Regie Egon Monk   Regie Egon Monk
Von Puntila zu den Bertinis

Erinnerungen

»Monk soll es machen!«
(Bertolt Brecht)

 
220 Seiten, gebunden, 40 Fotos
€ 18,80 (D) / CHF 32,00
ISBN 978-3-88747-222-1

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Inhalt: Regie Egon Monk

Egon Monk war eine Karriere als Theater- und Filmregisseur bestimmt nicht an der Wiege gesungen worden. Daß er, der als junger Mann nur durch Kantinen und kleine Bühnen getingelt war, zum Berliner Ensemble stieß, war ein kleines Wunder. Daß er dort nach kurzer Zeit zum engsten Mitarbeiter Brechts wurde, mit 25 Jahren bei wichtigen Aufführungen Regieaufgaben übernahm (Puntila, Herrnburger Bericht, Die Gewehre der Frau Carrar, Urfaust), deutete auf eine große Begabung und Zukunft im BE hin. Daß ausgerechnet Monk, der Arbeitersohn, den zunehmenden Druck der »Partei der Arbeiterklasse« und der Kulturfunktionäre auf das Berliner Ensemble und auf seine eigene Arbeit nicht mehr ertragen wollte und deswegen, im April 1953, das BE und die DDR verließ, gehört zu den dialektischen Listen der Geschichte. Nach einigen Jahren als Hörspielregisseur und einer Regie bei den Berliner »Stachelschweinen« baute Egon Monk ab 1960 die Fernsehspielabteilung im Norddeutschen Rundfunk auf, eine ungewöhnliche Herausforderung im damals noch jungen deutschen Fernsehen. Seine eigenen Filme setzten Maßstäbe und waren riesige Erfolge, so »Das Leben des Galilei« (nach Brecht), »Die Gewehre der Frau Carrar« (nach Brecht, mit Hanne Hiob), »Bauern, Bonzen und Bomben« (nach Fallada), »Die Geschwister Oppermann« (nach Feuchtwanger) und »Die Bertinis« (nach Ralph Giordano). Der Name Monk stand und steht für eine künstlerisch und politisch einzigartige Leistung; er gilt als der Pionier anspruchsvoller, im Brecht’schen Sinn »lukullischer« Fernsehspiele – und, auch das wieder ein Schachzug der Geschichte: er, der das BE so bald verließ, war von allen Brecht-Schülern der einflußreichste, indem er dessen Ideen über die Funktion des Theaters frei und gekonnt in das neue Medium Fernsehen übersetzte.

 



Probe

»Rückfahrt nach Berlin«

Ferien mit Helene Weigel, Bertolt Brecht und Bekannten in Ahrenshoop, 1950

Mit Therese Giehse bei der Inszenierung »Biberpelz und roter Hahn«,Berlin, 1951

Mit Marianne Kehlau und Horst Tappert bei der Inszenierung des Fernsehspiels »Industrielandschaft mit Einzelhändler«, 1969

Die Fahrt war ziemlich lang, es waren mehrere Stunden, und ich merkte, was mir vorher noch nicht aufgefallen war, daß Brecht schüchtern war. Private Gespräche fielen ihm schwer. Sich also über Angenehmes zu unterhalten, wie geht’s, wie steht’s, was denken Sie denn so, was machen Sie denn so, was haben Sie denn so vor, wie fanden Sie Ahrenshoop, war’s angenehm im Meer, schwimmen Sie gerne –, das gab’s alles nicht. Er brachte es nicht über sich, das zu fragen. Und weil ich auch schüchtern war, und zwar sehr, nicht nur Brecht gegenüber, mit dem ich so plötzlich auf kleinstem Raum zusammensaß für viele Stunden, schwiegen wir uns also längere Strecken über gründlich aus und an. Anders war es, wenn etwas erzählt werden mußte über das, was in München auf uns wartete. Das war ja Arbeit und da ging das genauso gut, wie es auch im Theater in Berlin gegangen war und auch künftig wieder gehen würde, da hatte man was zu bedenken, da gab’s eine konkrete Frage, die konkret beantwortet werden konnte und eine Gegenfrage provozierte. Auch Gesellschaftliches wurde besprochen. In München sei das anders als bei uns in der Schumannstraße oder in der Luisenstraße. Was denn anders, Brecht, fragte ich. Naja, in München muß man sich anziehen, da gibt’s gesellschaftliche Vorschriften. Haben Sie denn einen Anzug? Ich sagte, nee, einen Anzug habe ich nicht. Ich hab die Jacke und die Hose, und die hatte ich auch an, und das war meine Bekleidung. Ohne dunklen Anzug können Sie nicht nach München, sagte er, er werde sich melden in Berlin, er habe noch einen dunklen Anzug von früher. Selten getragen, aber der müsse noch irgendwo sein. Es hörte sich so an, als sei es einer, der mit zurückgekehrt wäre nach Deutschland und entweder aus Amerika stammte oder aus Schweden oder sonstwoher. Und diesen Anzug gab’s wirklich, er stammte aus Zeiten, als Brecht noch ein sehr schlanker und sehr viel jüngerer Mann gewesen war. Ich war damals sehr dünn, was das anging, das wäre also schon gegangen, aber ich war zehn oder fünfzehn Zentimeter größer als Brecht, das paßte also nicht. Ich steckte in Röhrenhosen, die fünf Zentimeter überm Knöchel aufhörten, und in einer Jacke, aus denen meine Arme wie affenartig hervorragten – ein bißchen sah ich aus wie ein fehlgeschlagener Versuch, Karl Valentin parodieren zu wollen. Der Plan wurde also aufgegeben.

Das zweite Thema, das eine Rolle spielte während unserer Fahrt, war natürlich das, was Brecht die ganze Zeit über tat, nämlich das Autofahren. Und unvermittelt schlug er mir vor, nach längerem Schweigen, ich müsse Auto fahren lernen. Als Zeitgenosse, als Mensch, als Bewohner des zwanzigsten Jahrhunderts sei es für einen jungen Mann ganz und gar unmöglich, nicht Auto fahren zu können. Meine Einwände, Brecht, aber wozu soll ich Auto fahren lernen, da die Aussichten darauf, je ein Auto fahren zu können, mehr als gering seien, seines schon gar nicht, denn er fuhr doch so gerne selber, und wer würde mir denn schon ein Auto zur Verfügung stellen, mit dem ich fahren könnte, die seien ja doch relativ selten und teuer, ließ er nicht gelten, kam immer wieder darauf zurück, bestand darauf, daß ich mir notierte, es gäbe eine vorzügliche Fahrschule, da habe er schon mehrere hingeschickt und die hätten ihm das Beste berichtet, mit dem Namen Himmel in der Greifswalder Straße. Und er sagte mir auch die Hausnummer und ich solle ihn nach der Telefonnummer fragen in Berlin, da müsse ich anrufen und mich anmelden. Es ist dann daraus nichts geworden, ich hab mir das notiert und ich war auch mal in der Greifswalder Straße, aber der, den ich fragte, lachte nur einmal kurz, ich weiß nicht, ob’s Herr Himmel persönlich war, ich war nämlich ungefähr die Nummer 287 auf seiner Warteliste.


 



Autorin/Autor

Egon Monk
wurde 1927 im Berliner Wedding geboren, nach einer kurzen Zeit als Flakhelfer ging er 1945 auf die neugegründete Schauspielschule der DEFA und kam nach einiger Zeit zum Berliner Ensemble. Von 1953 bis 1959 in Berlin und Hamburg Hörspielarbeit, von 1960 bis 1968 Leiter der Fernsehspielabteilung im NDR. 1968 Intendant des Hamburger Schauspielhauses, ab 1969 freier Autor und Regisseur (Fernsehen, Theater und Oper). Er lebt in Hamburg.