD-Magazin »Kontraste« – die Reaktion auf diese Sendung im November 2007 war ungewöhnlich groß und fließt in dieses Buch ein.

 



Leseprobe

PORTRÄT TANIA
Sie war auf dem Nachhauseweg, an jenem Abend vor vier Jahren, ein kurzer Weg, sie hatte das Fahrrad genommen, als sie ihre Freunde besuchte. Sie verlangsamte das Tempo, um zu sehen, ob die Straßenbahn käme. Die beiden Männer kamen von hinten, griffen um ihren Oberkörper und um ihre Beine, trugen sie in einen Hinterhof, Tania versuchte, sich zu wehren, doch sie hielten ihr den Mund, auch die Nase und ihre Augen zu.
Schock und körperliche Schmerzen wie Schürfwunden, Unterleibs- und Hüftschmerzen wurden ärztlich dokumentiert, männliche Samen von zwei Männern festgestellt, Tania bekam in der Klinik die Pille danach. Im Gesicht hielt sich lange schmerzender Ausschlag. Die Fragen auf dem Landeskriminalamt prasselten auf sie nieder, ungeachtet ihres Schockzustandes. Die Befragung wird nur unterbrochen, wenn Tania so sehr weinen musste, dass sie nicht mehr sprechen kann. Ärgerlich vermerkt der Polizist Weinkrämpfe, die die Vernehmung dauernd störten. Tania weiß nicht, wie ihr geschieht, sie ist doch Opfer, nicht Täter.
Die Polizei nahm sich viel Zeit, Tanias Freunde zu befragen: Würden ihre Freunde ihre Beziehung zu der Frau als glücklich bezeichnen? Ob sie Beziehungsprobleme hätte? Ob sie vielleicht auf einer bestimmten Suche sei, in ihrem Privatleben? Wie ihr Lebenswandel sei? Wie sie ihren Tag verbringe? Ob sie denn in der letzten Zeit Probleme hatte? Ob sie schon mal vergewaltigt worden sei?
Polizisten und Polizistinnen, die für die Bearbeitung von Sexualdelikten speziell geschult sind, betonen, dass es keine Vorgabe gebe, die Opfer unter Druck zu setzen oder zu verunsichern, um Widersprüche herauszufinden. Was es gibt, ist die Vorgabe, objektiv zu ermitteln. Jeder in Deutschland hat ein Recht darauf.
Manchmal scheinen die Fingerabdrücke der Täter noch durch Tanias Haut, sie zeichnen sich rot ab. Nach Albträumen in der Nacht, so wie an diesem Novembertag, ist es, als ob sich das Blut noch einmal staut. Tania streicht dann über die Stellen, um die Zirkulation anzuregen.
Es ist, als ob man mehrere Leben in einem lebt. Wenn man zurückschaut, nach dem Ende des Albtraums, denkt man, man sieht nicht sich, sondern eine andere Person. Tania schaut in den Spiegel, auf ihrer Frisierkommode. Ihre Großmutter hatte sie ihr überlassen, als sie sich ihr Zimmer im Haus von Tanias Eltern neu einrichtete. Es sei gut, mit neuen Möbeln ein neues Leben zu beginnen, hatte ihre Großmutter gesagt.
Tania hat zurückgeschaut, bis sie nicht mehr wollte, bis alles ausgesprochen war.
Zunächst ein halbes Jahr stationäre Traumatherapie in einer Klinik für Psychosomatik. Dann klassische Gesprächstherapie. Sie hatte bei der Vergewaltigung das Gefühl, dass ihre Seele sich aus dem Geschehen ausklinke, um den Schrecken zu überleben. Ein Gefühl, dass sie mit vielen Gewaltopfern teilt. Tania hat es geschafft, in ihren Körper zurückzukehren, der verletzlicher ist als zuvor. Ihr sportlich geprägtes Körpergefühl mag dazu beigetragen haben, dass sie sich in ihrer Haut wieder wohl fühlt, trotz der Wundmale.
Tanias Wahrnehmung hat sich seit der Tat verändert. Sie glaubt Menschen besser lesen zu können, zu erkennen, wer echt, wer ehrlich ist und wer nicht. Sie bemüht sich, Grenzen zu setzen gegenüber Menschen, um sich zu schützen, lernt nein zu sagen, wenn sie erkennt, dass sie überfordert ist. Ihre eigenen Grenzen hatte sie vorher nicht so bewusst wahrgenommen.

 



Autorin/Autor

Sigrid SimonSigrid Simon
studierte in Dublin und Berlin. Seither arbeitet sie als Autorin im Fernsehen. Sie lebt in Berlin.

Foto: Verlag
 



Pressestimmen

Rezension Aviva-berlin.de, 11. 8. 2008

http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Buecher_Public%20Affairs.php?id=11676


Rezension aus Main-Echo, 29.3.2008




Hofer Anzeiger, 28. März 2008

Von Ralf Sziegoleit

Opfer als Täter

„Auf eine zur Anzeige gebrachte Vergewaltigung kommen zwanzig, die nicht angezeigt werden.“ Dies wird, als Ergebnis einer Feldanalyse, in dem Buch „vergewaltigt leben“ aus dem Berliner Transit Verlag (109 Seiten, 12,80 Euro) mitgeteilt. Nach der Lektüre wundert man sich über die geringe Zahl der Anzeigen nicht. Denn allzu oft wird versucht, die Opfer zu Tätern zu machen. Davon, unter anderem, berichtet das Buch, das auf einem ARD-Beitrag über die Behandlung von Vergewaltigungsopfern durch die Behörden basiert. Fall eins: Tania, bei der Vernehmung von Weinkrämpfen geschüttelt, wird vom Kommissar angefaucht, wenn sie die Wahrheit sage, passiere ihr nichts. Fall zwei: Die Polizistin, die die 14-jährige Lena vernimmt, geht davon aus, das Mädchen wolle mit der Anzeige ein „Partygirlabenteuer“ tarnen (ein paar Tage später unternimmt Lena einen Selbstmordversuch). Fall drei: Die 30-jährige Anna, eine „patente Ostfrau“, wird vom Kommissar aufgefordert, ihre Anzeige zurückzuziehen, und schließlich selbst angezeigt – wegen des Verdachts der Vortäuschung einer Vergewaltigung. Laut Buchautorin Sigrid Simon hat die Zahl solcher Gegenanzeigen in Berlin in einem Maß zugenommen, „dass Betroffene diese Gefahr einkalkulieren müssen“. Der Vorwurf einer Polizistin im Fall vier, der eine Julia betrifft, erscheint da fast schon normal: „Wissen Sie was, wir glauben Ihnen nicht. Sie wollten das doch. Sie haben den Kerl angebaggert, und jetzt zeigen Sie ihn an, um sich an ihm zu rächen.“ Zwar landet der Täter in diesem Fall vor Gericht. Das Urteil jedoch ist mild, und vom Vollzug der Haft bleibt der Vergewaltiger verschont. Von 100 angezeigten Fällen, heißt es in dem Buch, ende nur ein Viertel mit der Verurteilung des Täters. Rechnet man die Vielzahl der nicht angezeigten Fälle hinzu, dann wird Vergewaltigung zum Verbrechen, das im Normalfall keine Strafe nach sich zieht. Die Opfer aber, die „vergewaltigt leben“ müssen, haben lange daran zu tragen. Für sie, schreibt Sigrid Simon, ist „nichts mehr, wie es war“.