Berliner Lektionen  
Berliner Lektionen

Eine politisch-kulturelle Chronik der Gegenwart

Herausgegeben von
Manfred Lahnstein und Joachim Sartorius für die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Brucerius und die Berliner Festspiele


Menschen, die das Gesich ihrer Zeit geprägt haben, reden über das eigene Leben, über Geschichte, Politik und Gegenwart – spannende, oft brillante Reflexionen

 
112 Seiten, gebunden
€ 16,80 (D) / CHF 32,-
ISBN 978-3-88747-226-9

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Inhalt: Berliner Lektionen

Seit zwanzig Jahren bewegt ein Termin die Gemüter der Stadt – die Berliner Lektionen, die Sonntagsmatineen im Berliner Renaissance-Theater. Schriftsteller, Philosophen, Künstler aller Sparten, Wissenschaftler, Menschen, die das Gesicht ihrer Zeit geprägt haben, treten auf die Bühne und sprechen. Ihre Reden und Dialoge sind spannende, oft brillante Reflexionen über das eigene Leben, über die Geschichte, die Politik und die Gegenwart. Die Liste der Redner ist lang und prominent Sie alle eint – in aller Unterschiedlichkeit ihrer Beiträge – eine unterschwellige Frage: in welchem Bezug steht das Individuum zur Welt, zur Zeit, zu seiner Gegenwart? Was sind das Wort und der Gedanke wert in einer Welt, die sich rapide verändert? Wie kommt der Gedanke in die Welt? Jede einzelne Rede ist ein Plädoyer für die Kraft des Denkens, für die Bedeutung und den Wert individueller Lebenserfahrung. Die Reflexionen darauf haben diese Reihe zu einer vitalen Chronik des politischen und kulturellen Wandels gemacht. Diese Auswahl der besten Lektionen seit 2000 spiegelt die Auseinandersetzung großer Persönlichkeiten mit unserer Gegenwart. Die stillen Revolutionen in der Wissenschaft (Wolf Singer, Christine Nüsslein-Vollhard), die Wieder-Erinnerung an den alten Glanz von Berlin (Helmut Newton), die Bedeutung politischer Arbeit in einer globalisierten Welt (Hebe de Bonafini), die Deformation journalistischer Arbeit in der Mediendemokratie (Roger de Weck) oder einfach das Herausarbeiten persönlicher Lebenserinnerungen – dies sind die Themen, die Polemik, die Vision oder die beeindruckende Rhetorik die Formen.

 



Probe

Henning Mankell »Mit einem Fuß im Schnee, mit dem andern im Sand«

Henning Mankell, geboren 1948, gilt als bekanntester schwedischer Schriftsteller seit August Strindberg. Mit fünfzehn Jahren verließ er die Schule und arbeitete ab 1965 als Regieassistent am Theater. Ab den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts avancierte Mankell zum Bestsellerautor – seine später verfilmten Kriminalromane mit der Hauptfigur Kommissar Wallander machten ihn international bekannt. Nach einer ersten Afrikareise 1972 widmete er dem Kontinent mehrere Romane, darunter »Der Chronist der Winde«, »Die rote Antilope«, »Tea-Bag« und »Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt«. Seit 1986 leitet Mankell das Teatro Avenida in Maputo, Mosambique.


Ich möchte Ihnen zum Schluß eine Geschichte erzählen, sie ist traurig, aber stark. Während der achtziger Jahre tobte in Mozambique ein fürchterlicher Bürgerkrieg, vielleicht der schlimmste Bürgerkrieg des gesamten Jahrhunderts. Ich besuchte den Norden Mozambiques, die sogenannte Provinz Cap Delgado. Ich wanderte einen Pfad entlang, plötzlich kam mir ein junger Mann entgegen. Er war sehr mager, seine Kleider schmutzig und abgerissen. Doch auf einmal sah ich seine Füße und bemerkte etwas, das unvergeßlich war. Er hatte gemalte Schuhe an seinen Füßen! Er hatte versucht, seine Würde zu bewahren, indem er Farben benutzte, die der Erde entstammten, um die Schuhe an seine Füße zu malen, die er real nicht besaß. (...) Er lehrte mich etwas sehr Wichtiges. Wie schlimm es um dich auch immer stehen mag, mit Hilfe deiner Phantasie und den Farben der Erde kann es möglich sein, deine Würde zu bewahren. Er lehrte mich auch, daß es mit uns allen so weit kommen kann, daß wir fähig sein müssen, uns mit Erdfarben Schuhe an die Füße zu malen, um unsere Würde zu bewahren.
Henning Mankell



Roger de Weck »Unsere Infotainment-Gesellschaft – Ein selbstkritischer Blick auf die Medien«

Roger de Weck ist ein Wanderer zwischen den Zeitungswelten Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz. 1953 in Fribourg geboren, studierte er Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Über redaktionelle und Korrespondentenaufgaben in der Schweiz und Paris kam er 1989 zur ZEIT, wo er das Wirtschaftsressort leitete. Zwischen 1997 und 2001 war er Chefredakteur und führte wesentliche Änderungen in die Wochenzeitung ein. Schließlich trennte er sich nach Konflikten in wesentlichen Punkten der Arbeit vom Holtzbrinck-Verlag und arbeitet seither als freischaffender Journalist.


Zu stark ist der Spar-, Verkaufs- und Quotendruck, als daß viele Journalisten immerzu seriös arbeiten könnten. Die Regel lautet dann: es gibt nicht das Wichtige, sondern das, was zieht. Das ist an sich keine neue Regel. Die Boulevard-Presse funktioniert seit jeher danach. Aber massive Einbrüche des Boulevards beobachten wir auch bei einzelnen seriösen Medien. Und so richtet sich das Medienangebot längst nicht mehr an eigenständige Bürgerinnern und Bürger, sondern an übersättigte Medienkonsumenten, wie das Wort neuerdings heißt. Dabei sind doch die Bürgertugenden etwas anderes, als die Konsumentenwünsche. Massenmedien, die vom Wesentlichen ablenken, tragen zu dieser Entwicklung bei. Sie lenken vom Wesentlichen ab, das doch einmal darin bestand, zu der Verantwortung hinzuführen, auf die jedes Gemeinwesen angewiesen ist. Ablenkung, Wucherung von Bildern, Attraktionen, Schlagzeilen.Wuchert aber die Mediendemokratie, wird die Politik noch kurzatmiger, als sie ohnehin bei vier- oder fünfjährigen Legislaturperioden schon ist. Reflexe statt Reflexionen. Wie sehr die Demokratie leidet, wenn das Mediensystem das Wesentliche ausblendet, haben sowohl das Versagen der amerikanischen Medien vor dem Irak-Krieg, als auch der zurückliegende Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zur Genüge verdeutlicht.

Roger de Weck


 



Autorin/Autor

Mit Beiträgen von

Imre Kertész
Amartya K. Sen
Christine Nüsslein-Vollhard
Herbert Grönemeyer
Helmut Newton
Harry Belafonte
Wolf Singer
Madeleine Albright
Bernard Lewis
István Szabó
Frank Stella
Roger de Weck
Gerhard Casper
Hebe de Bonafini
Henning Mankell
Michael Ballhaus
und Tom Tykwer