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»O CHICAGO! O WIDERSPRUCH!«
Hundert Gedichte auf Brecht
Herausgegeben von Karen Leeder und Erdmut Wizisla
ZUM 50. TODESTAG IM JAHR 2006:
Ein vielstimmiges Portrait Brechts und gleichzeitig eine abwechslungsreiche Reise durch die Lyrik, die Literatur und Politik des letzten Jahrhunderts.
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: Leseprobe : Autorin/Autor : Pressestimmen
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160 Seiten, gebunden, fadengeheftet, schöne Ausstattung € 17,80(D)/CHF 31,60 ISBN 3-88747-211-X
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Inhalt: Hundert Gedichte auf Brecht
Kein Autor des 20. Jahrhunderts hat so polarisiert, so provoziert, so fasziniert als Schriftsteller und auch als Mensch wie Bertolt Brecht. Seine größte Wirkung hatte er als Stückeschreiber und Theatermacher, seine größte künstlerische Bedeutung aber als Lyriker. Sein lakonischer, unsentimentaler Stil, die rhetorischen und politischen Zuspitzungen, die überraschenden Pointen, die neuen lyrischen Formen, die er erfand und die ihn unverwechselbar machten, ließen ihn zum Vorbild vieler Generationen werden. Diese gewaltige Resonanz auf die Person und das Werk Brechts erklärt auch, warum sich so viele bedeutende zeitgenössische, aber auch jüngere Autoren mit ihm beschäftigt, über ihn oder auf ihn geschrieben haben und dies vor allem in Form von Gedichten.
Die beiden Herausgeber, Kenner des Werks von Brecht ebenso wie der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, haben eine Auswahl getroffen von W.H. Auden bis zu Seamus Heaney, von Paul Celan zu Kurt Tucholsky, von Robert Gernhardt bis zu Heiner Müller, Volker Braun oder Hans Sahl , die gleichzeitig einen imponierenden Querschnitt durch die Lyrik des 20. Jahrhunderts bietet. Und sie haben heutige Autorinnen und Autoren wie Durs Grünbein, Karin Kiwus, Ulrike Draesner, Bert Papenfuß, Günter Kunert oder Friederike Mayröcker gebeten, eigens für diesen Anlaß ein Gedicht auf Bertolt Brecht zu schreiben. Skizzen des Bildhauers Gustav Seitz (von ihm stammen die schönsten Büsten Brechts) ergänzen den Band.
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Probe
W. H. Auden, Kurt Bartsch, Jürgen Becker, Ruth Berlau, Wolf Biermann, Johannes Bobrowski, Thomas Böhme, Heinrich Böll, Thomas Brasch, Volker Braun, Stefan S. Brecht, Paul Celan, Andy Croft, Heinz Czechowski, Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Jürgen Ebach, Günther Eich, Hanns Eisler, Hans Magnus Enzensberger, Elke Erb, Erich Fried, Walter Helmut Fritz, Günter Bruno Fuchs, Jens Gerlach, Robert Gernhardt, Peter Gosse, Annett Gröschner, Durs Grünbein, Peter Hacks, Hoffmann Richard Hays, Seamus Heaney, Kerstin Hensel, Michael Hofmann, Peter Huchel, Angelika Hurwicz, Heinz Kahlau, Yaak Karsunke, Rainer Kirsch, Karin Kiwus, Uwe Kolbe, Michael Krüger, Günter Kunert, Reiner Kunze, Richard Leising, Derek Mahon, Thomas Martin, Georg Maurer, Friederike Mayröcker, Jamie McKendrick, Steffen Mensching, William Meredith, Karl Mickel, Heiner Müller, Inge Müller, Hans Otto Münsterer, Albert Ostermaier, Bert Papenfuß, Tom Paulin, Richard Pietraß, Martin Pohl, Hans Sahl, Ekkehard Schall, Ernst Schoen, George Tabori, Holger Teschke, Jürgen Theobaldy, Hans Thill, Volker von Törne, B. K. Tragelehn, Kurt Tucholsky, Berthold Viertel, Günther Weisenborn, Wolfgang Weyrauch, Robert Wilson, Michael Wüstefeld, Peter-Paul Zahl, Paul Zech, Arnold Zweig, Gerhard Zwerenz
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Volker Braun
O CHICAGO! O WIDERSPRUCH!
Brecht, ist Ihnen die Zigarre ausgegangen?
Bei den Erdbeben, die wir hervorriefen
In den auf Sand gebauten Staaten.
Der Sozialismus geht, und Johnny Walker kommt.
Ich kann ihn nicht an den Gedanken festhalten
Die ohnehin ausfallen. Die warmen Straßen
Des Oktobers sind die kalten Wege
Der Wirtschaft, Horatio. Ich schiebe den Gum in die Backe
Es ist gekommen, das nicht Nennenswerte.
Mai 1990 |
Annett Gröschner
BLÜHENDE LANDSCHAFTEN
Immer den kopf gesenkt wirst du beschrieben
Auch wenn du täglich empfindliche güter
Auf deinem hut in die welt balanciertest
Dreh dich oder winde dich
Mit deinem spielbein herum in der luft
Das ist wir wollen es nicht verschweigen
Festgezurrt an unserer fahne
Daß dein ausfallschritt des jahrhunderts
Schön auf dem boden der tatsachen bleibt:
Schäbige schatten ziehst du noch immer
Wie eine trümmerfrau fort aus dem schlick
Wozu die anstrengung? was deine mutter
Dir auf den weg gab kannst du vergessen
Was hier gebraucht wird sind ballerinen
Keine matrosin in arbeiterschuhn
1997
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Autorin/Autor
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Karen Leeder
ist Literaturwissenschaftlerin am New College, Oxford.
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Erdmut Wizisla
ist Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs in Berlin. (Foto: Ulrich Wüst).
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Pressestimmen
Im Vorwärts von September 2006 (Auszug)»Es wird sehr viel gesendet, aufgeführt, veranstaltet zu diesem 50. Todestag von Bertolt Brecht. Hoffentlich wird auch sehr viel gelesen. Das sollte vor allem für ein Buch gelten, das bei Transit herausgekommen und einfach ganz wunderbar ist. In seiner Ausdrucksstärke wie in seiner Einfachheit. Karen Leeder und Erdmut Wizisla haben den Mut bewiesen, Brecht weder zu interpretieren noch zu analysieren: Sie haben einen Gedichtband herausgegeben. [...] Ein schöner Band. [...] Apropos Lesen: ›O Chicago! O Widerspruch!‹ ist eine sehr gute Lektüre über den Mann, der maßgeschneidert Arbeiteranzüge trug, im ungeliebten Ost-Berlin lebte, jedoch mit einem Konto in der Schweiz und einem Westpaß.«
»Die Idee ist wunderbar, das Buch eine Versammlung dreier deutsch-deutscher Lyrikergenerationen.
Im Magazin vom Juli/August 2006 (Auszug)
»Die Idee ist wunderbar, das Buch eine Versammlung dreier deutsch-deutscher Lyrikergenerationen. In ›O Chicago! O Widerspruch! Hundert Gedichte auf Brecht‹ vertreten sind einige, die ihm sehr nahe waren, etwa Ruth Berlau und Hanns Eisler, Zeitzeugen wie Arnold Zweig und Kurt Bartsch. Dazu Familienvertreter und die vielen, die sich an seinem Werk immer wieder abgearbeitet haben: Peter Hacks, Inge und Heiner Müller, B.K. Tragelehn, Thomas Brasch, Peter Huchel, Karl Mickel, Wolf Biermann, Volker Braun auf der einen Seite, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Friedericke Mayröcker, Robert Gernhardt auf der anderen. Und dann die Jüngeren, die den Übervater schon aus sehr abgeklärter Distanz betrachten: Durs Grünbein, Elke Erb, Annett Gröschner, Ulrike Draesner, Albert Ostermeier, Bert Papenfuß, Jan Koneffke.«
www.literaturkritik.de, 08.8.2006
Über das Genießen und Verändern
Was heute noch alles unter die Mütze des Herrn B. B. passt Von Moritz Malsch
Wieder ein Brecht-Jahr.Wieder viele Bücher, Hörbücher, Lesungen, Aufführungen über, von, mit und auf Brecht. Doch wie soll man einen ehren, der selbst die kritische Distanz zum Maßstab erhob? Dessen Episches Theater ein einziger Appell war, sich sein Misstrauen gegenüber der Autorität des Gezeigten zu bewahren? Bertolt Brecht wusste selbst, wie süchtig seine Gedichte machen, dass ganze Generationen junger und alter Lyriker an den Stichen seiner Pointen wie an der Fixernadel hängen würden, dass er, mithin, Gefahr lief, im Marx'schen Sinne für Opium erklärt zu werden und im einen oder anderen Teil Deutschlands unter das Betäubungsmittelgesetz zu fallen. De facto war er ja auch ein verbotener Autor in der Bundesrepublik der McCarthy-Ära, bis linke Sozialpädagogik- und Lehramts-Studenten in den 60er Jahren den Marsch durch die Institutionen antraten und schließlich ihre Schüler mit BB quälten, aus Rache, weil ihre eigenen Lehrer sie einst mit JWG, FS oder TF traktiert hatten. Aber das nur nebenbei. Es ist eine alte Geschichte, die Klassikerliebe, doch wem sie just passieret... Erst vor acht Jahren war Brecht-Jahr, und in Berlin wurde seinerzeit alles von Brecht gespielt: Der Lindberghflug, Die Rundköpfe und die Spitzköpfe, sogar das böse Agitationsstück Die Maßnahme schaffte es auf eine große Bühne. Vielleicht deswegen, weil damals schon alles und fast zu viel über Brecht und die Frauen, Brecht und die Zigarren, Brecht und die CIA usw. gesagt wurde, ist es dieses Jahr ein wenig stiller um den anstehenden 50. Todestag - erfreulich wenige Brecht und...-Themen springen uns von den Litfasssäulen ins Auge. Dafür erschien im Transit-Verlag ein sehr schönes und glücklich machendes Buch, das alle geheilten Brecht-Junkies wieder anfixen kann: "O Chicago! O Widerspruch! - Hundert Gedichte auf Brecht". Der Titel ist eine Brücke zu Brechts eigenem 1951 erschienenen Band "Hundert Gedichte". Über das Unter-einen-Hut-Bringen der Gedichte in einer Anthologie ("in diesem Falle unter meine Mütze") schrieb Brecht an den Herausgeber des Bandes Wieland Herzfelde: "Es handelt sich nicht darum, den Dichter 'kennenzulernen', sondern die Welt und jene, mit denen zusammen er sie zu genießen und zu verändern sucht." Und ganz in diesem Sinne geht es in O Chicago! O Widerspruch nicht nur um Weihrauch und Hagiografie, sondern um die Welt, die Brecht uns hinterlassen hat, im engeren Sinne: um den Krater, den sein Einschlag in die Welt verursacht hat. Den Krater, der heute mit blauen und roten Blumen bewachsen ist, ein Garten, durch den mancher Baal wandelt, mancher Möchtegern-Meckie meckert und sich mit großen Geistern über Bäume und anderen Kleister unterhält. Karen Leeder und Erdmut Wizisla haben 100 Gedichte aus 80 Jahren von 73 Autorinnen und Autoren ausgewählt - 14 davon sind neu für diese Sammlung entstanden - und in hinreichend offene und somit gut geeignete Kategorien zusammengefasst (Porträt des B.B.; Lebensreise meines Lehrers; Variationen auf Brechts Verse; Ein Blatt, baumlos; Frei nach B.B.; Brechts Tod; Brecht, deine Nachgeborenen). In den Gedichten ist nicht nur vielfach der Widerhall von Brechts wunderbar pointierter Klarsprache zu hören, sondern diese setzen sich allesamt konkret mit Brecht oder seinen Texten auseinander. Besonders populär: Das Gespräch über Bäume, mal eskapistisch (Rose Ausländer: Wer mag leben / ohne den Trost der Bäume), mal in offener Kritik an Brecht (Günter Eich: Akazien sind soziologisch unerheblich) und mal ökobewegt (Walter Helmut Fritz: Inzwischen ist es fast / Zu einem Verbrechen geworden, / nicht über Bäume zu sprechen). Oft geht es um Brechts (Volker Braun: Wer wohnte unter dem dänischen Strohdach / [...] Hatte er nicht auch eine Köchin dabei / Mari Hold aus Augsburg?) und des Sozialismus' Widersprüchlichkeit (Volker Braun: Fragen eines regierenden Arbeiters: Wie viele von uns / Nur weil sie nichts zu melden hatten / Halten noch immer den Mund versteckt / wie ein Schamteil?) oder um die geografisch real existierende Gegenwart, die Seeräuber-Jenny-Träume verbietet (Elke Erb: Die Elbe ist ein Grenzfluß / [...] und kein Schiff / mit acht Segeln durchkreuzt meinen Traum). Wie könnte es anders sein: Nicht alle Texte sind heute von mehr als historischem Interesse. Die Abschnitte über Brechts Tod und Nachruhm könnten noch gekürzt werden, haftet einigen wenigen Texten doch heute etwas Nierentisch-Patina an. (Wolf Biermann mit seiner schon damals großen Klappe bildet für diese Abschnitte einen positiven Kontrast). Mehr in Brechts Sinne dürfte die abschätzend-anerkennende Haltung von Günter Kunert (Aus schwarzen Wäldern kommend seinerzeit: / Ein Menschenfresser ohne Arg und Harm. / Viel Lust an Frauen. Und Genuß am Streit. / Verläßlich aber, daß es Gott erbarm.) und die kryptisch-dialektische Abseitigkeit von Heiner Müller sein (Wenn die Helle sagt, ich bin die Finsternis / Hat sie die Wahrheit gesagt). Besonders dann, wenn man die deutschen und die von Iain Galbraith etwas pathetisch übersetzten, ursprünglich englischsprachigen Gedichte miteinander vergleicht, merkt man, wie sehr der Tonfall der gesamten deutschen Lyrik von Brecht wie von wenigen anderen geprägt wurde. Da ist zum Beispiel das Lakonische, für das in dieser Sammlung Rainer Kirsch steht (vertreten durch das Gedicht "Jahwe und Keuner"): "Gott lenkt. / h k denkt." lautet der gesamte Text. Zu guter Letzt: Ein kaum salbaderndes Nachwort, das auf wenigen Seiten einen anregenden Durchrausch durchs Buch schafft, Auswahlkriterien plausibel macht, Erfahrungen berichtet, ohne alle Fragen beantworten zu wollen. Und was lernen wir daraus? "Und der Mond von Alabama / war noch lange nachher klar" (Jürgen Theobaldy). Brechts Mütze wird weiter getragen. Ein Buch, in dem Brecht vielfach verehrt, geliebt und auch um ihn geweint, in dem der Schönheit seiner Gedichte gehuldigt wird, und in dem dem Meister und seiner Verführungskunst aber auch häufig ein freundschaftliches Misstrauen entgegenschlägt. Gut gemacht.
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