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Probe
Eröffnungsbericht
Im Oktober des Jahres 1949 wurde in der Frauenhaftanstalt Hoheneck/Stollberg der wegen Boykotthetze zu zweimal fünfundzwanzig Jahren verurteilten Martha F. ein Sohn geboren, den sie, ohne ihren Mann danach gefragt zu haben, Hinrich nannte. Der Gefängnispfarrer taufte den Knaben der Wöchnerin wenige Tage später also auf diesen Namen, wobei er auch für die mitgefangenen Frauen, Haus A, Zellenflur II, eine Freistunde erwirkte. Als Hinrichs Vater, ein gestandener Bäckermeister aus An-klam, der zur selben Zeit in Brandenburg einsaß, seinen Sohn das erste Mal zu se-hen bekam, war dieser bereits vier Jahre, einen Monat und drei Wochen alt. Das war im Dezember 1953, in einer der letzten Wochen jener denkwürdigen Amnestie, die nur zu Teilen eine solche war.
Nach der Wiedereröffnung ihres alten Geschäftes glaubten die Eheleute, daß sie fortan mit Hinrich in der Zurückgezogenheit ihrer Mecklenburger Kreisstadt in Ruhe und Frieden leben könnten, auch wenn ihnen als private Unternehmer vom Magistrat untersagt wurde, einen Gesellen oder einen Lehrling einzustellen. Schrippen und Brot brauchte jedermann, da mußte nicht viel geredet werden. Die Einheitspreise waren festgelegt und hingen im Laden auf Tafeln aus. Als Hinrich zwölf Jahre zählte, ging er, obgleich noch recht schwächlich, nach der Schule mit dem Vater Mehl holen. Auch im Winter bei klirrender Kälte fuhren sie mit dem Handwagen die drei Sack Mehl durch den Schnee. Seitdem der genossenschaftliche Kraftverkehr im Herbst '61 den Selbständigen das Mehl nicht mehr lieferte, überlegte Hinrichs Vater und mit ihm die sieben anderen privaten Bäcker der Stadt und der angrenzenden Dörfer , ob es nicht lohne, alles Geld zusammenzulegen und einen eigenen LKW zu kaufen, mit dem sie dann unabhängig wären gegenüber Hinz und Kunz. Als sie aber begannen, ihren Plan untereinander zu bereden, fand sich keiner, der den Wagen hätte fahren können. Im darauffolgenden Sommer lieferten die staatlichen Obstgenossenschaften, ohne einen Grund zu nennen, keine Kirschen, keine Äpfel und keine Pflaumen. Im Herbst schließlich sperrte die Bäckerinnung den Privaten Kakao, Rosinen, Mandeln, Marzipan und Marmelade. Devisenmangel, hieß es. Staatshandel geht vor Privathandel. Die Alten aus der Stadt zahlten sodann mit eingeweckten Erdbeeren und Pflaumenmusgläsern, mit Sultaninen und entöltem Kakaopulver aus Westpaketen oder aber mit dem Obst ihrer Gärten. Die jungen Familien kauften nur noch selten bei den Selbständigen. Die Auswahl war schmal das Angebot nicht konstant. Vergeblich drängte der Magistrat Hinrichs Vater, das Geschäft zu verkaufen, mindestens aber die Bäckerei der Genossenschaft anzugliedern.
Hinrich, der längst ohne Begleitung mit dem Leiterwagen Mehl holte, trug in jenen Jahren Abend für Abend die Kuchenbleche oder die Stollen aus, die sein Vater tagsüber ausgebacken hatte, während Hinrichs Mutter im Laden bediente oder die Backstube wienerte. Nach der achten Klasse verließ Hinrich die Schule, obgleich er in Mathematik und Deutsch Klassenzweiter war. Er ging seinem Vater bis zu jenem Tag zur Hand, da die Bäckerei von einem Inspektor der städtischen Aufsichtsbehörde wegen gravierender technischer Mängel am Backofen geschlossen wurde. Am Abend des selben Tages erhängte sich Hinrichs Vater auf dem Wäscheboden an seinem Gürtel. Die Frau starb sechs Wochen später.
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