978-3-88747-229-0   Tim Staffel

JESÚS UND MUHAMMED
Eine Liebesgeschichte

Zwei junge Außenseiter, ein zufälliges Treffen auf Sylt, ein ganz selbstverständliches und deswegen provokantes Abenteuer zwischen Freiheit und Abhängigkeit ...

»Ein scharfsinniger Beobachter und origineller Konstrukteur.«
Die Welt

 
ca. 140 Seiten gebunden mit Schutzumschlag
€ 14,80 (D) / CHF 27,50
ISBN 978-3-88747-229-0
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Inhalt

Muhammed, ein ehrgeiziger, etwas unordentlicher Mitarbeiter des Sylter Ordnungsamts, und Jesús, von irgendwoher auf dieser Insel gestrandet, Überlebenskünstler voller provokanter Energie, entwickeln eine spannende, zarte und schließlich bedrohlich-turbulente Beziehung, aus der es nur den einen Ausweg geben kann … In lakonisch-nüchterner Prosa und in schnellen, präzisen Dialogen entfaltet Tim Staffel eine höchst ungewöhnliche und furiose Geschichte zweier junger Männer. Eingebettet ist sie in ein ebenso ungewöhnliches Umfeld: eine türkische Familie, fest verankert im mondänen Westerland; ein Lokal, in dem sich Jugendliche jedweder Herkunft treffen; ein erfolgreicher anatolischer Immobilienhändler, der mit einer deutschen Naturschützerin verheiratet ist; ein fürsorglicher Anarchist am Steuer einer Straßenkehrmaschine – ein zeitgemäßes Abenteuer, ganz selbstverständlich und temporeich erzählt.

 



Leseprobe

Muhammed quält sich aus dem Bett; er ist spät dran. Zieht sich seinen blauen, gefütterten Overall an, darüber die Daunenweste und rennt die Treppe sechs Stock-werke hinunter, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Der Himmel hängt tief und grau. Muhammed rollt seine orangefarbene Vespa vom Hinterhof auf die Straße, braucht vier Versuche, bis der Motor anspringt. Sein älterer Bruder Tufan hat ihm den Motorroller geschenkt. Damit Muhammed ihn häufiger besucht, obwohl sie höchstens zwanzig Minuten Fußweg voneinander entfernt wohnen. Bis heute hat Tufan nicht akzeptiert, dass Muhammed ausgezogen ist. Seit ihre Eltern in die anatolische Heimat nach Konya zurückgekehrt sind, fühlt Tufan sich als Familienoberhaupt und somit weit mehr verantwortlich für seinen kleinen Bruder, als ohnehin schon. Glaubt jeden seiner Schritte überwachen zu müssen. Aber Muhammed, gerade zwanzig geworden, hat ein eigenes Leben, arbeitet beim Ordnungsamt, macht das Abitur nach und träumt davon, Landschaftsarchitekt zu werden. Er braucht keinen zweiten Vater.Der Fahrtwind schneidet Muhammed eisig ins Gesicht. Er ist unterwegs zu einem Strandabschnitt zwischen Westerland und Rantum. Der Holzsteg, der zu einer Strandsauna führt, muss ausgebessert werden. Hinter einem Kiefernwäldchen biegt Muhammed auf einen Schotterweg ein, der zwischen langgestreckten Dünen ent-langführt. Vor ihm taucht in einiger Entfernung eine einsame Gestalt auf. Sitzt auf einer Holzbank, mit einer Plastiktüte über den Kopf gestülpt. Muhammed drosselt das Tempo, hält schließlich an, stellt den Motor aus und nimmt den Helm ab,
– Störe ich?
Die schmale, gesichtslose Person reagiert nicht. Muhammed setzt sich neben sie.
– Hau ab,
kommt es unter der Tüte hervor. Die Stimme klingt weich und dünn. Nicht älter als ich, denkt Muhammed und blickt ratlos auf den schmächtigen Körper neben ihm, der in einer weiten, abgewetzten, dunkelbraunen Cordhose und einer fellge-fütterten Jeansjacke steckt und zittert.
– Wie ist es so unter einer Tüte?
– Man braucht mehr Geduld als ich dachte.
Muhammed muss grinsen; seinen Humor scheint der Selbstmordkandidat noch nicht verloren zu haben, und Luft bekommt er auch noch genug.
– Warum gehst du nicht und lässt mich in Ruhe.
–Mache Frühstückspause.
Muhammed fühlt sich nicht wohl bei dem Gedanken, den Jungen allein zu lassen, hat keine Ahnung, was er tun soll. Er ist noch keinem mit einer Plastiktüte über dem Kopf begegnet, und eben der wird allmählich nervös, hat anscheinend keine Zuschauer eingeplant,
– Guck mich nicht an.
– Ich guck dich nicht an.
– Du guckst mich an.
– Nein. Du bist einfach da, wo ich gerade hingucke.
– Ich war aber zuerst hier,
enttäuscht zieht er sich die Tüte vom Kopf. Muhammed lächelt in ein blasses Jungs-gesicht, in blaugraue Augen, die ihm ausweichen.

 



Autorin/Autor

Tim StaffelTim Staffel,
1965 in Kassel geboren, lebt als Autor in Berlin. 1998 erschien sein erster Roman »Terrordrom«, der von Frank Castorf für die Berliner Volksbühne dramatisiert wurde. 2000 und 2002 folgen die Romane »Heimweh« und »Rauhfaser«. Neben Prosa schreibt Tim Staffel Hörspiele (»Viva Kaszanka!«,WDR 2008) Theaterstücke (»Next Level Parzival«, Ruhrtriennale 2007) und Libretti (»Träumer«, Staatsoper Stuttgart 2007).

Foto: (c) Jochen Jezussek

Pressefotos verfügbar unter:
http://www.ohlbaum.de/archiv/suche.php?Anfangsposition=0&keywords=Staffel%20Tim
 



Pressestimmen


NDR-Kultur, 27. Mai 2008

www.ndrkultur.de/feuilleton/buecher/nbjesusmuhammed2.html


Sylter-Spiegel, 19. März 2008

Tim Staffels Sylt-Erzählung der anderen Art

Und es gibt sie doch, die von dieser Insel inspirierten Bücher, in denen man vergebens nach den hinlänglich strapazierten Sylt-Klischees sucht.  Zumindest eines gibt es, und das ist soeben erschienen. Geschrieben hat es der Berliner Schriftsteller Tim Staffel, der schon in seiner Kindheit oft hier war und dann als Gast der Stiftung kunst:raum sylt-quelle die Insel wiederentdeckte.

Während eines vierwöchigen Arbeitsstipendiums in Rantum entstanden die Idee und der erste Entwurf zu einer Erzählung, die sich liest, wie eine Großstadtgeschichte, die in Westerland gestrandet ist  - und erstaunlich gut hierher passt.

Tim Staffel ist ein Beobachter, einer der sitzt, zuhört und gern dahin guckt, wo sonst niemand hinsieht. In den vier Wochen im April, als er zum Arbeiten hier war, wirkte die Insel sehr leer, sehr wenig touristisch auf ihn und noch ziemlich wintergrau. Was seine Phantasie anregte, waren nicht etwa die gern beschworenen in die Landschaft gekuschelten Reetdachhäuser, sondern die Westerländer „Hochhausquader“ aus den 70er Jahren mit ihrer „fast sozialistischen Bauweise“. Und ein Häuschen mitten in der Innenstadt, „das wie hingefallen aussieht“ (und ein sehr kleines, bei Syltern sehr beliebtes Restaurant beherbergt, Anm. d. Red.). In Tim Staffels Erzählung, die er am vergangenen Sonnabend auf der Leipziger Buchmesse vorstellte, ist daraus das Merhaba geworden, ein  Lokal, das sein türkischer Besitzer Tufan gleichzeitig als sein privates Wohnzimmer und einen Hort der Sicherheit betrachtet. Wenn es nach ihm ginge, würde auch Muhammed sich überwiegend hier aufhalten, aber der 20-Jährige entzieht sich den Argusaugen und dem patriarchalen Klammergriff seines älteren Bruders gerne mal. Vor allem, als er Jesùs kennenlernt und der Junge mit der unklaren Biografie und den selbstzerstörerischen Neigungen sich wie selbstverständlich in Muhammeds kleiner Wohnung einnistet.

Was sich dann entwickelt, ist eine Liebesgeschichte, die kein gutes Ende nehmen kann. Der unkomplizierte, offene Muhammed, der auf seine Art nicht weniger fürsorglich ist als sein großer Bruder, nimmt den kaputten Streuner, der ihm Angst macht und ihn gleichzeitig fasziniert unter seine Fittiche. Dabei gerät nach und nach aber nur sein eigenes Leben aus den Fugen, denn retten kann er Jesús natürlich nicht ...

Temporeich, schnörkellos und sehr plausibel erzählt Tim Staffel in „Jesús und Muhammed“ eine Geschichte, die den Leser schnell in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Eigentlich ist es eine alte Geschichte, die mit heterosexuellen Protagonisten und vor einer echten Großstadtkulisse wahrscheinlich nicht halb so interessant wäre. So aber weckt der Autor spielerisch falsche Erwartungen (das fängt beim Buchtitel und dem Schauplatz an), um dann ganz selbstverständlich aus neuen Zutaten seine eigene, ganz originelle Variation eines bekannten Themas zu komponieren. 

Ausgeschöpft ist Sylt als Inspirationsquelle für Tim Staffel mit diesem Buch auf keinen Fall. Dazu findet er die Insel viel zu vielseitig. Er könnte sich gut vorstellen, hier immer wieder neue Geschichten zu finden. Dazu müsste er allerdings noch einmal für längere Zeit kommen. Erst einmal ist jedoch ein  kürzerer Abstecher auf die Insel geplant - am 28. Juni um 20 Uhr wird Tim Staffel in der Sylt-Quelle aus seinem Buch lesen.

Barbara Kunze

Rezension im PDF-Format:
„Nächste Staffel“