Nachtstaub und Klopfzeichen   Karsten Dümmel

Nachtstaub und Klopfzeichen
oder die Akte Robert

Roman

Die anrührende Geschichte zweier Menschen, deren Liebe an einem Leben scheitert, das nicht Glück, sondern Kontrolle fordert.

 
140 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 16,80 (D) / CHF 29,00
ISBN 978-3-88747-224-5

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Lesungen 2010 – Dr. Karsten Dümmel

29.09.2010
Gedenkstätte Mahnmal Sankt Nikolai
Willy-Brandt Str. 60
20457 Hamburg

01.10.2010
16:00 Uhr
Altes Kaufhaus Rübezahl
Bahnhofstr. 9
49584 Fürstenau

02.10.2010
15:00 Uhr
Generalkonsulat Frankreich
Heimhuder Str. 55
20148 Hamburg

03.10.2010
11:00 Uhr
Marstall Winsen
Schlossplatz 1
21423 Winsen (Luhe)

03.10.2010
19:00 Uhr
Johanneskappelle
Dorfstraße
21365 Adendorf

13.10.2010
10:00 Uhr
Hotel Reichshof Maritim
Kirchenallee 34-36
20099 Hamburg

21.10.2010
19:00 Uhr
Residenz des
Generalkonsulat Polens
Maria-Louisen-Straße 137
Hamburg (Winterhude)

25.10.2010
19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Haus
Puschkinstr. 12
19055 Schwerin

25.11.2010
20:00 Uhr
Hotel Fürstenhof, Blauer Salon
Hannoversche Str. 55/56
29221 Celle


 



Inhalt: Nachtstaub und Klopfzeichen
oder die Akte Robert


Im Zentrum des Romans steht die Geschichte von Robert und Maria in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren der DDR. Die Suche eines jungen Paares nach eigenem Glück: Ein Weg zwischen Fluchtplänen, Rückzug ins Private und Schicksalsergebenheit. Daß das Paar sein idyllisches Ziel nicht finden kann, ahnt der Leser nach und nach. Aus verschiedenen Perspektiven werden Episoden aus dem Leben der beiden Liebenden lebendig. Tochter, Freunde, Bekannte und Verwandte kommen dabei zu Wort – so entsteht das Mosaik eines persönlichen und beruflichen Scheiterns: Robert, der als Wissenschaftler alle Zelte hinter sich abgebrochen und sich seinem verordneten Beruf als Gebäudereiniger ergeben hat; Maria, die lebenslustige Frau, die ihr Glück nur noch im Privatem, im Kreis der Freunde und in ihrer Liebe zu Robert zu suchen scheint. Doch alles nimmt eine überraschende Wendung …

Die Brüche und Sprünge in den Beobachtungen, deren detaillierte Genauigkeit und manchmal infame Lakonie faszinieren den Leser und erinnern an eine Akte, die nach bewährtem Muster die private Existenz zweier Menschen festhält und dabei rätselhafte Aspekte preisgibt, die ein ganz anderes, gar nicht mehr privates Geflecht aufscheinen lassen ...


 



Probe

Eröffnungsbericht

Im Oktober des Jahres 1949 wurde in der Frauenhaftanstalt Hoheneck/Stollberg der wegen Boykotthetze zu zweimal fünfundzwanzig Jahren verurteilten Martha F. ein Sohn geboren, den sie, ohne ihren Mann danach gefragt zu haben, Hinrich nannte. Der Gefängnispfarrer taufte den Knaben der Wöchnerin wenige Tage später also auf diesen Namen, wobei er auch für die mitgefangenen Frauen, Haus A, Zellenflur II, eine Freistunde erwirkte. Als Hinrichs Vater, ein gestandener Bäckermeister aus An-klam, der zur selben Zeit in Brandenburg einsaß, seinen Sohn das erste Mal zu se-hen bekam, war dieser bereits vier Jahre, einen Monat und drei Wochen alt. Das war im Dezember 1953, in einer der letzten Wochen jener denkwürdigen Amnestie, die nur zu Teilen eine solche war.

Nach der Wiedereröffnung ihres alten Geschäftes glaubten die Eheleute, daß sie fortan mit Hinrich in der Zurückgezogenheit ihrer Mecklenburger Kreisstadt in Ruhe und Frieden leben könnten, auch wenn ihnen als private Unternehmer vom Magistrat untersagt wurde, einen Gesellen oder einen Lehrling einzustellen. Schrippen und Brot brauchte jedermann, da mußte nicht viel geredet werden. Die Einheitspreise waren festgelegt und hingen im Laden auf Tafeln aus. Als Hinrich zwölf Jahre zählte, ging er, obgleich noch recht schwächlich, nach der Schule mit dem Vater Mehl holen. Auch im Winter bei klirrender Kälte fuhren sie mit dem Handwagen die drei Sack Mehl durch den Schnee. Seitdem der genossenschaftliche Kraftverkehr im Herbst '61 den Selbständigen das Mehl nicht mehr lieferte, überlegte Hinrichs Vater – und mit ihm die sieben anderen privaten Bäcker der Stadt und der angrenzenden Dörfer –, ob es nicht lohne, alles Geld zusammenzulegen und einen eigenen LKW zu kaufen, mit dem sie dann unabhängig wären gegenüber Hinz und Kunz. Als sie aber begannen, ihren Plan untereinander zu bereden, fand sich keiner, der den Wagen hätte fahren können. Im darauffolgenden Sommer lieferten die staatlichen Obstgenossenschaften, ohne einen Grund zu nennen, keine Kirschen, keine Äpfel und keine Pflaumen. Im Herbst schließlich sperrte die Bäckerinnung den Privaten Kakao, Rosinen, Mandeln, Marzipan und Marmelade. Devisenmangel, hieß es. Staatshandel geht vor Privathandel. Die Alten aus der Stadt zahlten sodann mit eingeweckten Erdbeeren und Pflaumenmusgläsern, mit Sultaninen und entöltem Kakaopulver aus Westpaketen oder aber mit dem Obst ihrer Gärten. Die jungen Familien kauften nur noch selten bei den Selbständigen. Die Auswahl war schmal – das Angebot nicht konstant. Vergeblich drängte der Magistrat Hinrichs Vater, das Geschäft zu verkaufen, mindestens aber die Bäckerei der Genossenschaft anzugliedern.

Hinrich, der längst ohne Begleitung mit dem Leiterwagen Mehl holte, trug in jenen Jahren Abend für Abend die Kuchenbleche oder die Stollen aus, die sein Vater tagsüber ausgebacken hatte, während Hinrichs Mutter im Laden bediente oder die Backstube wienerte. Nach der achten Klasse verließ Hinrich die Schule, obgleich er in Mathematik und Deutsch Klassenzweiter war. Er ging seinem Vater bis zu jenem Tag zur Hand, da die Bäckerei von einem Inspektor der städtischen Aufsichtsbehörde wegen gravierender technischer Mängel am Backofen geschlossen wurde. Am Abend des selben Tages erhängte sich Hinrichs Vater auf dem Wäscheboden an seinem Gürtel. Die Frau starb sechs Wochen später.



 



Autorin/Autor

  Karsten Dümmel,
geboren 1960, nach dem Rhetorik- und Germanistik-Studium längerer Arbeitsaufenthalt in Polen und den USA. Promotion in Rhetorik. Der Autor lebt und arbeitet heute abwechselnd in Frankreich und in Senegal/Westafrika. Zahlreiche literarische und politische Veröffentlichungen. Dieses Buch ist sein erster Roman.