Unsere Architekten  

Unsere Architekten

Eine literarische Klagemauer

Herausgegeben von
Rainer Nitsche
und Rachelina Trappatoni


Eine Sammlung feinster Verrisse aus vielen Jahrhunderten


Erscheinen unbestimmt
 
112 Seiten, gebunden
€ 14,80 (D) / CHF 25,80
ISBN 978-3-88747-227-6

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Inhalt: Unsere Architekten

Kaum ein Beruf ist öffentlicher Kritik so vehement ausgesetzt wie der des Architekten – vergleichbar nur noch mit dem des Fußballers, der sich Woche für Woche Millionen von Experten stellen muß. Jeder weiß, wie ein Haus auszusehen hat und damit auch, wie ein Haus nicht auszusehen hat. Man ergeht sich gern über Fassaden, Treppen, auch über die Frage, ob alles gerade oder vielleicht absichtlich schief gebaut ist und darüber, wie arm die Teufel sein müssen, die in solch einem Neubau wohnen. Wie in Fußballarenen wird laut gepfiffen, wenn schlechtes Spiel beleidigt. Im Unterschied zu den Fußballern ist die Architektin/der Architekt aber immer sehr geschmackvoll angezogen; die schwarze, kühle Kleidung signalisiert Distinktion gegenüber der trivialen Buntheit des Alltags. Architekten sind erkennbar Individualisten, gebeutelt von strengen Prinzipien und deshalb gewöhnlich fundamental. Erst recht dann, wenn es um die Verteidigung der eigenen Projekte bzw. die vernichtende Kritik an Entwürfen anderer geht. Architekten-Beruf wie -Kodex haben immer wieder Vertreter einer anderen Zunft, der Literatur, auf den Plan gerufen. Nicht, daß sie mehr von der Architektur verstünden als andere (Sachverstand ist radikaler Kritik eher hinderlich), ihre Wehklagen oder Zornausbrüche über architektonische Unfälle oder Verbrechen sind aber gekonnter formuliert und deswegen unterhaltsamer – unterhaltsamer übrigens auch für Architekten, die so ihre Affinität zur Literatur selbstironisch unter Beweis stellen.

 



Probe

Wie verlegen der Architekt auch äußerlich erschien – denn er machte in seiner ganz schwarzen knappen modernen Zivilgestalt einen wunderlichen Kontrast –, so faßte er sich doch gleich innerlich, allein umso wunderlicher war es anzusehen. Mit dem größten Ernst stellte er sich vor die große Tafel, die von ein paar Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit ein Grabmal …

Goethe, Wahlverwandtschaften 1809


Mittags mit Goethe. Er sah einige architektonische Hefte durch und meinte, es gehöre einiger Übermut dazu, Paläste zu bauen, indem man nie sicher sei, wie lange ein Stein auf dem andern bleiben würde. »Wer in Zelten leben kann,«, sagte er, »steht sich am besten. Oder wie gewisse Engländer tun, die von einer Stadt und einem Wirtshaus ins andere ziehen und überall eine hübsche Tafel gedeckt finden.«

Gespräch mit Eckermann, 6. März 1831


Zwischen der Universität und dem Zeughaus steht ein Wachlokal, das nach dem Muster eines römischen Kastells erbaut ist, mit einer Vorhalle von dorischen Säulen. Es ist das Werk des Berliner Repräsentanten jener anspruchsvollen neugriechischen Kunst, des Herrn Schinkel, welcher Pferdeställe im Tempelstil baut. Nächst diesem sonderbaren Wachgebäude kommt das mit kriegerischen Verzierungen überladene Zeughaus und ihm gegenüber das Palais des Kronprinzen, das einer italienischen Villa ähnlich ist. Ein Kalkanwurf deckt überall den Ziegelbau. So sieht die Straße aus, welche den Ruhm und Stolz Berlins ausmacht. Die Passanten harmonieren mit dem trüben und graulichen Anblick dieser im Kasernenstil erbauten Häuser.

Victor Tissot über Berlin, 1875


Durch Ödnis. Die Unbehaglichkeit einer Neubausiedlung. Neu geschaffen, doch nicht geboren. Die ganze Unbehaglichkeit munizipaler Vorsätzlichkeit. Da war eine Ebene, man entschied – Häuser angetreten. Und sie traten an, wie Soldaten. Gleichförmige Häuser, bezugsfähig-unwohnlich. Bauten, nicht Häuser. Hier kann man hinfahren, und von hier kann man – muß man! – wegfahren, hier wohnen unmöglich.

Marina Zwetajewa, 1922


Denn das ist das Reizvolle, das Unerfindliche, das Einmalige an dieser Stadt, daß die nächste Generation es immer wieder verstanden hat, wirklich weiterzubauen, nicht einfach niederzureißen und sich an die Stelle des Alten zu setzen, sondern das Vorhandene zu benützen. (Es gibt böse Kleckse im Stadtbild: so ist zum Beispiel die entzückende Place Dauphine auf der Ile de la Cité durch eine geradezu wilhelminische Treppenscheußlichkeit des Palais de Justice so ruiniert, daß man das Plätzchen, das da so still inmitten des Autogebrauses liegt, nur mit dem Rücken zu dieser Herrlichkeit genießen kann.)

Kurt Tucholsky über Paris, 1924

Kleiner Gauner.

Michelangelo Buonarroti über den Architekten Nanni di Baccio Bigio



Michelangelo versteht nichts von Architektur; er macht nur verrückte Sachen und kindliches Zeugs.

Nanni di Baccio Bigio über den Architekten Buonarroti Michelangelo



Architekten, alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppen im Haus.

Gustave Flaubert



Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kunden nur raten, Efeu zu pflanzen.

George Sand



 



Autorin/Autor

Die Herausgeber sind nicht im Bauwesen tätig; sie wissen aber, worauf es ankommt.